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»Ich fürchte, ich habe Mellar ein sechstes Opfer besorgt«, murmelte Elayne. »Er scheint kaum fähig zu sein, seinem eigenen Schatten zu folgen, ohne über seine Stiefel zu stolpern.« Es war weniger Harks Tod, den sie bedauerte. Der Mann wäre auf jeden Fall gehängt worden. »Ich will den, der diesen verdammten Mann in meinen Palast gebracht hat. Ich will sie so sehr, dass es wehtut!« Im Palast wimmelte es vor Spionen — abgesehen von Skellit hatte Reene ein Dutzend entdeckt, allerdings glaubte sie, alle aufgespürt zu haben —, aber ob Mellar sie nun ausspionieren oder ihre Entführung organisieren sollte, er war schlimmer als die anderen. Er hatte dafür gesorgt, dass Männer den Tod fanden oder sie selbst getötet, um seine Stellung zu erringen. Dass diese Männer geglaubt hatten, sie sollten sie töten, machte keinen Unterschied. Mord war Mord.

»Vertraut mir, meine Lady«, sagte Norry und legte einen Finger an die lange Nase. »Beutelschneider sind… äh… von Natur aus verstohlen, aber sie haben nur selten eine lange Karriere. Früher oder später schneiden sie einen Geldbeutel von jemandem auf, der flinker ist als sie selbst, jemand, der nicht die Garde ruft.« Er machte eine schnelle Geste, als würde er jemanden stechen. »Hark macht das mindestens seit zwanzig Jahren. Ein paar der Geldbeutel in seiner… äh… Sammlung waren mit Dankesgebeten für das Ende des Aielkrieges bestickt. Und wenn ich mich recht erinnere, sind die sehr schnell aus der Mode gekommen.«

Birgitte setzte sich auf die Lehne des benachbarten Stuhls und verschränkte die Arme unter der Brust. »Ich könnte Mellar festnehmen«, sagte sie leise, »und ihn der Befragung unterwerfen. Dann brauchst du Hark nicht.«

»Ein schlechter Witz, meine Lady, wenn ich das bemerken darf«, sagte Frau Harfor steif, während Meister Norry im gleichen Atemzug sagte: »Das würde… äh… gegen das Gesetz verstoßen, meine Lady.«

Birgitte sprang auf die Füße, Zorn strömte durch den Bund. »Blut und verdammte Asche! Wir wissen, dass der Mann so verdorben ist wie der Fisch vom letzten Monat!«

»Nein.« Elayne seufzte und bemühte sich, nicht ebenfalls so wütend zu sein. »Wir haben einen Verdacht, keinen Beweis. Diese fünf Männer könnten das Opfer von Straßenräubern sein. Das Gesetz legt sehr genau fest, wann jemand der Befragung unterworfen werden darf, und Verdächtigungen reichen nicht als Beweis aus. Man braucht handfeste Beweise. Meine Mutter hat oft gesagt: ›Die Königin muss dem Gesetz gehorchen, das sie erlassen hat, oder es gibt kein Gesetze Ich werde nicht damit anfangen, das Gesetz zu brechen.« Der Bund übertrug etwas… Sturheit. Sie fixierte Birgitte mit einem festen Blick. »Und du auch nicht. Hast du mich verstanden, Birgitte Trahelion? Du auch nicht.«

Zu ihrer Überraschung dauerte die Sturheit nur wenige Augenblicke, bevor sie langsam durch Reue ersetzt wurde.

»Es war ja nur ein Vorschlag«, murmelte Birgitte wenig überzeugend.

Elayne fragte sich, wie sie das geschafft hatte und wie ihr das wieder gelingen konnte — manchmal schien Birgitte ihre Zweifel zu haben, wer von ihnen hier das Sagen hatte —, da schlüpfte Deni Colford in den Raum und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Eine lange, mit Bronzenägeln beschlagene Keule bot ein Gegengewicht zu dem Schwert an der Taille der schwergewichtigen Frau und wirkte fehl am Platz. Deni wurde besser mit dem Schwert, zog aber noch immer die Keule vor, die sie dazu benutzt hatte, um in einer Kutscherschenke für Ordnung zu sorgen.

»Ein Diener hat gemeldet, dass die Lady Dyelin eingetroffen ist, meine Lady, und Euch zur Verfügung steht, sobald sie sich frisch gemacht hat.«

»Richtet der Lady Dyelin aus, dass sie mich im Kartenzimmer treffen soll.« Elayne verspürte eine Woge der Hoffnung. Endlich würde sie gute Nachrichten zu hören bekommen. Vielleicht.

17

Der Bronzebär

Elayne verließ Frau Harfor und Meister Norry und machte sich ungeduldig auf den Weg zum Kartenzimmer; sie hielt Saidar noch immer fest. Ungeduldig, aber keinesfalls eilig. Deni und drei Gardistinnen gingen ihr voraus, ständig nach Bedrohungen Ausschau haltend, und die anderen vier stapften hinter ihr her. Sie bezweifelte, dass Dyelin lange zum Frischmachen brauchen würde, ob sie nun gute oder schlechte Nachrichten brachte. Mochte das Licht geben, dass es gute waren. Birgitte ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen sowie einem Stirnrunzeln daher und schien in Schweigen versunken zu sein, allerdings betrachtete sie jede Korridorkreuzung, als würde sie aus dieser Richtung einen Angriff erwarten. Der Bund übertrug noch immer Sorge. Und Müdigkeit. Ein Gähnen ließ Elaynes Kiefer knacken, bevor sie es verhindern konnte.

Es war nicht nur der Widerwille, Gerüchte in die Welt zu setzen, der für Elaynes gemächlichen Schritt sorgte. Jetzt hielten sich nicht nur Diener in den Gängen auf. Die Höflichkeit hatte es verlangt, den Adligen, die es geschafft hatten, sich mit ihren Waffenmännern bis zur Stadt durchzuschlagen — die Bezeichnung Waffenmänner war dabei großzügig auszulegen; ein paar waren gut ausgebildet und trugen jeden Tag ein Schwert, andere hatten bloß ihre Pflüge geschoben, bevor man sie aufgefordert hatte, ihren Herren oder Herrinnen zu folgen —, Gemächer im Palast zur Verfügung zu stellen, und eine große Anzahl hatte angenommen. Hauptsächlich jene, die in Caemlyn keine Unterkunft besaßen oder das Geld beisammen halten wollten, wie sie vermutete. Bauern und Tagelöhner glaubten zwar immer, dass alle Adlige reich waren, und mit Sicherheit waren es die meisten auch, aber auch nur verglichen mit ihnen. Die Ausgaben, die ihre Position und ihre Pflichten erforderten, ließen viele ihre Münzen so sorgfältig wie jede Bauersfrau zählen. Elayne hatte keine Ahnung, was sie mit den letzten Neuankömmlingen machen sollte. Adlige schliefen bereits zu dritt oder viert in einem Bett, wo die Betten groß genug waren; abgesehen von den schmälsten konnte jedes von ihnen zumindest zwei Schläfer aufnehmen und tat es auch. Viele Kusinen mussten in den Dienerunterkünften auf Pritschen schlafen, und man konnte nur dem Licht danken, dass der Frühling das möglich gemacht hatte.

Es hatte den Anschein, als würden sämtliche ihrer adligen Gäste einen Spaziergang machen, und wenn sie sie grüßten, musste sie stehen bleiben und zumindest ein paar Worte wechseln. Sergase Gilbearn, klein und schlank in ihrem grünen Reitgewand, die ihre ganzen zwanzig Waffenmänner in ihren Diensten mitgebracht hatte, und der zähe alte Kelwin Janevor in seinem diskret gestopften blauen Wollmantel, der mit zehn gekommen war, wurden genauso freundlich behandelt wie der dürre Barel Layden und die stämmige Anthelle Sharplyn, obwohl sie ein Hoher Herr und eine Hohe Herrin waren, wenn auch von unbedeutenden Häusern. Sie alle waren zu ihrer Unterstützung geritten gekommen mit dem, was sie zusammenkratzen konnten, und keiner war umgekehrt, nachdem man ihm die Lage erklärt hatte. Aber vielen war ihr Unbehagen anzusehen.

Niemand äußerte sich dazu — sie alle hatten nur gute Wünsche und hofften auf eine schnelle Krönung und wie geehrt sie waren, ihr folgen zu können —, aber die Sorge stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Arilinde Branstorm, die normalerweise so überschwänglich war, dass man glauben konnte, ihre fünfzig Waffenmänner würden allein das Ruder zu Elaynes Gunsten herumreißen, war nicht die einzige Frau, die auf der Unterlippe herumkaute, und Laerid Traehand, stämmig und zurückhaltend und für gewöhnlich so phlegmatisch wie ein Stein, war nicht der einzige Mann mit gefurchter Stirn. Selbst die Neuigkeiten über Guybon und der von ihm gebrachten Hilfe rief nur flüchtiges Lächeln hervor, das schnell von neuem Unbehagen verdrängt wurde.

»Glaubst du, die haben von Arymillas Zuversicht gehört?«, fragte sie in einer der kurzen Pausen, in denen sie keine Verbeugungen oder Knickse erwiderte. »Nein, das würde nicht reichen, um Arilinde oder Laerid zu beunruhigen.« Die beiden wären vermutlich nicht mal dann aufgebracht, wenn sich Arymilla mit dreißigtausend Mann innerhalb der Stadtmauern befinden würde.