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Elayne schüttelte den handtuchumwickelten Kopf. »Womit denn Recht? Wovon redest du?«

»Na hiervon.« Aviendha hielt den Dolch hoch. »Ich glaube, wenn man diesen Dolch besitzt, kann einen der Schatten nicht sehen. Weder die Augenlosen noch die Schattenverzerrten, vielleicht sogar nicht einmal der Blattquäler. Aber ich muss mich da irren, wenn du es nicht sehen kannst.«

Sephanie keuchte und hielt mit der Arbeit inne, bis Essande eine leise Zurechtweisung murmelte. Essande war zu alt, um sich durch die bloße Erwähnung des Schattens einschüchtern zu lassen. Oder von den meisten anderen Dingen, was das anging.

Elayne starrte Aviendha an. Sie hatte versucht, sie in der Herstellung von Ter’angrealen zu unterrichten, aber ihre Schwester hatte darin nicht das geringste Geschick. Aber vielleicht hatte sie ja eine andere Fähigkeit, die man vielleicht sogar als Talent bezeichnen konnte. »Komm mit«, sagte sie, nahm Aviendha am Arm und zerrte sie beinahe aus dem Ankleidezimmer. Essande folgte protestierend, während Sephanie sich bemühte, Aviendhas Kleid im Laufen zuzumachen.

In dem größeren der beiden Wohnzimmer loderten ordentliche Feuer in beiden Kaminen, und wenn die Luft vielleicht auch nicht so warm wie im Ankleidezimmer war, war es dennoch angenehm. An dem Tisch mit dem Wellenmuster an seiner Kante und den Stühlen mit der niedrigen Lehne in der Mitte des weiß gefliesten Bodens nahmen sie und Aviendha die meisten ihrer Mahlzeiten ein. An dem einen Ende des Tisches stapelten sich mehrere in Leder gebundene Bücher aus der Hofbibliothek; historische Chroniken über Andor und Geschichtensammlungen. Die Kandelaber sorgten für ein gutes Licht, und hier lasen sie oft abends.

Aber wichtiger war der lange Seitentisch an der dunkel getäfelten Wand. Er war mit Ter’angrealen aus der Kiste voll gestellt, die die Kusinen in Ebou Dar versteckt gehabt hatten, Becher und Schalen, Statuetten und Tonfiguren, Juwelen, alle möglichen Gegenstände. Die meisten sahen ganz normal aus, wenn man vielleicht von dem oft seltsamen Design absah, aber selbst die am zerbrechlichsten wirkenden konnten nicht zerbrochen werden, und einige waren schwerer oder leichter, als sie aussahen. Elayne konnte sie nicht länger auf Erfolg versprechende Weise studieren — da war zwar Mins Versicherung, dass ihre Kinder nicht verletzt werden konnten, aber da ihre Kontrolle der Macht so unberechenbar war, bestand die nicht zu unterschätzende Möglichkeit, dass sie sich selbst schadete —, aber sie wechselte das Sortiment auf dem Tisch jeden Tag aus, holte zufällig ausgesuchte Stücke aus den Körben in dem Tresorraum ihres Gemachs, nur damit sie sie ansehen und darüber nachdenken konnte, was sie vor Beginn ihrer Schwangerschaft über sie herausbekommen hatte. Nicht, dass sie viel herausbekommen hätte — gut, sie hatte gar nichts herausbekommen —, aber sie konnte über sie nachdenken. Man musste sich keine Sorgen machen, dass etwas gestohlen wurde. Reene hatte die meisten Unehrlichen aus der Dienerschaft herausgesiebt, wenn nicht sogar alle, und die allgegenwärtigen Wachen an der Tür sorgten für den Rest.

Die Lippen zu einem missbilligendem Strich verzogen, machte Essande mit Elaynes Knöpfen weiter — man zog sich im Ankleidezimmer an, wie es sich gehörte, und nicht hier draußen, wo jeden Augenblick jemand hereinplatzen konnte. Sephanie mühte sich hektisch und schwer atmend mit Aviendhas Kleid ab, vermutlich mehr durch das Missfallen der alten Frau nervös gemacht als durch alles andere.

»Such dir irgendeines aus und sag mir, was es deiner Meinung nach kann.« Ansehen und darüber nachdenken hatte keinen Erfolg gebracht, und sie hatte es auch nicht erwartet.

Aber wenn Aviendha die Fähigkeiten eines Ter’angreals bestimmen konnte, nur indem sie es in der Hand hielt… Heißer und bitterer Neid schoss in ihr hoch, aber sie drängte ihn zurück und sprang dann vorsichtshalber solange darauf herum, bis er verschwunden war. Sie würde nicht neidisch auf Aviendha sein!

»Ich bin mir nicht sicher, dass ich das kann. Ich habe doch bloß eine Ahnung, dass dieser Dolch eine Art von Abschirmung ist. Und ich muss mich irren, oder du würdest es wissen. Du verstehst mehr von diesen Dingen als alle anderen zusammen.«

Elaynes Wangen röteten sich vor Verlegenheit. »Ich weiß nicht einmal annährend so viel, wie du zu glauben scheinst. Versuch es, Aviendha. Ich habe noch nie davon gehört, dass jemand Ter’angreale… lesen kann, aber wenn du das kannst, und wenn es auch nur ein bisschen ist, begreifst du nicht, wie großartig das wäre?«

Aviendha nickte, doch in ihrem Gesicht blieb der Zweifel bestehen. Zögernd berührte sie einen schmalen schwarzen Stab, einen Schritt lang und so biegsam, dass man ihn zu einem Kreis biegen und er wieder in seine ursprüngliche Form zurückschnellen konnte. Berührte ihn und riss die Hand zurück, wischte sich die Finger unbewusst an ihrem Rock ab.

»Der verursacht Schmerz.«

»Das hat uns Nynaeve gesagt«, erwiderte Elayne ungeduldig, und Aviendha sah sie streng an.

»Nynaeve al’Meara hat nicht gesagt, dass du festlegen kannst, wie viel Schmerz jeder Schlag anrichtet.« Dann überfiel sie wieder die Unsicherheit, und ihre Stimme wurde zögernd.

»Zumindest glaube ich, dass er das kann. Ich glaube, ein Schlag kann sich wie einer oder wie hundert anfühlen. Aber das sind bloß Vermutungen, Elayne. Ich glaube das lediglich.«

»Mach weiter«, sagte Elayne aufmunternd. »Vielleicht finden wir etwas, mit dem wir es beweisen können. Was ist damit?« Sie ergriff eine seltsam geformte Metallkappe. Bedeckt mit seltsamen, rechteckigen Mustern, die von einer besonders feinen Gravur gebildet wurden, war sie viel zu dünn, um als Helm dienen zu können, war aber doppelt so schwer, wie es den Anschein hatte. Das Metall fühlte sich auch ganz schmierig an, nicht nur glatt, als wäre es eingeölt.

Aviendha legte den Dolch zögernd zur Seite und drehte die Kappe in den Händen, bevor sie sie wieder auf dem Tisch ablegte und den Dolch an sich nahm. »Ich glaube, damit kann man eine Art von… Gerät steuern. Eine Maschine.« Sie schüttelte den Kopf, um den noch immer das Handtuch gebunden war. »Aber ich weiß nicht wie oder was für eine Maschine. Siehst du? Ich rate bloß herum.«

Aber Elayne ließ sie nicht aufhören. Aviendha berührte ein Ter’angreal nach dem anderen oder nahm es auch kurz in die Hand, und jedes Mal hatte sie eine Antwort. Zögernd und mit der Warnung, dass es sich nur um eine Vermutung handelte, aber immer eine Antwort. Ein kleines Kästchen, scheinbar aus Elfenbein und mit gewundenen roten und grünen Streifen bedeckt, enthielt Musik, Hunderte Melodien, vielleicht Tausende. Bei einem Ter’angreal war das durchaus möglich. Eine flache weiße Schüssel von einem Schritt Durchmesser diente dazu, Dinge aus weiter Ferne zu beobachten, und eine hohe Vase mit grünen und blauen Schlingpflanzen — blauen Schlingpflanzen! — zog Wasser aus der Luft. Das klang nutzlos, aber Aviendha liebkoste sie beinahe, und nach kurzem Nachdenken erkannte Elayne, dass sie in der Wüste sehr nützlich sein würde. Wenn sie so funktionierte, wie Aviendha glaubte. Und jemand herausfinden konnte, wie man sie zum Funktionieren brachte. Das schwarzweiße Figürchen eines fliegenden Vogels mit ausgebreiteten Schwingen war dazu gemacht, um aus großer Distanz mit Leuten zu sprechen. Genau wie die blaue Frauenfigur, die klein genug war, um in Aviendhas Hand zu passen. Und wie fünf Ohrringe, sechs Fingerringe und drei Armreifen.