»Ich habe eine Karte. Sie ist bereits irgendwo in der Nähe, aber sie sagen, das ist kein Teil des von ihnen kontrollierten Landes. Wenn es um Geheimniskrämerei geht, lassen die Seanchaner Aes Sedai so offenherzig wie Bauernmädchen erscheinen.« Cadsuane schnaubte.
»Ihr vermutet eine Falle?« Logain lockerte das Schwert in der Scheide, vielleicht unbewusst.
Bashere winkte ab, aber auch er lockerte das Schwert. »Ich rechne immer mit einer Falle. Das ist es nicht. Die Hochlady Suroth wollte noch immer nicht, dass Manfor oder ich mit jemand anderem außer ihr sprechen. Mit keinem. Unsere Diener waren alles Stumme, genau wie damals, als wir mit Loial nach Ebou Dar gereist sind.«
»Meinem Burschen hatte man die Zunge herausgeschnitt en«, sagte Loial angewidert und legte die Ohren zurück. Seine um die Axt gelegten Knöchel verfärbten sich weiß. Haman gab einen schockierten Laut von sich, seine Ohren wurden so steif wie Zaunpfähle.
»Altara hat gerade einen neuen König gekrönt«, fuhr Bashere fort, »aber im Tarasin-Palast scheint jeder auf Eiern zu gehen und über die Schulter zu blicken. Seanchaner und Altaraner. Selbst Suroth sah aus, als würde sie ein Schwert im Nacken spüren.«
»Vielleicht fürchten sie sich vor Tarmon Gai’don«, meinte Rand. »Oder vor dem Wiedergeborenen Drachen. Ich werde vorsichtig sein müssen. Ängstliche Leute tun törichte Dinge. Wie sehen die Arrangements aus, Bashere?«
Der Saldaeaner zog die Karte aus seinem Mantel, ging zu Rand und entfaltete sie dabei. »Sie sind sehr präzise. Sie wird sechs Sul’dam und Damane mitbringen, aber keine weiteren Diener.« Alivia gab einen Laut wie eine wütende Katze von sich, und er blinzelte, bevor er fortfuhr, sich zweifellos unsicher, wie man eine befreite Damane einzuschätzen hatte, um es höflich auszudrücken. »Ihr könnt fünf Leute mitbringen, die die Macht lenken können. Sie wird annehmen, dass das jeder Eurer Männer kann, aber Ihr könnt auch eine Frau mitbringen, die das nicht kann, damit die Zahl ausgeglichen ist.«
Min stand plötzlich an Rands Seite und legte die Arme um ihn.
»Nein«, sagte er energisch. Er würde sie nicht in eine mögliche Falle mitnehmen.
»Darüber reden wir noch«, murmelte sie, und der Bund füllte sich mit sturer Entschlossenheit.
Die unheilvollsten Worte, die eine Frau außer »Ich bringe dich um« sagen kann, dachte Rand. Plötzlich verspürte er ein Frösteln. Hatte er das überhaupt gedacht? Oder war es Lews Therin gewesen? Der Verrückte kicherte leise in seinem Hinterkopf. Egal. In drei Tagen würde ein Problem gelöst sein. Auf die eine oder andere Weise. »Was gibt es noch, Bashere?«
Nynaeve hob den feuchten Lappen von ihren Augen, und zwar vorsichtig, damit sie sich mit ihrem Armreifen und Ringen nicht in ihrem Haar verfing — mittlerweile trug sie ihn und das Schmuck-Ter’angreal ständig —, und setzte sich auf die Bettkante. Da Männer von fürchterlichen Verletzungen wie beispielsweise abgetrennten Gliedmaßen Geheilt werden mussten, war es kleinlich erschienen, darum zu bitten, von Kopfschmerzen befreit zu werden, aber die Weidenrinde schien ganz gut angeschlagen zu haben. Wenn auch viel langsamer. Tief im Inneren des blassgrünen Edelsteins eines der Ringe schien nun ein schwaches Licht zu glimmen, und er vibrierte unaufhörlich auf ihrem Finger, ohne sich allerdings dabei zu bewegen. Das Muster der Vibrationen veränderte sich, eine Reaktion auf Saidar und Saidin, die beide draußen gelenkt wurden. Allerdings war es durchaus möglich, dass die Macht auch im Haus gelenkt wurde. Cadsuane war davon überzeugt, dass der Stein die Richtung hätte angeben müssen, sie konnte aber nicht sagen, wie das funktionieren sollte. Ha! Cadsuane und ihr angeblich so überlegenes Wissen! Nynaeve wünschte sich, das der Frau ins Gesicht sagen zu können. Es war nicht so, dass die Frau sie einschüchterte, das nun mit Sicherheit nicht, schließlich stand sie über Cadsuane, aber sie wollte ein gewisses Maß an Harmonie bewahren. Das war der einzige Grund, warum sie in ihrer Anwesenheit den Mund hielt.
Die Gemächer, die sie mit Lan teilte, waren großzügig bemessen, aber zugig. Keiner der Fensterrahmen passte genau, und im Laufe der Generationen hatte sich das Haus genug gesetzt, dass die Türen abgeschliffen worden waren, damit sie ordentlich zugingen, aber das hatte nur zu weiteren Spalten geführt, die jeden Windzug durchließen. Das Feuer in dem Steinkamin tanzte, als würde es im Freien brennen, knisterte und ließ Funken aufstieben. Der Teppich war so verblichen, dass sie das Muster nicht mehr erkennen konnte, und er wies mehr Brandlöcher auf, als sie zählen konnte. Das Bett mit den schweren Bettpfosten und dem fadenscheinigen Himmel war groß und stabil, aber die Matratze war voller Knubbel, es stachen mehr Federn durch die Kissen, als dass sie eine weiche Fläche boten, und die Decken schienen mehr aus gestopften Stellen als aus ursprünglichem Stoff zu bestehen. Aber Lan wohnte hier mit ihr, und das machte den ganzen Unterschied aus. Das machte die Räume zu einem Palast.
Er stand an einem der Fenster, wo er seit dem Angriff gestanden hatte, und starrte auf die Arbeit herunter. Vielleicht studierte er auch den Schlachthof, zu dem das Gelände geworden war. Er stand so reglos da, dass er genauso gut eine Statue hätte sein können, ein hochgewachsener Mann in einem gut sitzenden dunkelgrünen Mantel, mit Schultern, die breit genug waren, um die Taille schlank erscheinen zu lassen. Die Lederschnur des Hadori hielt sein schulterlanges schwarzes Haar zurück, das an den Schläfen weiße Spuren aufwies. Ein Mann mit einem harten Gesicht, dennoch wunderschön. Jedenfalls in ihren Augen, sollten andere doch sagen, was sie wollten. Aber besser nicht in ihrer Hörweite. Selbst Cadsuane. Ein Ring mit einem makellosen Saphir an ihrer rechten Hand war kalt. Es erschien wahrscheinlicher, dass er eher Wut statt Feindseligkeit fühlte. Nynaeves Meinung nach wies der Ring einen Fehler auf. Es war schön und gut zu wissen, ob jemand in unmittelbarer Nähe Wut oder Feindseligkeit verspürte, aber das musste nicht bedeuten, dass das Gefühl auch auf einen gerichtet war.
»Es wird Zeit für mich, wieder hinauszugehen und zu helf en«, sagte sie.
»Noch nicht«, erwiderte er, ohne sich vom Fenster abzuwenden. Ring oder nicht, seine tiefe Stimme war ganz ruhig. Und entschlossen. »Moiraine hat immer gesagt, dass Kopfschmerzen ein Zeichen von übermäßigem Machtlenken sind. Das ist gefährlich.«
Ihre Hand tastete nach ihrem Zopf, bevor sie sie wieder nach unten reißen konnte. Als ob er mehr vom Machtlenken verstehen würde als sie! Nun, auf gewisse Weise tat er es. Zwanzig Jahre als Moiraines Behüter hatten ihn so viel über Saidar gelehrt, wie ein Mann darüber wissen konnte. »Meine Kopfschmerzen sind ganz verschwunden. Mir geht es wieder gut.«
»Sei nicht trotzig, meine Liebe. Es sind nur noch wenige Stunden bis zur Abenddämmerung. Morgen wird noch eine Menge Arbeit da sein.« Seine linke Hand umklammerte den Schwertgriff, entspannte sich, verkrampfte sich wieder. Allein die Hand bewegte sich.
Sie presste die Lippen zusammen. Trotzig? Sie glättete wild die Röcke. Sie war nicht trotzig! Wenn sie für sich waren, machte er nur selten sein Recht geltend, ihr etwas befehlen zu können — das Meervolk sollte verflucht sein, sich jemals so etwas ausgedacht zu haben! —, aber wenn er es tat, war er unbeugsam. Natürlich hätte sie trotzdem gehen können. Er würde nicht versuchen, sie mit Gewalt daran zu hind em. Davon war sie überzeugt. Mehr oder weniger. Aber sie hatte nicht vor, auch nur auf die geringste Weise gegen ihr Ehegelöbnis zu verstoßen. Selbst wenn sie ihrem geliebten Mann am liebsten vors Schienbein getreten hätte.
Stattdessen trat sie gegen ihre Röcke, stellte sich neben ihn ans Fenster und hakte sich bei ihm ein. Sein Arm war allerdings so hart wie ein Felsen. Er hatte harte Muskeln, was wunderbar war, aber das war die Härte von Anspannung, als würde er eine große Last stemmen. Wie sehr sie sich doch wünschte, mit ihm durch den Bund vereinigt zu sein, damit er Hinweise gab, was ihn so beschäftigte. Wenn sie Myrelle in die Finger bekam… Nein, es war besser, nicht an dies e Schlampe zu denken! Grüne! Man konnte ihnen einfach nicht vertrauen, wenn es um Männer ging!