»Das ist eine wirklich traurige Geschichte.« Logains Stimme klang nicht übermäßig laut, als er sich wieder in Bewegung setzte und vor Zaida trat. »Aber Eure Schiffe sind für Bandar Eban bestimmt. Wenn Ihr nicht genug Schiffe habt, dann müsst Ihr eben auch Eure anderen schnellen Schiffe benutzen. Sie alle, falls das nötig wird.«
»Seid Ihr nicht nur herzlos, sondern auch noch verrückt?«, wollte Zaida wissen. Die Fäuste in die Hüften gestemmt und die Beine gespreizt, schien sie auf dem Achterdeck zu stehen. Ihr Blick wollte Logain durchbohren. »Wir müssen trauern. Wir müssen retten, wen auch immer wir können, und wir müssen um die zahllosen Tausende trauern, die wir nicht retten können.«
Sie hätte genauso gut lächeln können, so viel Wirkung hatten ihre Blicke bei Logain. Er fing an zu sprechen, und Harine kam es so vor, als würde es kalt im Raum und das Licht dunkler. Sie war nicht die einzige Frau, die sich wegen dieser Kälte selbst umarmte. »Trauert, wenn Ihr das tun müsst«, sagte er, »aber trauert auf dem Weg nach Tarmon Gai’don.«
23
Einberufung zur Sitzung
Da Magla und Salita an diesem Morgen anderweitig beschäftigt waren, hatte Romanda das geflickte Zelt für sich allein, eine ersehnte Gelegenheit, einmal in Ruhe lesen zu können, auch wenn die beiden nicht zueinander passenden Messinglampen auf dem kleinen Tisch den leichten, wenn auch durchaus unerfreulichen Geruch von ranzigem Öl verbreiteten. In diesen Tagen musste man solche Dinge einfach hinnehmen. Vermutlich würde so mancher Die Flamme, die Klinge und das Herz als wenig geeignete Lektüre für jemanden von ihren Fähigkeiten und ihrem Rang halten — als Mädchen waren derartige Bücher in Far Madding für sie verboten gewesen —, aber es war eine nette Abwechslung zu trockenen historischen Texten und erschreckenden Berichten über verdorbene Nahrung. Sie hatte eine Rinderhälfte gesehen, die monatelang so frisch wie am Tag der Schlachtung gehalten worden war, aber jetzt versagte ein Frischhaltegewebe nach dem anderen. Es ging das Gerücht um, dass es einen Fehler in Egwenes Schöpfung gab, aber das war nur dummes Gerede. Wenn ein Gewebe einmal funktionierte, dann funktionierte es immer, wenn man es richtig webte, es sei denn, etwas zerstörte das Gewebe, und Egwenes neue Gewebe hatten immer so funktioniert, wie sie sollten. Das musste sie der Frau lassen. Und sosehr sie es auch versuchten, und sie hatten sich dabei alle Mühe gegeben, keiner hatte einen fremden Einfluss aufspüren können. Es war, als würde Saidar selbst versagen. Es war undenkbar! Und unausweichlich. Und am schlimmsten dabei war, dass keinem etwas einfiel, was man dagegen tun konnte! Sie konnte jedenfalls nichts dagegen unternehmen. Eine kurze Pause mit Geschichten voller Romantik und Abenteuer war dem Nachgrübeln über absolute Nutzlosigkeit und dem Versagen dessen, was von seiner Natur her nicht versagen konnte, bei weitem vorzuziehen.
Die Novizin, die das Zelt aufräumte, hatte genug Vers tand, keine Bemerkung über ihre Lektüre zu machen oder dem in Holzdeckeln eingebundenen Buch auch nur einen zweiten Blick zuzuwerfen. Bodewhin Cauthon war recht hübsch, aber sie war auch ein intelligentes Mädchen. Dennoch hatte sie etwas von ihrem Bruder um die Augen und mehr von ihm in ihrem Kopf, als sie zuzugeben bereit war. Zweifellos war sie schon auf dem Weg zu den Grünen, vielleicht auch zu den Blauen. Das Mädchen wollte Abenteuer erleben, nicht darüber lesen; als würde das Leben einer Aes Sedai ihr nicht mehr Abenteuer einbringen, als ihr lieb sein würde. Romanda verspürte kein Bedauern wegen des Mädchens und seinem Weg. Die Gelben würden eine große Auswahl bei besser geeigneten Novizinnen haben. Natürlich stellte sich nicht die Frage, welche der älteren Frauen man aufnehmen sollte, trotzdem war die Auswahl reichhaltig. Sie versuchte, sich auf die Seite zu konzentrieren. Ihr gefiel die Geschichte von Birgitte und Gaidal Cain.
Das Zelt war nicht besonders groß und ziemlich vollg estellt. Es enthielt drei harte Segeltuchpritschen, die von den dünnen, mit klumpiger Wolle gefüllten Auflagen kaum weicher gemacht wurden, drei hochlehnige Stühle, die offensichtlich aus den Werkstätten verschiedener Handwerker stammten, einen wackeligen Waschständer mit einem gesprungenen Spiegel und einer angeschlagenen blauen Wasserkanne, die in dem weißen Becken stand, der wie auch der Tisch von einem Holzkeil unter einem Bein gerade gehalten wurde, sowie mit Messingbändern versehene Truhen für die Kleidung, die Bettwäsche und persönliche Besitztümer.
Als Sitzende hätte Romanda das Zelt für sich allein beans pruchen können, aber sie behielt Magla und Salita lieber im Auge. Nur weil sie alle für die Gelben im Burgsaal saßen, war das noch lange kein Grund, ihnen zu vertrauen. Magla galt angeblich als ihre Verbündete im Saal, beschritt aber viel zu oft ihre eigenen Wege, und Salita tat nur selten überhaupt etwas. Dennoch, es war beschwerlich, und das nicht nur wegen der Enge. Bodewhin hatte viel zu tun, musste hauptsächlich die Kleider und Stoffschuhe wegräumen, die Salita auf dem zerschlissenen Teppich verteilte, nachdem sie sich gegen sie entschieden hatte. Die Frau war fast so flatterhaft wie eine Grüne. Jeden Morgen probierte sie ihre ganze Garderobe durch! Vermutlich glaubte sie, Romanda würde ihre Dienerin aufräumen lassen — sie schien stets der Meinung zu sein, dass Aelmara genauso sehr in ihren Diensten stand wie in Romandas —, aber Aelmara hatte Romanda jahrelang gedient, bevor sie in den Ruhestand gegangen war, ganz zu schweigen davon, dass sie ihr kurze Zeit später nach einem kleinen Missverständnis bei der Flucht aus Far Madding geholfen hatte. Völlig ausgeschlossen, dass sie von Aelmara verlangte, nebenher auch noch hinter einer anderen Schwester herzuräumen.
Sie schaute stirnrunzelnd auf das Buch, ohne ein Wort wahrzunehmen. Warum beim Licht hatte Magla damals in Salidar nur auf Salita bestanden? In Wahrheit hatte Magla mehrere Namen vorgeschlagen, ja, einer lächerlicher als der andere, aber sie hatte sich für Salita entschieden, sobald sie zu der Ansicht gekommen war, dass die mollige Tairenerin die besten Aussichten hatte, für einen Stuhl erhoben zu werden. Romanda hatte Dagdara unterstützt, eine weitaus geeignetere Kandidatin, ganz zu schweigen davon, dass sie geglaubt hatte, sie sich ohne große Mühe hinbiegen zu können. Aber sie hatte selbst für einen Stuhl kandidiert, während Magla bereits einen besetzte. Das hatte Gewicht, und dabei spielte es keine Rolle, dass Romanda davor länger als sonst jemand zuvor einen Stuhl besetzt hatte. Nun, das war Vergangenheit. Was man nicht ändern konnte, musste man erdulden.
Nisao duckte sich ins Zelt, das Licht Saidars, das sie einhüllte, erlosch. In dem kurzen Moment, in dem die Eingangsplane zurückfiel, war Sarin draußen zu sehen, ihr kleiner kahler Behüter, der mit der Hand auf dem Schwertgriff offensichtlich Wache hielt.
»Kann ich allein mit Euch sprechen?«, sagte die winzige Schwester. Klein genug, um Sarin groß erscheinen zu lassen, erinnerte sie Romanda immer an einen Spatz mit großen Augen. Aber weder ihre Beobachtungsgabe noch ihr Intellekt waren winzig. Sie war eine selbstverständliche Wahl für den Rat gewesen, den die Ajahs gegründet hatten, um Egwene im Auge zu behalten, und es war bestimmt nicht ihr Fehler, dass dieser Rat keinen oder nur geringen Einfluss auf die Frau gehabt hatte.
»Natürlich, Nisao.« Romanda schloss unauffällig das Buch und erhob sich ein Stück, um es unter das mit gelben Quasten versehene Kissen auf dem Stuhl zu schieben. Das fehlte noch, dass allgemein bekannt wurde, dass sie ausgerechnet so etwas las. »Es muss fast Zeit für Eure nächste Klasse sein, Bodewhin. Ihr wollt nicht zu spät kommen.«
»O nein, Aes Sedai! Sharina wäre darüber sehr aufgebracht.« Die Novizin zog ihre Röcke für einen sehr tiefen Knicks auseinander und schoss aus dem Zelt.
Romanda presste die Lippen zusammen. Sharina wäre sehr aufgebracht. Diese Frau war die Personifizierung all dessen, was daran verkehrt war, alles über achtzehn in die Ränge der Novizinnen aufzunehmen. Ihr Potenzial war mehr als nur unglaublich, aber darum ging es nicht. Sharina Melloy war ein Störenfried. Aber wie sollten sie sie loswerden? Sie und all die anderen Frauen, die zu alt waren, um ihre Namen überhaupt ins Novizinnenbuch eintragen zu lassen. Die Bestimmungen, nach denen man eine Frau wegschicken konnte, sobald ihr Name im Buch stand, waren streng begrenzt. Leider war es so, dass im Laufe der Jahre viele Frauen über ihr Alter gelogen hatten, um Zugang zur Burg zu bekommen. Meistens nur wenige Jahre, aber ihnen das Bleiben zu gestatten hatte Präzedenzfälle geschaffen. Und Egwene al’Vere hatte einen weiteren, viel schlimmeren geschaffen. Es musste eine Möglichkeit geben, das wieder umgehen zu können.