»Er hat nie Angst«, sagte Min. »Außer wegen mir und…«
Sie schob stur das Kinn nach vorn und verschränkte die Arme unter den Brüsten, widmete Cadsuane einen Blick, der die Grüne Schwester herausforderte, ihr Schlimmstes zu tun. Der komplizierten Mixtur aus Gefühlen nach zu urteilen, die von Angst bis zu Scham reichte, die sie aus dem Bund halten wollte, worin sie aber scheiterte, hatte sie durchaus eine genaue Vorstellung, wie Cadsuanes Schlimmstes aussehen würde.
»Ich stehe genau vor Euch«, sagte Rand. »Wenn Ihr wissen wollt, wie ich mich fühle, dann fragt mich.« Lews Therin?, dachte er. Keine Antwort, und das Saidin, das ihn erfüllte, nahm nicht ab. Seine Schläfen fingen an zu pochen.
»Und?«, sagte Cadsuane ungeduldig.
»Ich fühle mich blendend.« Lews Therinl »Aber ich habe eine Regel für Euch, Cadsuane. Droht Min nie wieder. Und mehr noch, lasst sie in Frieden.«
»So, so. Der Junge zeigt die Zähne.« Goldene Vögel und Fische, Sterne und Monde wackelten, als sie den Kopf schüttelte. »Zeigt aber nicht zu viele. Und Ihr könntet die junge Frau fragen, ob sie Euren Schutz überhaupt will.« Seltsamerweise hatte Min ihren Missmut jetzt auf ihn gerichtet, und der Bund prickelte vor Gereiztheit. Beim Licht, es war schlimm genug, dass es ihr nicht gefiel, wenn er sich um sie sorgte. Jetzt wollte sie sich anscheinend auch noch im Alleingang auf Cadsuane stürzen, etwas, das nicht einmal er gern getan hätte.
Wir können bei Tarmon Gai’don sterben, sagte Lews Ther in, und plötzlich strömte die Macht aus ihm heraus.
»Er hat losgelassen«, sagte Logain, als wäre er plötzlich auf Cadsuanes Seite.
»Ich weiß«, erwiderte sie. Er riss überrascht den Kopf zu ihr herüber.
»Min kann sich selbst mit Euch auseinandersetzen, wenn sie es will«, sagte Rand und ging in Richtung Tür. »Aber bedroht sie nicht.« ]a, dachte er. Wir können bei Tarmon Gai’don sterben.
20
Der Goldene Kranich
Der Wind hatte sich gelegt, als der Regen nachließ, aber die Sonne wurde noch immer von grauen Wolken verborgen. Der feine Nieselregen reichte allerdings aus, um Rands Haar zu durchnässen, und drang auch in seinen mit goldenem Besatz bestickten schwarzen Mantel, während er zwischen den toten Trollocs umherging. Logain hatte einen Schild aus Luft gewebt, sodass die Regentropfen von ihm abprallten oder um ihn herum zu Boden perlten, aber Rand wollte kein weiteres Mal das Risiko eingehen, dass Lews Therin wieder Saidin an sich riss. Der Mann hatte gesagt, er könnte mit dem Sterben bis zur Letzten Schlacht warten, aber wie weit konnte man einem Verrückten schon vertrauen?
Verrückt?, wisperte Lews Therin. Bin ich verrückter als du? Er wollte sich vor Lachen ausschütten.
Gelegentlich sah Nandera Rand über die Schulter an. Die hochgewachsene, sehnige Frau, die ihr grau werdendes Haar unter der braunen Shoufa verbarg, war die Anführerin der Töchter, zumindest jener auf dieser Seite der Drachenmauer, aber sie hatte beschlossen, seine Leibwache persönlich zu befehligen. Ihre grünen Augen — das war alles, was er über dem schwarzen Schleier von ihrem von der Sonne gebräunten Gesicht sehen konnte — waren ziemlich ausdruckslos, aber er war davon überzeugt, dass sie sich Sorgen machte, weil er sich nicht vor dem Regen schützte. Töchter schienen es zu bemerken, wenn etwas nicht wie immer war. Er hoffte, dass sie den Mund hielt.
Du musst mir vertrauen, sagte Lews Therin. Vertrau mir.
Oh, beim Licht, ich flehe eine Stimme in meinem Kopf an! Ich muss verrückt sein!
Nandera und der Rest der fünfzig verschleierten Töchter bildeten einen großen Kreis um Rand. Sie standen beinahe Schulter an Schulter und stießen die Speere in jeden Trolloc und Myrddraal, an dem sie vorbeikamen, traten entschlossen über große abgetrennte Arme und Beine, über abgetrennte Köpfe mit Hörnern oder Stoßzähnen oder Reißzähnen. Gelegentlich stöhnte ein Trolloc oder versuchte, matt von ihnen fortzukriechen — oder sich knurrend auf sie zu stürzen —, aber sie taten es nicht lange. Krieg mit Trollocs war wie Krieg mit tollwütigen Hunden. Entweder man tötete sie oder sie töteten einen. Es gab kein Palaver, kein Ergeben, nur sie oder wir.
Bis jetzt hatte der Regen die Geier ferngehalten, aber überall flatterten Krähen und Raben umher; ihr schwarzes Gefieder funkelte feucht, und falls einige von ihnen die Augen des Dunklen Königs waren, hielt sie das nicht davon ab, Trollocs die Augen auszurupfen oder zu versuchen, einen anderen Bissen zu erbeuten. Es waren genügend Trollocs in Stücke gerissen worden, dass die Vögel reiche Nahrung fanden. Aber keiner ging in die Nähe eines toten Myrddraals, und sie mieden Trollocs, die zu nahe bei einem Myrddraal lagen. Aber das deutete nur auf Vorsicht hin. Vermutlich rochen die Myrddraals falsch für die Vögel. Das Blut eines Myrddraals konnte Stahl verätzen, falls man es zu lange dort ließ. Für Raben und Krähen musste es wie Gift gerochen haben.
Die überlebenden Saldaeaner erlegten die Vögel mit Pfeil en oder spießten sie mit ihren leicht gekrümmten Schwertern auf oder erschlugen sie einfach mit Schaufeln oder Hacken oder Rechen, mit allem, was als ordentliche Keule diente — in den Grenzlanden war es undenkbar, eine Krähe oder einen Raben am Leben zu lassen; sie waren zu oft die Augen des Dunklen Königs —, aber es waren zu viele. Hunderte schwarz gefiederte Vögel lagen zwischen den Trollocs, und für jeden Kadaver schienen sich hundert weitere lautstark um die Weichteile zu streiten, einschließlich Teile ihrer toten Artgenossen. Die Asha’man und Aes Sedai hatten den Versuch, sie zu töten, schon lange aufgegeben.
»Mir gefällt es nicht, dass sich meine Männer auf diese Weise verausgaben«, sagte Logain. Seine Männer. »Oder die Schwestern, was das angeht. Gabrelle und Toveine werden bei Einbruch der Nacht der Erschöpfung nahe sein.« Er war mit beiden Schwestern den Bund eingegangen, also musste er es wissen. »Was ist, wenn noch ein Angriff erfolgt?«
Überall um das Herrenhaus und die Außenbezirke herum flammten kurzzeitige Feuer auf, die so heiß waren, dass sich die Leute zum Schutz die Augen beschatteten. Aes Sedai und Asha’man äscherten Trollocs und Myrddraals dort ein, wo sie lagen. Es waren zu viele, um sie einsammeln und aufschichten zu können. Mit weniger als zwanzig Aes Sedai und keinem Dutzend Asha’man und etwa hunderttausend Trollocs würde es eine langwierige Arbeit sein. Vermutlich würde sich der Verwesungsgestank zu den bereits üblen Gerüchen in der Luft dazugesellen, bevor sie erledigt war, der kupferige Geruch von Schattengezüchtblut, der Gestank dessen, was auch immer sich in den Trolloceingeweiden befunden haben mochte, als sie aufgerissen worden waren. Besser, nicht zu lange darüber nachzudenken. Vermutlich gab es zwischen dem Herrenhaus und dem Rückgrat der Welt keinen lebenden Bauern oder Dorfbewohner mehr. Dort mussten die Trollocs hergekommen sein, aus dem Wegetor außerhalb des Stedding Shangtai. Wenigstens war Loials Heimat sicher. Weder Trollocs noch Myrddraals würden ein Stedding betreten, solange sie nicht dazu getrieben wurden, und dazu benötigte man einen energischen Antrieb.
»Wollt Ihr sie lieber an Ort und Stelle verrotten lassen?«, fragte Cadsuane und klang, als wäre ihr persönlich das völlig gleichgültig. Sie hielt die grünen Röcke hoch, sodass die Seide nicht durch den blutgetränkten Schlamm oder die Eingeweide schleifte, aber sie stieg genauso unbeteiligt wie die Töchter über Beine und Köpfe. Sie hatte ebenfalls einen Regenschirm gewebt, genau wie Alivia auch, aber die hatte es erst getan, nachdem sie es bei der Grünen gesehen hatte. Rand hatte versucht, die ihm verschworenen Schwestern dazu zu bringen, der Seanchanerin mehr über die Macht beizubringen, aber ihrer Ansicht nach hatte das nichts mit dem Treueid zu tun. Sie war keine Gefahr für sich und auch keine für andere, und es reichte ihnen, es dabei zu belassen. Auch Nynaeve hatte sich geweigert, wegen Mins Sicht. Cadsuane hatte ihn kühl darüber informiert, dass sie keine Wilden unterrichtete.