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Nasin lachte und spuckte Stücke halb zerkauten Eintopfs über den Tisch. »Ja, ja«, sagte er und tätschelte Arymillas Hand. »Hör auf deine Tante, Sylvase. Tu, was sie dir sagt. Sie wird bald die Königin von Andor sein.« Sein Lächeln verblasste, und ein seltsamer Ton trat in seine Stimme. Es hätte beinahe ein… Flehen sein können. »Vergiss nicht, du wirst die Hohe Herrin von Caeren sein, wenn es mich nicht mehr gibt. Wenn es mich nicht mehr gibt. Du wirst die Hohe Herrin sein.«

»Wie du befiehlst, Großvater«, murmelte Sylvase und neigte kurz den Kopf. Als sie wieder aufschaute, war ihr Blick so leer wie immer. Die Intelligenz musste eine Lichtspiegelung gewesen sein. Natürlich.

Nasin grunzte und machte sich beherzt wieder daran, den Eintopf runterzuschlingen. »Der Beste, den ich seit Tagen hatte. Ich glaube, ich nehme noch eine Portion. Mehr Wein, Mann. Siehst du nicht, dass mein Becher leer ist?«

Die Stille am Tisch wurde immer unbehaglicher. Nasins deutliche Zurschaustellung seiner Senilität brachte das mit sich.

»Ich sage trotzdem…«, fing Lir schließlich an, nur um durch das Eintreten eines Waffenmannes mit Marnes vier Silbernen Monden auf der Brust unterbrochen zu werden.

Der Bursche verbeugte sich respektvoll, ging um den Tisch herum und beugte sich vor, um Arymilla ins Ohr zu flüstern. »Meister Hernvil bittet um ein privates Wort, meine Lady.«

Bis auf Nasin und seine Enkelin taten alle so, als würden sie sich auf ihren Wein konzentrieren und nicht versuchen zu lauschen. Er aß weiter. Sie sah Arymilla ausdruckslos an. Diese Schärfe musste eine Lichtspiegelung gewesen sein.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte Arymilla und erhob sich. Sie deutete mit der Hand auf das Essen und den Wein. »Genießt das bis zu meiner Rückkehr. Genießt.« Lir verlangte mehr Wein.

Draußen machte sie sich nicht die Mühe, die Röcke zu heben, um sie vor dem Schlamm zu bewahren. Arlene würde sie sowieso reinigen müssen, also kam es auf ein kleines bisschen mehr Schlamm auch nicht an. Aus einigen Zelten fiel Licht, aber größtenteils lag das Lager dunkel im Schein des Halbmondes da. Jakob Hernvil, ihr Sekretär, wartete ein kleines Stück von dem Zelt entfernt; er hielt eine Laterne, die einen gelben Lichtkreis um ihn herum erschuf. Er war ein kleiner Mann und dürr, als hätte man alles Fett aus ihm herausgekocht. Diskretion war ihm angeboren, und sie versicherte sich seiner Loyalität, indem sie ihm genug zahlte, dass nur die größten Bestechungssummen für ihn von Interesse sein konnten, weitaus mehr, als sonst jemand für einen Schreiber bezahlen würde.

»Verzeiht mir, dass ich Eure Mahlzeit unterbrochen habe, meine Lady«, sagte er mit einer Verbeugung, »aber ich war mir sicher, dass Ihr das sofort erfahren wolltet.« Es war immer eine Überraschung, bei einem so winzigen Mann eine so tiefe Stimme zu hören. »Sie haben sich einverstanden erklärt. Aber sie wollen die volle Summe des Goldes im Voraus.«

Unwillkürlich presste sie die Lippen zusammen. Die volle Summe. Sie hatte gehofft, nur die erste Hälfte zahlen zu müssen. Denn wer würde es wagen, sie wegen ihrer Schulden zu bedrängen, sobald sie Königin war? »Setzt einen Brief für Frau Andscale auf. Ich unterschreibe und versiegele ihn morgen früh als Erstes.« So viel Gold zu transportieren würde Tage in Anspruch nehmen. Und wie lange würde es dauern, bis die Waffenmänner bereitstanden? Sie hatte noch nie richtig zugehört, wenn es um solche Dinge ging. Lir hätte es ihr sagen können, aber sie hasste es, Schwächen zu zeigen.

»Richtet ihnen aus, von morgen an eine Woche, auf den Tag genau.« Das sollte ausreichen. In einer Woche würde Caemlyn ihr gehören. Der Thron würde ihr gehören. Arymilla, durch die Gnade des Lichts, Königin von Andor, Verteidigerin des Reiches, Beschützerin des Volkes, Hohe Herrin von Haus Marne. Mit einem Lächeln ging sie zurück ins Zelt, um den anderen die wunderbare Nachricht mitzuteilen.

18

Neuigkeiten für den Drachen

»Loial, es reicht«, sagte Rand al’Thor energisch und stopfte mit dem Daumen Tabak aus dem Ziegeniederbeutel in die kurzstielige Pfeife. Es war eine Mischung aus Tear, mit einem leicht öligen Beigeschmack, aber etwas anderes gab es nicht. Über ihren Köpfen grollte Gewitterdonner, langsam und schwerfällig. »Ich werde noch heiser bei all diesen Fragen.«

Sie saßen an einem langen Tisch in einem der größeren Räume von Lord Algarins Herrenhaus; die Reste des Mittagessens hatte man an das eine Ende geschoben. Die Diener waren größtenteils alt und bewegten sich langsamer denn je, seit Algarin zur Schwarzen Burg aufgebrochen war. Der draußen fallende Regen schien nachzulassen, aber heftige Windböen trieben Tropfen noch immer hart genug gegen die Fenster, um das Glas in den sechs gelb lackierten Rahmen klirren zu lassen. Viele der Scheiben wiesen Blasen auf; einige verzerrten alles, was draußen war, bis zur Unkenntlichkeit. Tisch und Stühle waren schlicht, kaum kunstfertiger als in vielen Bauernhäusern, und die gelben Simse unter der hohen, mit Balken gestützten Decke waren kaum aufwändiger gestaltet. Die Kamine an beiden Enden des Raumes waren breit und hoch, aber aus einfachen Steinen gefertigt, Kaminbock und Schürhaken bestanden aus einfachem Eisen. Auch wenn er ein Lord war, war Algarin doch alles andere als reich.

Rand schob den Tabaksbeutel in die Tasche, schlenderte zu einem Kamin und nahm eine kleine Messingzange vom Sims, um damit einen brennenden Eichenspan an seine Pfeife zu halten, um sie zu entzünden. Er hoffte, dass das niemand seltsam fand. Er vermied es, die Macht zu lenken, solange es nicht unbedingt nötig war, vor allem, wenn andere zugegen waren — die Gleichgewichtsstörungen, die ihn überfielen, wenn er es tat, waren nur schwer zu verbergen —, aber bis jetzt hatte niemand eine Bemerkung gemacht. Ein Windstoß rief ein Knirschen hervor, als hätten Äste über das Fenster geschabt. Einbildung. Die nächsten Bäume standen jenseits der Felder, mehr als eine halbe Meile weit weg.

Loial hatte einen mit Ranken verzierten Stuhl aus den Ogier-Gemächern nach unten gebracht, der seine Knie auf Höhe der Tischkante brachte, sodass er sich nach vorn beugen musste, um in das Notizbuch mit dem Ledereinband schreiben zu können. Für ihn war es ein kleiner Band, klein genug, um in eine der Taschen seines voluminösen Mantels zu passen, aber es war immer noch so groß wie die meisten menschlichen Bücher, die Rand gesehen hatte. Loials Oberlippe und eine Stelle unterhalb des Kinns waren mit feinem Haar bewachsen; er versuchte sich Bart und Schnurrbart wachsen zu lassen, aber da er das erst seit wenigen Wochen tat, schien er bislang nicht besonders erfolgreich gewesen zu sein.

»Aber du hast mir fast nichts Verwertbares erzählt«, grollte der Ogier, eine Trommel, die ihre Enttäuschung herausdröhnte. Seine Spitzohren senkten sich. Trotzdem fing er an, die Stahlfeder seines Holzschreibers zu polieren. Dicker als Rands Daumen und lange genug, um schlank zu erscheinen, passte er perfekt zwischen Loials Finger. »Du hast keine Heldentaten erwähnt, außer denen der anderen. Du hast alles so alltäglich klingen lassen. Wenn man dich hört, war der Fall von Illian so aufregend, als würde man einem Weber dabei zuschauen, wie er seinen Webstuhl repariert. Und die Reinigung der Wahren Quelle? Du hast dich mit Nynaeve zu einem Zirkel verknüpft, dann habt ihr euch hingesetzt und die Macht gelenkt, während alle anderen die Verlorenen bekämpft haben. Selbst Nynaeve hat mir mehr erzählt, und sie behauptet, sich an so gut wie nichts mehr zu erinnern.«

Nynaeve, die ihre sämtlichen Schmuck-Ter’angreale und ihr seltsames Armreif-und-Ringe-Angreal trug, rutschte auf ihrem Stuhl vor dem anderen Kamin herum und widmete sich wieder Alivias Beobachtung. Gelegentlich warf sie einen Blick aus den Fenstern und zog an ihrem dicken Zopf, aber hauptsächlich konzentrierte sie sich auf die blonde Seanchanerin. Alivia stand wie eine Wache neben der Tür und zeigte ein kurzes, amüsiertes Lächeln. Die ehemalige Damane wusste, dass Nynaeves Aufmachung ihr galt. Doch die falkenähnlichen blauen Augen verloren keinen Augenblick lang ihre Intensität. Das taten sie nur selten, seit man ihr in Caemlyn den Kragen abgenommen hatte. Die beiden Töchter, die in ihrer Nähe auf den Fersen hockten und ihr Fadenspiel spielten, Harilin von den Eisenbergen Taardad und Enaila von den Jarra Chareen, trugen ihre eigene Aufmachung zur Schau. Die Shoufa um die Köpfe gewickelt und die schwarzen Schleier auf der Brust hängend, hatte jede von ihnen drei oder vier Speere unter die Riemen des Ledergeschirrs gesteckt, das ihr Bogenfutteral auf dem Rücken hielt, und auf dem Boden lagen die Rundschilde aus Rindsleder. In dem Herrenhaus hielten sich fünfzig Töchter auf, mehrere von ihnen Shaido, und alle waren bereit, auf der Stelle den Tanz der Speere zu tanzen. Möglicherweise mit Rand. Sie schienen hin und hergerissen zu sein zwischen dem Entzücken, wieder seine Leibwache zu stellen, und dem Missfallen, wie lange er ihnen aus dem Weg gegangen war.