Beonin schwieg einen langen Augenblick, fummelte an ihrer Stola herum, aber dann sagte sie überraschenderweise: »Ich habe Meidani und Jennet bereits gewarnt.« Das waren die beiden Grauen unter den Spioninnen. »Ich habe für sie getan, was ich konnte. Die anderen müssen allein schwimmen oder untergehen. Schwestern sind schon angegriffen worden, nur weil sie zu nahe bei den Quartieren anderer Ajahs waren. Ich, ich werde nicht nur mit meiner Stola bekleidet und voller Striemen zu meinen Gemächern zurückschleichen, nur um…«
»Betrachtet es als Buße«, unterbrach Egwene sie. Beim Licht! Man hatte Schwestern angegriffen? Die Dinge standen noch schlimmer, als sie gedacht hätte. Sie musste daran denken, dass ein gut gedüngter Boden ihrer Saat beim Blühen helfen würde.
Beonin schaute erneut in den Korridor hinauf, und Tervail machte einen Schritt auf sie zu, bevor sie den Kopf schüttelte. Trotz ihrer verfärbten Wangen war ihr Gesicht unbewegt, aber im Inneren musste sie aufgewühlt sein. »Ihr wisst, dass ich Euch zur Oberin der Novizinnen schicken könnte?«, sagte sie angespannt. »Wie ich gehört habe, jammert Ihr Silviana den halben Tag etwas vor. Euch würden noch mehr Besuche wohl kaum gefallen, oder?«
Egwene lächelte sie an. Keine zwei Stunden zuvor war es ihr gelungen, in dem Augenblick zu lächeln, in dem Silvianas Riemen nicht mehr fiel. Das hier war viel schwerer. »Wer weiß schon, was ich alles dabei von mir gebe? Vielleicht etwas über Eide?« Die Farbe wich aus Beonins Wangen und machte ihr Gesicht totenblass. Nein, sie konnte nicht wollen, dass das bekannt wurde. »Ihr mögt Euch selbst davon überzeugt haben, dass ich nicht länger die Amyrlin bin, Beonin, aber es ist Zeit, dass Ihr anfangt, Euch davon zu überzeugen, dass ich es noch immer bin. Ihr werdet die anderen warnen, ganz egal, welchen Preis Ihr dafür bezahlen müsst. Sagt Ihnen, sie sollen mich meiden, bis ich ihnen eine Nachricht zukommen lasse. Sie haben bereits mehr als genug Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber von jetzt an werdet Ihr jeden Tag zu mir kommen, für den Fall, dass ich Anweisungen für sie habe. So wie jetzt.« Schnell listete sie die Dinge auf, die sie in Gespräche einfließen lassen sollten. Shemerin, der man die Stola abnahm. Elaidas Verstrickung in die Katastrophen bei den Quellen von Dumai und der Schwarzen Burg, die Saat, die sie bereits gesät hatte. Aber jetzt würde sie nicht mehr nur eine nach der anderen säen, sondern man würde sie mit vollen Händen ausstreuen.
»Ich, ich kann nicht für die anderen Ajahs sprechen«, sagte Beonin, als sie geendet hatte, »aber bei den Grauen sprechen die Schwestern oft davon. In letzter Zeit sind die Augen-und-Ohren sehr beschäftigt. Geheimnisse, die Elaida bewahren wollte, sie kommen jetzt heraus. Ich bin davon überzeugt, dass es bei den anderen genauso ist. Vielleicht ist es nicht nötig, dass ich…«
»Warnt sie und überbringt meine Befehle, Beonin.«
Egwene hob den Tragestab wieder auf die Schultern und rückte ihn in die bequemste Position, die sie finden konnte. Zwei oder drei der Weißen würden sie mit einer Haarbürste oder einem Halbschuh traktieren und sie zu Silviana schicken, wenn sie auf den Gedanken kamen, sie würde trödeln. Den Schmerz zu umarmen, selbst ihn willkommen zu heißen, hieß nicht, ihn unnötigerweise herauszufordern. »Vergesst nicht. Es ist eine Buße, die ich Euch auferlege.«
»Ich werde tun, was Ihr sagt«, erwiderte Beonin mit offensichtlichem Zögern. Plötzlich trat ein harter Ausdruck in ihre Augen, aber er war nicht für Egwene bestimmt. »Es wäre erfreulich, mit ansehen zu können, wie Elaida gestürzt wird«, sagte sie in einem gehässigen Tonfall, bevor sie zu Melavaire eilte.
Diese schockierende Begegnung, die zu einem unerwartet en Sieg geworden war, bescherte Egwene einen schönen Tag, und es machte ihr nicht einmal etwas aus, dass Ferane tatsächlich der Meinung war, sie hätte getrödelt. Die Weiße Sitzende war mollig, aber ihr Arm war so stark wie Silvianas.
An diesem Abend schleppte sie sich nach dem Essen nach unten in die offenen Zellen, obwohl sie nur noch ins Bett wollte. Abgesehen von dem Unterricht und dem Brüllen unter Silvianas Riemen — das letzte Mal kurz vor dem Abendessen — hatte sie den größten Teil des Tages damit verbracht, Wasser zu schleppen. Rücken und Schultern schmerzten. Sie schwankte vor Müdigkeit. Seltsamerweise hatte sie seit ihrer Gefangennahme keine dieser entsetzlichen Kopfschmerzen mehr und auch keinen dieser schlimmen Träume, die sie immer verstört zurückgelassen hatten, obwohl sie sich nie an ihren Inhalt hatte erinnern können, aber vermutlich würde sie heute Nacht prächtige Kopfschmerzen bekommen. Das würde es erschweren, wahre Träume zu bekommen, und sie hatte in letzter Zeit ein paar schöne gehabt, über Rand, Mat, Perrin, sogar über Gawyn, obwohl es bei Letzterem nur einfache Träume gewesen waren.
Leane wurde von drei Weißen Schwestern bewacht, die sie flüchtig kannte: Nagora, eine schlanke Frau mit hellem Haar, das sie in einer Rolle im Nacken trug, und die immer kerzengerade dasaß, um ihre mangelnde Größe auszugleichen; Norine, die mit ihren großen feuchten Augen sehr hübsch aussah, aber oftmals genauso geistesabwesend wie eine Braune war; und Miyasi, groß und mollig mit eisengrauem Haar, eine strenge Frau, die keinen Unsinn duldete, ihn aber überall sah. Nagora hielt Leonins Abschirmung aufrecht, doch sie diskutierten über irgendein Problem der Logik, und Egwene konnte den wenigen Worten, die sie aufschnappen konnte, nicht entnehmen, um was es ging. Sie konnte nicht einmal sagen, ob es zwei unterschiedliche Meinungen oder gar drei gab. Es gab keine erhobenen Stimmen, keine drohenden Fäuste, die Gesichter blieben Aes-Sedai-Masken, aber die Kälte in ihren Stimmen ließ keinen Zweifel, dass, wären sie keine Aes Sedai gewesen, sie sich angeschrien oder gar geprügelt hätten. Der Aufmerksamkeit nach zu urteilen, die sie ihr beim Eintreten schenkten, hätte sie genauso gut nicht existieren können.
Sie beobachtete die drei aus dem Augenwinkel, ging so nahe an die Gitterstäbe heran, wie sie konnte, und packte sie mit beiden Händen, um sich zu stützen. Beim Licht, war sie müde! »Ich habe heute Beonin gesehen«, sagte sie leise. »Sie ist hier in der Burg. Sie behauptete, ihr Treueid mir gegenüber würde keine Bedeutung mehr haben, weil ich nicht länger der Amyrlin-Sitz sei.«
Leane keuchte auf und trat nahe genug heran, dass sie das Gitter berührte. »Sie hat uns verraten?«
»Die natürliche Unmöglichkeit verborgener Strukturen ist eine Voraussetzung«, sagte Nagora entschieden. Ihre Stimme war ein eisiger Hammer. »Eine Voraussetzung.«
»Sie bestreitet es, und ich glaube ihr«, flüsterte Egwene.
»Aber sie gibt zu, die Spione verraten zu haben. Elaida lässt sie im Augenblick nur beobachten, aber ich habe Beonin befohlen, sie zu warnen, und sie hat gesagt, sie würde es tun. Sie sagt, sie hätte Meidani und Jennet bereits gewarnt, aber warum sollte sie sie verraten und es ihnen danach offenbaren? Und sie sagte, sie würde Elaida gern gestürzt sehen. Warum sollte sie zu Elaida fliehen, wenn sie sie noch immer stürzen will? Sie hat so gut wie zugegeben, dass niemand sonst unsere Sache im Stich gelassen hat. Ich übersehe da etwas, und ich bin zu müde, um zu erkennen, was es ist.« Ein Gähnen, das sie kaum rechtzeitig mit der Hand bedecken konnte, ließ ihren Kiefer knacken.
»Verborgene Strukturen werden von vier der fünf Axiome des sechsten Systems der Rationalität impliziert«, sagte Miyasi genauso energisch. »Stark impliziert.«
»Das sogenannte sechste System der Rationalität ist von jedem vernunftbegabten Menschen als Irrweg verworfen worden«, warf Norine scharf ein. »Aber verborgene Strukturen sind unabdingbar, wenn man je verstehen will, was jeden Tag genau hier in der Burg geschieht. Die Realität selbst verschiebt sich, verändert sich jeden Tag.«