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Was geschah noch in Tear wegen seiner Anwesenheit? Sein Wirken als Ta’veren zeigte nicht immer eine Wirkung, aber wenn es das tat, konnte das Resultat eine ganze Stadt betreffen. Es war besser, das zu erledigen, weswegen er hergekommen war, bevor die falschen Leute herausfanden, was Dinge wie miteinander kollidierende Tauben zu bedeuten hatten. Wenn die Verlorenen Trolloc-Heere gegen ihn losschickten, konnte man davon ausgehen, dass Schattenfreunde jede Gelegenheit ergriffen, ihm einen Pfeil in den Leib zu jagen. Sich wenig Mühe zu geben, sich zu verbergen, war nicht das Gleiche, als sich gar keine Mühe zu geben.

»Ihr hättet genauso gut das Banner des Lichts und eine taus end Mann starke Ehrengarde mitbringen können statt nur sechs Leute«, murmelte Cadsuane trocken und warf einen Blick auf die Töchter, die so taten, als hätten sie nichts mit Rands Gruppe zu tun, während sie einen großen Kreis um ihn bildeten, die Shoufa um die Köpfe geschlungen, die Schleier auf der Brust. Zwei waren Shaido, die immer wild blickten, wenn sie ihn ansahen. Die Speere der Töchter steckten hinter den Riemen ihrer Bogenfutterale auf dem Rücken, aber auch nur, weil Rand angedroht hatte, sie zurückzulassen und andere mitzunehmen. Nandera hatte auf zumindest einigen Töchtern beharrt und ihn mit Augen so hart wie Smaragde angesehen. Er hatte nicht einmal daran gedacht, sich zu weigern. Als das einzige Kind einer Tochter, das die Töchter je kennengelernt hatten, hatte er Verpflichtungen zu erfüllen.

Er nahm Tai’daishars Zügel, und plötzlich kam ein großer Wagen voller Maschinen zischend und klappernd in Sicht, breite, eisenbeschlagene Räder schlugen Funken auf dem grauen Kopfsteinpflaster, während er so schnell wie ein Mann im Dauerlauf auf der Straße fuhr. Die Maschinen schwitzten Dampf; ein schwerer Holzschaft fuhr auf und nieder und bewegte einen weiteren, vertikalen Schaft; grauer Holzrauch quoll aus einem Eisenschornstein, aber vorn war kein Pferd zu sehen, sondern nur eine seltsame Ruderpinne, die die Räder lenkte. Einer der drei Männer, die auf dem Wagen standen, zog an einer langen Schnur, und aus einer Röhre auf einem gewaltigen Eisenzylinder entwich mit einem schrillen Pfeifen Dampf. Die Zuschauer sahen ehrfürchtig zu oder bedeckten sich die Ohren, aber das Gespann des Kaufmanns mit dem Gabelbart hatte daran kein Interesse. Die Pferde wieherten schrill, dann gingen sie durch, ließ en Leute auseinanderspritzen und schleuderten beinahe den Passagier heraus. Flüche folgten ihnen, und mehrere blökende Maultiere galoppierten mit ihren Karren los, während die Fahrer sich gegen die Zügel stemmten. Selbst ein paar Ochsen trotten schneller daher. Mins Erstaunen erfüllte den Bund.

Auch Rand starrte erstaunt — während er den schwarzen Hengst mit einem Schenkeldruck kontrollierte. Tai’daishar war ein ausgebildetes Schlachtross und reagierte augenblicklich, auch wenn er schnaubte. Anscheinend hatte Meister Poel seinen Dampfwagen tatsächlich zum Laufen gebracht.

»Aber wie ist das Ding nach Tear gekommen?«, fragte er laut. Als er es das letzte Mal gesehen hatte, hatte es in der Akademie von Cairhien gestanden und war alle paar Schritte stehen geblieben.

»Man nennt das ein Dampfpferd, mein Lord«, sagte ein barfüßiger Straßenjunge mit schmutzigem Gesicht und zerlumptem Hemd, der auf und ab hüpfte. Selbst die Schärpe, die seine weiten Hosen hielt, schien aus fast so vielen Löchern wie Stoff zu bestehen. »Ich habe es neunmal gesehen! Cam da vorn hat ihn bloß siebenmal gesehen!«

»Ein Dampfwagen, Doni«, warf sein genauso zerlumpter Gefährte ein. »Ein Dämpfungen.« Keiner von ihnen konnte älter als zehn sein, und sie waren eher hager als dürr. Ihre schlammverdreckten Füße, zerrissenen Hemden und löcherigen Hosen bedeuteten, dass sie von außerhalb der Mauern kamen, wo die ärmsten Leute lebten. Rand hatte einige Gesetze Tears geändert, vor allem jene, die besonders die Armen schwer knechteten, aber er hatte nicht alles verändern können. Er hatte nicht einmal gewusst, wo er überhaupt anfangen sollte. Lews Therin fing an, sich über Steuern und Geld, das Arbeitsplätze schaffte, auszulassen, aber er hätte genauso gut Worte aufs Geratewohl von sich geben können, so viel Sinn ergaben sie. Rand dämpfte die Stimme, bis sie bloß ein Summen war, eine Fliege in der anderen Zimmerhälfte.

»Vier von ihnen zusammengebunden, einer hinter dem anderen, haben hundert Wagen den ganzen Weg von Cairhien hergezogen«, fuhr Doni fort und ignorierte den anderen Jungen. »Sie haben fast hundert Meilen am Tag zurückgelegt, mein Lord. Hundert Meilen!«

Com seufzte schwer. »Es waren sechs von ihnen, Doni, und sie haben nur fünfzig Wagen gezogen, aber sie haben jeden Tag mehr als hundert Meilen zurückgelegt. Manchmal hundertzwanzig Meilen, habe ich gehört, und das hat einer der Dampfmänner gesagt.« Doni drehte sich um und starrte ihn finster an, sie ballten die Fäuste.

»Es ist auf jeden Fall eine erstaunliche Leistung«, sagte Rand schnell, bevor sie sich zu prügeln anfingen. »Hier.«

Er griff in die Manteltasche, zog zwei Münzen heraus und warf jedem der Jungen eine zu, ohne auf ihren Wert zu achten. Gold funkelte in der Luft, bevor die Jungen begierig nach den Münzen griffen. Sie tauschten überraschte Blicke aus, dann rannten sie so schnell sie konnten durch das Tor, ohne jeden Zweifel von der Furcht erfüllt, dass er die Münzen zurückverlangen würde. Von so viel Gold konnten ihre Familien monatelang leben.

Min sah ihnen mit einer Trauer nach, die im Bund noch nachhallte, nachdem sie den Kopf geschüttelt und ihre Miene wieder unter Kontrolle gebracht hatte. Was hatte sie gesehen? Vermutlich den Tod. Rand verspürte Wut, aber keine Trauer. Wie viele Zehntausende würden sterben, bevor die Letzte Schlacht vorbei war? Wie viele würden Kinder sein? In ihm war kein Platz für Trauer mehr übrig.

»Sehr großzügig«, sagte Nynaeve mit angespannter Stimme, »aber wollen wir hier den ganzen Tag lang herumstehen?« Der Dampfwagen verschwand schnell aus der Sicht, aber ihre kräftige braune Stute schnaubte noch immer nervös und warf den Kopf hoch, und sie hatte Schwierigkeiten mit dem Tier, so friedlich seine Natur auch sonst war. Sie war bei weitem keine so gute Reiterin, wie sie dachte. Was das anging, Mins Reittier, eine graue Stute aus Algarins Ställ en, tänzelte so sehr, dass nur Mins fester Griff an den Zügeln sie vom Durchgehen abhielt, und Alivias Rotschimmel wollte tänzeln, aber die ehemalige Damane kontrollierte das Tier so leicht wie Cadsuane ihren Braunen. Manchmal zeigte Alivia überraschende Talente. Von Damane wurde erwartet, dass sie gut reiten konnten.

Auf dem Weg in die Stadt warf Rand dem verschwindend en Dampfwagen einen letzten Blick hinterher. Bemerkenswert traf es nicht einmal annähernd. Einhundert Wagen oder nur fünfzig — nur! —, unglaublich kam dem schon näher. Würden Kaufleute anfangen, diese Dinger statt Pferden zu benutzen? Das erschien unwahrscheinlich. Kaufleute waren konservativ, nicht dafür bekannt, sich auf neue Methoden zu stürzen. Aus irgendeinem Grund fing Lews Therin wieder an zu lachen.

Tear war nicht so wunderschön wie Caemlyn oder Tar Valon, und nur wenige seiner Straßen konnte man als breit bezeichnen, aber es war groß und weitläufig, eine der großen Städte der Welt, und wie die meisten großen Städte stellte es ein Durcheinander dar, das zufällig gewachsen war. In den verworrenen Straßen standen schindelgedeckte Gasthäuser und schiefergedeckte Ställe, deren Dachkanten scharfe Winkel aufwiesen, neben Palästen mit weißen Kuppeln und hohen, von Baikonen gesäumten Türmen, die oft spitz zuliefen, und die hohen Kuppeln und Türme funkelten im Licht der Morgensonne. Schmieden und Messerschmieden, Näherinnen und Metzger, Fischhändler und Teppichläden drängten sich an Marmorgebäude mit hohen Bronzetoren hinter massiven weißen Säulen, Gildenhallen und Banken und Kaufmannsbörsen.