Auf der Bank vor Egwenes Tablett lag ein Kissen. Ein zerlumptes Ding, das aus mehr verschiedenfarbigen Flicken als Originalmaterial bestand, aber immerhin noch ein Kissen. Egwene hob es auf und legte es ans Tischende, bevor sie sich setzte. Den Schmerz willkommen zu heißen fiel leicht. Sie badete in der Wärme ihres eigenen Feuers. Ein leises Zischen wehte durch den Raum, ein kollektives Stöhnen. Erst als sie eine Olive in den Mund schob, setzten sich die Novizinnen.
Um ein Haar hätte sie sie sofort wieder ausgespuckt — sie war so gut wie verdorben —, aber sie war nach der Heilung ausgehungert, also spuckte sie nur den Kern in die Hand und legte ihn auf den Teller, spülte den Geschmack mit einem Schluck Tee fort. Der Tee war mit Honig gesüßt! Novizinnen bekamen Honig nur bei besonderen Gelegenheiten. Sie versuchte, nicht zu lächeln, als sie den Teller leerte, und sie leerte ihn richtig, tupfte selbst die Brot und Käsekrümel mit dem angefeuchteten Finger auf. Aber es fiel schwer, nicht zu lächeln. Zuerst Doesine — eine Sitzende! —, dann Silvianas Resignation, jetzt das. Die beiden Schwestern waren viel wichtiger als die Novizinnen oder der Honig, aber das alles wies auf dasselbe hin. Sie gewann ihren Krieg.
25
Dienst bei Elaida
Die goldverzierte Ledermappe unter dem Arm, blieb Tarna im Zentralschacht der Burg, als sie zu Elaidas Gemächern hinaufstieg, auch wenn das bedeutete, eine scheinbar endlose Reihe von Treppen zu benutzen, statt die sanft ansteigenden Spiralkorridore. Zweimal befanden sich diese Treppen nicht mehr da, wo sie sie in Erinnerung hatte, aber solange sie nach oben stieg, würde sie ihr Ziel erreichen. Außer Dienern, die sich verneigten oder knicksten, bevor sie weitereilten, begegnete ihr niemand auf den Stufen. In den Spiralkorridoren musste sie an den Eingängen der Ajah-Quartiere vorbei und würde vielleicht anderen Schwestern begegnen. Ihre Behüterinnenstola erlaubte ihr, jedes Ajah-Quartier zu betreten, aber mit Ausnahme von dem der Roten mied sie sie alle, sofern es die Pflicht nicht verlangte. Unter den Schwestern der anderen Ajahs war sie sich nur zu bewusst, dass ihre schmale Stola rot war, nur zu bewusst, dass die erhitzten Blicke aus eiskalten Gesichtern sie verfolgten. Sie machten sie nicht nervös, das konnte nur wenig, sie nahm selbst das sich verändernde Innere der Burg gelassen hin, aber trotzdem… Zwar glaubte sie nicht, dass sich die Situation so verschlechtert hatte, dass man die Behüterin der Chroniken angreifen würde, aber sie ging keine Risiken ein. Es würde ein langer, harter Kampf sein, diese Situation wieder zu ändern, ganz egal, was Elaida glaubte, und ein Angriff auf die Behüterin würde das möglicherweise endgültig zunichte machen.
Davon abgesehen, nicht ständig über die Schultern blicken zu müssen, verschaffte es ihr Zeit, über Pevaras beunruhig ende Frage nachdenken zu können, eine Frage, die vor dem Vorschlag, mit Asha’man den Bund einzugehen, nicht von Bedeutung gewesen war. Wem von den Roten konnte man eine solche Aufgabe überhaupt anvertrauen? Männer zu jagen, die die Macht lenken konnten, brachte Rote Schwestern dazu, alle Männer mit Misstrauen zu betrachten, und eine große Zahl von ihnen hasste sie. Ein überlebender Bruder oder Vater mochte diesem Hass entkommen, vielleicht auch ein Lieblingscousin oder Onkel, aber sobald alle gestorben waren, verschwand auch die Zuneigung. Und das Vertrauen. Mit irgendeinem Mann den Bund einzugehen verstieß gegen Bräuche, die so bindend wie das Gesetz waren. Selbst mit Tsutamas Segen, wer würde möglicherweise auf der Stelle zu Elaida rennen, wenn man das Thema anschnitt, sich mit einem Asha’man zu verbinden? Als sie den Eingang zu Elaidas Gemächern erreicht hatte, nur zwei Stockwerke unter dem Dach der Burg, hatte sie drei Namen von ihrer geistigen Liste gestrichen. Nach fast zwei Wochen enthielt die Liste derer, denen sie sich sicher sein konnte, lediglich einen einzigen Namen, und der war für diese Aufgabe nicht geeignet.
Elaida befand sich in ihrem Wohnzimmer, wo sämtliche Möbel vergoldet und mit Elfenbeinintarsien verziert waren und der große Teppich einer von Tears kostbarsten Schöpfungen war. Sie saß auf einem Stuhl mit niedriger Lehne vor dem Marmorkamin und trank Wein mit Meidani. Trotz der frühen Stunde war es keine Überraschung, die Graue zu sehen. Meidani aß meistens mit der Amyrlin zu Abend und erhielt oft die Einladung, sie am Tag zu besuchen. Elaidas Stola mit den sechs Farbstreifen war breit genug, um ihre Schultern zu bedecken. Sie musterte die größere Frau über den Rand ihres Kristallpokals, ein dunkeläugiger Adler, der eine Maus mit großen blauen Augen musterte. Meidani schien sich dieses Blickes sehr bewusst zu sein. Ihre vollen Lippen lächelten, aber sie schienen zittern zu wollen. Ihre freie Hand war ständig in Bewegung, berührte den Smar agdkamm über dem linken Ohr, betastete das Haar oder legte sich auf den Busen, der von dem eng sitzenden Oberteil aus silbergrauer Brokatseide größtenteils entblößt wurde. Ihr Busen war nicht unbedingt üppig, aber ihre schlanke Figur ließ ihn so aussehen, und es hatte den Anschein, als würde er gleich aus dem Gewand hüpfen. Die Frau war für einen Ball gekleidet. Oder für eine Verführung.
»Die Morgenberichte sind fertig, Mutter«, sagte Tarna und verbeugte sich leicht. Beim Licht! Sie kam sich vor, als würde sie zwei Geliebte stören!
»Es stört Euch doch nicht, wenn Ihr uns verlasst, Meidani?« Selbst das Lächeln, das Elaida an die blonde Frau richtete, war raubtierhaft.
»Natürlich nicht, Mutter.« Meidani stellte den Pokal auf einem kleinen Beistelltisch neben ihrem Stuhl ab und sprang auf die Füße, machte einen Knicks, der sie beinahe aus dem Kleid schlüpfen ließ. »Natürlich nicht.« Sie eilte schwer atmend und mit weit aufgerissenen Augen aus dem Raum.
Als sich die Tür hinter ihr schloss, lachte Elaida. »Als Novizinnen waren wir Kopfkissenfreundinnen«, sagte sie und stand auf, »und ich glaube, sie will diese Beziehung wieder aufleben lassen. Vielleicht mache ich das. Möglicherweise enthüllt sie zwischen den Kissen mehr, als sie bis jetzt verraten hat. Nämlich nichts, um die Wahrheit zu sagen.« Sie schritt zum nächsten Fenster und starrte nach unten auf die Stelle, an der sich ihr fantastischer Palast erheben würde, der die Burg selbst überragen sollte. Irgendwann. Falls man die Schwestern davon überzeugen konnte, daran weiterzuarbeiten. Der heftige Regen, der während der Nacht eingesetzt hatte, fiel noch immer, und es erschien unwahrscheinlich, dass sie etwas von den Fundamenten sehen konnte, jedenfalls von denen, die es bereits gab. »Nehmt Euch Wein, wenn Ihr wollt.«
Es kostete Tarna Mühe, keine Miene zu verziehen. Kopfk issenfreundinnen waren bei Novizinnen und Aufgenomm enen keine Seltenheit, aber Jugenddinge sollte man mit der Jugend abschließen. Das sahen nicht alle Schwestern so, das nicht. Galina war sehr überrascht gewesen, als Tarna ihre Avancen abgewiesen hatte, nachdem sie die Stola errungen hatte. Sie selbst fand Männer bedeutend attraktiver als Frauen. Die meisten Männer schienen sich von Aes Sedai schwer einschüchtern zu lassen, vor allem sobald sie erfuhren, dass man der Roten Ajah angehörte, aber im Laufe der Jahre war sie auf einige gestoßen, die das nicht taten.