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Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ Aviendha Elaynes Hand los und rannte aus dem Zimmer, prallte dabei gegen Naris, die stolperte und beinahe das große, mit einem Tuch bedeckte Tablett hätte fallen lassen, das sie trug. Nach einer schnellen Geste Essandes eilte Sephanie hinter Aviendha her. Beim Anblick der Aiel machte Naris große Augen, aber Essande schalt sie dafür, so lange gebraucht zu haben, und befahl ihr, das Essen aufzutragen. Die junge Zofe gehorchte eilig und murmelte dabei Entschuldigungen.

Auch Elayne wollte hinter Aviendha herrennen, um noch jeden Augenblick mit ihr ihrer Erinnerung einzuprägen, aber Naderes Worte hielten sie davon ab. »Ihr verlasst Caemlyn, Dorindha? Wo zieht ihr hin?« So sehr Elayne die Aiel auch mochte, sie wollte nicht, dass sie im Land umherzogen. So heikel wie die Situation war, waren sie bereits ein Problem, wenn sie ihr Lager verließen, um zu jagen oder zu handeln.

»Wir verlassen Andor, Elayne. In ein paar Stunden werden wir weit jenseits Eurer Grenzen sein. Wohin wir gehen, das müsst Ihr den Car’a’carn fragen.«

Nadere hatte sich zum Tisch begeben, um sich genau anzusehen, was Naris dort herrichtete, und die Zofe fing so an zu zittern, dass sie um ein Haar mehr als nur ein Gericht hätte fallen lassen. »Das sieht gut aus, aber einige der Kräuter erkenne ich nicht«, sagte die Weise Frau. »Hat Eure Hebamme für alles ihr Einverständnis gegeben, Elayne?«

»Ich lasse eine Hebamme kommen, wenn meine Zeit gekommen ist, Nadere. Dorindha, Ihr könnt nicht glauben, dass Rand will, dass man mir Euer Ziel vorenthält. Was hat er gesagt?«

Dorindha zuckte kaum merklich mit den Schultern. »Er hat einen Boten geschickt, einen der Schwarzmäntel, mit einem Brief für Bael. Bael hat ihn mir natürlich gezeigt, aber…« — ihr Tonfall machte deutlich, dass nie in Zweifel gestanden hatte, ob sie den Brief lesen würde oder nicht — »aber der Car’a’carn hat Bael gebeten, es keinem zu sagen, also kann ich Euch es nicht sagen.«

»Keine Hebamme?«, fragte Nadere ungläubig. »Wer sagt Euch, was Ihr essen oder trinken sollt? Wer gibt Euch die richtigen Kräuter? Frau, hört auf, mir diese finsteren Blicke zuzuwerfen. Melaines Launen sind schlimmer, als Eure es je sein könnten, aber sie hat Verstand genug, sich Monaelle um diese Dinge kümmern zu lassen.«

»Jede Frau im Palast kümmert sich darum, was ich esse«, erwiderte Elayne bitter. »Manchmal glaube ich sogar, es ist jede Frau in Caemlyn. Dorindha, könnt Ihr wenigstens…«

»Meine Lady, Euer Essen wird kalt«, sagte Essande leise, aber mit genau der Spur an Autorität, die einer älteren Gefolgsfrau zustand.

Mit zusammengebissenen Zähnen schritt Elayne zu dem Stuhl, hinter dem Essande wartete. Sie stürmte nicht hin, obwohl sie es nur zu gern getan hatte. Sie schritt hoheitsvoll. Essande brachte eine Bürste mit Elfenbeingriff zum Vorschein, entfernte das Handtuch von Elaynes Kopf und fing an, ihr Haar auszubürsten, während sie aß. Sie aß hauptsächlich deshalb, weil es nicht zu tun nur bedeutet hätte, dass man jemandem befehlen würde, eine neue warme Mahlzeit zu holen, denn Essande und ihre eigene Leibwache würden sie möglicherweise so lange hier behalten, bis sie gegessen hatte. Aber abgesehen von einem gedörrten Apfel, der nicht angefault war, war die Mahlzeit auf jeden Fall unappetitlich. Das Brot war knusprig, aber voller Getreidekäfer, und die aufgekochten getrockneten Bohnen waren hart und geschmacklos, da sämtliche eingemachten Bohnen verdorben waren. Der Apfel war in eine Schüssel mit Kräutern geschnitten — große Klette, schwarze Mehlbeere, Schneeballrinde, Löwenzahn — und mit einem Klecks Öl angemacht, und als Fleisch gab es ein Stück Zicklein, das in einer geschmacklosen Brühe gekocht worden war. Soweit sie es sagen konnte, so gut wie salzlos. Sie hätte für ein Stück salziges Rindfleisch töten können! Aber es musste vor Fett nur so triefen! Auf Aviendhas Teller lag aufgeschnittenes Rindfleisch, aber es sah zäh aus. Sie hätte auch Wein haben können. Sie selbst konnte zwischen Wasser und Ziegenmilch wählen. Ihr Verlangen nach Tee war genauso stark wie nach fettem Fleisch, aber selbst bei dem schwächsten Tee musste sie sofort zum Abort rennen, und sie hatte auch so schon genügend Schwierigkeiten. Also aß sie methodisch, mechanisch, versuchte an alles Mögliche zu denken, nur nicht an den Geschmack in ihrem Mund. Bis auf den Apfel, was das anging.

Sie versuchte aus den beiden Aielfrauen Neuigkeiten über Rand herauszupressen, aber anscheinend wussten die noch weniger als sie selbst. Jedenfalls soweit sie es zugeben wollten. Sie konnten den Mund halten, wenn sie wollten. Immerhin wusste sie, dass er irgendwo weit im Südosten war. Vermutlich irgendwo in Tear, obwohl es genauso gut die Ebenen von Maredo oder das Rückgrat der Welt hätte sein können. Darüber hinaus wusste sie, dass er am Leben war. Und das war es auch schon. In der Hoffnung, dass sie unbeabsichtigt etwas verrieten, versuchte sie, das Thema Rand beizubehalten, aber sie hätte genauso gut versuchen können, Ziegelsteine mit den Fingern zu behauen. Dorindha und Nadere verfolgten ihr eigenes Ziel, versuchten sie davon zu überzeugen, sich sofort eine Hebamme zu besorgen. Sie hörten nicht auf, davon zu sprechen, wie sie sich selbst und ihren Nachwuchs in Gefahr brachte, und nicht einmal Mins Vorhersage konnte ihre Meinung ändern.

»Also gut«, sagte sie schließlich und knallte Messer und Gabel hin. »Ich fange noch heute an, mich nach einer umzusehen.« Und wenn sie keine fand, nun, sie würden es nie erfahren.

»Ich habe eine Nichte, die Hebamme ist, meine Lady«, sagte Essande. »Melfane verteilt Kräuter und Salben in einem Laden auf der Kerzenstraße in der Neustadt, und ich glaube, sie kennt sich gut aus.« Sie brachte ein paar letzte Locken an Ort und Stelle und trat mit einem zufriedenen Lächeln zurück. »Ihr erinnert mich so sehr an Eure Mutter, meine Lady.«

Elayne seufzte. Anscheinend würde sie ihre Hebamme bekommen, ob sie wollte oder nicht. Noch jemand, der dafür sorgen würde, dass sie nur ungenießbare Mahlzeiten bekam. Nun, vielleicht konnte die Hebamme eine Medizin gegen diese abendlichen Rückenschmerzen und den empfindlichen Busen empfehlen. Sie dankte dem Licht, dass ihr wenigstens die ständige Übelkeit erspart geblieben war. Frauen, die die Macht lenken konnten, erlitten nie diesen Teil der Schwangerschaft.

Als Aviendha zurückkehrte, trug sie wieder Aieltracht. Das noch immer feuchte Schultertuch war über ihre Arme drapiert, und ein dunkles Tuch um die Schläfen hielt ihr Haar zurück. Auf dem Rücken trug sie ihr Bündel. Im Gegensatz zu der Unzahl Armreifen und Ketten, wie Dorindha und Nadere sie trugen, hatte sie nur eine einzige Silberkette, aufwändig gearbeitete Scheiben in einem komplexen Muster. Außerdem trug sie einen mit geschnitzten Rosen und Dornen verzierten Elfenbeinarmreif. Sie gab Elayne den stumpfen Dolch. »Du musst ihn behalten, dann wirst du sicher sein. Ich werde dich so oft besuchen, wie ich kann.«

»Vielleicht ist Zeit für einen gelegentlichen Besuch«, sagte Nadere streng, »aber du bist in deinen Studien zurückgefallen und musst hart arbeiten, um wieder aufzuholen.« Sie schüttelte nachdenklich den Kopf. »Seltsam, so zwanglos über Besuche aus so großer Ferne zu sprechen. Meilen, Hunderte von Meilen mit einem Schritt zurückzulegen. Wir haben seltsame Dinge in den Feuchtländern gelernt.«

»Komm, Aviendha, wir müssen gehen«, sagte Dorindha.

»Wartet«, rief Elayne. »Bitte wartet, nur einen Moment.« Sie nahm den Dolch und eilte in das Ankleidezimmer. Sephanie hielt darin inne, Aviendhas blaues Kleid aufzuhängen, um einen Knicks zu machen, aber Elayne ignorierte sie und öffnete den geschnitzten Deckel ihres Schmuckkästchens. Auf den Halsketten und Armreifen und Anstecknadeln in ihren Fächern lag eine Brosche in Form einer Schildkröte, die anscheinend aus Bernstein bestand, sowie eine sitzende Frau, die sich in ihr Haar einhüllte und aus uraltem, von der Zeit gedunkeltem Elfenbein geschnitzt war. Beides waren Angreale. Sie legte den Dolch in das Kästchen, nahm die Schildkröte und schnappte sich dann noch den verdrehten Traumring aus Stein. Seit Beginn ihrer Schwangerschaft schien er nutzlos für sie geworden zu sein, und wenn sie es schaffte, Geist zu weben, hatte sie noch immer den Silberring aus geflochtenen Spiralen, den man von Ispan zurückgeholt hatte.