Nachdem sie das Tablett zurückgebracht hatte und zusammen mit den Novizinnen den Speisesaal verließ, warteten bereits zwei andere Rote auf sie. Eine war Katerine Alruddin, fuchsartig in rot geschlitztem Grau; rabenschwarzes Haar wogte in einer Masse bis zu ihrer Taille, und ihre Stola ruhte in ihrer Ellenbeuge.
»Trinkt das«, sagte Katerine herrisch und hielt ihr einen Zinnbecher hin. »Alles.« Die andere Rote, dunkelhäutig und mit kantigem Gesicht, richtete ungeduldig die Stola und verzog den Mund. Anscheinend gefiel es ihr nicht, als Dienerin herhalten zu müssen. Vielleicht war es auch die Abscheu vor dem, was in dem Becher war.
Egwene unterdrücke ein Seufzen und trank. Der schwache Spaltwurzeltee sah aus und schmeckte wie hellbraun gefärbtes Wasser, mit einer Spur Minze. Eher die Erinnerung an Minze als der Geschmack selbst. Ihre erste Tasse hatte sie kurz nach dem Aufwachen erhalten, die diensthabende Rote Schwester hatte es eilig, die Abschirmung zu lösen und sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Katerine hatte die Stunde etwas überzogen, aber sie bezweifelte, dass sie die Macht hätte lenken können. Jedenfalls nicht mit genug Stärke, dass es ihr irgendwie genutzt hätte.
»Ich will nicht zu spät zu meiner ersten Klasse kommen«, sagte sie und gab die Tasse zurück. Katerine nahm sie, allerdings schien es sie zu überraschen, dass sie sie entgegengenommen hatte. Egwene rauschte hinter den Novizinnen her, bevor die Schwester Einwände erheben konnte. Oder bevor ihr einfiel, sie zu rügen, weil sie keinen Knicks gemacht hatte.
Die erste Klasse, ein einfacher, fensterloser Raum, in dem zehn Novizinnen auf Holzbänken für dreißig oder mehr gedachte Schülerinnen saßen, war genau das Desaster, das sie erwartet hatte. Allerdings kein Desaster für sie, ganz egal, wie es endete. Die Lehrerin war Idrelle Menford, eine Frau mit harten Augen, die bereits Aufgenommene gewesen war, als Egwene das erste Mal die Burg betreten hatte. Sie trug noch immer das weiße Kleid mit den sieben Farbstreifen an Saum und Ärmelaufschlägen. Egwene suchte sich einen Platz am Ende der Bank, wieder ohne an ihre empfindliche Kehrseite zu denken. Es war besser geworden, wenn auch nicht sehr. Trinke den Schmerz.
Idrelle stand auf einem kleinen Podium an der Vorderseite des Raums und sah mit mehr als nur einem Funken Zufriedenheit, dass Egwene wieder Weiß trug. Es schien fast ihr ständiges Stirnrunzeln zu mildern. »Ihr seid alle über die Erschaffung einfacher Feuerbälle hinaus«, sagte sie zu der Klasse, »aber wollen wir doch mal sehen, was unser neues Mädchen kann. Ihr müsst wissen, sie war einst sehr von sich überzeugt.« Ein paar der Novizinnen kicherten. »Macht einen Feuerball, Egwene. Macht schon, Kind.« Ein Feuerball? Das war eines der ersten Dinge, die Novizinnen lernten. Was hatte sie vor?
Egwene öffnete sich der Quelle und umarmte Saidar, ließ es in sich hineinschießen. Die Spaltwurzel erlaubte nur ein Tröpfeln, ein Faden, wo sie an Ströme gewöhnt war, aber es war die Macht, und ob ein Tröpfeln oder nicht, es brachte das ganze Leben und die Freude Saidars, das erhöhte Bewusstsein ihrer selbst und des sie umgebenden Raums. Erhöhtes Bewusstsein ihrer selbst bedeutete, dass ihr brennender Hintern sich sofort frisch verprügelt anfühlte, aber sie rührte sich nicht. Atme den Schmerz ein. Sie konnte den schwachen Duft der Seife von der Morgentoilette der Novizinnen riechen, sah eine kleine Ader auf Idrelles Stirn pochen. Ein Teil von ihr wollte der Frau mit einem Strom Luft eine Ohrfeige geben, aber bei der Menge an Macht, die sie jetzt lenkte, hätte Idrelle es kaum gespürt. Stattdessen lenkte sie Feuer und Luft, um einen kleinen grünen Feuerball zu produzieren, der vor ihr schwebte. Es war ein blasses, armseliges Ding, in der Tat sogar durchsichtig.
»Sehr gut«, sagte Idrelle sarkastisch. Ah ja. Sie hatte damit anfangen wollen, indem sie den Novizinnen zeigte, wie schwach Egwene in der Macht war. »Lasst Saidar los. Also, Klasse…«
Egwene fügte einen blauen Feuerball hinzu, dann noch einen braunen und einen grauen, ließ sie umeinander wirbeln.
»Lasst die Quelle los!«, sagte Idrelle brüsk.
Ein gelber Ball gesellte sich hinzu, ein weißer und schließlich ein roter. Schnell fügte sie miteinander verbundene Feuerringe um die wirbelnden Bälle. Diesmal kam rot zuerst, weil sie es kleiner wollte, grün zuletzt und am größten. Hätte sie eine Ajah auswählen können, wäre es die Grüne gewesen. Sieben Flammenringe rotierten, keine zwei in der gleichen Richtung, um sieben Feuerbälle, die einen komplizierten Tanz aufführten. Sie mochten klein und schwach sein, aber es war eine beeindruckende Zurschaustellung, davon abgesehen, dass sie ihre Ströme vierzehn Mal teilte. Das Jonglieren mit der Macht war nicht viel leichter als mit den Händen.
»Hört auf damit!«, schrie Idrelle. »Aufhören!« Der Schein Saidars hüllte die Lehrerin ein, und ein Hieb Luft traf Egwene hart quer über den Rücken. »Ich sagte aufhören!« Der Schlag traf erneut, dann noch einmal.
Egwene ließ ruhig die Ringe wirbeln, die Bälle tanzen. Nach Silvianas hart geschwungenem Schuh fiel es leicht, den Schmerz von Idrelles Schlägen zu trinken. Wenn nicht sogar, ihn willkommen zu heißen. Würde sie jemals lächeln können, während man sie schlug?
Katerine und die andere Rote erschienen in der Tür. »Was geht hier vor?«, wollte die Schwester mit dem rabenschwarzen Haar wissen. Die Augen ihrer Begleiterin weiteten sich, als sie sah, was Egwene da tat. Es war sehr unwahrscheinlich, dass eine von ihnen ihre Ströme so oft teilen konnte.
Die Novizinnen sprangen natürlich alle auf die Füße und machten einen Knicks, als die Aes Sedai eintraten. Egwene blieb sitzen.
Idrelle spreizte ihre Röcke und sah aufgeregt aus. »Sie will nicht aufhören«, jammerte sie. »Ich habe es ihr befohlen, aber sie hört nicht auf!«
»Egwene, Schluss damit«, befahl Katerine streng.
Egwene hielt ihre Gewebe aufrecht, bis die Frau wieder den Mund öffnete. Erst dann ließ sie Saidar los und stand auf.
Katerine ließ den Mund zuschnappen, und sie holte tief Luft. Ihre Miene behielt die Aes-Sedai-Gelassenheit, aber ihre Augen funkelten. »Ihr werdet zu Silvianas Arbeitszimmer laufen und ihr sagen, dass Ihr Eurer Lehrerin nicht gehorcht und eine Klasse gestört habt. Geht!«
Egwene verharrte lange genug, um die Röcke zu glätten — wenn sie gehorchte, durfte sie dabei nicht den Anschein von Hast oder Eifer erwecken —, dann drückte sie sich an den beiden Aes Sedai vorbei und rauschte den Korridor entlang.
»Ich sagte lauft«, sagte Katerine scharf hinter ihr.
Ein Strom Luft traf ihr noch immer empfindliches Hinterteil. Akzeptiere den Schmerz. Ein weiterer Schlag. Trinke den Schmerz wie Luft. Ein dritter, hart genug, um sie stolpern zu lassen. Heiße den Schmerz willkommen.
»Lasst mich los, Jezrail«, knurrte Katerine.
»Das werde ich nicht tun«, erwiderte die andere Schwester mit einem starken tairenischen Akzent. »Ihr geht zu weit, Katerine. Ein Klaps oder zwei sind erlaubt, aber jede weitere Bestrafung ist Sache der Oberin. Beim Licht, wenn Ihr so weitermacht, wird sie nicht mehr laufen können, bevor sie bei Silviana ankommt.«
Katerine atmete schwer. »Also gut«, sagte sie schließlich.
»Aber sie kann Ungehorsam gegenüber einer Schwester der Liste ihrer Missetaten hinzufügen. Ich werde mich erkundigen, Egwene, also glaubt nicht, Ihr könntet das vergessen.«
Als sie das Arbeitszimmer betrat, hoben sich Silvianas Brauen überrascht. »So bald schon? Holt den Schuh aus dem Schrank, Kind, und dann sagt Ihr mir, was Ihr jetzt angestellt habt.«
Nach zwei weiteren Klassen und zwei weiteren Besuchen bei Silviana — sie weigerte sich, sich verspotten zu lassen, und wenn eine Aufgenommene nicht wollte, dass sie etwas besser tat, als die Aufgenommene selbst dazu in der Lage war, dann sollte die Frau sie eben nicht danach fragen — und dem festgesetzten Mittagstermin entschied die strenggesichtige Frau, dass sie jeden Tag mit einer Heilung beginnen sollte.