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Sie wandte Siuan den Rücken zu und hielt auf den Pavill on zu, der als ihr zeitweiliger Burgsaal diente. So angenehm es auch war, sich in dem echten Saal zu treffen, ganz zu schweigen davon direkt unter Elaidas Nase, gelang es nur wenigen Schwestern, zu jeder beliebigen Stunde einzuschlafen, also musste der Pavillon auch weiterhin zur Verfügung stehen. Sie rauschte ohne Hast über den Gehweg. Sie würde nicht dabei gesehen werden, wie sie wegen Lelaines Ruf rannte. Was konnte die Frau bloß wollen?

Ein Gong ertönte, verstärkt von der Macht, sodass er deutl ich im ganzen Lager zu hören war — ein weiterer von Sharinas Vorschlägen —, und plötzlich drängten sich Novizinnen auf dem eiligen Weg zu ihren nächsten Klassen oder ihren Pflichten auf den Gehwegen, alle in ihrem Familienverbund versammelt. Diese aus sechs oder sieben Angehörigen bestehenden Familien begaben sich immer gemeinsam in die Klassen, genau wie sie ihre Pflichten gemeinsam erledigten; tatsächlich taten sie alles gemeinsam. Es war eine effektive Methode, so viele Novizinnen zu organisieren — allein in den letzten beiden Wochen waren fast fünfzig weitere ins Lager gekommen, was die Gesamtzahl trotz der Ausreißerinnen auf fast eintausend erhöhte, und fast ein Viertel waren jung genug, um vernünftige Novizinnen zu sein, mehr, als die Burg seit Jahrhunderten aufgenommen hatte! —, und doch wünschte sie sich, es wäre nicht Sharinas Werk gewesen. Die Frau hatte es nicht einmal der Oberin der Novizinnen vorgeschlagen. Sie hatte die ganze Sache selbst organisiert und sie Tiana völlig fertig präsentiert! Die Novizinnen, von denen einige graue Haare oder faltige Gesichter hatten, sodass es schwer fiel, sie trotz der weißen Gewänder als Kinder zu betrachten, drängten sich an den Rand des Gehwegs, um die Schwestern passieren zu lassen, während sie ihre Knickse machten, aber keine trat auf die schlammige Straße, um mehr Platz zu machen. Wieder Sharina. Sharina hatte verbreitet, dass sie nicht sehen wollte, dass die Mädchen ihre schönen weißen Wollgewänder unnötigerweise schmutzig machten. Das reichte aus, um Romanda mit den Zähnen knirschen zu lassen. Die Novizinnen, die vor ihr einen Knicks machten, richteten sich schnell wieder auf und rannt en förmlich weiter.

Ein Stück voraus entdeckte sie Sharina selbst, die mit der in den Schein Saidars gehüllten Tiana sprach. Sie besorgte das Sprechen, während Tiana nur gelegentlich nickte. An Sharinas Benehmen war nichts Respektloses, aber trotz ihres Novizinnenweiß sah sie mit ihrem faltigen Gesicht und dem engen grauen Haarknoten auf dem Hinterkopf genau wie das aus, was sie auch war. Eine Großmutter. Und Tiana bot unglücklicherweise ein jugendliches Erscheinungsbild. Etwas an ihrem Knochenbau und die großen braunen Augen überragten das alterslose Aussehen einer Aes Sedai. Angebrachter Respekt oder nicht, das sah viel zu sehr nach einer Frau aus, die ihre Enkelin instruierte. Als sie auf sie zutrat, machte Sharina einen angebrachten Knicks — einen sehr angebrachten Knicks, wie Romanda zugeben musste, — und eilte in die andere Richtung, um sich zu ihrer eigenen Familie zu gesellen, die auf sie wartete. Waren da in ihrem Gesicht weniger Falten als noch zuvor gewesen? Nun, wer vermochte schon zu sagen, was geschehen konnte, wenn eine Frau in ihrem Alter mit der Macht anfing. Siebenundsechzig und Novizin!

»Macht sie Euch Ärger?«, fragte sie, und Tiana zuckte zusammen, als hätte ihr jemand einen Eiszapfen in den Kragen geschoben. Der Frau fehlten einfach die Würde und die Gesetztheit, die bei einer Oberin der Novizinnen nötig waren. Manchmal erschien sie auch von der Zahl ihrer Schützlinge wie erdrückt. Darüber hinaus war sie viel zu nachsichtig, akzeptierte Entschuldigungen, wo es keine geben konnte.

Sie fasste sich aber schnell und ging neben Romanda her, obwohl sie unnötigerweise ihre dunkelgrauen Röcke glättete.

»Ärger? Natürlich nicht. Sharina ist eine vorbildliche Novizin. Um die Wahrheit zu sagen, die meisten benehmen sich ausgezeichnet. Der größte Teil derer, die man in mein Arbeitszimmer schickt, sind Mütter, die aufgebracht sind, weil ihre Töchter schneller als sie lernen oder ein höheres Potenzial haben, oder Tanten, die die gleichen Beschwerden über ihre Nichten vorbringen. Sie scheinen zu glauben, man könnte das irgendwie ungeschehen machen. Sie können erstaunlich beharrlich darin sein, bis ich ihnen klarmache, was es heißt, einer Schwester gegenüber beharrlich zu sein. Obwohl ich fürchte, dass man eine Menge von ihnen mehr als nur einmal zu mir schicken muss. Eine Hand voll scheint es noch immer zu überraschen, dass sie den Rohrstock zu spüren bekommen können.«

»Ist das so?«, sagte Romanda abwesend. Sie hatte Delana entdeckt, die in die gleiche Richtung eilte, die mit grauen Fransen versehene Stola über die Arme gelegt und ihre sogenannte Sekretärin an ihrer Seite. Delana trug ein relativ dunkles Grau, aber die Schlampe neben ihr war in blaugeschlitzte grüne Seide gekleidet, die ihren halben Busen zur Schau stellte und viel zu eng an ihren Hüften anlag, mit denen sie eklatant wackelte. In letzter Zeit schienen die beiden auf die Geschichte zu verzichten, dass Halima bloß Delanas Dienerin war. Tatsächlich gestikulierte die Frau energisch, während Delana bloß auf die unterwürfigste Weise nickte, die man sich vorstellen konnte. Unterwürfig! Es war immer ein Fehler, sich eine Kopfkissenfreundin auszusuchen, die keine Stola trug. Vor allem, wenn man dumm genug war, ihr die Führung zu überlassen.

»Sharina verhält sich nicht nur vorbildlich«, fuhr Tiana fröhlich fort, »sie zeigt auch großes Geschick in Nynaeves neuer Heilungsmethode. Wie einige der älteren Novizinnen. Die meisten waren auf die eine oder andere Weise Dorfseherinnen, auch wenn mir nicht klar ist, wieso das von Bedeutung sein sollte. Eine war Adlige in Murandy.«

Romanda stolperte über die eigenen Füße, ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzufinden, fing sich wieder. Tiana ergriff ihren Arm, um sie zu stützen, murmelte etwas über die unebenen Gehwege, aber Romanda schüttelte sie ab. Sharina hatte ein Talent für die neue Heilung? Und einige der älteren Frauen auch? Sie selbst hatte die neue Methode gelernt, aber obwohl sie sich so weit von der alten unterschied, dass die Einschränkung, nach der man dasselbe Gewebe, das man später in abgewandelter Form erlernte, nicht anwenden konnte, hier nicht zuzutreffen schien, hatte sie kein großes Talent dafür. Nicht einmal annähernd so viel, wie sie für die alte Methode hatte.

»Und warum dürfen Novizinnen das üben, Tiana?«

Tiana errötete, wie es sich auch gehörte. Solche Gewebe waren zu kompliziert für Novizinnen, ganz zu schweigen davon, dass sie gefährlich waren, wenn sie falsch angewandt wurden. Auf die falsche Weise angewandt, konnte das Heilen töten statt helfen. Die Machtlenkerin genauso wie den Patienten. »Ich kann sie wohl kaum davon abhalten, nicht zuzusehen, wenn eine Heilung vollzogen wird, Romanda«, rechtfertigte sie sich und bewegte die Arme, als würde sie eine Stola richten, die sie nicht trug. »Es gibt immer gebrochene Knochen oder einen Narren, der sich schlimm geschnitten hat, ganz zu schweigen von den vielen Krankheiten, mit denen wir in letzter Zeit zu tun haben. Die meisten der älteren Frauen brauchen ein Gewebe nur einmal zu sehen, um es zu beherrschen.« Für einen kurzen Augenblick lang kehrte plötzlich die Röte in ihre Wangen zurück. Sie brachte ihre Miene wieder unter Kontrolle, nahm die Schultern zurück, und das Entschuldigende verschwand aus ihrer Stimme. »Wie dem auch sei, Romanda, ich sollte Euch nicht daran erinnern müssen, dass die Novizinnen und Aufgenommenen mir unterstehen. Als Oberin der Novizinnen entscheide ich, was sie lernen dürfen und was nicht. Einige dieser Frauen könnten heute die Prüfung zur Aufgenommenen ablegen, nach nur wenigen Monaten. Jedenfalls, soweit es die Macht angeht. Wenn ich entscheide, dass sie keine Däumchen drehen sollen, dann ist das meine Entscheidung.«