Der Bund mit Alanna führte ihn hinauf und hinab, bis er zu einer hohen, polierten Flügeltür mit goldenen Leoparden als Türgriffe kam. Sie befand sich auf der anderen Seite. Beim Licht, sein Magen wollte sich entleeren. Er stählte sich, zog eine der Türhälften auf und trat ein, ließ die Töcht er als Wache zurück. Min und die anderen folgten ihm hinein.
Das Wohnzimmer war fast so prächtig wie seine eigenen Gemächer im Stein, die großflächigen Seidenwandteppiche zeigten Jagd und Schlachtszenen, der große tarabonische Teppich auf dem Boden war genug Gold wert, um ein großes Dorf ein Jahr lang ernähren zu können, der schwarze Marmorkamin hoch genug, um einem Mann ungehindert den Zutritt zu erlauben, und breit genug für acht. Jedes der massiven Möbelstücke war mit kunstvollen Schnitzereien versehen, mit Gold verkrustet und mit Edelsteinen übersät, genau wie die hohen Kandelaber, deren durch die Spiegel verstärkten Flammen das Licht unterstützten, das durch die aus Glasscheiben bestehende Deckentäfelung fiel. Auf der einen Seite des Raumes stand ein mehr als einen Schritt großer goldener Bär mit Rubinaugen und silbernen Klauen und Zähnen auf einer vergoldeten Säule, während auf einer identischen Säule ein fast genauso großer Adler mit Smaragdaugen und Rubinkrallen prangte. Für Tear waren das dezente Stücke.
Alanna saß in einem Lehnstuhl und schaute bei seinem Eintreten auf; sie hielt einer der beiden Dienerinnen in Schwarz und Gold einen goldenen Pokal hin, damit sie dunklen Wein aus einem hohen goldenen Krug nachfüllen konnte. Schlank und mit einem grauen Reitgewand mit gelben Schlitzen bekleidet, war Alanna schön genug, dass Lews Therin anfing, leise vor sich hin zu summen. Rand griff sich beinahe nach dem Ohrläppchen, bevor er die Hand nach unten riss, sich plötzlich unsicher, ob es seine Geste oder die des Verrückten war. Sie lächelte, aber es war ein finsteres Lächeln, und als ihr Blick über Min und Nynaeve, Alivia und Cadsuane glitt, übertrug der Bund ihr Misstrauen, ganz zu schweigen von Wut und Trotz. Letzteres erhöhte sich bei Cadsuane. Als ihr Blick auf ihn fiel, war da auch Freude zu spüren, die sich mit all dem anderen vermengte. Nicht, dass es ihrer Stimme anzumerken war. »Nun, wer hätte mit Euch gerechnet, mein Lord Drache«, murmelte sie. In seinem Titel lag ein scharfer Untert on. »Eine echte Überraschung, findet Ihr nicht, Lord Astor il?« Also hatte sie niemand vorgewarnt. Interessant.
»Eine sehr angenehme Überraschung«, sagte ein älterer Mann in einem Mantel mit rot-blau gestreiften Ärmeln, als er aufstand, um sich zu verbeugen. Er strich sich den geölten Bart, der zu einer Spitze geschnitten war. Das Gesicht von Hochlord Astoril Damara war faltig, das Haar, das ihm bis zu den Schultern hing, weiß und dünn. Aber sein Rücken war gerade und der Blick seiner dunklen Augen scharf. »Ich habe mich schon seit einiger Zeit auf diesen Tag gefreut.« Er verbeugte sich erneut, diesmal vor Cadsuane, und nach einem Moment auch vor Nynaeve. »Aes Sedai«, sagte er. Sehr höflich für Tear, wo Machtlenken und sogar die Aes Sedai selbst verboten gewesen waren, bevor Rand das Gesetz geändert hatte.
Darlin Sisnera, Hochlord und Verwalter des Wiedergeborenen Drachen in Tear, war weniger als einen Kopf kleiner als Rand, mit kurz geschnittenem Haar und einem spitzen Bart, einer Hakennase und blauen Augen, die es in Tear selten gab. Er trug einen grünen Seidenmantel mit gelben Streifen am Ärmel und Stiefel mit goldenen Stickereien. Seine Augen weiteten sich, als er sich von seiner Unterhaltung mit Caroline Damodred in der Nähe des Kamins abwandte. Die cairhienische Adlige versetzte Rand einen Stich, obwohl er erwartet hatte, sie hier zu treffen. Die Litanei, die er benutzte, um seine Seele im Feuer zu schmieden, stieg beinahe in seinem Kopf auf, bevor er sie unterdrücken konnte. Sie war klein, schlank und blass, mit großen dunklen Augen und einem kleinen Rubin, der von einer goldenen, in ihr schwarzes, bis auf die Schultern fallendes Haar geflochtenen Kette auf ihrer Stirn baumelte. Sie glich ihrer Cousine Moiraine auf verblüffende Weise. Sie trug ausgerechnet einen langen blauen Mantel, der abgesehen von den roten, grünen und weißen Streifen, die vom Kragen bis zum Saum reichten, mit goldenen Ornamenten bestickt war; dazu gehörten eng sitzende grüne Reithosen und hochhackige blaue Stiefel. Es hatte den Anschein, als hätte sich die Mode doch verbreitet. Sie machte sogar einen Knicks, obwohl das in dieser Aufmachung seltsam aussah. Lews Therin summte noch stärker, was in Rand den Wunsch aufkommen ließ, dass der Mann ein Gesicht hätte, damit er ihn schlagen konnte. Moiraine war eine Erinnerung, damit er seine Seele abhärtete, nicht um sie anzusummen.
»Mein Lord Drache«, sagte Darlin und verbeugte sich steif. Er war kein Mann, der daran gewöhnt war, als Erster eine Ehrenbezeugung zu erweisen. Für Cadsuane hatte er keine Verbeugung übrig, nur einen scharfen Blick, bevor er ihre Anwesenheit zu ignorieren schien. Sie hatte ihn und Caraline einige Zeit als »Gäste« in Cairhien beherbergt. Unwahrscheinlich, dass er das vergessen oder vergeben würde. Nach einer Geste beeilten sich die Dienerinnen, Wein anzubieten. Wie zu erwarten, erhielt Cadsuane mit ihrem alterslosen Gesicht den ersten Pokal, aber überraschenderweise bekam Nynaeve den zweiten. Der Wiedergeborene Drache war eine Sache, eine Frau, die den Großen Schlangenring trug, etwas ganz anderes, selbst in Tear. Cadsuane schlug den Umhang nach hinten und zog sich zur Wand zurück. Es sah ihr nicht ähnlich, sich zurückzuziehen. Aber von dort aus konnte sie alle gleichzeitig beobachten. Alivia nahm einen Platz neben der Tür ein, zweifellos aus dem gleichen Grund.
»Ich sehe mit Freude, dass es Euch besser geht, als ich Euch das letzte Mal gesehen habe«, fuhr Darlin fort. »Ihr habt mir eine große Ehre erwiesen. Obwohl ich deswegen noch immer meinen Kopf verlieren könnte, wenn Eure Aes Sedai nicht bald Fortschritte macht.«
»Schmollt nicht, Darlin«, murmelte Caraline. Ihre kehlige Stimme klang amüsiert. »Männer schmollen, oder nicht, Min?« Aus irgendeinem Grund stieß Min ein Lachen aus.
»Was tut Ihr hier?«, wollte Rand von den beiden Leuten wissen, die er hier nicht erwartet hatte. Er nahm einer der Dienerinnen einen Pokal ab, während die andere zwischen Min und Alivia zögerte. Min trug den Sieg davon, vielleicht weil Alivias blaues Kleid so schlicht war. Den Wein schlürfend, schlenderte Min zu Caraline herüber — nach einem Blick der Cairhienerin bewegte sich Darlin grinsend von ihr fort — und die beiden Frauen steckten die Köpfe zusammen und flüsterten. Mit der Macht gefüllt, konnte Rand gelegentlich ein Wort aufschnappen. Seinen Namen. Darlins.
Weiramon Saniago, ebenfalls ein Hochlord aus Tear, war nicht klein, und er stand so gerade wie ein Schwert da, aber er hatte etwas von einem umherstolzierenden Gockel an sich. Sein mit Grau durchsetzter Bart, eingeölt und zu einer Spitze getrimmt, zitterte förmlich vor Stolz. »Heil dem Herrn des Morgens«, sagte er mit einer Verbeugung. Oder intonierte es vielmehr. Weiramon war wie dazu geschaffen, etwas zu intonieren oder deklamieren. »Warum ich hier bin, mein Lord Drache?« Die Frage schien ihn zu verblüffen. »Als ich hörte, dass Darlin im Stein belagert wird, was hätte ich da anderes tun können, als ihm zu Hilfe zu eilen? Soll man meine Seele verbrennen, ich habe versucht, ein paar der anderen dazu zu überreden, mich zu begleiten. Wir hätten Estanda und dem ganzen Haufen ein schnelles Ende bereiten können, das schwöre ich!« Er packte seine Faust, um zu demonstrieren, wie er die Rebellen zerquetscht hätte. »Aber nur Anaiyella hatte den Mut!« Caraline hielt in ihrer Unterhaltung mit Min inne, um ihm einen Blick zuzuwerfen, der ihn nach einer Stichwunde hätte suchen lassen, wäre er ihm aufgefallen. Astoril schürzte die Lippen und fuhr darin fort, seinen Wein zu betrachten.
Hochlady Anaiyella Narencelona trug ebenfalls einen Mantel mit eng sitzenden Reithosen und hochhackigen Stiefeln, allerdings hatte sie weiße Spitze hinzugefügt, und ihr grüner Mantel war mit Perlen bestickt. Auf ihrem dunklen Haar saß eine Perlenhaube. Sie war eine zierliche, hübsche Frau und machte einen anbiedernden Knicks, und irgendwie ließ sie es so aussehen, als wollte sie Rand die Hand küssen. Mut war nicht das Wort, das er mit ihr in Verbindung gebracht hätte. Unverschämtheit, andererseits… »Mein Lord Drache«, säuselte sie. »Ich wünschte, wir könnten völligen Erfolg melden, aber mein Pferdehauptmann starb im Kampf gegen die Seanchaner, und Ihr habt die meisten meiner Waffenmänner in Illian gelassen. Aber wir haben in Eurem Namen einen Schlag austeilen können.«