»Das hier würde zu einem wahren Schlachthaus«, sagte Min. Ihr Gang hatte einen auffallenden Schwung, auch wenn sie sich offensichtlich bemühte, nicht an das zu denken, was unter ihren Füßen lag, während sie es gleichzeitig vermied, einen mit einem Absatz versehenen blauen Stiefel daraufzusetzen, und das ließ sie gelegentlich straucheln. Auch sie wurde nass, ihre Locken fingen an, am Kopf zu kleben, aber der Bund verriet keinen Verdruss darüber. Nur Wut, und dem Blick nach zu urteilen, mit dem sie Logain bedachte, war sie auf ihn gerichtet. »Wo sollten die Diener hingehen, und die Menschen, die auf den Feldern und in den Ställen arbeiten? Wie sollen sie leben?«
»Es wird keinen weiteren Angriff geben«, sagte Rand.
»Nicht bevor derjenige, der sie losgeschickt hat, von seinem Fehlschlag erfährt, und vielleicht nicht einmal dann. Das war alles, was sie geschickt haben. Die Myrddraals hätten nicht einzeln angegriffen.« Logain grunzte, aber dagegen konnte er nichts sagen.
Rand schaute zurück zum Herrenhaus. An einigen Stellen lagen tote Trollocs direkt an den Fundamenten. Keiner hatte es hinein geschafft, aber… Logain hatte Recht, dachte er und betrachtete das Schlachtfeld. Es war knapp gewesen. Ohne die Asha’man und Aes Sedai, die Logain mitgebracht hatte, hätte die Sache anders ausgehen können. Sehr knapp. Und falls es später noch einen weiteren Angriff gab…?
Offensichtlich kannte jemand Ishamaels Trick. Oder der blauäugige Mann in seinem Kopf konnte ihn wirklich lokalisieren. Ein weiterer Angriff würde größer ausfallen. Entweder das oder er würde aus einer unerwarteten Richtung kommen. Vielleicht sollte er Logain noch ein paar weitere Asha’man bringen lassen.
Du hättest sie töten sollen, schluchzte Lews Therin. Dazu ist es jetzt zu spät. Zu spät.
Die Quelle ist jetzt sauber, du Narr, dachte Rand.
Ja, erwiderte Lews Therin. Aber sind sie es? Bin ich es?
Darüber hatte sich Rand auch schon Gedanken gemacht. Die eine Hälfte der zweifachen Wunde in seiner Seite stammte von Ishamael, die andere Hälfte von Padan Fains Dolch, der mit dem Makel von Shadar Logoth beschmutzt gewesen war. Sie pulsierten oft, und wenn sie das taten, schienen sie zu leben.
Der Kreis der Töchter öffnete sich ein Stück, um einen weißhaarigen Diener mit einer langen spitzen Nase durchzulassen, der noch gebrechlicher als Ethin aussah. Er versuchte sich ausgerechnet unter einen Sonnenschirm des Meervolks zu ducken, aber die alte blaue Seide wies mehrere Löcher auf, und ein paar Rinnsale plätscherten auf seinen gelben Mantel und seinen Kopf. Das dünner werdende Haar klebte ihm am Schädel und tropfte. Er schien klitschnass zu sein, als hätte er auf den Schirm verzichtet. Zweifellos hatte einer von Algarins Vorfahren das Ding als Souvenir mitgebracht, und wo er es herhatte, war bestimmt eine Geschichte für sich. Rand bezweifelte, dass sich das Meervolk so ohne weiteres vom Sonnenschirm einer Herrin der Wogen trennte.
»Mein Lord Drache«, sagte der alte Mann mit einer Verb eugung, die noch mehr Wasser seinen Rücken runterschickte. »Verin Sedai hat mir aufgetragen, Euch das hier sofort zu geben.« Er zog ein zusammengefaltetes und versiegeltes Blatt Papier unter dem Mantel hervor.
Rand stopfte es schnell in die Manteltasche, um es vor dem Regen zu schützen. Tinte verschwamm schnell. »Danke, aber das hätte warten können, bis ich zurück im Haus bin. Ihr solltet schnell wieder hineingehen, bevor Ihr völlig durchnässt seid.«
»Sie sagte sofort, mein Lord Drache.« Der Bursche klang verärgert. »Sie ist eine Aes Sedai.«
Nach Rands Nicken verbeugte er sich erneut und ging langsam zum Haus zurück, den Rücken steif vor Stolz, während der Sonnenschirm ihn mit noch mehr Wasser tränkte. Sie war eine Aes Sedai. Jeder sprang für eine Aes Sedai, selbst in Tear, wo sie nicht beliebt waren. Was hatte Verin zu sagen, dass sie es schriftlich niederlegen musste? Rand strich mit dem Daumen über das Siegel und ging weiter.
Sein Ziel war eine der Scheunen, deren Strohdach teilw eise verbrannt war. Es war die Scheune, in die die Trollocs eingedrungen waren. Ein stämmiger Kerl in einem schlichten braunen Mantel und schlammverschmierten Stiefeln, der am Torpfosten lehnte, stellte sich bei Rands Näherkommen aufrecht hin und schaute aus irgendeinem Grund hastig über die Schulter ins Scheuneninnere. Die Töchter schwärmten aus und umstellten die Scheune.
Er blieb an der Schwelle wie angewurzelt stehen, Min und die anderen taten es ihm nach. Logain knurrte einen Fluch. Zwei Laternen, die an den Pfeilern des Heubodens hingen, verbreiteten nur schwaches Licht, aber es reichte aus, um zu sehen, dass jede Fläche vor Fliegen wimmelte, selbst der strohbedeckte Boden. Und genauso viele schienen in der Luft umherzuschwirren.
»Wo kommen die her?«, fragte Rand. Algarin mochte nicht reich sein, aber seine Scheunen und Ställe wurden so sauber wie möglich gehalten. Der stämmige Kerl zuckte schuldbewusst zusammen. Er war jünger als die meisten der Diener, aber sein Haar hatte sich bereits gelichtet, und seine Augen und seine Mundwinkel wiesen tiefe Falten auf.
»Weiß nicht, mein Lord«, murmelte er und führte einen schmutzigen Knöchel an die Stirn. Er konzentrierte sich so sehr auf Rand, dass offensichtlich war, dass er nicht in die Scheune sehen wollte. »Ich bin zur Tür gegangen, um Luft zu schnappen, und als ich mich wieder umdrehte, waren sie da. Ich dachte… ich dachte, es wären vielleicht tote Fliegen.«
Rand schüttelte angewidert den Kopf. Diese Fliegen waren nur zu lebendig. Nicht jeder der Saldaeaner, die diese Scheune verteidigt hatten, war gestorben, aber man hatte alle Gefallenen der Saldaeaner hierher gebracht. Sie mochten es nicht, im Regen begraben zu werden. Keiner von ihnen konnte den Grund dafür nennen, aber man begrub einfach niemanden, solange es regnete. Auf dem Boden lagen neunzehn Männer in einer ordentlichen Reihe, so ordentlich das ging, wenn einigen Gliedmaßen fehlten oder eingeschlagene Schädel aufwiesen. Aber sie waren von ihren Freunden und Kameraden sorgfältig hingelegt worden, die Gesichter gewaschen, die Augen geschlossen. Er war ihretwegen gekommen. Nicht um sich zu verabschieden oder aus anderen sentimentalen Gründen; er hatte keinen dieser Männer persönlich gekannt, lediglich das eine oder andere Gesicht war ihm vertraut. Er war gekommen, um sich in Erinnerung zu rufen, dass selbst etwas, das wie ein vollständiger Sieg erschien, Blut kostete. Und dennoch hatten sie etwas Besseres verdient, als von Fliegen übersät zu sein.
Ich brauche keine Erinnerung, knurrte Lews Therin.
Ich bin nicht du, dachte Rand. Ich muss mich abhärten.
»Logain, schafft die verdammten Mistviecher weg!«, sagte er laut.
Du bist härter, als ich es jemals war, sagte Lews Therin. Plötzlich kicherte er. Wenn du nicht ich bist, wer bist du dann?
»Bin ich jetzt hier die verdammte Fliegenklatsche?«, murm elte Logain.
Rand wirbelte wütend zu ihm herum, aber Alivia sprach, bevor er auch nur ein Wort hervorbringen konnte.
»Lasst es mich versuchen, mein Lord.« In gewisser Weise bat sie, aber sie wartete wie eine Aes Sedai nicht auf die Erlaubnis. Er bekam eine Gänsehaut, als sie Saidar umarmte und die Macht lenkte.