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»Ein verlässlicher Mann«, sagte Norry und sah dem Gardisten hinterher. »Afrim Hansard. Er hat Eurer Mutter treu gedient und weiß, wie man den Mund hält.«

»Ketten?«, fragte Elayne.

»Das ist Samwil Hark, meine Lady«, sagte Norry und betrachtete den Mann mit einer Art Neugier, die er möglicherweise einem unbekannten und seltsam geformten Tier entgegengebracht hätte. »Ein erstaunlich erfolgreicher Beutelschneider. Die Garde hat ihn nur gefangen, weil ein anderer Schurke… äh, ›ihn der Katze ausgeliefert hat‹, wie man auf der Straße so sagt, in der Hoffnung, sein eigenes Urteil wegen eines dritten gewalttätigen Raubüberfalls mildern zu können.« Daran würde jeder Dieb Interesse haben. Nicht nur dauerte das Auspeitschen länger, das auf die Stirn eingebrannte Diebesmal wäre viel schwieriger zu verbergen gewesen als das Zeichen auf dem Daumen bei der zweiten Verurteilung. »Jeder, der einer Gefangennahme so lange entwischt ist wie Meister Hark hier, sollte die Aufgabe erledigen können, die ich für ihn im Sinn habe.«

»Ich bin unschuldig, das bin ich, meine Lady.« Hark legte die Hand an die Stirn, die Eisenglieder seiner miteinander verbundenen Ketten klirrten. Er zeigte ein einschmeichelndes Lächeln. Er sprach sehr schnell. »Das sind alles Lügen und Zufälle, jawohl. Ich bin ein guter Anhänger der Königin, das bin ich. Ich trug die Farben Eurer Mutter bei den Aufständen, meine Lady. Nicht dass ich an Tumulten teilgenommen hätte, müsst Ihr wissen. Ich bin Schreiber, wenn ich Arbeit habe, was im Moment nicht der Fall ist. Aber ich trug ihre Farben an der Mütze, damit alle sie sehen konnten, jawohl.« Der Bund übertrug Birgittes Unglauben.

»Meister Harks Räume enthielten Truhen voller sauber aufgeschnittener Geldbeutel«, fuhr der Erste Schreiber fort.

»Tausende, meine Lady. Buchstäblich Tausende. Ich schätze, er bedauert es nun, äh .. . Trophäen behalten zu haben. Die meisten Beutelschneider haben genug Verstand, den Geldbeutel so schnell wie möglich wieder loszuwerden.«

»Ich hebe sie auf, wenn ich einen finde, das tue ich, meine Lady.« Hark breitete die Hände aus, so weit es die Eisen erlaubten, und zuckte mit den Schultern, die personifizierte verletzte Unschuld. »Vielleicht war das dumm, aber ich habe darin keinen Schaden gesehen. Nur ein harmloses Vergnügen, meine Lady.«

Frau Harfor schnaubte laut, ihr war ihre Missbilligung deutlich anzusehen. Hark schaffte es, noch verletzter auszusehen.

»In seinen Zimmern fand man außerdem Münzen im Wert von über einhundertzwanzig Goldkronen, die unter den Bodendielen, in Wandlöchern, in den Tragebalken und überall sonst versteckt waren. Seine Erklärung dafür« — Norry hob die Stimme, als Hark wieder den Mund öffnete — »lautet, dass er Bankiers misstraut. Er behauptet, das Geld sei eine Erbschaft von einer alten Tante aus Vier Königen. Ich persönlich habe jedoch meine Zweifel, dass die Magistrate in Vier Königen eine derartige Erbschaft registriert haben. Der Magistrat, der seinen Fall bearbeitet hat, sagte, es schien ihn überrascht zu haben, dass Erbmassen registriert werden.« Tatsächlich verblich Harks Lächeln etwas, als er daran erinnert wurde. »Er behauptet, für einen Kaufmann namens Wilbin Saems gearbeitet zu haben, bis vor Saems Tod vor vier Monaten, aber Meister Saems Tochter führt das Geschäft weiter, und weder sie noch die anderen Schreiber können sich an einen Samwil Hark erinnern.«

»Sie hassen mich, jawohl, meine Lady«, sagte Hark mürrisch. Er umklammerte die Kette. »Ich hatte Beweise gesammelt, wie sie den guten Meister bestahlen — seine eigene Tochter, stellt Euch das nur vor! —, aber er starb, bevor ich sie ihm übergeben konnte, und man warf mich ohne Zeugnis oder auch einen Pfennig hinaus, jawohl. Sie haben verbrannt, was ich gesammelt habe, verprügelten mich und warfen mich hinaus.«

Elayne tippte sich nachdenklich ans Kinn. »Ein Schreiber, sagt Ihr. Die meisten Schreiber drücken sich gewandter aus als Ihr, Meister Hark, aber ich gebe Euch die Chance, Eure Behauptung zu beweisen. Meister Norry würdet Ihr einen Schoßtisch holen lassen?«

Norry lächelte schmal. Wie schaffte es der Mann, ein Lächeln so trocken erscheinen zu lassen. »Das ist unnötig, meine Lady Der zuständige Magistrat hatte die gleiche Idee.« Zum allerersten Mal zog er in ihrer Gegenwart ein Blatt Papier aus der an seine Brust gedrückten Mappe. Eigentlich hätten Fanfaren ertönen müssen! Harks Lächeln erlosch vollständig, als er zusah, wie das Blatt von Norrys Hand in die ihre überwechselte.

Sie brauchte nur einen Blick. Ein paar schiefe Reihen bedeckten kaum die Hälfte der Seite, die Buchstaben waren krakelig und unbeholfen. Kaum mehr als ein halbes Dutzend Worte waren überhaupt lesbar, und die auch nur mit Mühe.

»Kaum die Schrift eines Schreibers«, murmelte sie. Sie gab Norry das Blatt zurück und versuchte ein strenges Gesicht zu machen. Sie hatte miterlebt, wie ihre Mutter Urteile verhängt hatte. Morgase hatte es geschafft, unerbittlich auszusehen.

»Ich fürchte, Meister Hark, Ihr werdet in einer Zelle sitzen müssen, bis man die Magistrate in Vier Könige befragt hat, und kurz darauf werdet Ihr hängen.« Harks Lippen zuckten, er legte die Hand an den Hals, als könnte er das Seil schon spüren. »Es sei denn, natürlich, Ihr erklärt Euch damit einverstanden, einen Mann für mich zu verfolgen. Einen gefährlichen Mann, dem es nicht gefällt, verfolgt zu werden. Wenn Ihr mir sagen könnt, wo er nachts hingeht, werdet Ihr nicht gehängt, sondern nach Baerlon verbannt. Wo Ihr gut beraten wärt, eine andere Tätigkeit zu finden. Der Gouverneur wird über Euch informiert werden.«

Plötzlich war Harks Lächeln wieder da. »Natürlich, meine Lady. Ich bin unschuldig, aber ich kann verstehen, dass die Dinge nicht zu meinem Vorteil erscheinen, jawohl. Ich folge jedem Mann, den Ihr wollt. Ich war der Anhänger Eurer Mutter, das war ich, und ich bin auch Eurer Mann, jawohl. Loyal, das bin ich, meine Lady, loyal, auch wenn ich dafür leiden muss.«

Birgitte schnaubte verächtlich.

»Kümmere dich darum, dass Meister Hark Mellars Gesicht zu sehen bekommt, ohne dass er es bemerkt, Birgitte.« Der Mann war unauffällig, aber es machte keinen Sinn, Risiken einzugehen. »Dann lass ihn frei.« Hark schien bereit, auf der Stelle zu tanzen, ob ihn die Eisen nun behinderten oder nicht.

»Aber zuerst… Seht Ihr das, Meister Hark?« Sie hob die rechte Hand, sodass er ihren Großen Schlangenring nicht übersehen konnte. »Ihr habt vielleicht gehört, dass ich eine Aes Sedai bin.« Die Macht erfüllte sie bereits; es war eine einfache Sache, Geist zu verweben. »Es ist die Wahrheit.« Das Gewebe, das sie auf Harks Gürtelschnalle, seine Stiefel, seinen Mantel und seine Hosen legte, glich dem Behüterbund, war allerdings viel einfacher. Es würde sich in dem Stoff seiner Kleidung in wenigen Wochen auflösen, bestenfalls nach ein paar Monaten, aber Metall würde das Findegewebe ewig halten. »Ich habe Euch mit einem Gewebe versehen, Meister Hark. Nun kann man Euch finden, ganz egal, wo immer Ihr Euch auch aufhaltet.« In Wahrheit konnte nur sie ihn finden — ein Findegewebe war auf die Person beschränkt, die es gewebt hatte —, aber es gab keinen Grund, ihm das zu sagen. »Nur um sicher zu sein, dass Ihr tatsächlich loyal seid.«

Harks Lächeln schien gefroren zu sein. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. Als Birgitte zur Tür ging und Hansard hereinrief, um ihm die Anweisung zu geben, Hark wegzubringen und ihn vor neugierigen Blicken zu schützen, taumelte er und wäre gefallen, hätte der kräftige Gardist ihn nicht auf dem Weg nach draußen gestützt.