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»Das erscheint seltsam, Mutter«, sagte sie und legte die Ledermappe auf den Tisch, auf dem ein goldenes Tablett mit einer Kristallkaraffe und Pokalen stand. »Sie scheint sich vor Euch zu fürchten.« Sie füllte einen Pokal und schnupperte an dem Wein, bevor sie trank. Die Haltbarkeitsgewebe schienen zu halten. Im Augenblick. Elaida hatte schließlich eingewilligt, zumindest dieses Gewebe mit allen zu teilen. »So als wüsste sie, dass Ihr über ihre Rolle als Spionin Bescheid wüsstet.«

»Natürlich hat sie Angst vor mir.« In Elaidas Stimme lag deutlich Sarkasmus, dann verhärtete sie sich zu Stein. »Ich will, dass sie Angst hat. Ich will sie durch die Mangel drehen. Wenn ich sie mit dem Rohrstock prügeln lasse, wird sie sich selbst an das Gerüst fesseln, wenn ich es befehle. Wenn sie wüsste, dass ich es weiß, Tarna, würde sie sofort die Flucht ergreifen, statt sich mir auszuliefern.« Elaida starrte noch immer in den Regensturm hinaus und trank ihren Wein.

»Habt Ihr etwas Neues über die anderen erfahren?«

»Nein, Mutter. Wenn ich die Sitzenden darüber informier en könnte, warum man sie beobachten soll…«

»Nein!«, fauchte Elaida und wirbelte zu ihr herum. Ihr Kleid war so mit aufwändigem roten Stickwerk übersät, dass es beinahe die graue Seide darunter verbarg. Tarna hatte vorgeschlagen, dass eine weniger auffällige Zurschaustellung ihrer ehemaligen Ajah möglicherweise helfen würde, die Ajahs wieder zusammenzubringen. Sie hatte es natürlich diplomatischer ausgedrückt, aber das hatte sie gemeint. Elaidas Wutausbruch hatte gereicht, dass sie dieses Thema seitd em mied. »Was ist, wenn einige der Sitzenden mit ihnen zusammenarbeiten? Ich würde ihnen das zutrauen. Diese lächerlichen Gespräche an der Brücke werden trotz meiner Befehle fortgesetzt. Nein, ich würde ihnen das in der Tat zutrauen.«

Tarna neigte den Kopf über ihrem Pokal, akzeptierte, was sie nicht ändern konnte. Elaida wollte einfach nicht einsehen, dass, wenn die Ajahs schon ihrem Befehl zum Abbruch der Verhandlungen nicht gehorchten, sie bestimmt nicht ohne jede Erklärung nur aufgrund ihres Befehls die eigenen Schwestern ausspionieren würden. Aber das zu erwähnen würde nur eine weitere Tirade herausfordern.

Elaida starrte sie an, wie um sich zu vergewissern, dass sie keine Widerworte geben würde. Die Frau erschien noch härter als sonst. Und noch zerbrechlicher. »Eine Schande, dass die Rebellion in Tarabon gescheitert ist«, sagte sie schließlich. »Aber vermutlich lässt sich daran nichts ändern.« Seit die Nachricht eingetroffen war, dass die Seanchaner das Land wieder weitgehend unter Kontrolle hatten, erwähnte sie das häufig, völlig zusammenhanglos. Sie war nicht so resigniert, wie sie tat. »Ich will ein paar gute Neuigkeiten hören, Tarna. Was ist mit den Siegeln für das Gefängnis des Dunklen Königs? Wir müssen dafür sorgen, dass nicht noch mehr davon gebrochen werden.« Als wüsste Tarna das nicht!

»Davon haben die Ajahs nichts berichtet, Mutter, und ich glaube nicht, dass sie das für sich behalten würden.« Sie hatte die letzten Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als sie sich auch schon wünschte, sie niemals gesagt zu haben.

Elaida grunzte. Die Ajahs gaben nur Bruchstücke dessen weiter, was ihre Augen-und-Ohren erfuhren, und sie hasste es. Ihre eigenen Augen-und-Ohren waren in Andor konzentriert. »Wie geht die Arbeit in den Häfen voran?«

»Langsam, Mutter.« Da der Güterfluss behindert war, bekam die Stadt den ersten Hunger zu spüren. Falls man die Häfen nicht bald wieder würde öffnen können, würde sie bald richtig hungern. Selbst den Teil der Kette des Südhafens wegzuschneiden, der noch aus Eisen bestand, hatte nicht geholfen, genügend Schiffe nach Tar Valon zu lassen, um die Stadt zu versorgen. Nachdem Tarna Elaida von der Notwendigkeit überzeugt hatte, hatte die Amyrlin angeordnet, die Kettentürme abzureißen, damit man die riesigen Stücke aus Cuendillar entfernen konnte. Aber wie die Stadtmauern waren auch die Türme mit Hilfe der Macht gebaut worden, und nur die Macht konnte sie einreißen. Und selbst das war alles andere als leicht. Die damaligen Baumeister hatten gute Arbeit geleistet, und diese Schutzgewebe schienen keinen Deut geschwächt zu sein. »Im Augenblick leisten die Roten die meiste Arbeit. Gelegentlich kommen Schwestern von anderen Ajahs, aber es sind nur wenige. Allerdings erwarte ich, dass sich das bald ändert.« Sie kannten die Bedeutung dieser Arbeit, sosehr sie sie auch verabscheuen mochten — keine Schwester schuftete gern auf diese Weise; die Roten, die den Löwenanteil leisteten, murrten ziemlich laut —, aber der Befehl war von Elaida gekommen, und im Moment bedeutete das, dass man sich zierte.

Elaida atmete tief ein, dann nahm sie einen großen Schluck. Sie schien ihn zu brauchen. Sie hielt den Pokal so fest umschlossen, dass ihre Sehnen auf dem Handrücken hervortraten. Sie schoss über den gemusterten Seidenteppich auf Tarna zu, als wollte sie sie schlagen. »Sie trotzen mir schon wieder. Schon wieder! Sie werden mir gehorchen, Tarna. Das werden sie! Schreibt einen Befehl und hängt ihn in jedem Ajah-Quartier aus, sobald ich ihn unterschrieben habe.« Sie blieb so kurz vor Tarna stehen, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten; ihre dunklen Augen funkelten wie die eines Raben. »Die Sitzenden einer jeden Ajah, die nicht ihre gerechte Anzahl an Schwestern zur Arbeit an den Hafentürmen schicken, werden von Silviana täglich ihre Buße erhalten, bis die Arbeiten erledigt sind. Täglich! Und für die Sitzenden jeder Ajah, die weiterhin Schwestern zu diesen… diesen Gesprächen schicken, gilt das Gleiche. Schreibt das und legt es mir zur Unterschrift vor!«

Tarna holt tief Luft. Bußen konnten funktionieren oder auch nicht, das kam auf die Entschlossenheit der Sitzenden und der Anführerinnen der Ajahs an — sie glaubte nicht, dass die Dinge so schlimm standen, dass sie sich alle weigern würden, die Bußen anzunehmen; das wäre mit Sicherheit Elaidas Ende, vielleicht sogar das Ende der Burg. Aber diesen Befehl öffentlich auszustellen, den Sitzenden keine Möglichkeit zu lassen, ihre Würde zu behalten, war die falsche Methode. Möglicherweise sogar die schlimmste überhaupt.

»Falls ich einen Vorschlag machen darf…«, begann sie so vorsichtig, wie sie konnte. Sie war nie für ihre Vorsicht bekannt gewesen.

»Das dürft Ihr nicht«, unterbrach Elaida sie grob. Sie nahm noch einen großen Schluck, leerte den Pokal und rauschte über den Teppich, um sich nachzuschenken. In letzter Zeit trank sie zu viel. Tarna hatte sie sogar einmal betrunken gesehen! »Wie kommt Silviana mit dem al’Vere-Mädchen voran?«, fragte sie, während sie Wein nachfüllte.

»Egwene verbringt fast die Hälfte des Tages in Silvianas Arbeitszimmer.« Sie gab sich Mühe, ihren Tonfall neutral zu halten. Das war das erste Mal, dass sich Elaida nach der jungen Frau seit ihrer Gefangennahme vor neun Tagen erkundigte.

»So oft? Ich will sie gezähmt haben, nicht ihren Willen gebrochen.«

»Ich… bezweifle, dass ihr Wille gebrochen wird, Mutter.

Silviana wird da schon aufpassen.« Und dann war da noch das Mädchen selbst. Aber das war nicht für Elaidas Ohren bestimmt. Tarna hatte sich bereits genug anbrüllen lassen. Sie hatte es gelernt, Themen zu meiden, die nur in Gebrüll endeten. Unausgesprochene Ratschläge und Vorschläge waren nicht nützlicher als Ratschläge und Vorschläge, die nicht angenommen wurden, und Elaida nahm beides so gut wie nie an. »Egwene ist stur, aber ich rechne damit, dass sie sich bald einsichtig zeigt.« Das Mädchen musste es. Galina, die Tarna ihre Blockade herausgeprügelt hatte, hatte nicht ein Zehntel der Mühe aufbringen müssen, die Silviana in Egwene hineinsteckte. Das Mädchen musste bald nachgeben.

»Ausgezeichnet«, murmelte Elaida. »Ausgezeichnet.« Sie blickte über die Schulter, das Gesicht eine Maske der Ruhe. Aber ihre Augen funkelten noch immer. »Setzt ihren Namen auf meinen Dienerplan. Nein, sie soll mir heute Abend aufwarten. Sie kann mich und Meidani beim Abendessen bedienen.«