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Honig im Tee
Egwene hatte von Anfang an gewusst, dass ihre seltsame Gefangenschaft schwierig werden würde, aber sie hatte geglaubt, dass der einfachste Teil darin bestehen würde, den Schmerz so zu umarmen, wie es die Aiel taten. Schließlich hatte sie heftige Prügel bekommen, als sie den Weisen Frauen das toh bezahlte, das sie für ihre Lügen auf sich geladen hatte. Sie war von einer nach der anderen mit dem Riemen geschlagen worden, also hatte sie Erfahrung. Aber den Schmerz zu umarmen bedeutete nicht, sich ihm einfach nur zu ergeben, statt dagegen anzukämpfen. Man musste den Schmerz in sich hineinziehen und ihn als Teil seiner selbst willkommen heißen. Aviendha sagte, man müsste lächeln und vor Freude lachen und singen können, während einen der Schmerz noch immer festhielt. Das war nicht so einfach.
Am ersten Morgen vor Sonnenaufgang tat sie in Silvianas Arbeitszimmer ihr Bestes, während die Oberin der Novizin ihren blanken Hintern mit der harten Sohle eines Halbschuhs bearbeitete. Sie gab sich keine Mühe, das Schluchzen zu unterdrücken, als es kam, oder später ihr wortloses Gebrüll. Als ihre Beine treten wollten, ließ sie sie zappeln, bis die Oberin sie unter eines ihrer Beine klemmte — was wegen Silvianas Röcken gar nicht so einfach war —, und dann ließ sie ihre Zehen auf den Boden trommeln, während ihr Kopf wild zuckte. Sie versuchte den Schmerz in sich hineinzuziehen, ihn wie Atemluft aufzusaugen. Schmerz war genauso ein Teil des Lebens wie das Atmen. So sahen die Aiel das Leben. Aber, beim Licht, es tat weh!
Als sie schließlich wieder nach einer scheinbar unendlich langen Zeit aufstehen durfte, zuckte sie zusammen, als Unterhemd und Kleid mit der Haut in Berührung kamen. Die weiße Wolle schien so schwer wie Blei zu sein. Sie versuchte, die lodernde Hitze willkommen zu heißen. Aber es war schwer. So schwer. Doch es kam ihr so vor, als würde das Schluchzen bald von selbst aufhören, und der Tränenstrom trocknete schnell. Weder heulte noch jammerte sie. Sie musterte sich in dem Spiegel an der Wand mit seiner verblassenden Vergoldung. Wie viele Tausende von Frauen hatten im Lauf der Jahre in diesen Spiegel geblickt? Die, die in diesem Raum diszipliniert wurden, mussten danach immer ihr Spiegelbild studieren und darüber nachdenken, warum sie bestraft worden waren, aber aus diesem Grund tat sie es nicht. Ihr Gesicht war noch immer gerötet, und doch erschien es bereits… ruhig. Trotz der qualvollen Hitze auf ihrem Hintern fühlte sie sich tatsächlich ruhig. Sollte sie singen? Vielleicht besser nicht. Sie zog ein weißes Leinentaschentuch aus dem Ärmel und trocknete sich sorgfältig die Wangen.
Silviana musterte sie mit zufriedenem Blick, bevor sie den Halbschuh wieder in dem schmalen Schrank gegenüber dem Spiegel verstaute. »Ich glaube, ich habe von Anfang an Eure Aufmerksamkeit erregt, oder ich hätte fester zugeschlagen«, sagte sie trocken und überprüfte den Haarknoten am Hinterkopf. »Ich bezweifle, dass ich Euch so bald wiedersehe. Vielleicht interessiert Euch, dass ich Fragen gestellt habe, so wie Ihr gewünscht habt. Melare hat sich bereits erkundigt. Die Frau ist Leane Sharif, auch wenn das Licht allein weiß, wie…« Sie verstummte, schüttelte den Kopf, zog den Stuhl hinter ihrem Schreibtisch zurück und setzte sich. »Sie hat sich große Sorgen um Euch gemacht, mehr als über sich selbst. Ihr dürft sie in Eurer Freizeit besuchen. Falls Ihr Freizeit haben solltet. Ich werde die Anweisung geben. Sie ist in den offenen Zellen. Und jetzt solltet Ihr besser laufen, wenn Ihr vor Eurer ersten Klasse noch etwas essen wollt.«
»Danke«, sagte Egwene und wandte sich der Tür zu.
Silviana seufzte tief. »Keinen Knicks, Kind?« Sie tauchte die Feder in das in der silbernen Fassung steckende Tintenfässchen und notierte etwas ins Bestrafungsbuch, in einer sauberen, präzisen Handschrift. »Ich sehe Euch heute Mittag. So, wie es aussieht, werdet Ihr Eure beiden ersten Mahlzeiten in der Burg stehend essen.«
Egwene hätte es dabei bewenden lassen, aber während sich die Sitzenden in der Nacht im Saal in Tel’aran’rhiod versammelt hatten, hatte sie sich für einen schwierigen Kurs entschieden, den sie einhalten wollte. Sie wollte kämpfen, aber sie musste dabei den Anschein des Gehorsams bieten. Jedenfalls bis zu einem gewissen Maß. Innerhalb der Grenzen, die sie sich selbst setzte. Jeden Befehl zu verweigern würde bloß bedeuten, dass sie halsstarrig erschien — und vielleicht würde sie in einer Zelle landen, wo sie nichts ausrichten konnte —, aber manche Befehle durfte sie nicht befolgen, wenn sie auch nur einen Funken Würde behalten wollte. Und das musste sie tun. Mehr als nur einen Funken. Sie durften nicht verleugnen, wer sie war, wie sehr sie es auch versuchten; das durfte sie nicht zulassen. »Die Amyrlin kniet vor niemandem«, sagte sie ganz ruhig und wusste genau, welche Reaktion erfolgen würde.
Silvianas Züge verhärteten sich, und sie griff wieder nach der Feder. »Ich sehe Euch auch zur Abendbrotzeit. Ich schlage vor, Ihr geht jetzt ohne weiteres Wort, es sei denn, Ihr wollt den ganzen Tag über meinen Knien verbringen.«
Egwene ging wortlos. Und ohne einen Knicks zu machen. Ein schwieriger Kurs, wie auf einem Drahtseil über einem tiefen Abgrund. Aber sie musste darauf gehen.
Zu ihrer Überraschung marschierte Alviarin in dem Korridor vor dem Arbeitszimmer auf und ab, die weißfransige Stola eng um den Leib geschlungen. Sie starrte auf etwas in der Ferne, das nur sie allein sehen konnte. Egwene wusste, dass die Frau nicht länger Elaidas Behüterin der Chroniken war, wenn auch nicht, warum sie so schnell aus dem Amt entfernt worden war. Das Spionieren in Tel’aran’rhiod erlaubte nur kurze Blicke und Eindrücke; es war in so vielerlei Hinsicht eine unsichere Widerspiegelung der Welt. Alviarin musste ihr Gebrüll gehört haben, aber seltsamerweise verspürte Egwene keine Scham. Sie kämpfte eine seltsame Schlacht, und in der Schlacht trug man Wunden davon. Die normalerweise eiskalte Weiße erschien heute alles andere als kühl. Tatsächlich erschien sie sogar ziemlich aufgeregt, ihre Lippen standen geöffnet, und in ihrem Blick loderte es. Egwene machte keinen Knicks vor ihr, aber Alviarin warf ihr nur einen finsteren Blick zu, bevor sie in Silvianas Arbeitszimmer verschwand. Ein Drahtseilakt.
Ein Stück weiter den Korridor hinunter standen zwei Rote auf ihrem Beobachtungsposten, eine mit rundem Gesicht, die andere schlank, beide mit kühlen Blicken und die Stolen so auf den Armen drapiert, dass die langen roten Fransen deutlich zu sehen waren. Nicht das gleiche Paar, das bei ihrem Aufwachen zugegen gewesen war, aber sie waren nicht zufällig da. Sie waren keine Wächter im Sinne des Wortes, aber sie waren sehr wohl auch Wächter. Vor ihnen machte sie auch keinen Knicks. Sie betrachteten sie ausdruckslos.
Egwene hatte noch kein halbes Dutzend Schritte auf den roten und grünen Fliesen gemacht, da hörte sie hinter sich das gequälte Gebrüll einer Frau, das kaum von der schweren Tür zu Silvianas Arbeitszimmer gedämpft wurde. Also erfüllte Alviarin eine Buße, und sie nahm es nicht gut hin, wenn sie so bald schon aus vollem Hals schrie. Es sei denn, sie versuchte, den Schmerz zu umarmen, was aber unwahrscheinlich erschien. Egwene hätte gern gewusst, warum Alviarin eine Buße zu erfüllen hatte, falls es eine auferlegte Buße war. Ein General hatte Späher und Augen-und-Ohren, die ihn über den Feind informierten. Sie hatte nur ihre eigenen Augen und Ohren und das Wenige, das sie in der Unsichtbaren Welt erfahren konnte. Jedes Fitzelchen Wissen konnte sich als nützlich erweisen, also musste sie alles ausgraben, was möglich war.
Frühstück oder nicht, sie kehrte lange genug in ihr winzig es Zimmer in den Novizinnenquartieren zurück, um sich am Waschständer das Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen und das Haar zu kämmen. Die Bürste, die sich in ihrer Gürteltasche befunden hatte, gehörte zu den paar persönlichen Dingen, die sie behalten hatte. In der Nacht waren ihre Kleider verschwunden und durch das Novizinnenweiß ersetzt worden, aber die Kleider und Unterhemden, die an der weißen Wand hingen, gehörten ihr. Sie waren nach ihrem Aufstieg zur Aufgenommenen verstaut worden und trugen noch immer die kleinen Schildchen mit ihrem Namen, die man in die Säume genäht hatte. Die Burg war nie verschwenderisch. Man konnte nie wissen, wann einem neuen Mädchen ein alter Satz Kleider passen würde. Aber nichts außer dem Weiß einer Novizin zum Anzuziehen zu haben, das machte sie nicht zu einer Novizin, egal, was Elaida und die anderen auch glaubten.