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»Mein Name ist Nynaeve ti al’Meara Mandragoran. Ich will folgende Botschaft verschickt haben. Mein Ehemann reitet von Weltende auf den Tarninpass zu, auf Tarmon Gai’don zu. Wird er allein reiten?«

Er zitterte. Er wusste nicht, ob er lachte oder weinte. Verm utlich beides. Sie war seine Frau? »Ich werde Eure Botschaft schicken, meine Lady, aber das hat nichts mit mir zu tun. Ich bin Kaufmann. Malkier ist tot. Tot, sage ich Euch.«

Das Feuer in ihrem Blick schien noch heißer zu werden, und sie griff mit einer Hand nach ihrem langen, dicken Zopf.

»Lan hat mir einst gesagt, dass Malkier lebt, solange ein Mann mit seinem Hadori den Schwur erfüllt, dass er gegen den Schatten kämpft, solange eine Frau mit ihrem Ki’sain den Schwur erfüllt, dass sie ihre Söhne ausschickt, um gegen den Schatten zu kämpfen. Ich trage den Ki’sain, Meister Aldragoran. Mein Ehemann trägt den Hadori. Ihr auch. Wird Lan Mandragoran allein in die Letzte Schlacht reiten?«

Er lachte, er schüttelte sich vor Lachen aus. Er konnte fühl en, wie ihm die Tränen die Wangen hinunterliefen. Es war Wahnsinn! Völliger Wahnsinn! Aber er konnte nichts dagegen tun. »Das wird er nicht, meine Lady. Ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber ich schwöre Euch beim Licht und bei meiner Hoffnung auf Wiedergeburt und Errettung, dass er nicht allein reiten wird.« Sie studierte einen Augenblick lang sein Gesicht, dann nickte sie nachdrücklich und wandte sich ab. Er griff nach ihr. »Darf ich Euch Wein anbiet en, meine Lady? Meine Frau wird Euch kennenlernen wollen.« Alida war Saldaeanerin, aber sie würde auf jeden Fall die Frau des Ungekrönten Königs kennenlernen wollen.

»Vielen Dank, Meister Aldragoran, aber ich muss heute noch einige Städte besuchen, und ich muss heute Abend wieder in Tear sein.«

Er blinzelte ihr hinterher, als sie zur Tür rauschte. Sie musste heute noch mehrere Städte besuchen, und sie musste heute Abend wieder in Tear sein? Aes Sedai konnten Wunder wirken!

In dem Gemeinschaftsraum herrschte Stille. Sie hatten nicht leise gesprochen, und selbst das Mädchen hatte aufgehört, ihre Zimbel zu spielen. Jeder starrte ihn an. Den meisten Ausländern stand der Mund offen.

»Nun, Managan, Gorenellin«, sagte er, »wisst ihr noch, wer ihr seid? Erinnert ihr euch an euer Blut? Wer reitet mit mir zum Tarwinpass?«

Einen Augenblick lang glaubte er, dass keiner der Männer sprechen würde, aber dann sprang Gorenellin mit Tränen in den Augen auf die Füße. »Der Goldene Kranich fliegt für Tarmon Gai’don«, sagte er leise.

»Der Goldene Kranich fliegt für Tarmon Gai’don!«, rief Managan und sprang so schnell auf, dass er seinen Stuhl umkippte.

Lachend fiel Aldragoran ein, sie alle drei schrien aus voll em Halse. »Der Goldene Kranich fliegt für Tarmon Gai’don!«

21

Im Stein

Die schlammigen Straßen der Vorstadt wichen an der Mauer von Tear Kopfsteinpflaster. Das Erste, was Rand auffiel, war die Abwesenheit von Wachtposten. Trotz der Festungswälle mit ihren Türmen war die Stadt weniger wehrhaft als das Stedding Shangtai, wo man ihm und jedem Menschen im Morgengrauen freundlich, aber bestimmt den Eintritt verweigert hatte. Hier waren die Schützengänge auf den Türmen verwaist. Die Tür des rechteckigen grauen Wachhauses direkt hinter dem breiten Tor stand weit geöffnet; dort saß eine hartgesichtige Frau in einem grauen Wollkleid mit hochgeschobenen Ärmeln an einem Waschzuber und schrubbte Wäsche auf dem Waschbrett. Sie schien dort eingezogen zu sein; zwei kleine, schmutzige Kinder, die an den Daumen lutschten, starrten ihn und seine Gefährten mit großen Augen an. Oder zumindest ihre Pferde.

Tai’daishar bot einen spektakulären Anblick, ein schlanker schwarzer Hengst mit gewaltiger Brust, ein Pferd, das auffiel, trotzdem hatte er sich für dieses Tier entschieden. Wenn ihn die Verlorenen so leicht finden konnten wie in Algarins Herrenhaus, ergab jedes Versteckspiel nicht viel Sinn. Oder zumindest jede größere Anstrengung, unerkannt bleiben zu wollen. Er trug schwarze Reithandschuhe, um die Drachenköpfe auf seinen Handrücken und die Reiher in seinen Handflächen zu verbergen. Sein Mantel bestand aus dunkelgrauer Wolle ohne die geringste Stickerei, die Satteldecke des Hengstes war schlicht, und Schwertgriff und Scheide waren in schmuckloses Eberleder gehüllt, seit sie in seinen Besitz gekommen waren; nichts, was einen zweiten Blick lohnte. Cadsuane trug schlichtes graues Tuch und hatte die Kapuze ihres dunkelgrünen Umhangs hochgeschlagen, um ihr Aes-Sedai-Gesicht zu verhüllen, aber Min, Nynaeve und Alivia mussten sich nicht verstecken. Auch wenn Mins blumenbestickter roter Mantel und die engen Hosen möglicherweise die Blicke auf sich zogen, ganz zu schweigen von ihren hochhackigen roten Stiefeln. Rand hatte in Cairhien Frauen gesehen, die sich ähnlich anzogen und sie nachahmten, aber es erschien unwahrscheinlich, dass ihr Stil auch in Tear populär wurde, da hier großer Wert auf Schicklichkeit gelegt wurde. Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Nynaeve trug gelb geschlitzte blaue Seide und all ihren Schmuck, den der blaue Umhang kaum verdeckte, aber in Tear würde es viel blaue Seide geben. Sie hatte ihre Stola anlegen wollen! Allerdings steckte sie in der Satteltasche. Jede größere Anstrengung, unerkannt zu bleiben. In der Tat.

Das Zweite, was ihm auffiel, war das Geräusch, ein rhythm isches Klappern, das in regelmäßigen Abständen von einem durchdringenden Pfeifen begleitet wurde. Zuerst nur leise, schien es sich schnell zu nähern. Trotz der frühen Stunde waren die Straßen bevölkert, soweit er es von den Toren aus sehen konnte. Die Hälfte der sichtbaren Menschen schienen vom Meervolk zu stammen, die Männer mit nacktem Oberkörper, die Frauen in hellen Leinenblusen. Sie alle trugen lange Schärpen, die farbiger waren als jene, die die tairenischen Bürger trugen. Jeder Kopf schien dem Geräusch zugewandt zu sein. Kinder flitzten in der Menge umher, wichen größtenteils von Ochsen gezogenen Karren aus und rasten auf das Geräusch zu. Mehrere gut gekleidete Männer und Frauen waren aus ihren Sänften gestiegen und standen neben den Trägern, um zuzusehen. Ein Kaufmann mit einem Gabelbart und Silberketten auf der Brust lehnte sich zur Hälfte aus dem Fenster einer rot lackierten Kutsche und brüllte seinen Fahrer an, das nervös tänzelnde Gespann zu beruhigen, während er versuchte, besser sehen zu können.

Weiße Tauben stiegen plötzlich von schrägen Schieferdächern auf, aufgeschreckt von einem besonders schrillen Pfeifen. Und zwei große Schwärme kollidierten miteinander und bombardierten die Menschen auf der Straße mit benommenen Vögeln.

Jeder einzelne Vogel stürzte in die Tiefe.

Ein paar Leute hörten tatsächlich auf, in die Richtung des näher kommenden Geräuschs zu starren, und schauten stattdessen in den Himmel. Eine überraschend große Zahl von ihnen rissen abgestürzte Vögel vom Pflaster und drehten ihnen die Hälse um, und es waren nicht nur barfüßige Leute in fadenscheiniger Wolle. Eine Frau in Seide und Spitze neben einer der Sänften sammelte schnell ein halbes Dutzend, bevor sie wieder in Richtung des Geräusches schaute. Vögel baumelten von ihren Händen.

Alivia gab einen überraschten Laut von sich. »Ist das Pech oder Glück?«, fragte sie. »Es muss Pech sein. Es sei denn, die Tauben hier sind anders?« Nynaeve warf ihr einen unwirschen Blick zu, sagte aber kein Wort. Seit Lans Verschwinden am Vortag war sie sehr still gewesen, ein Thema, zu dem sie erst recht eisern schwieg.

»Einige dieser Leute werden verhungern«, sagte Min traurig. Der Bund zitterte vor Trauer. »Bei jedem Einzelnen von ihnen kann ich etwas sehen.«

Wie kann ich mich verstecken! Lews Therin lachte. Ich bin ein Ta’veren!

Du bist tot!, dachte Rand scharf. Menschen vor ihm würden verhungern, und er lachte? Natürlich würde man nichts machen können, nicht, wenn Min es sagte, aber zu lachen war eine andere Sache. Ich bin Ta’veren. Ich!