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Egwene hockte neben einem Teich auf den Fersen und wusch sich den Schmutz von den Händen, nachdem sie den armen Vogel begraben hatte, als Alviarin auftauchte, die mit weißen Fransen besetzte Stola fest um den Körper gewickelt, als wäre der Morgen noch immer windig, statt hell und freundlich. Das war jetzt das dritte Mal, dass sie Alviarin sah, und jedes Mal war sie allein und nicht in Gesellschaft anderer Weißer gewesen. Dabei hatte sie in den Gängen Gruppen aus Weißen gesehen. War das ein Hinweis? Wenn dem so war, verstand sie ihn nicht, es sei denn, Alviarin würde aus irgendeinem Grund von ihrer eigenen Ajah geschnitten. Sicherlich war die Fäulnis noch nicht so tief eingedrungen.

Alviarin warf den Roten einen Blick zu und ging dann auf dem Kiesweg zwischen den Teichen auf Egwene zu. »Ihr seid tief gefallen«, sagte sie, als sie nahe heran war. »Und Ihr müsst es deutlich spüren.«

Egwene richtete sich auf und trocknete die Hände an den Röcken ab, dann hob sie den Rechen auf. »Da bin ich nicht die Einzige.« Sie hatte vor der Morgendämmerung eine weitere Sitzung bei Silviana gehabt, und beim Verlassen des Arbeitszimmers hatte Alviarin wieder vor der Tür gewartet. Für Alviarin war das ein tägliches Ritual, und es war das Gespräch im Novizinnenquartier, und jeder spekulierte über die Gründe dafür. »Meine Mutter hat immer gesagt, weine nicht über Dinge, die nicht geflickt werden können. Das scheint ein guter Rat unter diesen Umständen.«

Rote Flecken tauchten auf Alviarins Wangen auf. »Aber ihr scheint viel zu weinen. Sogar endlos, wie man so hört. Ihr würdet sicherlich fliehen, wenn Ihr könntet.«

Egwene fing ein weiteres Blatt und schüttelte es über dem Holzeimer voller feuchter Blätter zu ihren Füßen ab. »Eure Loyalität zu Elaida ist nicht sehr stark, oder?«

»Wie kommt Ihr darauf?«, sagte Alviarin misstrauisch. Nach einem Blick auf die Roten, die sich jetzt mehr für die Fische als für Egwene zu interessieren schienen, trat sie noch näher heran und lud zu gesenktem Tonfall ein.

Egwene fischte einen langen Grashalm heraus, der den ganzen weiten Weg von den Ebenen jenseits des Flusses gekommen sein musste. Sollte sie den Brief erwähnen, den diese Frau Rand geschrieben und in dem sie ihm praktisch die Weiße Burg zu Füßen gelegt hatte? Nein, diese Information würde sich vielleicht als nützlich erweisen, aber es schien eines jener Dinge zu sein, die man nur einmal benutzen konnte. »Sie hat Euch die Behüterinnenstola weggenommen und Eure Buße angeordnet. Das fördert kaum die Loyalität.«

Alviarins Gesicht blieb ausdruckslos, aber ihre Schultern entspannten sich sichtlich. Aes Sedai ließen sich nur selten so viel anmerken. Sie musste unter phänomenalem Druck stehen, um sich so wenig unter Kontrolle zu haben. Sie warf den Roten noch einen schnellen Blick zu. »Denkt über Eure Situation nach«, sagte sie beinahe flüsternd. »Wenn Ihr fliehen wollt, nun, vielleicht findet Ihr ja eine Möglichkeit.«

»Ich bin mit meiner Situation zufrieden«, sagte Egwene.

Alviarins Brauen schössen überrascht nach oben, aber nach einem weiteren Blick auf die Roten — von denen jetzt eine herüberschaute — rauschte sie davon, ein sehr schnelles Rauschen am Rande eines Laufschritts.

Sie tauchte alle zwei oder drei Tage auf, während Egwene irgendeine Arbeit verrichtete, und auch wenn sie niemals offen Hilfe bei einer Flucht anbot, benutzte sie dieses Wort doch häufig, und sie fing an, Frustration zu zeigen, weil Egwene nicht nach dem Köder schnappte. Und es konnte nur ein Köder sein. Egwene vertraute ihr nicht. Vielleicht war es der Brief, der bestimmt dazu gedacht gewesen war, Rand in die Burg zu locken und damit in Elaidas Krallen, vielleicht war es auch die Art, in der sie darauf wartete, dass Egwene den ersten Schritt machte, vielleicht bettelte. Sicherlich würde Alviarin versuchen, dann Bedingungen zu stellen. Aber Egwene hatte sowieso nicht die Absicht, die Flucht zu ergreifen, es sei denn, ihr blieb keine andere Wahl, also gab sie immer die gleiche Erwiderung.

»Ich bin mit meiner Situation zufrieden.«

Alviarin fing an, deutlich hörbar mit den Zähnen zu knirs chen, wenn sie das hörte.

Am vierten Tag schrubbte sie auf Händen und Knien blaue und weiße Fliesen, als die Stiefel von drei Männern in Begleitung einer Schwester in aufwändig bestickter, roter Seide an ihr vorbeigingen. Ein paar Schritte weiter blieben die Stiefel stehen.

»Das könnte sie sein«, sagte eine Männerstimme mit illianischem Akzent. »Man hat mich auf sie hingewiesen. Ich glaube, ich werde mit ihr sprechen.«

»Sie ist bloß irgendeine Novizin, Mattin Stepaneos«, sagte die Schwester zu ihm. »Ihr wolltet im Garten spazieren.« Egwene tauchte ihre Bürste in den Eimer mit dem Seifenwasser und kümmerte sich um die nächste Fliesenreihe.

»Glück, stich mich, Cariandre, das hier mag ja die Weiße Burg sein, aber ich bin noch immer der rechtmäßige König von Illian, und wenn ich mit ihr sprechen möchte — mit Euch als Anstandsdame; alles so schicklich, wie es sich gehört —, dann spreche ich auch mit ihr. Man hat mir gesagt, dass sie zusammen mit al’Thor aufgewachsen ist.« Ein auf Hochglanz poliertes Stiefelpaar trat vor Egwene hin.

Erst da stand sie auf, die tropfende Bürste in der Hand.

Mit der anderen strich sie sich das Haar aus dem Gesicht.

Sie nahm davon Abstand, sich das Kreuz zu massieren, sosehr sie es auch wollte.

Mattin Stepaneos war stämmig und fast kahl, mit einem sauber gestutzten weißen Bart nach der illianischen Mode und einem faltigen Gesicht. Seine Augen blickten scharf und ärgerlich. Eine Rüstung hätte ihm besser gestanden als der grüne Seidenmantel mit den aufgestickten goldenen Bienen an Aufschlägen und Manschetten. »Irgendeine Novizin?«, murmelte er. »Ich glaube, Ihr müsst Euch irren, Cariandre.«

Die mollige Rote ließ die beiden Diener mit der Flamme von Tar Valon auf der Brust mit zusammengepressten Lippen stehen und gesellte sich zu dem Mann. Ihr missbilligender Blick verweilte kurz auf Egwene, bevor er sich wieder auf ihn richtete. »Sie ist eine oft bestrafte Novizin, die einen Boden zu putzen hat. Kommt. Im Garten müsste es heute Morgen sehr schön sein.«

»Schön wäre es«, sagte er, »einmal mit jemand anderem als einer Aes Sedai zu sprechen. Und dann auch nur mit einer Roten Ajah, da Ihr es ja immer schafft, mich von den anderen fernzuhalten. Darüber hinaus könnten die Diener, die Ihr mir gegeben habt, genauso gut stumm sein, und ich glaube, die Turmwächter haben auch den Befehl, in meiner Nähe den Mund zu halten.«

Er verstummte, als sich zwei weitere Rote näherten. Nesita, mollig und blauäugig und so gemein wie eine Schlange mit Juckreiz, nickte Cariandre kameradschaftlich zu, während Barasine Egwene den mittlerweile allzu vertrauten Zinnbecher reichte. In gewisser Weise schienen die Roten für sie zuständig zu sein — ihre Beobachter waren immer Rote, und sie ließen nur selten viel mehr als die versprochene Stunde vergehen, bevor jemand mit dem Becher Spaltwurzeltee kam. Sie leerte ihn und gab ihn zurück. Nesita schien enttäuscht zu sein, dass sie weder protestierte noch sich weigerte, ihn zu trinken, aber das schien nicht viel Sinn zu ergeben. Sie hatte es einmal versucht, und Nesita hatte geholfen, ihr das eklige Zeug mit einem Trichter in den Hals zu schütten, den sie immer in der Gürteltasche bereithielt. Das wäre ein schönes, würdevolles Schauspiel vor Mattin Stepaneos gewesen.

Er sah dem stummen Schauspiel mit verblüfftem Inter esse zu, obwohl Cariandre an seinem Ärmel zupfte und ihn erneut zu seinem Spaziergang im Garten drängte. »Schwestern bringen Euch Wasser, wenn Ihr Durst habt?«, fragte er, als Barasine und Nesita davonrauschten.

»Ein Tee, der meine Stimmung verbessern soll«, sagte sie zu ihm. »Ihr seht gut aus, Mattin Stepaneos. Für einen Mann, den Elaida entführen ließ.« Auch diese Geschichte war im Novizinnenquartier das Gesprächsthema.