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Sie eilte zurück ins Wohnzimmer und fand Dorindha und Nadere bei einem Streit vor oder zumindest einer hitzigen Diskussion, während Essande so tat, als würde sie nach Staub suchen, und mit dem Finger unter dem Tischrand entlangfuhr. Der Haltung ihres Kopfes nach zu urteilen, lauschte sie allerdings aufmerksam. Naris starrte die Aielfrauen offen an, während sie mechanisch Elaynes Geschirr abräumte.

»Ich habe ihr gesagt, dass sie den Riemen zu spüren bekommt, wenn wir die Abreise verzögern«, sagte Nadere gerade recht temperamentvoll, als Elayne den Raum betrat.

»Es ist sicher nicht gerecht, wenn sie nicht der Grund dafür ist, aber ich habe gesagt, was ich gesagt habe.«

»Ihr werdet tun, was Ihr müsst«, erwiderte Dorindha ruhig, aber mit einer gewissen Anspannung um die Augen, die andeutete, dass das nicht die ersten Worte zu diesem Thema waren. »Vielleicht verzögern wir ja gar nichts. Und vielleicht wird Aviendha den Preis gern bezahlen, um sich von ihrer Schwester zu verabschieden.«

Elayne versuchte erst gar nicht, sich für Aviendha einzusetzen. Es hätte nichts genutzt. Aviendha selbst zeigte einen Gleichmut, der einer Aes Sedai zu Gesicht gestanden hätte; als würde es keine Rolle spielen, ob man sie für den Fehler einer anderen schlagen würde.

»Die sind für dich«, sagte Elayne und drückte ihrer Schwester Brosche und Ring in die Hand. »Ich fürchte, es sind keine Geschenke. Die Weiße Burg wird sie zurückhaben wollen. Aber benutze sie.«

Aviendha sah die Gegenstände an und keuchte auf. »Selbst als Leihgabe sind sie ein großes Geschenk. Du beschämst mich, Schwester. Ich habe kein Abschiedsgeschenk für dich.«

»Du schenkst mir deine Freundschaft. Du hast mir eine Schwester gegeben.« Elayne fühlte, wie ihr eine Träne die Wange hinunterlief. Sie stieß ein Lachen aus, aber es klang schwach und zittrig. »Wie kannst du sagen, du hast nichts, um es mir zu schenken? Du hast mir alles gegeben.«

Auch in Aviendhas Augen schimmerten Tränen. Sie legte die Arme um Elayne, auch wenn die anderen zusahen, und umarmte sie fest. »Ich werde dich vermissen, Schwester«, flüsterte sie. »Mein Herz ist so kalt wie die Nacht.«

»Meines auch, Schwester«, flüsterte Elayne und erwiderte die Umarmung genauso fest. »Ich werde dich auch vermissen. Aber sie werden dir erlauben, mich hin und wieder zu besuchen. Das hier ist nicht für ewig.«

»Nein, nicht für ewig. Aber ich werde dich trotzdem vermissen.«

Als Nächstes hätten sie vermutlich angefangen zu weinen, aber Dorindha legte ihnen die Hände auf die Schultern.

»Aviendha, es ist Zeit. Wir müssen aufbrechen, wenn du hoffen willst, dem Riemen zu entgehen.«

Aviendha nahm mit einem Seufzen die Schultern zurück und rieb sich die Augen. »Mögest du immer Wasser und Schatten finden, Schwester.«

»Mögest du immer Wasser und Schatten finden, Schwester«, erwiderte Elayne. Der Aiel-Gruß hatte so etwas Endgültiges, also fügte sie hinzu: »Bis ich dich wiedersehe.«

Und dann waren sie ganz schnell weg. Und genauso schnell fühlte sie sich sehr allein. Aviendhas Gegenwart war eine Selbstverständlichkeit geworden, eine Schwester, mit der man sich unterhalten, lachen, Hoffnungen und Ängste teilen konnte, aber diesen Trost gab es nun nicht länger.

Essande war aus dem Zimmer geschlüpft, während sie und Aviendha sich umarmt hatten, und jetzt kehrte sie zurück und setzte ihr den Reif der Tochter-Erbin auf, einen einfachen Goldreif mit einer einzigen goldenen Rose an der Stirn. »Damit diese Söldner nicht vergessen, mit wem sie sprechen, meine Lady.«

Elayne war sich gar nicht bewusst, dass sie die Schultern hatte hängen lassen, bis sie sie nach hinten nahm. Ihre Schwester war weg, aber sie musste eine Stadt verteidigen und einen Thron erringen. Jetzt würde die Pflicht ihr Kraft geben müssen.

16

Ein neuer Anhänger

Das Blaue Audienzgemach hatte seinen Namen von seiner Kuppeldecke mit dem aufgemalten Himmel und den weißen Wolken sowie dem blauen Boden, und es war der kleinste Audienzraum im Palast, kaum mehr als zehn Quadratschritt groß. Die Bogenfenster an der einen Wand blickten auf einen Hof hinaus und sorgten trotz des draußen fallenden Regens für genug Licht, aber trotz der beiden großen Marmorkamine, den Simsen mit Gipslöwen und den zwei die Tür flankierdenden Wandbehängen mit dem Weißen Löwen hätte es eine Delegation von Caemlyns Kaufleuten entrüstet, im Blauen Gemach empfangen zu werden, und eine Delegation Bankiers wäre sogar außer sich vor Wut gewesen. Vermutlich hatte Frau Harfor die Söldner aus genau diesem Grund dort untergebracht, obwohl sie nicht wissen würden, dass man sie gerade beleidigte. Sie war selbst anwesend und »überwachte« die beiden jungen Dienerinnen in Livree, die die Weinbecher aus hohen Silberkannen auf einem Tablett auf einer schmucklosen Anrichte immer wieder nachfüllten, aber sie drückte die verzierte Ledermappe mit ihren Berichten an den Busen, als würde sie davon ausgehen, dass man sich der Söldner schnell entledigen würde.

Halwin Norry, dessen Strähnen weißen, hinter den Ohren abstehenden Haares wie immer ein paar Federn glichen, stand in einer Ecke, ebenfalls seine Ledermappe an die dürre Brust gedrückt. Ihre Berichte waren ein fester Bestandteil des Tages, und in letzter Zeit konnten nur wenige von ihnen das Herz erfreuen. Ganz im Gegenteil.

Von den beiden Gardistinnen vorgewarnt, die den Raum vor ihrem Eintreten überprüft hatten, stand jeder auf den Füßen, als Elayne begleitet von zwei weiteren Leibwächterinnen durch die Tür trat. Deni Colford, die den Befehl über die Abteilung der Gardistinnen hatte, die Devore und ihre Frauen abgelöst hatten, hatte einfach Elaynes Befehl ignoriert, mit den anderen draußen auf sie zu warten. Sie hatten sie ignoriert! Sicher boten sie ein beeindruckendes Schauspiel, wie sie so stolz hineinmarschierten, aber sie konnte nicht verhindern, mit den Zähnen zu knirschen.

Careane und Sareitha, ganz formell mit ihren befransten Stolen, neigten respektvoll leicht die Knöpfe, aber Mellar riss sich den federgeschmückten Hut zu einer geschmeidigen Verbeugung herunter, die eine Hand auf die spitzengesäumte Schärpe quer über seinem auf Hochglanz polierten Harnisch gelegt. Die sechs goldenen Knoten, die auf den Harnisch gelötet waren, drei auf jeder Schulter, ärgerten sie, aber im Augenblick musste sie sie akzeptieren. Sein scharfkantiges Gesicht schenkte ihr ein Lächeln, das viel zu warmherzig war, aber so kalt sie sich ihm gegenüber auch verhielt, er glaubte noch immer, bei ihr Chancen zu haben, nur weil sie che Gerüchte nicht aus der Welt geschafft hatte, sie würde seine Kinder austragen. Der ursprüngliche Grund, warum sie diese schmutzige Geschichte geduldet hatte, bestand nicht mehr — sie musste ihre Kinder, Rands Kinder, nicht länger auf diese Weise beschützen —, und doch ließ sie sie weiter im Umlauf. Man musste dem Mann nur Zeit geben, und er würde sich seine eigene Henkersschlinge knüpfen. Und wenn nicht, dann würde sie sie für ihn knüpfen.

Die Söldner, die alle in ihren mittleren Jahren waren, folgten Mellars Beispiel nur einen Herzschlag später, aber ihre Ehrerbietungen waren nicht ganz so aufwändig. Evard Cordwyn war ein hochgewachsener Andoraner mit einem kantigen Kinn, der einen großen Rubin am linken Ohr trug. Aldred Gomaisen war klein und schlank; der Vorderteil seines Kopfes war rasiert, und die horizontalen roten und grünen und blauen Streifen, die die Hälfte seiner Brust bedeckten, schienen weitaus mehr zu sein, als ihm vermutlich in seinem heimatlichen Cairhien zustand. Hafeen Bakuvun bekam langsam graue Haare und wies einen dicken Goldring im linken Ohr auf und hatte an jedem Finger einen Edelsteinring. Der Domani war sehr stämmig, aber die Art, wie er sich bewegte, kündete von harten Muskeln unter all dem Fett.