»Weil dem Gesetz zufolge nur die Amyrlin, die Behüterin und die Sitzenden von der Existenz der geheimen Chroniken wie auch von ihrem Inhalt wissen dürfen. Sie und die Bibliothekare, die die Unterlagen führen. Selbst das Gesetz ist Teil des Dreizehnten Depositoriums, also hätte ich Euch das wohl auch nicht sagen dürfen. Aber wenn Ihr irgendwie dazu Zugang finden solltet oder jemanden fragt, der Bescheid weiß und es Euch erzählt, dann werdet Ihr sehen, dass ich Recht habe. In der Geschichte der Burg haben sich die Schwestern sechsmal erhoben, wenn die Amyrlin auf gefährliche Weise zersetzend oder erschreckend inkompetent war und der Saal dagegen nichts unternommen hat.« So. Sie hätte die Saat nicht mit einer Schaufel tiefer pflanzen können. Oder sie mit einem Hammer einhämmern können.
Bennae starrte sie einen langen Augenblick an, dann hob sie die Tasse an die Lippen. Sie spuckte, sobald der Tee ihre Zunge berührt hatte, und fing an, die Flecken auf ihrem Kleid mit einem zarten Spitzentaschentuch abzutupfen.
»Der Große Winterkrieg«, sagte sie heiser, nachdem sie die Tasse neben dem Stuhl auf dem Boden abgestellt hatte, »begann Ende sechshunderteinundsiebzig…« Sie erwähnte weder geheime Chroniken noch Meutereien erneut, aber das war auch gar nicht nötig. Mehr als einmal in ihrer Lektion verlor sie den Faden, starrte an Egwene vorbei ins Leere, und Egwene hatte nicht den geringsten Zweifel, worüber sie nachdachte.
Später an diesem Tag sagte Lirene Doirellin: »Ja, da hat Elaida einen entscheidenden Fehler gemacht«, und marschierte vor dem Kamin ihres Wohnzimmers auf und ab. Die cairhienische Schwester war nur ein Stück kleiner als Egwene, aber ihr gehetzter Blick erweckte den Eindruck eines gejagten Tieres, ein Spatz, der Angst vor Katzen hatte und fest davon überzeugt war, dass es in der Nähe viele Katzen gab. Ihre dunk elgrünen Röcke wiesen vier diskrete rote Schlitze auf, obwohl sie einst eine Sitzende gewesen war. »Ihre Proklamation, und dann ihr Versuch, ihn entführen zu lassen, man hätte den jungen al’Thor kaum erfolgreicher dazu bringen können, sich so weit von der Burg fernzuhalten, wie er nur kann. Oh, sie hat Fehler gemacht, das hat Elaida.«
Egwene wollte nach Rand und der Entführung fragen — eine Entführung? —, aber Lirene gab ihr keine Gelegenheit, während sie weiter Elaidas viele Fehler aufzählte und dabei unablässig auf und ab ging, wobei ihre Blicke umherhuschten und sie unbewusst die Hände rang. Egwene war sich nicht sicher, ob man diese Unterrichtsstunde als Erfolg bezeichnen konnte, aber immerhin war es kein Reinfall gewesen. Und sie hatte etwas erfahren.
Natürlich verliefen nicht alle ihre Vorstöße so gut.
»Das hier ist keine Diskussion«, sagte Pritalle Nerbaijan. Ihr Ton war völlig ruhig, aber in ihren schräg stehenden grünen Augen lag ein wildes Funkeln. Ihre Gemächer sahen eher wie die einer Grünen als einer Gelben aus; an den Wänden hingen mehrere blanke Schwerter und ein seidener Wandbehang, auf dem Männer gegen Trollocs kämpften. Sie schloss die Finger um den Dolchgriff in ihrem gewebten Silbergürtel. Es handelte sich nicht um ein schlichtes Gürtelmesser; die Dolchklinge war fast einen Fuß lang, und ein Smaragd krönte den Knauf. Warum sie eingewilligt hatte, Egwene Unterricht zu geben, blieb ein Geheimnis, wo sie das Unterrichten doch so verabscheute. Vielleicht, weil es sich um Egwene handelte. »Ihr seid hier für eine Lektion in den Grenzen der Macht. Eine grundsätzliche Lektion, wie sie für eine Novizin passend ist.«
Egwene wollte auf dem dreibeinigen Hocker herumruts chen, den ihr Pritalle als Sitzgelegenheit gegeben hatte, aber stattdessen konzentrierte sie sich auf das Brennen, um es willkommen zu heißen. An diesem Tag hatte sie Silviana bereits drei Besuche abgestattet, und sie konnte einen vierten herannahen fühlen, dabei dauerte es noch eine Stunde bis zum Mittagessen. »Ich habe lediglich gesagt, wenn Shemerin von einer Aes Sedai zur Aufgenommenen degradiert werden konnte, dann hat Elaidas Macht keine Grenzen. Wenigstens glaubt sie das. Aber wenn Ihr das so akzeptiert, dann hat sie es wirklich nicht.«
Pritalles Griff um den Dolch wurde so fest, dass sich die Knöchel weiß verfärbten, aber sie schien es nicht zu bemerken. »Da Ihr es besser zu wissen vermeint als ich«, sagte sie kühl, »dürft Ihr Silviana besuchen, wenn wir hier fertig sind.« Vielleicht ein Teilerfolg. Egwene glaubte nicht, dass Pritalles Zorn auf sie gerichtet war.
»Ich erwarte von Euch anständiges Benehmen«, sagte Serancha Colvine an einem anderen Tag zu ihr. Das Wort, um die Graue zu beschreiben, lautete »verkniffen«. Ein verkniffener Mund und eine verkniffene Nase, die ständig irgendeinen Gestank zu riechen schien. Selbst ihre hellblauen Augen schienen vor Missbilligung verkniffen zu sein. Sonst hätte man sie als durchaus hübsch bezeichnen können. »Habt Ihr verstanden?«
»Ich verstehe«, sagte Egwene und setzte sich auf den Hocker, der vor Seranchas hochlehnigen Stuhl gestellt worden war. Der Morgen war kühl, im Steinkamin brannte ein kleines Feuer. Trink den Schmerz. Heiße den Schmerz willkommen.
»Eine falsche Antwort«, sagte Serancha. »Die richtige Antwort wären ein Knicks und ein ›Ich verstehe, Serancha Sedai‹ gewesen. Ich habe vor, eine Liste Eurer Fehler zu machen, die Ihr dann zu Silviana tragt, sobald wir fertig sind. Habt Ihr verstanden, Kind?«
»Ich verstehe«, sagte Egwene ohne aufzustehen. Aes-Sedai-Gelassenheit oder nicht, Seranchas Gesicht lief knallrot an. Am Ende umfasste ihre Liste vier eng beschriebene Seiten. Sie verbrachte mehr Zeit mit Schreiben als mit dem Unterricht! Kein Erfolg.
Und dann war da Adelorna Bastine. Die Grüne aus Saldaea schaffte es, erhaben zu wirken, obwohl sie gertenschlank und nicht größer als Egwene war, und sie hatte eine majestätis ehe, befehlsgewohnte Art, die einschüchternd hätte sein können, hätte Egwene das zugelassen. »Wie ich höre, macht Ihr Ärger«, sagte sie und nahm eine mit Elfenbein verstärkte Bürste von einem kleinen Intarsientisch neben ihrem Stuhl.
»Wenn Ihr bei mir Ärger machen wollt, werdet Ihr lernen, dass ich hiermit umgehen kann.«
Egwene lernte es, ohne sich anstrengen zu müssen. Dreimal hing sie über Adelornas Schoß, und die Frau wusste in der Tat, was man mit einer Haarbürste noch tun konnte, außer sich das Haar zu bürsten. Das ließ eine Unterrichtsstunde zu zweien werden.
»Darf ich jetzt gehen?«, fragte Egwene schließlich und trocknete sich so gut sie konnte die Wangen mit einem Taschentuch, das bereits feucht war. Atme den Schmerz ein. Nimm das Feuer in dich auf. »Ich soll Wasser für die Roten noch oben bringen, und ich möchte nicht zu spät kommen.«
Adelorna sah ihre Bürste stirnrunzelnd an, bevor sie sie wieder auf dem Tisch ablegte, den Egwene zweimal mit ihren strampelnden Beinen umgeworfen hatte. Dann betrachtete sie Egwene stirnrunzelnd, musterte sie, als würde sie versuchen, ihr in den Kopf zu sehen. »Ich wünschte, Cadsuane wäre in der Burg«, murmelte sie. »Ich glaube, sie würde Euch als Herausforderung betrachten.« In ihrer Stimme schien ein Hauch von Respekt zu liegen.
Dieser Tag stellte auf gewisse Weise einen Wendepunkt dar. Zum einen entschied Silviana, dass Egwene zweimal täglich Geheilt werden sollte.
»Ihr scheint es darauf anzulegen, geschlagen zu werden, Kind. Das ist die pure Sturheit, und ich werde das nicht dulden. Ihr werdet Euch der Realität stellen. Bei Eurem nächsten Besuch werden wir herausfinden, wie Euch der Riemen gefällt.« Die Oberin faltete Egwenes Unterhemd auf ihrem Rücken zurecht, dann hielt sie inne. »Lächelt Ihr etwa? Habe ich etwas Witziges gesagt?«
»Mir ist gerade etwas Wichtiges eingefallen«, erwiderte Egwene. »Nichts von Bedeutung.« Jedenfalls nicht für Silv iana von Bedeutung. Sie hatte erkannt, wie man den Schmerz willkommen hieß. Sie führte einen Krieg, nicht eine einzelne Schlacht, und jedes Mal, wenn sie geschlagen wurde, jeder Gang zu Silviana war ein Zeichen, dass sie eine weitere Schlacht geschlagen hatte und unnachgiebig geblieben war. Der Schmerz war ein Orden. Sie schrie und strampelte so wild wie immer während der Bestrafung, aber als sie hinterher ihre Wangen trocknete, summte sie leise vor sich hin. Es war leicht, einen Orden in Empfang zu nehmen.