Cariandre zischte und öffnete den Mund, aber er kam ihr zuvor. »Elaida hat mich davor bewahrt, von al’Thor ermordet zu werden«, sagte er. Die Rote nickte wohlwollend.
»Warum solltet Ihr eine Gefahr für ihn sein?«, fragte Egwene.
Der Mann grunzte. »Er hat Morgase in Caemlyn ermordet und Colavaere in Cairhien. Er hat bei der Gelegenheit den halben Sonnenpalast zerstört, wie ich gehört habe. Und ich habe auch von tairenischen Hochlords gehört, die in Cairhien vergiftet oder erstochen wurden. Wer weiß schon, welche anderen Herrscher er ermordet und ihre Leichen beseitigt hat?« Cariandre nickte wieder lächelnd. Man hätte ihn für einen Schuljungen halten können, der seine Lektionen aufsagte. Verstand die Frau denn gar nichts von Männern? Ihm entging es jedenfalls nicht. Sein Unterkiefer spannte sich noch mehr an, und kurz ballten sich seine Hände zu Fäusten.
»Colavaere hat sich selbst erhängt«, sagte Egwene und achtete darauf, geduldig zu klingen. »Der Sonnenpalast wurde später beschädigt, als jemand den Wiedergeborenen Drachen töten wollte, vielleicht die Verlorenen, und laut Elayne Trakand wurde ihre Mutter von Rahvin getötet. Rand hat ihren Anspruch sowohl auf den Löwenthron wie auch den Sonnenthron unterstützt. Er hat keinen der cairhienischen Adligen getötet, die gegen ihn rebellierten, oder die rebellierenden Hochlords. Tatsächlich hat er einen von ihnen in Tear zu seinem Verwalter gemacht.«
»Ich glaube, das reicht…«, fing Cariandre an und zog die Stola über ihre Schultern, aber Egwene ging einfach über sie hinweg.
»Das alles hätte Euch jede Schwester sagen können. Hätten sie es gewollt. Falls sie miteinander sprechen würden. Denkt mal darüber nach, warum Ihr nur Rote Schwestern seht. Habt Ihr irgendwelche Schwestern zweier verschiedener Ajah gesehen, die miteinander sprechen? Man hat Euch entführt und auf ein sinkendes Schiff gebracht.«
»Das ist mehr als genug«, fauchte Cariandre. »Wenn Ihr mit dem Boden hier fertig seid, werdet Ihr zur Oberin der Novizinnen laufen und sie bitten, Euch wegen Drückebergerei zu bestrafen. Und weil Ihr respektlos zu einer Aes Sedai gewesen seid.«
Egwene begegnete dem wütenden Blick der Frau ruhig.
»Ich habe kaum genug Zeit, um mich nach dem Putzen für meinen Unterricht bei Kiyoshi sauber zu machen. Könnte ich Silviana nach dem Unterricht besuchen?«
Cariandre rückte die Stola zurecht, scheinbar von ihrer Ruhe aus dem Konzept gebracht. »Das ist allein Euer Problem«, sagte sie schließlich. »Kommt, Mattin Stepaneos. Ihr habt diesem Kind lange genug geholfen, sich vor der Arbeit zu drücken.«
Nachdem Egwene Silvianas Arbeitszimmer verließ, blieb ihr nicht genug Zeit, um ihr feuchtes Kleid zu wechseln oder sich gar zu kämmen, nicht, wenn sie pünktlich bei Kiyoshi sein wollte, ohne zu rennen, was sie ablehnte. Also kam sie zu spät, und es stellte sich heraus, dass die schlanke Graue penibel sowohl auf Pünktlichkeit wie auf Ordentlichkeit achtete, sodass sie kaum mehr als eine Stunde später wieder unter Silvianas hart geschwungenem Riemen kreischte und um sich trat. Abgesehen davon, den Schmerz zu umarmen, half ihr noch etwas anderes, das durchzustehen. Die Erinnerung an Mattin Stepaneos’ nachdenklichen Gesichtsausdruck, als Cariandre ihn den Korridor entlangführte, und wie er sich zweimal über die Schulter zu ihr umdrehte. Sie hatte eine weitere Saat gepflanzt. Genug Saat, und vielleicht würde das, was aus ihr erwuchs, die Risse in der Plattform unter Elaida endgültig sprengen. Genügend Saatkörner würden Elaida stürzen.
Am siebten Tag ihrer Gefangenschaft trug sie wieder in aller Frühe Wasser nach oben, diesmal zum Quartier der Weißen Ajah, da blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen und hatte das Gefühl, einen harten Schlag in den Magen bekommen zu haben. Zwei Frauen mit graufransigen Stolen kamen den Spiralkorridor herunter ihr entgegen, gefolgt von zwei Behütern. Die eine war Melavaire Someinellin, eine stämmige Cairhienerin in kostbarer grauer Wolle und mit weißen Strähnen im Haar. Die andere war Beonin!
»Also habt Ihr mich verraten!«, stieß Egwene wütend herv or. Ihr kam ein Gedanke. Wie konnte Beonin sie verraten haben, nachdem sie ihr die Treue geschworen hatte? »Ihr müsst eine Schwarze Ajah sein!«
Melavaire richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, was nicht besonders groß war, da sie kleiner als Egwene war, und stemmte die Fäuste in die üppigen Hüften, bevor sie den Mund öffnete, um ordentlich loszubrüllen. Egwene hatte einmal bei ihr Unterricht gehabt, und obwohl sie für gewöhnlich eine freundliche Frau war, konnte sie furchteinflößend sein, wenn sie wütend wurde.
Beonin legte der Schwester die Hand auf den Arm. »Mel avaire, lasst mich allein mit ihr sprechen.«
»Ich gehe davon aus, dass Ihr streng mit Ihr seid«, sagte Melavaire steif. »Allein auf die Idee zu kommen, eine solche Beschuldigung auszusprechen…! Manche Dinge überhaupt in den Mund zu nehmen…!« Sie schüttelte angewidert den Kopf und entfernte sich ein Stück den Korridor hinauf, gefolgt von ihrem Behüter, der noch breiter als sie war, ein Bär von einem Mann, obwohl er sich mit der erwarteten Behüteranmut bewegte.
Beonin gab ein Zeichen und wartete, bis ihr Behüter, ein schlanker Mann mit einer Narbe im Gesicht, sich ihnen angeschlossen hatte. Sie richtete mehrere Male die Stola.
»Ich, ich habe gar nichts verraten«, sagte sie ruhig. »Niemals hätte ich Euch die Treue geschworen, wenn mich der Saal nicht mit einem Rohrstock hätte prügeln lassen, wenn er die Geheimnisse erfahren hätte, die Ihr kennt. Vielleicht sogar mehr als einmal. Grund genug, um zu schwören, oder? Ich habe nie behauptet, Euch zu lieben, aber ich habe mich an den Eid gehalten, bis man Euch gefangen genommen hat. Aber Ihr seid nicht länger die Amyrlin, richtig? Nicht als Gefangene, nicht, wenn keine Hoffnung bestand, Euch zu retten, wo Ihr doch nicht gerettet werden wolltet. Und Ihr seid wieder Novizin. Was also diesen Eid angeht, es gibt zwei Gründe, warum er nicht länger gilt. Dieses Gerede von Rebellion, es war dummes Gerede. Die Rebellion ist vorbei. Die Weiße Burg wird bald wieder vereint sein, und mir wird das nicht leidtun.«
Egwene nahm die Tragestange von den Schultern, stellte die Wassereimer ab und verschränkte die Arme unter den Brüsten. Sie hatte versucht, seit ihrer Gefangennahme ganz ruhig zu sein — nun ja, außer wenn sie bestraft wurde —, aber diese Begegnung hätte einen Stein auf die Probe gestellt. »Ihr habt viele Erklärungen«, sagte sie trocken. »Wollt Ihr Euch selbst überzeugen? Das wird nicht funktionieren, Beonin. Das wird es nicht. Wenn die Rebellion vorbei ist, wo ist dann die Flut der Schwestern, die kommen, um vor Elaida niederzuknien und ihre Buße auf sich zu nehmen? Beim Licht, was habt Ihr noch verraten? Alles?« Es erschien möglich. Sie hatte Elaidas Arbeitszimmer mehrmals in Tel’aran’rhiod besucht, aber der Korrespondenzkasten der Frau war immer leer gewesen. Jetzt kannte sie den Grund.
Scharfe rote Flecken erschienen auf Beonins Wangen. »Ich sage Euch, ich habe nichts verrat…!« Sie endete mit einem erstickten Grunzen und legte eine Hand an den Hals, als wollte er die Lüge nicht auf ihrer Zunge liegen lassen. Das bewies, dass sie keine Schwarze Ajah war; aber es bewies noch viel mehr.
»Ihr habt die Spione verraten. Sind sie alle unten in den Zellen?«
Beonins Blick huschte den Korridor hinauf. Melavaire sprach mit ihrem Behüter; er neigte den Kopf zu ihr herunter. Stämmig oder nicht, er war größer als sie. Beonins Tervail beobachtete sie mit besorgter Miene. Die Entfernung war zu groß, als dass einer von ihnen hätte lauschen können, aber Beonin trat näher heran und senkte die Stimme. »Elaida, sie lässt sie beobachten, aber ich glaube, die Ajahs behalten ihre Erkenntnisse für sich. Nur wenige Schwestern wollen Elaida mehr sagen, als sie müssen. Es war nötig, das müsst Ihr verstehen. Ich konnte kaum in die Burg zurückkehren und ihre Existenz geheim halten. Man hätte das irgendwann entdeckt.«
»Dann müsst Ihr sie warnen.« Egwene schaffte es nicht, ihre Verachtung aus der Stimme herauszuhalten. Diese Frau spaltete Haare mit einer Rasierklinge! Sie benutzte die fadenscheinigste Entschuldigung, um ihre Entscheidung zu rechtfertigen, dass sie sich nicht länger an ihren Eid halten musste, und dann verriet sie die Frauen, bei deren Auswahl sie geholfen hatte. Blut und verdammte Asche!