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Dass selbst die Anker weinen
Harine din Togara saß trotz des von den hohen Wellen verursachten Stampfens gerade aufgerichtet neben ihrer Schwester, ein Stück vor ihren Sonnenschirmträgern und dem Steuermann an seinem langen Ruderstock. Shalon schien begierig zu sein, die zwölf Männer und Frauen an den Rudern zu beobachten. Vielleicht war sie auch nur tief in Gedanken versunken. In letzter Zeit gab es vieles, worüber man nachdenken musste, nicht zuletzt dieses Treffen, zu dem man sie gerufen hatte, aber sie ließ ihre Gedanken umherschweifen. Bereitete sich vor. Seit ihrer Ankunft in Illian hatte sie sich jedes Mal innerlich vorbereiten müssen, wenn die Ersten Zwölf der Atha’an Miere zusammentrafen. Als sie seinerzeit Tear erreicht und Zaidas Blaue Möwe noch immer am Fluss verankert vorgefunden hatte, war sie überzeugt gewesen, dass sich die Frau in Caemlyn aufhielt oder zumindest weit hinter ihr war. Das war ein schmerzlicher Irrtum gewesen. Obwohl es in Wahrheit nur wenig verändert hätte, wäre Zaida erst Wochen später eingetroffen. Jedenfalls nicht für Harine. Nein, nicht an Zaida denken.
Die Sonne stand nur eine Faust über dem Horizont im Osten, und die Schiffe der Küstenbewohner hielten auf die langen Wellenbrecher zu, die Illians Hafen schützten. Eines trug drei Masten und war der äußeren Form nach hoch getakelt, sämtliche Hauptsegel hatten rechteckige Formen, aber das Schiff war gedrungen und schlecht gesegelt, es walzte mit aufsprühender Gischt durch die niedrige Dünung, statt sie zu durchschneiden. Die meisten der Fahrzeuge waren klein und niedrig getakelt, die Dreieckssegel beinahe alle mit einem hoch angesetzten Baum versehen. Ein paar schienen durchaus schnell zu sein, aber da die Landgebundenen selten außerhalb der Küstensicht segelten und für gewöhnlich aus Furcht vor Sandbänken nachts ankerten, brachte ihnen ihre Schnelligkeit nichts ein. Fracht, die wirklich schnell befördert werden musste, landete auf den Schiffen der Atha’an Miere. Natürlich zu einem festgesetzten Preis. Sie machte nur einen kleinen Anteil der Dinge aus, die die Atha’an Miere transportierten, teilweise wegen des Preises, teilweise weil nur wenige Dinge tatsächlich ihre Schnelligkeit benötigten. Natürlich garantierte Frachttransport einigen Profit, aber wenn der Zahlmeister für sich verhandelte, ging der ganze Profit an Schiff und Clan.
Östlich und westlich der Küste lagen Schiffe der Atha’an Miere vor Anker, soweit das Auge reichte, Springer und Wogentänzer, Gleiter und Klipper, die meisten von Bumbooten belagert, die so schlampig aussahen, dass sie wie betrunkene Küstenfestgänger aussahen. Die Bumboote wurden aus der Stadt gerudert und boten alles zum Verkauf an, von getrockneten Früchten bis hin zu geviertelten Rindern und Schafen, von Eisennägeln und Werkzeugen bis hin zu Schwertern und Dolchen, von hübschem illianischen Tand, der vielleicht das Interesse eines jeden Deckmatrosen erregte, bis hin zu Gold und Edelsteinen. Auch wenn das Gold für gewöhnlich so dünn aufgetragen war, dass nach ein paar Monaten das darunter liegende Messing zum Vorschein kam und die Edelsteine buntes Glas waren. Sie brachten auch Ratten, obwohl die nicht zum Verkauf standen. Nach so langer Ankerzeit wurde mittlerweile jedes Schiff von Ratten heimgesucht. Ratten und Verdorbenes sorgten dafür, dass es immer einen Markt für fahrende Händler gab.
Auch die massiv gebauten Seanchanerschiffe, Dutzende und Aberdutzende von ihnen, die für ›die Flucht‹ benutzt worden waren, wurden von Bumbooten umlagert. So hieß das jetzt, die Flucht aus Ebou Dar. Wenn man ›die Flucht‹ sagte, fragte keiner, welche Flucht man meinte. Es waren große Fahrzeuge mit fast senkrechtem Heck, mit fast doppelt so vielen oder gar noch mehr Rahen wie ein Klipper, dazu fähig, sich durch schwere See zu kämpfen, aber seltsam getakelt und mit merkwürdig gerippten Segeln ausgestattet, die zu steif für ein vernünftiges Ausrichten waren. Männer und Frauen waren über diese Masten und Rahen ausgeschwärmt und veränderten die Takelage, damit man sie auch ordentlich benutzen konnte. Niemand wollte diese Schiffe haben, aber die Werften würden Jahre brauchen, um all die Fahrzeuge zu ersetzen, die in Ebou Dar verloren gegangen waren. Und die Kosten! Ob sie nun zu viele Rahen hatten oder nicht, diese Schiffe würden viele Jahre benutzt werden. Keine Herrin der Segel hatte das Verlangen, sich in große Schulden zu stürzen und sich Geld aus den Clanschatztruhen zu leihen, wenn das meiste oder auch ihr ganzes Gold von den Seanchanern in Ebou Dar übernommen worden war, nicht solange sie keine andere Wahl hatte. Einigen von ihnen, die das Pech gehabt hatten, weder ihre eigenen Schiffe zurückzubekommen noch die der Seanchaner zu übernehmen, blieb keine andere Wahl.
Harines zwölf Ruderer passierten die hohe Mauer des Wellenbrechers, die dicht mit dunklem, schleimigem Tang bewachsen war, die die Wellen, die gegen den grauen Stein krachten, nicht ablösen konnten, und der breite, graugrüne Hafen der Stadt Illian öffnete sich vor ihr. Er wurde von weitläufigem Marschland umgeben, in dem an einigen Stellen das Braun des Winters durch das Frühlingsgrün ersetzt wurde und in dem Vögel mit langen Beinen umherstolzierten. Feine Nebelschwaden wehten von einer leichten Brise getrieben über das Boot und benetzten ihr Haar, bevor sie den Hafen hinaufwehten. An den Ausläufern des Marschlandes zogen kleine Fischerboote ihre Netze durchs Wasser, ein Dutzend Arten von Möwen und Seeschwalben kreiste über ihnen, um zu stehlen, was sie konnten. Was jenseits der langen, von Handelsschiffen gesäumten Steindocks lag, interess ierte sie nicht, aber der Hafen… Die breite, beinahe kreisrunde Wasserfläche war der größte bekannte Ankerplatz und mit Meeres und Flussgefährten gefüllt, von denen die meisten auf ihren Zugang zu den Docks warteten. Sie war wirklich gefüllt, mit Hunderten Schiffen jeder Größe und Form, und nicht alle diese Schiffe gehörten den Landgebundenen. Hier gab es nur Klipper, diese schlanken Dreimaster, die Tümmler ein Rennen liefern konnten. Klipper und drei der unbeholfenen seanchanischen Monstrositäten. Das waren die Schiffe der Herrinnen der Wogen sowie der Herrinnen der Segel, die die Ersten Zwölf eines jeden Clans bildeten, jedenfalls jene, die es in den Hafen geschafft hatten, bevor es dort keinen Platz mehr gab. Selbst der Ankerplatz von Illian hatte seine Grenzen, und der Rat der Neun und ganz zu schweigen diese Verwalter des Wiedergeborenen Drachen in Illian hätten Ärger gemacht, wenn die Atha’an Miere den Handel behindert hätten.
Plötzlich pfiff ein starker, eiskalter Wind aus dem Norden.
Nein, er kam nicht auf; er war einfach da mit voller Kraft, peitschte das Hafenwasser zu kabbeliger Gischt auf und trug den Geruch von Kiefern und etwas .. . Erdigem heran. Sie verstand nur wenig von Bäumen, aber viel von dem Holz, das man zum Schiffsbau benutzte. Allerdings glaubte sie nicht, dass es in der Nähe von Illian viele Kiefern gab. Dann fiel ihr die Nebelgrenze auf. Während die Schiffe durch die Gewalt der einfallenden, nach Süden peitschenden Böe schaukelten, trieb der Nebel weiterhin langsam nach Norden. Die Hände auf den Knien zu lassen kostete eine Anstrengung. Sie verspürte den dringenden Wunsch, sich die Feuchtigkeit aus dem Haar zu wischen. Sie hatte geglaubt, dass sie nach Shadar Logoth nichts mehr erschüttern könnte, aber in letzter Zeit hatte sie zu viele… Merkwürdigkeiten… gesehen, Merkwürdigkeiten, die von einer aus den Fugen geratenen Welt kündeten.
So abrupt der Wind gekommen war, so plötzlich war er auch wieder verschwunden. Gemurmel ertönte, der Ruders chlag geriet durcheinander, und das vierte Ruder auf der Backbordseite wurde durchgezogen und spritzte Wasser ins Boot. Die Mannschaft wusste, dass sich Wind nicht auf diese Weise verhielt.
»Ganz ruhig«, sagte Harine fest. »Ruhig!«
»Zieht zusammen durch, ihr Kanalratten«, schrie ihre Decksherrin vom Bug her. Drahtig und lederhäutig hatte Jadein auch Lungen wie Blasebälge. »Muss ich euch den Schlag vorgeben?« Die doppelte Beleidigung ließ einige Gesichter sich vor Wut verzerren, andere vor Scham, aber die Ruder begannen sich wieder im Gleichtakt zu bewegen.