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Nicht weit vom Haus entfernt konnte sie zwei dieser schwarz gekleideten Asha’man und die mit ihnen verbundenen Schwestern sehen. Sie war diesem Haufen nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen. Den Asha’man aus offensichtlichen Gründen, den Schwestern, weil sie zu Elaidas Partei gehörten. Aber man konnte nicht in einem Haus wohnen und vermeiden, sie zu erkennen — nicht einmal in einem Haus, das so groß und weitläufig wie Algarins war. Arel Malevin war ein Cairhiener, der noch breiter erschien, als er tatsächlich war, weil er Lan kaum bis zur Brust reichte, Donalo Sandomere war ein Tairener mit einem Granat im linken Ohr und einem spitz zulaufenden, geölten Bart, obwohl sie stark bezweifelte, dass sein faltiges, wettergegerbtes Gesicht einem Adligen gehörte. Malevin war den Bund mit Aisling Noon eingegangen, einer Grünen mit feurigen Augen, die ihre Worte gelegentlich mit Grenzländer-Flüchen würzte, die manchmal selbst Lan zusammenzucken ließen. Nynaeve wünschte sich, sie verstehen zu können, aber er weigerte sich, sie ihr zu erklären. Sandomeres Gefangene war Ayako Norsoni, eine winzige Weiße mit gewelltem, taillenlangen schwarzen Haar, die fast eine so braune Hautfarbe wie eine Domani aufwies. Sie erschien schüchtern, eine Selt enheit unter Aes Sedai. Beide Frauen trugen ihre mit Fransen besetzten Stolen. Das taten die Gefangenen fast immer, vielleicht als Trotzgeste. Andererseits schienen sie wider Erwarten gut mit den Männern auszukommen. Nynaeve hatte oft beobachtet, wie sie kameradschaftlich miteinander plauderten, kaum das Verhalten trotziger Gefangener. Und sie hatte ebenfalls den Verdacht, dass Logain und Gabrelle nicht das einzige Paar waren, die ohne verheiratet zu sein das Bett teilten. Es war eine Schande!

Plötzlich flammten unten Feuer auf, sechs hüllten vor Malevin und Aisling tote Trollocs ein, sieben vor Sandomere und Ayako, und der blendende Glanz ließ sie die Augen zusammenkneifen. Es war, als würde man in dreizehn Mittagssonnen an einem wolkenlosen Himmel blicken. Sie alle waren miteinander verknüpft. Das erkannte sie an der Art und Weise, wie sich die Ströme aus Saidar bewegten, ganz steif, als würde sie an Ort und Stelle gezwungen statt gelenkt. Das heißt, die Männer versuchten, sie zu zwingen. Das funktionierte nie bei der weiblichen Hälfte der Macht. Es war reines Feuer, und es loderte wie wild, wilder, als sie von Feuer allein erwartet hätte. Aber natürlich würden sie auch Saidin benutzen, und wer vermochte schon zu sagen, was die Männer aus diesem mörderischen Chaos hinzufügten? Das Wenige, an das sie sich noch von der Verknüpfung mit Rand erinnern konnte, hatte jedes Verlangen in ihr ausgelöscht, sich jemals wieder auch nur in die Nähe von dem zu begeben. Die Feuer lösten sich innerhalb weniger Minuten in nichts auf, ließen bloß kleine gräuliche Aschehäufchen auf verbranntem Erdboden zurück, der hart und gesprungen aussah. Das konnte nicht gut für den Boden sein.

»Du kannst das doch nicht unterhaltsam finden, Lan. Was denkst du?«

»Nichts Besonderes«, sagte er, und der Arm unter ihrer Hand war so hart wie Stein. Draußen flammten die nächsten Feuer auf.

»Verrate es mir.« Sie schaffte es, den Hauch einer Frage in die Worte zu legen. Die Natur ihres Gelöbnisses schien ihn zu amüsieren, dennoch weigerte er sich kategorisch, auch nur den unbedeutendsten Anordnungen zu folgen, wenn sie allein waren. Bitten erfüllte er auf der Stelle — nun, jedenfalls größtenteils —, aber er würde seine Stiefel schlammbeschmiert lassen, bis der Schlamm abblätterte, wenn sie ihm befa hl, keinen Dreck mit hereinzutragen.

»Es sind unerfreuliche Gedanken, aber wenn du es möchtest. Die Myrddraal und Trollocs lassen mich an Tarmon Gai’don denken.«

»Unerfreuliche Gedanken, fürwahr.«

Er starrte weiter aus dem Fenster und nickte. Seine Miene war völlig ausdruckslos — Lan konnte einer Aes Sedai noch etwas beibringen, wenn es darum ging, Gefühle zu verbergen! —, aber eine Spur Leidenschaft schlich sich in seine Stimme. »Es kommt bald, Nynaeve, al’Thor hingegen scheint der Ansicht zu sein, er hätte alle Zeit der Welt, um mit den Seanchanern zu tanzen. Während wir hier stehen, könnte Schattengezücht durch die Fäule nach Süden ziehen, nach Süden durch…« Er schloss ruckartig den Mund. Nach Süden durch Malkier, hätte er beinahe gesagt, durch das tote Malkier, das ermordete Land seiner Geburt. Davon war sie überzeugt. Er fuhr fort, als wäre er nie verstummt. »Sie könnten morgen gegen Schienar zuschlagen, gegen alle Grenzländer, morgen oder nächste Woche. Und al’Thor sitzt da und spinnt seine seanchanischen Pläne. Er sollte jemanden zu König Easar und den anderen schicken, um sie davon zu überzeugen, dass sie wieder ihre Pflicht an der Fäule aufnehmen. Er sollte sämtliche Streitkräfte zusammenziehen, an die er herankommt, und sie in die Fäule führen. Dort wird die Letzte Schlacht stattfinden, und in Shayol Ghul. Do rt ist der Krieg.«

In ihr stieg Trauer auf, aber es gelang ihr, sie aus ihrer Stimme zu halten. »Du musst zurückgehen«, sagte sie leise.

Endlich wandte er den Kopf, blickte stirnrunzelnd zu ihr herunter. Seine blauen Augen waren so kalt. In ihnen stand weniger Tod geschrieben, als früher der Fall gewesen war, davon war sie überzeugt, aber sie waren noch immer so kalt. »Mein Platz ist an deiner Seite. Herz meines Herzens. Immer und ewig.«

Sie sammelte ihren ganzen Mut und hielt ihn fest, so fest, dass es wehtat. Sie wollte schnell sprechen, die Worte herausbekommen, bevor sie der Mut wieder verließ, aber sie zwang sich zu einem ruhigen, gesetzten Tonfall. »Du hast mir einmal ein Grenzländersprichwort gesagt. ›Der Tod ist leichter als eine Feder, die Pflicht aber schwerer als ein Berg.‹ Meine Pflicht liegt hier, dafür zu sorgen, dass Alivia Rand nicht umbringt. Aber ich werde dich zu den Grenzländern bringen. Dort liegt deine Pflicht. Willst du nach Schienar? Du hast König Easar und Schienar erwähnt. Und es liegt näher bei Malkier.«

Er schaute lange auf sie herab, aber schließlich atmete er leise aus, und die Anspannung verschwand aus seinem Arm.

»Bist du dir sicher, Nynaeve? Wenn du es bist, dann ja, Schienar. In den Trolloc-Kriegen hat der Schatten den Tarwinpass oft dazu benutzt, viele Trollocs durchzuschleusen, genau wie vor ein paar Jahren, als wir nach dem Auge der Welt gesucht haben. Aber nur, wenn du dir auch ganz sicher bist.«

Nein, sie war sich nicht sicher. Sie wollte weinen, ihn anschreien, dass er ein Narr war, dass sein Platz an ihrer Seite war, statt allein in einem sinnlosen Privatkrieg gegen den Schatten zu sterben. Aber sie konnte nichts davon sagen. Bund oder nicht, sie wusste, dass er innerlich hin und hergerissen war, hin und hergerissen zwischen der Liebe zu ihr und seiner Pflicht, innerlich zerrissen und genauso am Bluten, als hätte man ihn mit einem Schwert durchbohrt. Sie konnte seinen Wunden keine neuen hinzufügen. Aber sie konnte versuchen, dafür zu sorgen, dass er überlebte.

»Würde ich dieses Angebot machen, wenn ich nicht sicher wäre?«, sagte sie trocken und war überrascht, wie ruhig sie klang. »Es wird mir nicht gefallen, dich weggeschickt zu haben, aber du hast deine Pflicht und ich die meine.«

Er legte die Arme um sie und drückte sie an die Brust, zuerst ganz zärtlich, dann fester, bis sie glaubte, er würde ihr die Luft aus den Lungen drücken. Es war ihr egal. Sie erwiderte die Umarmung genauso fest und musste ihre Hände mit Gewalt von seinem breiten Rücken losreißen, als sie fertig war. Beim Licht, sie wollte weinen. Und wusste, dass sie es nicht durfte.