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Zu dieser Stunde lagen die Straßen noch in tiefe Schatten gehüllt, dennoch wimmelten sie mit jener sprichwörtlichen südlichen Geschäftigkeit. Sänften suchten sich ihren Weg fast genauso schnell durch die Menge wie die spielenden Kinder, während Kutschen mit vier oder sechs Pferden genauso langsam vorankamen wie die Karren und Wagen, die größt enteils von großen Ochsen gezogen wurden. Träger trotteten vorbei, die Lasten an Stangen gehängt, die auf den Schultern von zwei Männern ruhten, und Lehrlinge trugen zusammengerollte Teppiche und Kisten mit der Arbeit ihrer Meister auf dem Rücken. Straßenhändler priesen lautstark ihre Waren auf den Bauchläden oder Schubkarren an, Nadeln und Schleifen, geröstete Nüsse und Fleischpasteten, und an fast jeder Ecke standen Jongleure und Musikanten. Man wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass sich diese Stadt im Belagerungszustand befand.

Aber nicht alles war friedlich. Trotz der frühen Stunde sah Rand lärmende Betrunkene, die aus Schenken und Gasthäusern geworfen wurden, und so viele Männer, die sich auf dem Straßenpflaster balgten, dass es den Anschein hatte, dass das eine Paar noch nicht außer Sicht war, bevor man auf das nächste stieß. In der Menge waren viele Waffenmänner zu sehen, Schwerter an den Hüften und die dicken Ärmel ihrer Wollmäntel mit den Streifen diverser Hausfarben versehen, aber selbst jene mit Brustharnischen und Helmen machten keine Anstalten, die Kämpfe zu beenden. In etliche waren die Waffenmänner selbst verwickelt, sie kämpften gegeneinander, mit dem Meervolk, mit einfach gekleideten Burschen, die möglicherweise Tagelöhner oder Lehrlinge waren. Soldaten, die nichts zu tun hatten, langweilten sich schnell, und gelangweilte Soldaten betranken sich und rauften. Rand war froh, die Waffenmänner der Rebellen gelangweilt zu sehen.

Die Töchter, die sich ihren Weg durch die Menge suchten und noch immer so taten, als würden sie nicht zu Rand gehören, zogen verblüffte Blicke auf sich, vor allem von dem dunkelhäutigen Meervolk. Einige Kinder folgten ihnen sogar und starrten sie an. Die Tairener, von denen viele kaum hellhäutiger als das Meervolk waren, hatten schon Aiel gesehen, und falls sie sich fragten, warum sie wieder in der Stadt waren, beschäftigten sie heute Morgen anscheinend wichtigere Dinge. Niemand schien für Rand oder seine anderen Gefährten einen zweiten Blick übrig zu haben. Auf der Straße waren noch andere Männer und Frauen zu Pferd, die meisten davon Ausländer, hier ein blasser cairhienischer Kaufmann in einem dunklen Mantel, dort ein Arafelianer mit Silberglöckchen an seinen dunklen Zöpfen, hier eine kupferhäutige Domani in einem beinahe durchsichtigen Reitgewand, das kaum von ihrem Umhang verhüllt wurde, begleitet von zwei riesigen Leibwächtern in Ledermänteln mit aufgenähten Stahlscheiben, und dort ein fetter Schienarer mit bis auf einen grauen Haarschopf glatt rasiertem Kopf. Man konnte in Tear keine zehn Schritte gehen, ohne einen Ausländer zu sehen. Der tairenische Handel hatte lange Arme.

Was nicht bedeutete, dass Rand die Stadt ohne jeden Zwis chenfall durchquerte. Vor ihm stolperte ein laufender Bäckerbursche, fiel und schleuderte seinen Korb in die Luft; als sich der Junge aufrappelte, ritt Rand gerade vorbei, und er hielt mitten in der Bewegung mit offen stehendem Mund inne und starrte die langen Brote an, die ganz in der Nähe des Korbes alle aufrecht standen und in etwa einen Kegel bildeten. Ein Bursche in Hemdsärmeln, der im ersten Stock eines Gasthauses am offenen Fenster stand und trank, verlor das Gleichgewicht und fiel mit einem Aufschrei auf die Straße, der verstummte, als er keine zehn Schritte von Tai’daishar entfernt auf den Füßen landete, den Becher noch immer in der Hand. Rand ließ ihn zurück, wie er sich erstaunt und mit noch immer weit aufgerissenen Augen betastete. Wellen veränderter Wahrscheinlichkeiten folgten Rand und breiteten sich in der ganzen Stadt aus.

Nicht jedes Ereignis würde so harmlos wie die Brotlaibe sein oder so nützlich wie der Mann, der auf den Füßen statt auf dem Kopf landete. Diese Wellen konnten eine harmlose Rauferei ohne blaue Flecken in eine mit Knochenbrüchen oder einem gebrochenen Genick verwandeln. Lebenslange Fehden konnten von Männern ausgelöst werden, die Worte sprachen, von denen sie nie geglaubt hätten, dass sie ihnen jemals über die Lippen kommen würden. Frauen konnten sich entscheiden, ihre Ehemänner wegen trivialer Streitereien zu vergiften, die sie jahrlang geduldig ertragen hatten. Oh, möglicherweise entdeckte irgendjemand in seinem Keller einen vergrabenen und verrotteten Sack voller Gold, ohne zu wissen, warum er eigentlich auf die Idee gekommen war, dort zu graben, oder ein Mann bat um die Hand einer Frau, die er zuvor sich niemals getraut hatte anzusprechen, und erhielt sie, aber genauso viele, wie ihr Glück fanden, würden ihren Ruin erleben. Gleichgewicht, hatte Min es genannt. Etwas Gutes, das jedes Schlechte wieder ausglich. Er hingegen sah es als etwas Schlechtes, das jedes Gute wieder ausglich. Er musste seine Geschäfte in Tear erledigen und so schnell wie möglich wieder abreisen. In diesen belebten Straßen zu galoppieren war unmöglich, aber er beschleunigte sein Tempo genug, dass die Töchter in den Laufschritt verfielen.

Sein Ziel war lange vor dem Betreten der Stadt in Sicht gewesen, eine Masse aus Stein, die einem leblosen, steil aufragenden Berg ähnelte, der sich vom Wasser des Erinin bis in das Herz der Stadt erstreckte und mindestens zwei Quadratmeilen oder mehr in Anspruch nahm und die Stadt dominierte. Der Stein von Tear war die älteste Festung der Menschheit, das älteste Bauwerk der Welt, erschaffen in den letzten Tagen der Zerstörung der Welt mit Hilfe der Einen Macht. Er war ein solider Stein, ohne die kleinste Fuge; allerdings hatten mehr als dreitausend Jahre Regen und Wind die Oberfläche verwittert. Die ersten Wehrmauern ragten hundert Schritte über den Boden, jedoch gab es viel tiefer genügend Schießscharten und Pechnasen, die Angreifer mit siedendem Öl oder geschmolzenem Blei übergießen konnten. Kein Belagerer konnte verhindern, dass der Stein durch seine eigenen, gut geschützten Docks versorgt wurde, und es gab in ihm Schmieden und Fabriken, um jede vorstellbare Waffe zu reparieren oder zu ersetzen, sollten sich seine Waffenkammern leeren. Sein höchster Turm, der aus der Mitte des Steins herausragte, hielt das Banner von Tear, je zur Hälfte rot und golden mit silbernen Halbmonden in einer schrägen Reihe, und es war so groß, dass man es deutlich in der starken Brise flattern sehen konnte. Sie musste stark sein, um diese Flagge bewegen zu können. Tiefere Türme wiesen kleinere Exemplare auf, aber auf ihnen gab es auch ein anderes Banner, das uralte Symbol der Aes Sedai. Schwarz und Weiß auf rotem Grund. Das Banner des Lichts. Manche bezeichneten es auch als das Drachenbanner, als gäbe es nicht bereits ein anderes, das diesen Namen trug. Hochlord Darlin stellte seine Untertanenpflicht anscheinend zur Schau. Das war gut so.

Alanna hielt sich dort auf, und ob das gut oder schlecht war, würde sich noch zeigen. Seit Elayne und Aviendha und Min gemeinsam mit ihm den Bund eingegangen waren, war er sich ihr nicht mehr so deutlich bewusst — er glaubte es zumindest; die anderen hatten sie irgendwie zur Seite gedrängt, um sich an die erste Stelle zu setzen, und sie hatte ihm gesagt, sie könnte kaum noch mehr als seine Gegenwart spüren —, aber sie war noch immer in seinem Hinterkopf, ein Bündel aus Gefühlen und körperlichen Empfindungen. Es schien lange her zu sein, dass er nahe genug gewesen war, um sie zu spüren. Wieder fühlte sich der Bund mit ihr wie ein Eindringling an, ein Möchtegern-Usurpator seines Bundes mit Elayne, Aviendha und Min. Alanna war müde, so als hätte sie in letzter Zeit möglicherweise nicht genug Schlaf bekommen, und sie war verbittert, ein Gefühl, das von starker Wut und Trotz durchsetzt war. Liefen die Verhandlungen so schlecht? Er würde es bald wissen. Sie würde sich bewusst sein, dass er in der Stadt war, sich bewusst sein, dass er näher kam, wenn auch kaum mehr. Min hatte versucht, ihm einen Trick beizubringen, den man Maskerade nannte, der ihn angeblich vor dem Bund verbergen konnte, aber er hatte es nie geschafft, ihn durchzuführen. Natürlich hatte sie daraufhin zugegeben, dass ihr das auch nie gelungen war.