Wenn du es nicht weißt, wieso erwartest du dann von mir, dass ich es weiß?, dachte Rand. Aber ich war mir seiner auch bewusst. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, als würde er den anderen Mann irgendwie… berühren. Aber keinesfalls körperlich. Es war ein Rückstand geblieben. Es hatte den Anschein, als müsste er sich um Haaresbreite bewegen, egal in welche Richtung, um ihn erneut berühren zu können. Ich glaube, er hat auch mein Gesicht gesehen.
Mit einer Stimme in seinem Kopf zu sprechen kam ihm nicht länger merkwürdig vor. Tatsächlich schon seit langem nicht mehr. Und jetzt…? Jetzt konnte er Mat und Perrin sehen, nur indem er an sie dachte oder ihre Namen hörte, und da war dieses andere Gesicht, das ihm einfach so erschien. Und das anscheinend mehr als nur ein Gesicht war. Was war, verglichen damit, schon dabei, in seinem Kopf eine Unterhaltung zu führen? Aber der Mann war sich dieser Begegnung bewusst gewesen, genau wie Rand auch.
Als sich die Ströme unseres Baalsfeuers in Shadar Logoth berührt haben, muss das eine Art Verbindung zwischen uns geschaffen haben. Ich habe keine andere Erklärung dafür. Das war das einzige Mal, dass wir uns persönlich begegnet sind. Er benutzte ihre sogenannte Wahre Macht. Sie muss es gewesen sein. Ich habe nichts gefühlt oder gesehen bis auf sein Baalsfeuer. Es kam ihm auch nicht länger merkwürdig vor, über Bruchstücke von Wissen zu verfügen, das zwar seins zu sein schien, tatsächlich aber von Lews Therin stammte. Er konnte sich an die Ansaline-Gärten erinnern, die im Schattenkrieg zerstört worden waren, und zwar genauso gut wie an den Hof seines Vaters. Wissen bewegte sich auch in die andere Richtung. Manchmal sprach Lews Therin von Emondsfelde, als wäre er dort aufgewachsen. Ergibt das für dich irgendeinen Sinn?
Oh, beim Licht, warum habe ich diese Stimme in meinem Kopf?, jammerte Lews Therin. Warum kann ich nicht sterben? Oh, Ilyena, meine geliebte Ilyena, ich will zu dir kommen. Er fing an zu schluchzen. Das tat er oft, wenn er von der Ehefrau sprach, die er in seiner Umnachtung ermordet hatte.
Es spielte keine Rolle. Rand unterdrückte die Laute des weinenden Mannes, stieß sie so weit von sich, bis sie nur noch ein leises Geräusch an der Grenze des Hörvermögens waren. Er war überzeugt, Recht zu haben. Aber wer war der Kerl? Sicherlich ein Schattenfreund, aber keiner der Verlorenen. Lews Therin kannte ihre Gesichter so gut wie das eigene, und Rand tat es mittlerweile auch. Ein plötzlicher Einfall ließ ihn das Gesicht verziehen. Wie sehr war sich der andere Mann seiner bewusst? Ta’veren konnte man durch ihren Einfluss auf das Muster finden, allerdings wussten nur die Verlorenen, wie man das machte. Lews Therin hatte mit Sicherheit nie erwähnt, wie das ging — ihre »Unterhaltungen« waren immer nur kurz, und der Mann gab Informationen nur selten freiwillig weiter —, und ihm war über das Thema auch nie etwas zugetrieben. Zumindest Lanfear und Ishamael hatten gewusst, wie das ging, aber seit sie gestorben waren, hatte ihn niemand mehr auf diese Weise aufgespürt. Konnte diese Verbindung auf die gleiche Weise benutzt werden? Sie mochten alle in Gefahr sein. In größerer Gefahr als gewöhnlich, als würde die alltägliche Bedrohung nicht schon reichen.
»Alles in Ordnung, Rand?«, fragte Loial besorgt und schraubte den mit Blättern gravierten Silberverschluss seines Tintenfässchens zu. Sein Glas war so dick, dass es alles hätte überstehen können, solange man es nicht gegen einen Felsen warf, aber Loial ging damit um, als wäre es zerbrechlich. In seinen Händen sah es zerbrechlich aus. »Ich fand ja, dass der Käse merkwürdig schmeckt, aber du hast ein ordentliches Stück davon gegessen.«
»Mir geht es gut«, sagte Rand, aber natürlich glaubte ihm Nynaeve kein Wort. Sie hatte ihren Stuhl schon verlassen und rauschte mit wehenden blauen Röcken wie ein Blitz durchs Zimmer. Er bekam eine Gänsehaut, als sie Saidar umarmte und ihm die Hände auf den Kopf legte. Einen Augenblick später durchfuhr ihn ein Frösteln. Diese Frau fragte niel Manchmal benahm sie sich, als wäre sie noch die Seherin von Emondsfelde und er der Bauer, der am nächsten Morgen auf seinen Hof zurückging.
»Du bist nicht krank«, sagte sie erleichtert. Verdorbenes Essen verursachte unter der Dienerschaft alle möglichen Krankheiten, einige davon sogar sehr ernst. Ohne die Anwesenheit von Asha’man und Aes Sedai, die Heilen konnten, wären Menschen gestorben. Sie zögerten, die ohnehin knappe Barschaft ihres Herrn zu vergeuden, indem sie Essen wegwarfen, und aßen trotz der ständigen Ermahnungen von Cadsuane und Nynaeve und anderen Aes Sedai Dinge, die auf den Misthaufen gehört hätten. Kurz empfand er eine andere Art von Kribbeln um die zweifache Verletzung in seiner linken Seite.
»Diese Wunde ist kein Stück besser«, sagte sie mit einem Stirnrunzeln. Sie hatte versucht, sie zu Heilen, und kein bisschen mehr Erfolg gehabt als Flinn. Das ließ ihr keine Ruhe. Für Nynaeve war jede Niederlage eine persönliche Beleidigung. »Wie kannst du überhaupt aufrecht stehen? Du musst schreckliche Schmerzen haben.«
»Er ignoriert sie«, sagte Min knapp. O ja, da würde es eine Unterhaltung geben.
»Es schmerzt im Stehen nicht mehr als im Sitzen«, sagte er zu Nynaeve und schob sanft die Hände von seinem Kopf. Die schlichte Wahrheit. Genau wie das, was Min gesagt hatte. Er konnte es sich nicht leisten, sich vom Schmerz zu einem Gefangenen machen zu lassen.
Ein Türflügel öffnete sich quietschend, um einen weißhaar igen Mann in einem abgetragenen gelben Mantel einzulassen, der förmlich an seiner knochigen Gestalt herabhing. Seine Verbeugung kam zögernd, woran eher seine Gelenke schuld waren als Respektlosigkeit. Seine Stimme ächzte beinahe so sehr wie die Türangeln. »Mein Lord Drache, Lord Logain ist zurückgekehrt.«
Logain wartete nicht auf eine Einladung, sondern trat praktisch im Kielwasser des Dieners ein. Er war ein hochg ewachsener Mann mit dunklen Locken, die bis zu seinen Schultern reichten, und einer Hautfarbe, die dunkel für einen Ghealdaner war; Frauen fanden ihn vermutlich attraktiv, aber er hatte auch einen unverkennbar dunklen Wesenszug an sich. Er trug seinen schwarzen Mantel mit dem Schwert und dem Drachen am hohen Kragen sowie ein Schwert mit langem Griff an der Hüfte, aber er hatte etwas hinzugefügt, eine runde Emailleanstecknadel auf der Schulter, die drei goldene Kronen auf blauem Untergrund zeigte. Hatte der Mann ein Siegel angenommen? Die Augenbrauen des alten Dieners schössen überrascht in die Höhe, und er sah zu Rand herüber, als würde er ihn fragen, ob er Logain vor die Tür setzen sollte.
»Ich schätze, die Neuigkeiten aus Andor sind gut genug«, sagte Logain und schob schwarze Panzerhandschuhe hinter den Schwertgürtel. Er widmete Rand eine minimale Verbeugung. »Elayne hält Caemlyn noch immer, und Arymilla hat ihre Belagerung nicht aufgegeben. Aber Elayne ist im Vorteil, da Arymilla nicht einmal verhindern kann, dass Lebensmittel in die Stadt gelangen, geschweige denn Verstärkung. Kein Grund, finster dreinzuschauen. Ich habe mich von der Stadt ferngehalten. Davon abgesehen sind Schwarzmäntel dort nicht sehr willkommen. Die Grenzländer befinden sich noch immer am selben Ort. Anscheinend war es klug von Euch, sie zu meiden. Gerüchten zufolge halten sich bei ihnen dreizehn Aes Sedai auf. Es heißt, sie suchen nach Euch. Ist Bashere schon wieder zurück?« Nynaeve warf ihm einen finsteren Blick zu und entfernte sich von Rand, den Zopf fest umklammert. Aes Sedai, die mit Asha’man den Behüterbund eingingen, schön und gut, das war für sie in Ordnung, aber nicht das Gegenteil.
Dreizehn, die nach ihm suchten? Er hatte sich von den Grenzländern ferngehalten, weil Elayne seine Hilfe nicht wollte — sie nannte es Einmischung, und er hatte langsam eingesehen, dass sie Recht hatte; es war ihre Aufgabe, den Löwenthron zu erringen, nicht die seine, ihn zu vergeben —, aber vielleicht war es gut, dass er es getan hatte. Die Herrscher der Grenzländer hatten allesamt Verbindungen zur Weißen Burg, und zweifellos war Elaida noch immer begierig, ihn in die Finger zu bekommen. Sie und diese verrückte Proklamation, dass sich ihm niemand nähern durfte außer mit ihrer Erlaubnis. Falls sie geglaubt hatte, das würde ihn zwingen, zu ihr zu kommen, dann war sie eine Närrin.