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Meister Norry und Frau Harfor wechselten Blicke, was die Sache nur noch schlimmer machte. Er befummelte mit einem bedauernden Seufzer seine Mappe. Der Mann genoss es, seine Zahlen herunterzuleiern, selbst wenn sie verheerend waren. Immerhin waren sie nicht länger bockig, weil sie ihre Berichte in der Gegenwart des anderen abgeben mussten. Jedenfalls nicht sehr. Ihre Bereiche eifersüchtig behütend, passten sie misstrauisch darauf auf, dass der andere sich nicht zu weit vorwagte, und waren schnell bereit, sich zu beklagen, wenn eine imaginäre Grenze überschritten worden war. Aber sie schafften es, den Palast und die Stadt effizient und ohne allzu viele blutige Nasen zu verwalten.

»Sind wir unter uns, meine Lady?«, fragte Reene.

Elayne holte tief Luft und führte Novizinnenübungen durch, die nicht die geringste beruhigende Wirkung zu haben schienen, dann versuchte sie die Quelle zu umarmen. Zu ihrer Überraschung kam Saidar mühelos zu ihr und erfüllte sie mit der Süße des Lebens und Freude. Und es glättete auch ihre Stimmungen. So war es immer. Wut oder Trauer oder auch nur die Schwangerschaft mochten einen störenden Einfluss auf die Umarmung der Macht haben, aber sobald sie davon erfüllt war, hörten die Stimmungsschwankungen sofort auf. Energisch verwob sie Feuer und Luft, und Spuren von Wasser, aber als sie fertig war, ließ sie die Quelle nicht los. Das Gefühl, von der Macht erfüllt zu werden, war wunderbar, wenn auch nicht ganz so wunderbar wie das Wissen, dass sie nicht mehr grundlos in Tränen ausbrechen oder im nächsten Moment aus dem nichtigsten Anlass losbrüllen würde. Immerhin war sie nicht so dumm, zu viel in sich aufzunehmen.

»Wir sind unter uns«, sagte sie. Saidar berührte ihre Abschirmung und war wieder verschwunden. Jemand hatte zu lauschen versucht, und das nicht zum ersten Mal. Bei so vielen Frauen im Palast, die die Macht lenken konnten, wäre es überraschend gewesen, wenn niemand zu schnüffeln versucht hätte, aber sie wünschte sich, herausfinden zu können, wer diese Versuche unternahm. So wagte sie es kaum, ohne Abschirmung etwas Wichtiges zu sagen.

»Dann habe ich eine kleine gute Neuigkeit«, sagte Frau Harfor, rückte ihre Mappe zurecht, schlug sie jedoch nicht auf. »Von Jon Skellit.« Der Barbier war sehr gewissenhaft darin gewesen, seine vorher von Reene abgesegneten Berichte zu Arymilla zu bringen und alles zu melden, was er in dem Lager vor der Stadt in Erfahrung bringen konnte. Er stand in den Diensten von Naean Arawn, aber Naean, die Arymillas Anspruch unterstützte, hatte sicherlich Einsicht in seine Berichte an Arymilla. Unglücklicherweise waren seine Informationen bis jetzt von keinem großen Nutzen gewesen. »Er sagt, dass Arymilla und die Anführer der Häuser der ersten Gruppe angehören wollen, die Caemlyn betritt. Anscheinend prahlt sie ständig damit.«

Elayne seufzte. Arymilla und die anderen blieben zusammen, bewegten sich soweit sie erkennen konnte völlig willkürlich von einem Lager zum anderen, und eine Zeit lang hatte man viel Mühe darauf verwendet, vorher in Erfahrung zu bringen, wo sie sich aufhalten würden. Dann wäre es eine einfache Sache gewesen, Soldaten durch ein Wegetor zu schicken, sie alle auf einen Schlag zu ergreifen und die Opposition auszuschalten. Jedenfalls so einfach, wie das bei solchen Unternehmungen möglich war. Selbst unter den günstigsten Umständen würde es vermutlich Tote geben, würden einige der Hohen Herren und Hohen Herrinnen vermutlich entkommen, aber auch wenn man nur Arymilla erwischte, wäre das das Ende gewesen. Elenia und Naean hatten ihre Ansprüche öffentlich zurückgezogen, was sich nun nicht mehr zurücknehmen ließ. Sollten die beiden in Freiheit bleiben, konnten sie Arymilla weiter unterstützen — sie hatten sich eng an sie gebunden —, aber mit Arymilla in ihrem Gewahrsam hätte sich Elayne nur darum bemühen müssen, die Unterstützung von mindestens vier weiteren der Großen Häuser zu bekommen.

Aber als wäre das so einfach gewesen. Bislang waren alle Bemühungen in dieser Richtung gescheitert. Doch vielleicht würde es ja heute noch gute Neuigkeiten geben, was das anging. Skellits Nachricht jedoch war nutzlos. Wenn Arymilla und die anderen Caemlyn betraten, würde das bedeuten, dass die Stadt vorher gefallen war. Und schlimmer noch, wenn Arymilla damit prahlte, musste sie davon überzeugt sein, dass das bald geschah. Die Frau war in vielerlei Hinsicht eine Närrin, aber es wäre ein Fehler, sie völlig zu unterschätzen. Sie hätte es mit ihrem Anspruch nicht so weit gebracht, wäre sie völlig unfähig gewesen.

»Das ist Eure gute Nachricht?«, sagte Birgitte. Auch sie erkannte den tieferen Sinn. »Eine Andeutung, wann es so weit ist, wäre hilfreich.«

Reene breitete die Hände aus. »Arymilla gab Skellit einst mit eigener Hand eine Goldkrone, meine Lady. Er gab sie mir als Beweis, dass er sich geändert hat.« Kurz presste sie die Lippen zusammen; Skellit war dem Galgen entgangen, aber Vertrauen würde er nie wieder zurückgewinnen können. »Das war das einzige Mal, dass der Mann zehn Schritte in ihrer Nähe war. Er muss sich mit dem zufrieden geben, was er von anderen aufschnappen kann.« Sie zögerte. »Er hat große Angst, meine Lady. Die Männer in diesen Lagern sind davon überzeugt, die Stadt in wenigen Tagen erobert zu haben.«

»Angst genug, um die Seite ein drittes Mal zu wechseln?«, fragte Elayne leise. Zu der anderen Sache gab es nichts mehr zu sagen.

»Nein, meine Lady. Sollten Naean oder Arymilla erfahren, was er getan hat, ist er ein toter Mann. Und das weiß er auch. Aber er hat Angst, dass sie es erfahren werden, sollte die Stadt fallen. Ich glaube, er wird sich bald aus dem Staub machen.«

Elayne nickte grimmig. Söldner waren nicht die einzigen Ratten, die vor Feuer flüchteten. »Habt Ihr irgendwelche guten Neuigkeiten, Meister Norry?«

Der Erste Schreiber hatte ganz ruhig dagestanden, an seiner Ledermappe herumgefummelt und sich den Anschein gegeben, als würde er Reene nicht zuhören. »Ich glaube, ich kann Frau Harfor überbieten, meine Lady.« In seinem Lächeln hatte ein Hauch von Triumph gelegen; es war schwer zu sagen. In letzter Zeit hatte er selten etwas Besseres als sie zu berichten gehabt. »Ich habe einen Mann, von dem ich glaube, dass er Mellar erfolgreich verfolgen kann. Darf ich ihn reinbringen lassen?«

Nun, das war eine ausgezeichnete Neuigkeit! Fünf Männer waren bei dem Versuch gestorben, Doilin Mellar bei seinen nächtlichen Ausflügen in die Stadt zu folgen, und der »Zufall« war kaum noch glaubwürdig. Beim ersten Mal hatte es den Anschein gehabt, dass der Verfolger einem Straßenräuber in die Quere gekommen war, und Elayne hatte sich nichts dabei gedacht und für die Witwe des Mannes eine Pension verfügt. Die Garde hatte das Verbrechen gewissermaßen unter Kontrolle gebracht — abgesehen von den Brandstiftungen —, aber Räuber benutzten die Dunkelheit als Schutz, um sich darin zu verbergen. Bei den anderen vier schien das Gleiche geschehen zu sein; sie waren mit einem Stich getötet worden und man hatte ihre Geldbeutel geleert, aber so gefährlich die Straßen nachts auch sein mochten, so ein Zufall schien kaum möglich.

Als sie nickte, eilte der dürre alte Mann zur Tür und öffnete einen Flügel, um den Kopf herauszustrecken. Sie konnte nicht hören, was er sagte — die Abschirmung verhinderte das —, aber ein paar Minuten später trat ein stämmiger Gardist ein und stieß einen schlurfenden Mann mit Eisen um Hand- und Fußgelenke vor sich her. Alles an dem Gefangenen schien… durchschnittlich. Er war weder dick noch dünn, nicht groß und nicht klein. Sein Haar war braun, seine Augen auch. Sein Gesicht war so gewöhnlich, dass sie bezweifelte, es beschreiben zu können. Nichts war markant. Seine Kleidung war genauso unauffällig, ein einfacher brauner Mantel und Hosen, die beide nicht aus dem besten Tuch, aber auch nicht aus dem schlechtesten gemacht waren, etwas zerknittert und hier und da leicht verschmutzt, ein leicht verzierter Gürtel mit einer schlichten Metallschnalle, die in Caemlyn zehntausend Zwillinge haben mochte. Kurz und gut, nichts an ihm war bemerkenswert. Birgitte bedeutete dem Gardisten, den Kerl ein Stück vor den Stühlen stehen zu lassen, und befahl ihm, draußen zu warten.