Fliegen suchten selbst vor dem leichtesten Regen Schutz, weil ein Regentropfen ausreichte, um eine Fliege zu Boden zu reißen, was sie zu einer leichten Beute machte, bis ihre Flügel wieder getrocknet waren, aber plötzlich war das Tor mit einer summenden Fliegenmasse erfüllt, als wäre der Regen der Scheune vorzuziehen. Die Luft schien nur noch aus ihnen zu bestehen. Rand schlug Fliegen von seinem Gesicht fort, und Min bedeckte das Gesicht mit den Händen, während Ekel im Bund pulsierte, aber sie waren nur an der Flucht interessiert. In wenigen Augenblicken waren sie alle verschwunden. Der ältere Mann starrte Alivia mit offenem Mund an, dann hustete er plötzlich und spuckte zwei Fliegen in die Hand. Cadsuane warf ihm einen Blick zu, der seinen Mund zuschnappen und den Knöchel an die Stirn fliegen ließ. Nur ein Blick, aber sie war, was sie war.
»Also seht Ihr zu«, sagte sie zu Alivia. Ihre dunklen Augen waren auf das Gesicht der Seanchanerin gerichtet, aber Alivia zuckte nicht zusammen und stotterte auch nicht. Aes Sedai konnten sie nicht so sehr beeindrucken wie andere Leute.
»Und ich erinnere mich an das, was ich sehe. Ich muss ja irgendwie lernen, wenn ich dem Lord Drachen helfen soll. Ich habe mehr gelernt, als Ihr ahnt.« Min gab einen Laut von sich, beinahe ein Knurren aus tiefster Kehle, und Wut schoss durch den Bund, aber die blonde Frau ignorierte sie.
»Ihr seid mir nicht böse?«, fragte sie Rand nervös.
»Nein. Lernt, so viel Ihr könnt. Ihr macht das sehr gut.«
Sie errötete und schlug die Augen wie ein Mädchen nieder, das von einem unerwarteten Kompliment überrascht worden war. Ihre Augenwinkel wiesen feine Fältchen auf, aber manchmal fiel es schwer, nicht zu vergessen, dass sie hundert Jahre älter als jede lebende Aes Sedai und nicht ein halbes Dutzend Jahre jünger als er war. Er musste jemanden finden, der sie weiter unterrichtete.
»Rand al’Thor«, sagte Min ärgerlich, »du wirst doch wohl diese Frau nicht…«
»Deine Sicht irrt dich nie«, unterbrach er sie. »Was du siehst, passiert auch. Du hast versucht, die Dinge zu ändern, und es hat nie funktioniert. Das hast du mir selbst gesagt. Wie kommst du also darauf, dass es diesmal anders sein soll?«
»Weil es anders sein muss«, sagte sie aufgebracht. Sie beugte sich vor, als wollte sie sich auf ihn stürzen. »Weil ich will, dass es anders ist. Weil es anders sein wird. Davon abgesehen weiß ich nicht, ob alles eintrifft, was ich sehe. Menschen verändern sich. Ich habe mich bei Moiraine geirrt. Ich habe alle möglichen Dinge in ihrer Zukunft gesehen, und sie ist tot. Vielleicht sind auch ein paar andere der Dinge, die ich gesehen habe, niemals wahr geworden.«
Es darf diesmal nicht anders sein, keuchte Lews Therin.
Du hast es versprochen!
Ein leichtes Stirnrunzeln erschien auf Logains Gesicht, und er schüttelte den Kopf. Es konnte ihm nicht gefallen, hören zu müssen, dass Min ihre Fähigkeiten in Frage stellte. Beinahe bedauerte es Rand, dass er ihm von ihrer Sicht erzählt hatte, auch wenn es seinerzeit nur eine harmlose Ermunterung zu sein schien. Der Mann hatte doch tatsächlich Aes Sedai gebeten, Mins Gabe zu bestätigen, obwohl er klug genug gewesen war, seine Zweifel nicht vor Rand zum Ausdruck zu bringen.
»Ich verstehe nicht, warum diese junge Frau so leidens chaftlich ist, was Euch betrifft, mein Junge«, sagte Cadsuane nachdenklich. Sie schürzte nachdenklich die Lippen, dann schüttelte sie den Kopf und ließ den Schmuck baumeln.
»Oh, Ihr seid ja ganz attraktiv, schätze ich mal, aber ich kann das einfach nicht nachvollziehen.«
Um weiteren Streit mit Min zu vermeiden — sie nannte das anders, sie bezeichnete es als »Gespräch«, aber er kannte den Unterschied —, holte Rand Verins Brief aus der Tasche und brach das gelbe Wachssiegel, in das der Große Schlang enring eingeprägt war. Die spinnenhafte Handschrift der Braunen Schwester bedeckte den größten Teil der Seite; ein paar Buchstaben waren verschwommen, wo das Papier Regentropfen abbekommen hatte. Er ging zur nächsten Laterne. Sie stank leicht nach ranzigem Öl.
Wie ich bereits gesagt habe, habe ich hier getan, was ich tun konnte. Ich glaube, ich kann meinen Eid Euch gegenüber anderswo besser erfüllen, also bin ich mit Tomas abgereist. Schließlich gibt es viele Möglichkeiten, Euch zu dienen, und viele Notwendigkeiten. Ich bin überzeugt, dass Ihr Cadsuane vertrauen könnt, und Ihr solltet auf ihren Rat hören, aber hütet Euch vor den anderen Schwestern, eingeschlossen denen, die Euch die Treue geschworen haben. Einer Schwarzen Schwester bedeutet dieser Eid gar nichts, und selbst jene, die im Licht wandeln, könnten ihn auf eine Weise interpretieren, die Euch nicht gefallen dürfte. Ihr wisst bereits, dass nur wenige diesen Eid in allen Dingen im Sinne absoluten Gehorsams sehen. Einige mögen andere Schlupflöcher finden. Ob Ihr nun Cadsuanes Rat folgt oder nicht, und ich finde, Ihr solltet ihn befolgen, hört aber auf jeden Fall auf meinen. Seid sehr misstrauisch.
Die Unterschrift lautete schlicht »Verin«.
Er grunzte mürrisch. Nur wenige waren der Meinung, dass der Eid absoluten Gehorsam bedeutete? Wohl eher keine. Für gewöhnlich gehorchten sie, aber das bedeutete nicht, dass sie auch dahinterstanden. Man musste nur Verin als Beispiel nehmen. Sie warnte ihn davor, dass die anderen Dinge taten, die er vermutlich missbilligen würde, aber sie hatte nicht gesagt, wo sie hinging oder was sie dort tun wollte. Fürchtete sie, er würde damit nicht einverstanden sein? Vielleicht war es nur die Geheimniskrämerei einer Aes Sedai. Für Schwestern waren Geheimnisse so natürlich wie das Atmen.
Als er Cadsuane den Brief reichte, zuckte ihre linke Augenbraue. Sie musste wirklich überrascht gewesen sein, um sich so viel anmerken zu lassen, aber sie nahm den Brief und hielt ihn ins Laternenlicht.
»Eine Frau mit vielen Masken«, sagte sie schließlich, als sie den Brief zurückgab. »Aber sie erteilt da einen guten Rat.«
Was hatte das mit den Masken denn zu bedeuten? Er wollte sie danach fragen, aber da erschienen Loial und der Älteste Haman plötzlich in der Tür, jeder mit einer langschäftigen Axt auf der Schulter. Die Pinselohren des weißhaarigen Ogiers waren dicht an den Kopf gelegt, seine Miene war grimmig. Und Loials Ohren zuckten. Vermutlich vor Aufregung, nahm Rand an. Das konnte man nur schwer einschätzen.
»Ich hoffe, wir stören nicht?«, sagte Ältester Haman. Seine Ohren hoben sich, als er traurig auf die Reihe der Toten schaute.
»Überhaupt nicht«, sagte Rand und schob den Brief in die Tasche. »Ich wünschte, ich könnte zu deiner Hochzeit kommen, Loial, aber…«
»Oh, die ist vorbei, Rand«, sagte Loial. Er musste aufgeregt sein; es war ungewöhnlich für ihn, jemanden zu unterbrechen. »Meine Mutter hat darauf bestanden. Es wird nicht einmal Zeit für ein großes Hochzeitsfest geben, vielleicht gibt es sogar gar keines, wegen der Sache mit dem Stumpf und weil ich…« Der ältere Ogier legte ihm die Hand auf den Arm. »Was?«, sagte Loial und sah ihn an.
»Oh. O ja. Natürlich. Gut.« Er rieb sich mit einem Finger von der Größe einer Wurst unter der Nase.
Etwas, das er nicht sagen durfte? Anscheinend hatten selbst Ogier ihre Geheimnisse. Rand berührte den Brief in seiner Tasche. Andererseits hatte die jeder.
»Ich verspreche dir eines, Rand«, sagte Loial. »Was auch immer passiert, ich werde bei Tarmon Gai’don an deiner Seite stehen. Was auch geschieht.«
»Mein Junge«, murmelte Ältester Haman, »ich glaube nicht, dass du so etwas . ..« Er verstummte, schüttelte den Kopf und murmelte etwas Unverständliches; es klang wie ein fernes Erdbeben.
Rand überbrückte in drei Schritten die Distanz zwischen ihnen und streckte die rechte Hand aus. Loial ergriff sie mit einem breiten Lächeln, und bei einem Ogier bedeutete das sehr breit. Aus dieser Nähe musste Rand den Kopf in den Nacken legen, um seinen Freund ansehen zu können. »Danke, Loial. Ich kann dir nicht sagen, wie viel es mir bedeutet, das zu hören. Aber ich brauche dich vorher.«