»Vielleicht solltet Ihr schnell nachsehen, ob Sharina noch weitere Anweisungen für Euch hat«, sagte Romanda kalt.
Mit blutroten Flecken auf den Wangen drehte sich Tiana auf dem Absatz um und schritt wortlos davon. Es kam nicht ganz an unter Schwestern nicht zu tolerierende Unverschämtheit heran, aber es war nahe dran. Selbst von hinten bot sie das Abbild perfekter Empörung, den Rücken so starr wie eine Eisenstange, die Schritte schnell. Nun, Romanda war bereit zuzugeben, dass sie selbst beinahe unverschämt gewesen war. Aber nicht grundlos.
Sie versuchte die Oberin der Novizinnen aus den Gedanken zu verbannen und hielt wieder auf den Pavillon zu, aber sie musste sich zusammenreißen, nicht genauso schnell wie Tiana auszuschreiten. Sharina. Und mehrere der älteren Frauen. Sollte sie ihre Position überdenken? Nein. Natürlich nicht. Ihre Namen hätten niemals in das Novizinnenbuch aufgenommen werden dürfen. Doch ihre Namen standen da, und anscheinend hatten sie dieses wunderbare neue Heilen gemeistert. Oh, was für ein schrecklich kompliziertes Durcheinander. Sie wollte nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt.
Der Pavillon stand in der Lagermitte, ein mit zahllosen Flicken versehenes Gebilde aus schwerem Segeltuch, das von einem dreimal so breiten Gehweg wie alle anderen Zelte umgeben wurde. Sie schürzte die Röcke, um sie vor dem Schlamm zu schützen, und eilte auf die andere Seite. Eile störte sie nicht, wenn es darum ging, schnell aus dem Schlamm zu kommen. Trotzdem würde Aelmara einige Arbeit haben, ihre Schuhe sauber zu machen. Und ihre Unterröcke, dachte sie, als sie die Röcke fallen ließ und ihre Knöchel wieder anständig bedeckte.
Die Nachricht von einer Sitzung des Saals zog immer Schwestern an, die auf Neuigkeiten über die Verhandlungen oder über Egwene warteten, und etwa fünfzig oder mehr versammelten sich bereits mit ihren Behütern um den Pavillon oder standen bereits drinnen, hinter den Plätzen ihrer Sitzenden. Selbst hier leuchteten die meisten mit dem Licht der Macht. Als wären sie hier umgeben von anderen Aes Sedai in Gefahr. Romanda verspürte das starke Bedürfnis, einmal um den Pavillon zu gehen und Ohrfeigen zu verteil en. Das war natürlich unmöglich. Selbst wenn man die Bräuche vergessen könnte, wozu sie kein Verlangen verspürte, verlieh einem ein Sitz im Saal nicht die Autorität, um so etwas zu tun.
Sheriam trug die schmale blaue Stola der Behüterin um den Hals und stach aus der Menge heraus, was teilweise daran lag, dass um sie herum Platz war. Andere Schwestern vermieden es, sie anzusehen, und gesellten sich erst recht nicht zu ihr. Die flammenhaarige Frau brachte viele der Schwestern in Verlegenheit, weil sie jedes Mal auftauchte, wenn der Saal zusammengerufen wurde. Das Gesetz war eindeutig. Jede Schwester konnte an einer Sitzung des Saals teilnehmen, sofern sie nicht geschlossen war, aber die Amyrlin konnte den Saal der Burg nicht betreten, ohne von der Behüterin vorher angekündigt worden zu sein, und die Behüterin wiederum durfte nicht ohne Amyrlin hinein. Wie gewöhnlich waren Sheriams grüne Augen zusammengekniffen, und sie trat auf ungehörige Weise nervös von einem Fuß auf den anderen, wie eine Novizin, der ein Besuch bei der Oberin bevorstand. Wenigstens hielt sie nicht die Quelle umarmt, und ihr Behüter war nirgendwo in Sicht.
Bevor Romanda unter den Pavillon trat, warf sie einen Blick über die Schulter und seufzte. Die Masse der dunklen Wolken hinter dem Drachenberg war verschwunden. Nicht auseinander getrieben, sondern einfach weg. Sicherlich würde es unter den Pferdeknechten und Tagelöhnern und Dienerinnen neue Panik entfachen. Überraschenderweise schienen die Novizinnen diese seltsamen Vorgänge viel gelassener zu nehmen. Vielleicht weil sie die Schwestern nachahmen wollten, aber sie vermutete darin erneut Sharinas Einfluss. Was konnte sie bloß wegen dieser Frau unternehmen?
Drinnen dienten achtzehn mit in den Farben der sechs im Lager vertretenen Ajahs gehaltenen Decken verkleidete Kästen als Plattform für polierte Bänke. Sie standen in einer V-förmigen Formation, die sich auf einen einzelnen Kasten hin öffnete. Er wurde von einem Tuch mit Streifen in allen sieben Farben verhüllt. Trotz heftiger Proteste hatte Egwene auf das Rot bestanden. Wo Elaida entschlossen schien, alle Ajahs voneinander zu entzweien, war Egwene entschlossen, sie alle zusammenzuhalten, einschließlich der Roten. Auf der Holzbank auf dieser Plattform lag die siebenfach gestreifte Stola der Amyrlin. Niemand beanspruchte die Verantwortung dafür, sie dort hingelegt zu haben, aber es hatte sie auch niemand entfernt. Romanda war sich unsicher, ob es eine Erinnerung an Egwene al’Vere war, an den Amyrlin-Sitz, ein Echo ihrer Anwesenheit, oder eine Erinnerung daran, dass sie abwesend und eine Gefangene war. Die Sichtweise kam zweifellos auf die betreffende Schwester an.
Sie war nicht die einzige Sitzende, die sich Zeit gelassen hatt e, Lelaines Ruf zu folgen. Delana war natürlich da, hockte zusammengesunken auf ihrer Bank und rieb sich die Nasenseite, einen nachdenklichen Blick in den wässrigen blauen Augen. Einst hatte Romanda sie für vernünftig gehalten. Ungeeignet für einen Sitz, aber vernünftig. Wenigstens hatte sie Halima nicht erlaubt, ihr in den Saal zu folgen und sie weiter zu belästigen. Oder Halima hatte es nicht gewollt. Niemand, der je gehört hatte, wie diese Frau Delana anbrüllte, hatte auch nur den geringsten Zweifel, wer hier die Befehle gab.
Lelaine saß bereits auf ihrer Bank, die direkt unter der Bank der Amyrlin stand, eine schlanke Frau mit harten Augen in blau geschlitzter Seide, die ihr Lächeln streng rationierte. Was es doppelt seltsam machte, dass sie gelegentlich zu der siebenfarbigen Stola hinsah und kurz lächelte. Dieses Lächeln bereitete Romanda Unbehagen, und das schafften nur wenige Dinge. Moria in ihrer silbern verzierten blauen Wolle ging vor der blau verhüllten Plattform auf und ab. Runzelte sie die Stirn, weil sie wusste, warum Lelaine den Saal einberufen hatte und dagegen war, oder weil sie sich sorgte, weil sie es nicht wusste?
»Ich habe Myrelle an Llyws Seite gesehen«, sagte Malind und zog die grünfransige Stola hoch, als Romanda den Pavillon betrat, »und ich glaube nicht, jemals eine so gequälte Schwester gesehen zu haben.« Trotz des Mitleids in ihrem Ton lag ein Funkeln in ihren Augen, und ihre vollen Lippen zuckten vor Heiterkeit. »Wie habt Ihr sie nur jemals dazu überreden können, mit ihm den Bund einzugehen? Ich war dabei, als ihr das jemand einmal vorgeschlagen hat, und ich schwöre, sie wurde leichenblass. Der Mann könnte doch fast als Ogier durchgehen.«
»Ich habe nachdrücklich auf die Pflicht hingewiesen.« Die stämmige Faiselle mit ihrem kantigen Gesicht war in allem energisch; ehrlich gesagt ähnelte sie einem Hammer. Sie ließ jede Geschichte von verführerischen Domani lächerlich aussehen. »Ich habe darauf hingewiesen, dass Llyw seit Kairens Tod immer gefährlicher für sich selbst und andere wurde, und ich habe ihr gesagt, dass das nicht so weitergehen darf. Ich habe ihr klargemacht, dass sie als einzige Schwester, die unter gleichen Umständen zwei andere Behüter gerettet hat, die einzige Person ist, die es noch einmal versuchen konnte. Ich muss zugeben, ich habe sie da etwas unter Druck gesetzt, aber schließlich hat sie es eingesehen.«
»Wie beim Licht habt Ihr es geschafft, Myrelle unter Druck zu setzen?« Malind beugte sich begierig vor.
Romanda ging an ihnen vorbei. Wie hatte man bloß Myrelle unter Druck setzen können? Nein. Keinen Klatsch.
Janya saß auf der Bank der Braunen und dachte offensichtlich nach. Jedenfalls hatte sie die Augen zusammengekniffen, andererseits schien die Frau immer damit beschäftigt zu sein, über etwas nachzudenken, selbst wenn sie mit einem sprach. Vielleicht hatte sie auch einfach nur schlechte Augen. Die restlichen Bänke waren allerdings noch verwaist. Romanda wünschte sich, sich mehr Zeit gelassen zu haben. Sie wäre viel lieber als Letzte eingetroffen statt als eine der Ersten.