Выбрать главу

»Ansonsten habt Ihr bald zu viele Striemen, um geschlagen werden zu können, ohne dass es blutet. Aber glaubt nicht, dass das bedeutet, dass ich es Euch leicht mache. Wenn Ihr dreimal am Tag Geheilt werden müsst, schlage ich nur härter zu, um das wieder wettzumachen. Falls nötig, gehe ich zum Riemen oder dem Rohrstock über. Weil ich Euch den Kopf geraderücken werde, Kind. Das könnt Ihr mir glauben.«

Diese drei Klassen, die drei in Verlegenheit gebrachte Aufg enommene hinterließen, hatten ein anderes Resultat. Ihr Unterricht wurde geändert, nun gab es Einzelstunden bei Aes Sedai, was normalerweise den Aufgenommenen vorbehalten blieb. Das bedeutete, die langen, mit Wandteppichen gesäumten Spiralkorridore zu den Ajah-Quartieren hinaufzusteigen, wo Schwestern Wächtern gleich an den Eingängen standen. Und sie waren auch Wächter. Besucherinnen von anderen Ajahs waren nicht willkommen, um es höflich auszudrücken. Tatsächlich sah sie nie eine Aes Sedai in der Nähe der Quartiere anderer Ajahs.

Mit Ausnahme von Sitzenden sah sie auch nur selten Schwestern in den Korridoren außerhalb der Quartiere, außer in Gruppen; und dann trugen sie immer ihre Stolen, dicht gefolgt von ihren Behütern, aber das hier war nicht wie die Furcht, die das Lager außerhalb der Mauern ergriffen hatte. Hier waren es immer Schwestern derselben Ajah, die einhergingen, und wenn sich zwei Gruppen begegneten, dann schnitten sie sich, wenn sie sich nicht böse Blicke zuwarfen. Die Burg blieb selbst in der schlimmsten Sommerhitze kühl, aber die Luft schien fiebrig und kalt, wenn sich Schwestern verschiedener Ajahs zu nahe kamen. Selbst die Sitzenden, die sie erkannte, gingen schnell. Die wenigen, die sich bewusst wurden, wer sie war, schenkten ihr lange, musternde Blicke, aber die meisten erschienen in Gedanken versunken. Pevara Tazanovni, eine plumpe, hübsche Sitzende der Roten, lief fast jeden Tag in sie hinein — sie würde nicht zur Seite springen, nicht einmal für Sitzende —, aber Pevara eilte weiter, als würde sie es nicht bemerken. Ein anderes Mal tat Doesine Alwain, jungenhaft schlank, aber elegant gekleidet, das Gleiche, während sie in eine Unterhaltung mit einer anderen Gelben vertieft war. Keine von ihnen schenkte ihr einen zweiten Blick. Sie wünschte, sie hätte gewusst, wer die andere Gelbe war.

Sie kannte die Namen der zehn »Spitzel«, die Sheriam und die anderen in dem Versuch, Elaidas Position zu untergraben, in die Burg geschickt hatten, und sie hätte sehr gern mit ihnen Kontakt aufgenommen, aber sie kannte ihre Gesichter nicht, und nach ihnen zu fragen hätte nur die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Sie hoffte, eine von ihnen würde sie zur Seite nehmen oder ihr eine Nachricht zukommen lassen, aber das tat keine. Sie würde ihre Schlacht allein schlagen müssen, es sei denn, sie hörte etwas, das diesen Namen Gesichtern zuordnete.

Natürlich vernachlässigte sie Leane nicht. In ihrer zweiten Nacht in der Burg ging sie trotz ihrer tiefen Erschöpfung nach dem Essen hinunter zu den offenen Zellen. Dieses halbe Dutzend Räume im ersten Kellergeschoss diente dazu, Frauen festzuhalten, die die Macht lenken konnten, sie aber nicht einzukerkern. Jeder enthielt einen großen Käfig aus Eisenstangen, die von der Decke zum Steinboden ragten, um den herum vier Schritte Platz waren und Eisenkandelaber für Licht sorgten. Vor Leanes Zelle saßen zwei Braune auf Bänken an der Wand, begleitet von einem Behüter, einem breitschultrigen Mann mit attraktivem Gesicht und weißen Schläfen. Er schaute bei Egwenes Eintreten auf, dann konzentrierte er sich wieder darauf, seinen Dolch mit einem Schleifstein zu schärfen.

Eine der Braunen war Felaana Bevaine, eine schlanke Frau mit langem blonden Haar, das aussah, als würde sie es mehrmals am Tag bürsten. Sie schrieb etwas in ein mit Leder eingebundenes Notizbuch, das auf einem Schoßpult lag, und schaute kurz auf, um mit heiserer Stimme zu sagen: »Oh. Ihr seid das, oder? Nun, Silviana hat gesagt, Ihr dürft sie besuchen, Kind, aber gebt ihr nichts, ohne es vorher Dalevien oder mir zu zeigen, und macht keinen Ärger.« Sie senkte den Kopf sofort wieder über das Notizbuch. Dalevien, eine stämmige Frau mit grau durchsetztem, kurzen schwarzen Haar, schaute nicht davon auf, die Texte zweier Bücher zu vergleichen, die beide aufgeschlagen auf ihren Knien lagen. Das Licht Saidars umgab sie, und sie hielt eine Abschirmung um Leane aufrecht, aber es gab für sie keinen Grund, sie im Auge zu behalten, nachdem sie gewebt worden war.

Egwene verlor keine Zeit, zu dem Käfig zu eilen, die Hände durch die Gitterstäbe zu schieben und Leanes zu ergreifen. »Silviana hat mir gesagt, dass sie Euch endlich Eure Identität glauben«, sagte sie lachend, »aber ich habe nicht erwartet, Euch in einem solchen Luxus vorzufinden.«

Es war nur dann luxuriös, wenn man es mit den kleinen, finsteren Zellen verglich, in denen Schwestern festgehalten wurden, auf die ein Prozess wartete, wo es statt einer Matratze Stroh auf dem Boden und eine Decke nur dann gab, wenn man viel Glück hatte, aber Leanes Unterbringung erschien halbwegs komfortabel. Sie hatte ein schmales Bett, das weicher als die in den Novizinnenquartieren war, einen Stuhl mit Sprossenlehne und einem blauen, quastengeschmückten Kissen und einen Tisch, auf dem drei Bücher und ein Tablett mit den Resten ihres Abendessens lagen. Es gab sogar einen Waschständer, allerdings waren sowohl die weiße Wasserkanne wie die Waschschüssel angestoßen, und der Spiegel war blasig. Ein Paravent, durchsichtig genug, dass sie dahinter als Schatten erscheinen würde, verbarg den Nachttopf.

Auch Leane lachte. »Oh, ich bin sehr beliebt«, sagte sie lebhaft. Sogar ihre Pose erschien schmachtend, trotz des schlichten schwarzen Wollkleids bot sie das Bild einer typischen verführerischen Domani, aber die energische Stimme war ein Überbleibsel aus der Zeit, bevor sie sich entschieden hatte, sich auf die Weise neu zu erfinden, die sie wollte. »Ich hatte den ganzen Tag Besuch, von jeder Ajah außer der Roten. Selbst die Grünen wollten mich überzeugen, ihnen doch zu verraten, wie man Reist, und sie wollten mich hauptsächlich in die Finger bekommen, weil ich ›behaupte‹, jetzt eine Grüne zu sein.« Sie schauderte zu übertrieben, als dass es echt gewirkt hätte. »Das wäre genauso schlimm, als wieder bei Melare und Desala zu sein. Eine schreckliche Frau, diese Desala.« Ihr Lächeln verblasste wie Nebel in der Mittagssonne. »Sie haben mir erzählt, dass man Euch in Weiß gesteckt hat. Vermutlich immer noch besser als die Alternative. Sie geben Euch Spaltwurzel? Mir auch.«

Überrascht sah Egwene zu der Schwester, die die Abschirm ung hielt, und Leane schnaubte.

»Der Brauch. Wäre ich nicht abgeschirmt, könnte ich nicht mal eine Fliege zerquetschen, aber der Brauch schreibt vor, dass eine Frau in der offenen Zelle immer abgeschirmt werden muss. Aber Euch lassen sie einfach herumspazieren?«

»Nicht unbedingt«, sagte Egwene trocken. »Draußen wart en zwei Rote, um mich zu meinem Zimmer zu eskortieren und mich im Schlaf abzuschirmen.«

Leane seufzte. »Also. Ich stecke in einer Zelle, Ihr steht unter Beobachtung, und wird sind beide mit Spaltwurzeltee abgefüllt.« Sie warf einen Seitenblick auf die Braunen. Felaana konzentrierte sich noch immer auf ihre Notizen. Dalevien schlug bei beiden Büchern auf ihren Knien Seiten um und murmelte etwas Unverständliches. Der Behüter musste sich mit dem Dolch rasieren wollen, so scharf schliff er ihn. Seine Hauptaufmerksamkeit war jedoch auf die Tür gerichtet. Leane senkte die Stimme. »Und wann fliehen wir?«

»Gar nicht«, erwiderte Egwene und legte fast im Flüstert on ihre Gründe und ihren Plan dar, während sie die Schwestern unauffällig im Auge behielt. Sie erzählte Leane alles, was sie gesehen hatte. Und getan hatte. Es fiel schwer zu sagen, wie oft sie an diesem Tag geschlagen worden war und wie sie sich dabei benommen hatte, aber es war nötig, um die andere Frau davon zu überzeugen, dass man ihren Willen nicht brechen würde.

»Ich kann ja verstehen, dass ein Befreiungskommando nicht in Frage kommt, aber ich hatte gehofft…« In den Behüter kam Bewegung, und Leane verstummte, aber er steckte bloß den Dolch weg. Er verschränkte die Arme über der Brust, streckte die Beine aus und lehnte sich an die Wand, die Augen auf die Tür gerichtet. Er sah aus, als könnte er in einem Wimpernschlag auf den Füßen sein. »Laras hat mir einmal bei der Flucht geholfen«, fuhr sie leise fort, »aber ich weiß nicht, ob sie das noch einmal tun würde.« Sie schauderte, und diesmal lag darin nichts Gespieltes. Sie war gedämpft worden, als Laras ihr und Siuan bei der Flucht half. »Sie hat es sowieso mehr für Min als für Siuan und mich getan. Seid Ihr sicher, was Euren Plan betrifft? Silviana Brehon ist eine harte Frau. Gerecht, wie ich gehört habe, aber hart genug, um Eisen zu brechen. Seid Ihr Euch absolut sicher, Mutter?« Als Egwene es bestätigte, seufzte sie erneut.