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Sie ging erst, als sie sich sicher war, dass ihr Gesicht nicht länger gerötet war und sie so beherrscht aussah, wie sie sich fühlte. Wenn einem nur wenige Waffen blieben, dann konnte das Erscheinungsbild eine davon sein. Dieselben Roten warteten auf der Galerie, um sie zu beschatten.

Der Speisesaal der Novizinnen lag auf der untersten Ebene der Burg, neben einer der Hauptküchen. Es war ein großer, ganz in Weiß gehaltener Raum, schmucklos, auch wenn die Bodenfliesen die Farben aller Ajahs zeigten, und er war mit Tischen gefüllt, von denen jeder sechs oder acht Frauen auf schmalen Bänken beherbergen konnte. An diesen Tischen saßen ungefähr hundert oder mehr Frauen und plauderten beim Frühstück. Elaida musste sehr mit ihrer Zahl zufrieden sein. Die Burg hatte seit Jahren nicht mehr so viele Novizinnen gehabt. Zweifellos hatte selbst die Nachricht über die Spaltung der Burg in einige Köpfe den Gedanken gepflanzt, nach Tar Valon zu gehen. Egwene war nicht beeindruckt. Diese Frauen füllten kaum die Hälfte des Speisesaals, und eine Etage über ihnen gab es noch einen, der schon seit Jahrhunderten geschlossen war. Sobald sie in der Burg herrschte, würde man die zweite Küche wieder eröffnen, und die Novizinnen würden trotzdem in Schichten essen müssen, was seit den Trolloc-Kriegen nicht mehr geschehen war.

Nicola entdeckte sie, sobald sie eintrat — die Frau schien nach ihr Ausschau gehalten zu haben — und stieß die Novizinnen neben sich an. Schweigen senkte sich in einer Welle über die Tische, und jeder Kopf drehte sich, als Egwene den Mittelgang hinunterrauschte. Sie sah nicht nach rechts oder nach links.

Auf halbem Weg zur Küchentür stieß eine kleine, schlanke Novizin mit langem schwarzen Haar einen Fuß nach vorn und stellte ihr ein Bein. Sie konnte gerade noch das Gleichgewicht bewahren, ohne vornüber aufs Gesicht zu fallen. Sie drehte sich kühl. Ein weiteres Scharmützel. Die junge Frau hatte das blasse Aussehen einer Cairhienerin. Aus dieser Nähe konnte Egwene sicher sein, dass man sie der Prüfung zur Aufgenommenen unterziehen würde, solange sie keine anderen Fehler hatte. Aber die Burg war gut darin, solche Dinge auszumerzen. »Wie ist Euer Name?«

»Alvistere«, erwiderte die junge Frau, und ihr Akzent bestätigte ihr Aussehen. »Warum wollt Ihr das wissen? Damit Ihr Silviana etwas erzählen könnt? Das wird Euch nichts nützen. Jeder hier wird sagen, dass er nichts gesehen hat.«

»Das ist eine Schande, Alvistere. Ihr wollt Aes Sedai werden und die Fähigkeit zum Lügen aufgeben, und doch wollt Ihr, dass andere für Euch lügen. Seht Ihr darin keinen Widerspruch?«

Alvisteres Gesicht rötete sich. »Wer seid Ihr, dass Ihr mich belehren wollt?«

»Ich bin die Amyrlin. Eine Gefangene, aber noch immer die Amyrlin.« Alvisteres große Augen weiteten sich, und Geflüster summte durch den Raum, während Egwene weiter zur Küche ging. Sie hatten nicht geglaubt, dass sie noch immer den Titel beanspruchen würde, obwohl sie das Weiß trug und unter ihnen schlief. Es war gut, ihnen diese Idee schnell auszutreiben.

Die Küche war ein großer Raum mit hoher Decke und grauem Fußboden, wo die Bratspieße in dem langen Kamin reglos hingen, die Eisenöfen jedoch genug Hitze verbreiteten, dass sie sofort in Schweiß ausgebrochen wäre, hätte sie nicht gewusst, wie sie sie ignorieren konnte. Sie hatte oft genug in dieser Küche geschuftet, und es erschien als sicher, dass sie es wieder tun würde. Es gab auf drei Seiten Speisesäle, für die Aufgenommenen, die Aes Sedai und die Novizinnen. Laras, die Herrin der Küchen, watschelte mit schweißbedecktem Gesicht und in einer makellos sauberen weißen Schürze umher, aus der man drei Novizinnengewänder hätte machen können, und schwenkte ihren langen Holzlöffel wie ein Zepter, während sie Köche und Jungköche und Küchenhilfen dirigierte, die für sie so schnell wie für eine Königin eilten. Vielleicht sogar schneller. Eine Königin würde einem kaum einen Hieb mit ihrem Zepter versetzen, nur weil man sich nicht schnell genug bewegte.

Viele Mahlzeiten schienen auf Tabletts zu landen, manchm al aus Silber, manchmal aus Holz, die Frauen durch die Tür zum Hauptspeisesaal der Schwestern trugen. Keine Küchenfrauen mit der weißen Flamme von Tar Valon auf den Busen, sondern würdevolle Frauen in gut geschnittenen Wollgewändern mit dezenten Stickereien, die persönlichen Dienerinnen der Schwestern, die den langen Aufstieg zu den Quartieren der Ajahs machen würden.

Jede Aes Sedai konnte in ihren Gemächern speisen, so sie es wünschte, auch wenn das bedeutete, die Macht zu lenken, um das Essen aufzuwärmen, aber die meisten genossen die Gesellschaft beim Essen. Zumindest hatten sie das in der Vergangenheit. Der ständige Strom von Frauen mit abgedeckten Tabletts war eine Bestätigung, dass die Weiße Burg von einem Spinnennetz aus Rissen durchzogen wurde. Egwene hätte Zufriedenheit verspüren müssen. Elaida stand auf einem Podest, das kurz davorstand, unter ihr zusammenzubrechen. Aber die Burg war ihr Zuhause. Alles, was sie fühlte, war Trauer. Und Wut auf Elaida. Diese Frau verdiente es allein schon für alles, was sie der Burg angetan hatte, seit sie Stab und Stola errungen hatte, aus ihrem Amt gezerrt zu werden!

Laras warf ihr einen langen Blick zu, zog ihr Kinn ein, bis sie nur noch vier davon hatte, dann schwenkte sie wieder den Löffel und schaute einem Jungkoch über die Schulter. Die Frau hatte einst Siuan und Leane bei der Flucht geholfen, also war ihre Loyalität zu Elaida wenig ausgeprägt. Würde sie jetzt jemand anderem helfen? Sie gab sich jedenfalls alle Mühe, nicht noch einmal in Elaidas Richtung zu sehen. Eine Jungköchin, die sicher nicht wusste, wer sie war, eine lächelnde Frau, die an ihrem zweiten Kinn arbeitete, überreichte ihr ein Tablett mit einer großen Tasse dampfendem Tee und einem dicken, weiß glasierten Teller mit Brot, Oliven und bröckeligem weißen Käse, das sie zurück in den Speisesaal brachte.

Wieder kehrte Schweigen ein, und wieder richtete sich jedes Auge auf sie. Natürlich. Sie wussten, dass sie zur Oberin der Novizinnen zitiert worden war. Sie wollten sehen, ob sie im Stehen aß. Sie wollte sich nur zu gern ganz vorsichtig auf der harten Bank niederlassen, aber sie zwang sich dazu, sich ganz normal hinzusetzen. Was die Flammen natürlich wieder hochschießen ließ. Nicht so stark wie zuvor, aber immerhin stark genug, dass sie herumrutschte, bevor sie sich wieder unter Kontrolle brachte. Seltsamerweise verspürte sie kein echtes Verlangen, das Gesicht zu verziehen oder sich zu winden. Sich hinzustellen, ja, das schon, aber nicht das andere. Der Schmerz war ein Teil von ihr. Sie akzeptierte ihn ohne Gegenwehr. Sie versuchte, ihn willkommen zu heißen, aber das schien außerhalb ihrer Fähigkeiten zu liegen.

Sie riss ein Stück Brot ab — anscheinend gab es auch hier Getreidekäfer im Mehl —, und langsam fingen die Unterhaltungen wieder an, aber leise, weil man von Novizinnen erwartete, nicht so viel Lärm zu machen. Auch an ihrem Tisch ging die Unterhaltung weiter, auch wenn keiner Anstrengungen machte, sie mit einzubeziehen. Auch das war gut so. Sie war nicht hier, um unter den Novizinnen Freundschaften zu schließen. Und sie sollten sie auch nicht als eine der ihren betrachten. Nein, sie hatte ein ganz anderes Ziel.