»Erfolg? Einen Schlag austeilen?« Alannas finsterer Blick umfasste Weiramon und Anaiyella, bevor er sich wieder Rand zuwandte. »Sie sind mit einem Schiff an den Docks des Steins gelandet, aber sie haben die meisten ihrer Waffenmänner und die Söldner, die sie in Cairhien angeheuert haben, flussaufwärts ausgeladen. Mit dem Befehl, die Stadt zu betreten und die Rebellen anzugreifen.« Sie schnaubte verächtlich. »Das einzige Ergebnis war, dass viele Männer tot sind und unsere Verhandlungen mit den Rebellen wieder zum Anfang zurückgeworfen werden.« Anaiyellas einfältiges Lächeln wurde krampfhaft.
»Mein Plan sah einen Ausfall aus dem Stein vor, um sie von beiden Seiten anzugreifen«, protestierte Weiramon.
»Darlin hat sich geweigert. Geweigert!«
Darlin grinste nicht mehr. Er stand mit leicht gespreizten Beinen da und sah aus wie ein Mann, der sich wünschte, ein Schwert in der Hand zu haben statt einen Pokal. »Ich habe es Euch erklärt, Weiramon. Wenn ich die Verteidiger aus dem Stein abgezogen hätte, wären uns die Rebellen immer noch weit überlegen gewesen. Bedeutend überlegen. Sie haben jeden Söldner vom Erinin bis zur Bucht von Remara angeheuert.«
Rand nahm sich einen Stuhl und ließ einen Arm über die Lehne baumeln. Die massiven Armlehnen hatten vorn keine Stützen, also stellte sein Schwert kein Problem dar. Caraline und Min schienen ihre Unterhaltung dem Thema Mode zugewandt zu haben. Jedenfalls fummelten sie sich gegenseitig an den Mänteln herum, und er bekam Worte wie Steppstich und Diagonalschnitt mit, was auch immer sie zu bedeuten hatten. Alannas Blick glitt zwischen ihm und Min hin und her, und er spürte, wie in dem Bund Unglaube mit Misstrauen kämpfte. »Ich habe euch beide in Cairhien gelassen, weil ich euch in Cairhien haben wollte«, sagte er. Er vertraute keinem von ihnen, aber in Cairhien, wo sie Ausländer ohne Macht darstellten, konnten sie nicht viel Schaden anrichten. Von der Übelkeit angeheizte Wut trat in seine Stimme. »Und ihr werdet so schnell wie möglich Pläne zur Rückkehr machen. So schnell wie möglich.«
Anaiyellas einfältiges Lächeln wurde noch krampfhafter; sie zuckte leicht zusammen.
Weiramon war da aus härterem Holz geschnitzt. »Mein Lord Drache, ich werde Euch dort dienen, wo Ihr es befehlt, aber am besten kann ich auf meiner Heimaterde dienen. Ich kenne diese Rebellen, weiß, wo man ihnen vertrauen kann und wo…«
»So schnell wie möglich!«, fauchte Rand und schlug die Faust hart genug auf die Armlehne, dass das Holz laut prot estierte.
»Eins«, sagte Cadsuane ziemlich deutlich und ziemlich unverständlich.
»Ich rate Euch dringend, das zu tun, was er sagt, Lord Weiramon.« Nynaeve sah Weiramon ausdruckslos an, nippte am Wein. »Er ist in letzter Zeit sehr aufbrausend, schlimmer als je zuvor, und Ihr wollt nicht, dass sich sein Unmut auf Euch richtet.«
Cadsuane seufzte lautstark. »Haltet Euch da raus, Mädc hen«, sagte sie scharf. Nynaeve warf ihr einen Blick zu, öffnete den Mund, verzog das Gesicht und schloss ihn wieder. Sie packte ihren Zopf und rauschte über den Teppich, um sich zu Min und Caraline zu gesellen. Sie hatte das durch ein Zimmer Rauschen sehr gut gelernt.
Weiramon musterte Cadsuane einen Augenblick lang, legte den Kopf in den Nacken, sodass er von oben herabblickte. »Wenn der Wiedergeborene Drache befiehlt«, sagte er schließlich, »wird Weiramon Saniago gehorchen. Ich schätze, mein Schiff kann morgen segeln. Reicht das?«
Rand nickte knapp. Es würde reichen müssen. Er würde nicht einen Augenblick verschwenden, um ein Wegetor zu machen, damit er diese beiden Narren noch heute dorthin schaffen konnte, wo sie hingehörten. »In der Stadt herrscht Hunger«, sagte er und betrachtete den goldenen Bären. Wie viele Tage würde er Tear ernähren können? Der Gedanke an Essen ließ seinen Magen verkrampfen. Er wartete auf eine Erwiderung, die auch schnell kam, wenn auch nicht aus der Richtung, die er erwartet hatte.
»Darlin hatte Vieh und Schafe in die Stadt treiben lassen«, sagte Caraline mit beträchtlicher Wärme in der Stimme. Jetzt war es Rand, der den stechenden Blick bekam. »Im Moment…« Sie verstummte einen Augenblick lang, obwohl ihr Blick diese Wildheit nicht verlor. »Im Moment ist das Fleisch zwei Tage nach dem Schlachten ungenießbar, also ließ er die Tiere bringen und Wagen voller Getreide. Estanda und ihre Gefährten haben alles für sich genommen.«
Darlin schenkte ihr ein inniges Lächeln, aber seine Stimme klang entschuldigend. »Ich habe es dreimal versucht, aber anscheinend ist Estanda gierig. Ich fand es sinnlos, meine Feinde weiterhin zu versorgen. Eure Feinde.«
Rand nickte. Immerhin ignorierte der Mann die Situation in der Stadt nicht. »Da gibt es zwei Jungen, die außerhalb der Mauer leben. Doni und Com. Ich weiß nicht, wie sie weiter heißen. Etwa zehn Jahre alt. Sobald die Sache mit den Rebellen geklärt ist und Ihr den Stein verlassen könnt, würde ich es zu schätzen wissen, wenn Ihr sie findet und ein Auge auf sie habt.« Min machte tief in ihrer Kehle einen Laut, und der Bund übertrug eine so ausweglose Traurigkeit, dass sie beinahe die emporschießende Liebe überlagerte, die damit kam. Aha. Also hatte sie den Tod gesehen. Aber bei Moiraine hatte sie sich geirrt. Vielleicht würde diese Sicht von einem Ta’veren verändert werden können.
Nein, knurrte Lews Therin. Ihre Sichten dürfen sich nicht verändern. Wir müssen sterben! Rand ignorierte ihn.
Darlin schien von der Bitte überrascht zu sein, aber er nickte. Was hätte er auch anderes tun können, wenn der Wiedergeborene Drache es verlangte?
Rand wollte den Grund für seinen Besuch ansprechen, als Bera Harkin, eine weitere der Aes Sedai, die er nach Tear geschickt hatte, um sich um die Rebellen zu kümmern, den Raum betrat und einen unwirschen Blick über die Schulter warf, als hätten ihr die Töchter Schwierigkeiten gemacht. Möglicherweise war es auch so. Die Aiel betrachteten die Aes Sedai, die ihm die Treue geschworen hatten, wie Lehrlinge der Weisen Frauen, und Töchter nutzten jede Gelegenheit, um Lehrlinge daran zu erinnern, dass sie noch keine Weisen Frauen waren. Sie war eine stämmige Frau mit kurz geschnittenem braunen Haar und einem kantigen Gesicht, und trotz ihres grünen Seidenkleids hätte sie wie eine Bäuerin ausgesehen, wäre da nicht die Alterslosigkeit einer Aes Sedai gewesen. Allerdings eine Bäuerin, die ihr Haus und ihren Hof mit fester Hand regierte und einem König befehlen würde, keinen Schmutz in ihre Küche hineinzutragen. Schließlich war sie eine Grüne Ajah, mit dem typischen Stolz und Hochmut einer Grünen Ajah. Sie schaute auch Alivia finster an, mit dem ganzen Abscheu, den eine Aes Sedai für Wilde übrig hatte, und der wurde erst durch Selbstbeherrschung ersetzt, als sie Rand sah.
»Nun, ich muss sagen, dass es mich nicht überraschen sollte, dass Ihr hier seid, wenn man bedenkt, was heute Morgen geschehen ist«, sagte sie. Sie öffnete die schlichte Umhangbrosche aus Silber, befestigte sie an ihrer Gürteltasche und legte den Umhang über den Arm. »Allerdings hätte es auch die Nachricht sein können, dass die anderen keinen Tag mehr westlich vom Erinin entfernt sind.«
»Die anderen?«, sagte Rand leise. Leise und so hart wie Stahl.
Bera schien nicht beeindruckt zu sein. Sie fuhr darin fort, ihren Umhang sorgfältig zusammenzulegen. »Natürlich die anderen Hochlords und Hochladys. Sunamon, Tolmeran, sie alle. Anscheinend reisen sie so schnell nach Tear, wie es die Pferde ihrer Waffenmänner können.«