Выбрать главу

In absehbarer Zukunft würde es aber keinen Tanz im Kartenzimmer geben. Lange Tische zwischen den Säulen bewahrten weitere Karten, einige davon groß genug, über die Ränder hinauszuragen, und Regale an den Wänden hielten Stapel von Berichten, die nicht so heikel waren, dass man sie einschließen oder dem Gedächtnis anvertrauen und danach verbrennen musste. Birgittes breiter Schreibtisch, der fast mit Körben voll gestellt war, in denen sich größtenteils Papier stapelte, stand am anderen Ende des Raums. Als Generalhauptmann hatte sie ihr eigenes Arbeitszimmer, aber nachdem sie das Kartenzimmer entdeckt hatte, war sie zu der Einsicht gelangt, dass der Bodenplan einfach zu gut war, um nicht benutzt zu werden.

Eine kleine, rot bemalte Holzscheibe markierte die Stelle auf der Außenmauer, wo zuvor der Angriff zurückgeschlagen worden war. Birgitte hob sie im Vorbeigehen auf und warf sie in einen runden Korb auf ihrem Schreibtisch, der mit diesen Dingern gefüllt war. Elayne schüttelte den Kopf. Es war ein kleiner Korb, aber falls es ausreichend gleichzeitige Angriffe gab, dass man so viele Scheiben brauchte…

»Meine Lady Birgitte, ich habe den Bericht über das zur Verfügung stehende Futter, um den Ihr gebeten habt«, sagte eine Frau, deren Haar langsam grau wurde, und hielt ein mit ordentlichen Reihen gefülltes Blatt hin. Der Weiße Löwe auf der Brust ihrer ordentlichen braunen Tracht war klein. Fünf andere Schreiber fuhren mit kratzenden Schreibfedern mit ihrer Arbeit fort. Sie gehörten zu Meister Norrys vertrauenswürdigsten Leuten, und Frau Harfor hatte höchstpersönlich das halbe Dutzend Boten in weißroten Livreen ausgewählt, die hinter den kleinen Pulten der Schreiber an der Wand standen; es handelte sich um flinke junge Männer, eigentlich noch Jungen. Einer von ihnen, ein hübscher Kerl, fing an sich zu verbeugen, bevor er errötend aufhörte. Birgitte hatte die Frage der Ehrenbezeugungen für sie und andere Adlige mit ein paar kurzen Worten ein für alle Mal geregelt. Die Arbeit kam an erster Stelle, und jeder Adlige, dem das missfiel, konnte einen Bogen um das Kartenzimmer machen.

»Danke, Frau Anford. Ich sehe es mir später an. Wenn Ihr und die anderen draußen warten würdet, bitte?«

Frau Anford trieb schnell die Boten und die anderen Schreiber zusammen, gab ihnen gerade genug Zeit, die Tintenfläschchen zuzustöpseln und ihre Arbeit abzudecken. Keiner zeigte auch nur die geringste Überraschung. Sie waren daran gewöhnt, dass man von Zeit zu Zeit wünschte, unter sich zu sein. Elayne hatte gehört, dass das Kartenzimmer nun auch das Zimmer der Geheimnisse genannt wurde, obwohl es hier eigentlich nichts gab, was besonders geheim war. Das war in ihren Gemächern weggeschlossen.

Während die Schreiber und Boten hinausgingen, begab sich Elayne zu einem der langen Tische, auf dem eine Karte Caemlyns lag und mindestens fünfzig Meilen seines Umlandes zeigte. Sogar die Schwarze Burg war eingezeichnet worden, ein Rechteck weniger als zwei Meilen südlich von der Stadt. Ein Geschwür in Andor, und es gab keine Möglichkeit, es loszuwerden. An manchen Tagen schickte sie noch immer Abteilungen der Garde zur Inspektion, durch Wegetore, aber das Gelände war groß genug, dass die Asha'man alles Mögliche hätten machen können, ohne dass sie es erfahren hätte. Nadeln mit Emailleköpfen markierten Arymillas acht um die Stadt verteilte Lager, und kleine Metallfiguren verschiedene andere Lager. Ein kunstfertig aus Gold gefertigter Falke, kaum größer als ihr kleiner Finger, zeigte den Standort der Goshien. Beziehungsweise den ehemaligen Standort. Waren sie schon weg? Sie schob den Falken in die Gürteltasche. Aviendha war ein richtiger Falke. Birgitte auf der anderen Tischseite hob fragend eine Braue.

»Sie sind abgezogen, oder zumindest im Aufbruch begriffen«, sagte Elayne. Es würde Besuche geben. Aviendha war nicht für immer weg. »Rand hat sie irgendwohin geschickt. Ich weiß nicht wohin, verdammter Kerl.«

»Ich habe mich schon gefragt, warum Aviendha nicht bei dir ist.«

Elayne legte einen Finger auf einen Bronzereiter, der keinen Fuß groß war und ein paar Meilen westlich von der Stadt stand. »Jemand muss einen Blick auf Davram Basheres Lager werfen. Finde heraus, ob die Saldaeaner auch abziehen. Und die Legion des Drachen.« Es spielte keine Rolle, ob sie es taten. Sie hatten sich nicht eingemischt, dem Licht sei Dank, und die Zeit, in der man hätte befürchten müssen, dass sie Arymilla aufhalten würden, war lange vorbei. Aber sie mochte es nicht, wenn in Andor Dinge ohne ihr Wissen geschahen. »Und schicke morgen ein paar Gardisten zur Schwarzen Burg. Sag ihnen, sie sollen zählen, wie viele Asha'man sie sehen.«

»Also plant er eine große Schlacht. Eine weitere große Schlacht. Vermutlich gegen die Seanchaner.« Birgitte verschränkte die Arme unter der Brust und blickte die Karte stirnrunzelnd an. »Ich frage mich wo und wann, aber wir haben selbst genug zu tun.«

Die Karte zeigte die Gründe, warum Arymilla ihre Truppen zur Eile antrieb. Zum einen, nordöstlich von Caemlyn, beinahe am Rand der Karte, lag die Bronzefigur eines schlafenden Bären, der zusammengerollt dalag und die Tatzen über die Nase gelegt hatte. Zweihunderttausend Mann, fast genauso viele gedrillte Männer wie ganz Andor ins Feld schicken konnte. Vier Herrscher der Grenzländer, begleitet von vielleicht einem Dutzend Aes Sedai, die sie zu verbergen suchten und die aus nicht genannten Gründen nach Rand fahndeten. Soweit Elayne es wusste, hatten die Grenzländer keinen Grund, sich gegen Rand zu wenden — auch wenn er sie nicht an sich gebunden hatte wie andere Länder, was eine Tatsache war-, aber Aes Sedai waren eine andere Sache, vor allem, wenn es ungewiss war, wen sie unterstützten, und zwölf kamen einer Zahl nahe, die selbst ihm gefährlich werden konnte. Nun, die vier Herrscher hatten Elaynes Motive, ihnen den Zugang zu Andor zu gewähren, zum Teil erkannt, aber sie hatte es geschafft, sie hinters Licht zu führen, was Rands Aufenthaltsort anging. Unglücklicherweise hatten die Grenzländer jede Geschichte Lügen gestraft, wie schnell sie sich vorwärts bewegen konnten, als sie nach Süden krochen, und jetzt saßen sie an Ort und Stelle und versuchten eine Möglichkeit zu finden, einer belagerten Stadt aus dem Weg zu gehen. Das war verständlich, sogar löblich. Fremde Heere in der Nähe von andoranischen Waffenmännern auf dem Boden Andors sorgten für eine heikle Situation. Ein paar Hitzköpfe gab es immer. Unter solchen Umständen konnte es nur zu leicht zu Blutvergießen, wenn nicht sogar zu einem Krieg kommen. Und es würde schwierig werden, Caemlyn zu umgehen; die schmalen Landstraßen waren durch die Regenfälle in Schlamm verwandelt worden, was das Vorankommen eines jeden so großen Heeres erschwerte. Aber Elayne hätte sich fast gewünscht, sie wären noch zwanzig oder dreißig Meilen weiter auf Caemlyn vorgerückt. Sie hatte gehofft, dass ihre Anwesenheit eine andere Wirkung gehabt hätte. Aber vielleicht geschah das ja noch.

Wichtiger für Arymilla und möglicherweise auch für sie stand ein paar Meilen unterhalb der Schwarzen Burg ein kleiner silberner Schwertkämpfer, der die Klinge waagerecht vor sich ausgestreckt hielt, und ein silberner Hellebardenkämpfer, offensichtlich von demselben Silberschmied gefertigt. Einer stand westlich des schwarzen Rechtecks, der andere östlich. Luan, Ellorien und Abelle, Aemlyn, Arathelle und Pelivar standen in diesen beiden Lagern etwa sechzigtausend Mann zur Verfügung. Ihre Ländereien und die der ihnen verpflichteten Adligen mussten fast völlig entvölkert sein. In diesen beiden Lagern war Dyelin die letzten drei Tage gewesen und hatte versucht, ihre Absichten in Erfahrung zu bringen.