Leane warf den Weißen einen Blick zu. »Manche waren immer der Meinung, dass Elaida Spione unter uns hatte. Falls Beonin dazugehörte, hätte ihr Eid an Euch sie so lange gebunden, bis sie sich selbst davon überzeugen konnte, dass Ihr nicht länger die Amyrlin seid. Aber wenn ihr Empfang hier nicht so war, wie sie erwartet hatte, hätte das möglicherweise ihre Loyalitäten ändern können. Beonin war schon immer ehrgeizig. Falls sie nicht die Anerkennung bekam, die sie für angebracht hielt…« Sie breitete die Hände aus.
»Beonin hat immer ihren gebührenden Lohn und noch mehr erwartet.«
»Logik ist immer auf die reale Welt anwendbar«, sagte Miyasi abwertend, »aber nur eine Novizin würde glauben, dass man die reale Welt auf die Logik anwenden kann. Ideale müssen die ersten Prinzipien sein. Nicht die alltägliche Welt.« Nagora ließ den Mund mit einem finsteren Blick zuschnappen, als würde sie glauben, dass man ihr gerade die Worte aus dem Mund genommen hatte.
Norine errötete leicht, erhob sich und rauschte auf Egwene zu. Die anderen beiden folgten ihr mit Blicken, und sie schien die Blicke zu spüren, zog unbehaglich an ihrer Stola herum.
»Kind, Ihr seht erschöpft aus. Geht jetzt zu Bett.«
Egwene wollte nichts mehr, als ins Bett zu gehen, aber sie hatte eine Frage, die zuerst noch beantwortet werden musste. Aber jetzt musste sie vorsichtig sein. Die drei Weißen hörten nun alle aufmerksam zu. »Leane, stellen die Schwestern, die Euch besuchen, noch immer dieselben Fragen?«
»Ich habe Euch gesagt, Ihr sollt zu Bett gehen«, sagte Norine scharf. Sie klatschte in die Hände, als würde Egwene so besser gehorchen.
»Ja«, sagte Leane. »Ich verstehe, was Ihr meint. Vielleicht kann es da ein gewisses Maß an Vertrauen geben.«
»Ein kleines Maß«, sagte Egwene.
Norine stemmte die Fäuste in die Hüften. Weder in ihrem Gesicht noch in ihrer Stimme lag nun noch Kühle. »Da Ihr Euch weigert, zu Bett zu gehen, könnt Ihr zur Oberin der Novizinnen gehen und ihr sagen, dass Ihr einer Schwester nicht gehorcht habt.«
»Natürlich«, sagte Egwene schnell und wandte sich zum Gehen. Sie hatte ihre Antwort — Beonin hatte das Schnelle Reisen nicht weitergegeben, und das bedeutete, dass sie vermutlich auch sonst nichts weitergegeben hatte; vielleicht konnte man ein kleines bisschen Vertrauen haben — und Nagora und Miyasi kamen auf sie zu. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu Silviana gezerrt zu werden, wozu zumindest Miyasi fähig war. Sie hatte noch kräftigere Arme als Ferane.
Am Morgen ihres neunten Tages in der Burg kam Doesine vor Anbruch der Morgendämmerung in Egwenes kleines Zimmer, um das morgendliche Heilen zu vollziehen. Draußen regnete es mit einem dumpfen Rauschen. Die beiden Roten, die ihren Schlaf beobachtet hatten, verabreichten ihr die Spaltwurzel, warfen Doesine einen finsteren Blick zu und eilten fort. Die Gelbe Sitzende schnaubte verächtlich, als sich hinter ihnen die Tür schloss. Sie benutzte die alte Methode des Heilens, die Egwene aufkeuchen ließ, als hätte man sie in eiskaltes Wasser getaucht, und in ihr einen Heißhunger aufs Frühstück entfachte. Und die ihr die Schmerzen in ihrem Hinterteil nahm. Das fühlte sich tatsächlich seltsam an; im Laufe der Zeit konnte man sich an alles gewöhnen, und ein blaues Hinterteil schien bereits völlig normal zu sein. Aber die Benutzung der alten Methode, mit der sie jedes Mal seit ihrer Gefangennahme Geheilt worden war, bestätigte, dass Beonin einige Geheimnisse für sich behalten hatte, auch wenn es noch immer ein Geheimnis war, wie sie das geschafft hatte. Beonin selbst hatte lediglich gesagt, dass die meisten Schwestern die Geschichten über neue Gewebe als Gerüchte abtaten.
»Ihr wollt, verflucht noch mal, einfach nicht nachgeben, was, Kind?«, sagte Doesine, während sich Egwene das Kleid über den Kopf zog. Ihre Ausdrucksweise stand im Widerstreit mit dem eleganten Erscheinungsbild dieser Frau in ihrem goldbestickten Blau mit den Saphiren im Ohr und in den Haaren.
»Sollte die Amyrlin jemals nachgeben?«, fragte Egwene, als ihr Kopf wieder zum Vorschein kam. Sie verdrehte die Arme, um die gebleichten Hornknöpfe auf dem Rücken zu schließen.
Doesine schnaubte wieder, wenn auch diesmal nicht verä chtlich, wie Egwene fand. »Ein mutiger Kurs, Kind. Und doch wette ich, dass Silviana Euch bald auf den richtigen Weg führen wird.« Aber sie ging, ohne Egwene dafür zu bestrafen, weil sie sich als Amyrlin bezeichnet hatte.
Egwene hatte eine weitere Verabredung mit der Oberin vor dem Frühstück — bis jetzt hatte sie noch keinen Tag gefehlt —, und nach dem entschlossenen Versuch, Doesines Arbeit in einer Sitzung ungeschehen zu machen, hörten ihre Tränen in dem Moment auf, in dem Silvianas Riemen nicht mehr zuschlug. Als sie sich vom Ende des Schreibtischs erhob, auf dem eine Lederplatte befestigt war, die dazu diente, dass man sich darüberbeugte — und deren Oberfläche von wer weiß wie vielen Frauen abgenutzt war-, und Unterhemd und Röcke auf ihre brennende Haut fielen, verspürte sie nicht das Bedürfnis zusammenzuzucken. Sie akzeptierte die schmerzhafte Wärme, hieß sie willkommen, wärmte sich daran, so wie sie sich an einem kalten Wintermorgen die Hände am Kamin gewärmt hätte. Im Augenblick gab es eine starke Ähnlichkeit zwischen ihrem Hinterteil und einem lodernden Kamin. Aber der Blick in den Spiegel zeigte ihr ein unberührtes Gesicht. Rotwangig, aber ganz ruhig.
»Wie konnte man Shemerin zu einer Aufgenommenen zurückstufen?«, fragte sie und wischte sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. »Ich habe mich erkundigt, und in den Burggesetzen steht nichts darüber.«
»Wie oft hat man Euch wegen dieser ›Erkundigungen‹ zu mir geschickt?«, fragte Silviana und hängte den in der Mitte geteilten Riemen in den schmalen Schrank, neben den Halbschuh und den elastischen Rohrstock. »Ich hätte gedacht, Ihr hättet mittlerweile schon lange aufgegeben.«
»Ich bin neugierig. Wie, wenn es dafür keine Bestimmung gibt?«
»Keine Bestimmung, Kind«, sagte Silviana sanft, als würde sie zu einem kleinen Kind sprechen, »aber auch kein Verbot. Ein Schlupfloch, das… Nun, wir wollen das nicht vertiefen. Ihr würdet Euch nur wieder eine weitere Prügelstrafe einhandeln.« Sie schüttelte den Kopf, nahm ihren Platz hinter dem Schreibtisch ein und legte die Hände auf die Tischoberfläche. »Das Problem war, dass Shemerin es akzeptierte. Andere Schwestern bestürmten sie, das Urteil zu ignorieren, aber sobald sie erkannte, dass Betteln nichts an der Entscheidung der Amyrlin ändern würde, zog sie in das Quartier der Aufgenommenen.«
Egwenes Magen knurrte laut und verlangte nach Frühs tück, aber sie war noch nicht fertig. Sie führte tatsächlich mit Silviana eine Unterhaltung. Eine Unterhaltung, und es spielte keine Rolle, wie merkwürdig das Thema war. »Aber warum sollte sie weglaufen? Sicherlich haben ihre Freundinnen nicht aufgehört, sie zur Vernunft bringen zu wollen.«
»Ein paar hatten etwas Vernünftiges zu sagen«, bemerkte Silviana trocken. »Andere…« Sie bewegte die Hände wie zwei Waagschalen, zuerst war die eine oben, dann die andere.
»Andere wollten sie zwingen, Vernunft anzunehmen. Sie schickten sie fast so oft zu mir wie Euch. Ich behandelte ihre Besuche als private Bußen, aber ihr fehlte Euer . ..« Sie verstummte abrupt, lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und musterte Egwene über die aneinander gelegten Finger. »Sieh an. Ihr habt mich tatsächlich zum Plaudern gebracht. Das ist sicherlich nicht verboten, aber unter diesen Umständen schickt es sich wohl kaum. Geht zum Frühstück«, sagte sie, ergriff die Schreibfeder und öffnete das Tintenfässchen. »Ich trage Euch wieder für den Mittag ein, weil ich weiß, dass Ihr keinen Knicks machen werdet.« In ihrer Stimme lag ein leiser Hauch von Resignation.
Als Egwene den Speisesaal der Novizinnen betrat, stand die erste Novizin, die sie erblickte, auf, und plötzlich scharrten laut Bänke über die farbigen Bodenfliesen, als es die anderen auch taten. Sie standen schweigend an ihren Bänken, während Egwene den Mittelgang zur Küche ging. Da schoss Ashelin, ein hübsches, dickes Mädchen aus Altara, in die Küche. Bevor Egwene die Küchentür erreichte, war Ashelin mit einem Tablett zurück, auf dem der übliche dicke Becher mit dampfendem Tee und der Teller mit Brot, Oliven und Käse standen. Egwene griff nach dem Tablett, aber das Mädchen mit dem dunklen Teint eilte zum nächsten Tisch und stellte es vor einer leeren Bank ab, machte die Andeutung eines Knicks, als sie zurücktrat. Zum Glück für sie hatte keiner von Egwenes Begleitung an diesem Morgen diesen Augenblick gewählt, um in den Speisesaal zu schauen. Zum Glück für alle Novizinnen, die aufgestanden waren.