»Wie Ihr befehlt, Mutter.« Anscheinend war ein weiterer Besuch bei der Oberin unausweichlich, aber zweifellos würde sich Egwene genauso viele verdienen, wenn sie nicht in Elaidas Nähe kam.
»Und jetzt zu Euren Berichten, Tarna.« Elaida setzte sich wieder und schlug die Beine übereinander.
Tarna stellte den kaum angerührten Pokal zurück auf das Tablett und setzte sich auf den Stuhl, den Meidani benutzt hatte. »Die erneuerten Schutzgewebe scheinen die Ratten aus der Burg fernzuhalten, Mutter…« — für wie lange, war eine andere Frage; sie überprüfte die Gewebe höchstpersönlich jeden Tag — »… aber man hat Raben und Krähen auf dem Burggelände gesehen, also müssen die Schutzgewebe in den Mauern…«
Die mittägliche Sonne warf ihr Licht vorbei an den blätterbewachsenen Ästen der hohen Bäume, größtenteils Eichen und Tupelos, dazwischen Pappeln und stämmige Kiefern. Anscheinend hatte es vor einigen Jahren einen heftigen Sturm gegeben, denn überall lagen Baumstämme, die in derselben Richtung umgestürzt waren und gute Sitzgelegenheiten boten; man musste nur ein paar Äste wegschlagen. Spärliches Unterholz erlaubte einen guten Blick in alle Richtungen, und nicht weit entfernt plätscherte ein kleiner, sauberer Bach über moosbewachsene Steine. Es wäre ein guter Lagerplatz gewesen, hätte Mat nicht an jedem Tag so viele Meilen wie möglich zurücklegen wollen, aber es war auch ein guter Platz, um die Pferde verschnaufen zu lassen und zu essen. Die Damonab erge im Osten waren noch immer mindestens dreihundert Meilen entfernt, und er hatte vor, sie in einer Woche zu erreichen. Vanin kannte einen Schmugglerpass — natürlich war das reines Hörensagen; er hatte zufällig gelauscht, aber er wusste genau, wo er zu finden war-, der sie innerhalb von zwei Tagen nach Murandy bringen würde. Viel sicherer als der Versuch, nach Norden nach Andor vorzustoßen oder nach Süden auf Illian zuzureiten. In jeder Richtung würde der Weg in die Sicherheit länger und die Gefahr, auf Seanchaner zu stoßen, größer sein.
Mat knabberte den letzen Fetzen Fleisch vom Hinterlauf des Hasen und warf den Knochen auf den Boden. Lopin schoss herbei, strich sich konsterniert den Bart, hob ihn auf und ließ ihn in die Grube fallen, die er und Nerim in den mit Mulch bedeckten Waldboden gegraben hatten, obwohl die Grube keine halbe Stunde nach ihrem Aufbruch von Tieren aufgegraben sein würde. Mat wollte sich die Hände an den Reithosen abwischen. Tuon, die auf der anderen Seite des kleinen Feuers an einem Rebhuhnschenkel knabberte, warf ihm mit erhobenen Brauen einen strengen Blick zu, während sie mit den Fingern der freien Hand Selucia, die ein halbes Rebhuhn in sich hineingestopft hatte, etwas übermittelte. Die vollbusige Frau erwiderte nichts, aber sie schnaubte. Laut. Er erwiderte Tuons Blick und wischte sich die Hände ganz langsam an den Reithosen ab. Er hätte zu dem Flüsschen gehen können, wo sich die Aes Sedai die Hände wuschen, aber wenn sie Murandy erreichten, würde niemandes Kleidung mehr makellos sein. Davon abgesehen, wenn einen eine Frau ständig Spielzeug nannte, war es nur natürlich, jede Gelegenheit zu ergreifen, um sie wissen zu lassen, dass man niemandes Spielzeug war. Sie schüttelte den Kopf und fuchtelte wieder mit den Fingern. Diesmal lachte Selucia, und Mat fühlte, wie ihm heiß das Blut in die Wangen stieg. Er konnte sich zwei oder drei Dinge vorstellen, die sie gesagt haben mochte, und nichts davon hätte er gern gehört.
Setalle, die am Ende seines Stammes saß, sorgte dafür, dass er sie trotzdem hörte. Die Übereinkunft mit der ehemaligen Aes Sedai hatte ihr Verhalten nicht um ein Haar geändert. »Sie könnte gesagt haben, dass Männer Schweine sind«, murmelte sie, ohne den Blick von ihrem Stickreifen zu heben, »oder dass bloß Ihr eines seid.« Ihr dunkelgraues Reitgewand wies einen hohen Kragen auf, aber sie trug noch immer die eng sitzende Silberkette mit dem Hochzeitsdolch. »Sie könnte gesagt haben, dass Ihr ein Bauernlümmel mit Dreck in den Ohren und Stroh im Haar seid. Oder sie könnte gesagt haben…«
»Ich glaube, wir verstehen, was Ihr meint«, sagte er durch die zusammengebissenen Zähne zu ihr. Tuon kicherte, obwohl ihr Gesicht im nächsten Augenblick wieder das eines Scharfrichters war, kalt und streng.
Er holte die Pfeife mit dem silbernen Kopfstück und den Tabaksbeutel aus Ziegenleder aus der Manteltasche, füllte den Kopf mit dem Daumen und hob dann den Deckel des Schwefelholzkastens zu seinen Füßen an. Es faszinierte ihn, wie das Feuer aufflammte, wie die Funken in alle Richtungen sprangen, wenn er den unförmigen, rotweißen Kopf des Schwefelholzes über die harte Seite des Kästchens zog. Er wartete, bis die Flamme vom Kopf weggebrannt war, bevor er es dazu benutzte, die Pfeife anzuzünden. Einmal hatte gereicht, den Schwefelgeschmack einzuatmen. Er ließ das brennende Schwefelholz fallen und trat es sorgfältig aus. Der Mulch war noch immer feucht vom letzten Regen, aber er ging im Wald kein Risiko ein. Bei den Zwei Flüssen kamen Männer aus einer Entfernung von Meilen herbei, wenn der Wald brannte. Und trotzdem verbrannten manchmal Hunderte von Quadratmeilen.
»Man sollte die Schwefelhölzer nicht verschwenden«, sagte Aludra und hob den Blick von dem kleinen Steine-Spielbrett, das auf einem Baumstamm in der Nähe jonglierte. Thom strich sich den langen weißen Schnurrbart und musterte das Spielbrett weiterhin nachdenklich. Er verlor nur selten eine Partie Steine, aber sie hatte es seit Verlassen des Zirkus geschafft, zweimal zu gewinnen. Zwei Partien von einem Dutzend oder mehr, aber Thom ging sorgfältig mit jedem um, der ihn auch nur einmal besiegen konnte. Sie streifte die perlenverzierten Zöpfe über die Schultern. »Ich muss zwei Tage lang am selben Ort sein, um neue herzustellen. Männer finden immer Möglichkeiten, um Frauen Arbeit zu machen, oder?«
Mat paffte vor sich hin, wenn auch nicht zufrieden, so doch immerhin mit einem gewissen Grad an Vergnügen. Frauen! Schön anzusehen und schön, in ihrer Gesellschaft zu sein. Wenn sie keine Möglichkeit fanden, einem Mann Salz ins Fell zu reiben.
Die meisten Mitglieder der Gruppe waren fertig mit dem Essen — an den Spießen über dem Feuer waren nur noch die Reste von zwei Rebhühnern und einem Hasen, aber die würde man in Leinentücher eingepackt mitnehmen; die Jagd während des Morgenritts war gut gewesen, aber es war keinesfalls sicher, dass der Nachmittag genauso ergiebig sein würde, und Brot und Bohnen boten eine armselige Mahlzeit. Jene, die fertig gegessen hatten, ruhten sich aus, oder, im Fall der Rotwaffen, kontrollierten die an den Knöcheln gefesselten Lastpferde, mehr als sechzig an vier Leinen. So viele in Maderin zu kaufen war teuer gewesen, aber Luca war in die Stadt geeilt, um sie selbst zu kaufen, sobald er von dem toten Kaufmann auf der Straße gehört hatte. Danach war er beinahe bereit gewesen — aber auch nur beinahe —, ihnen Lastpferde vom Zirkus zu geben, nur um Mat loszuwerden. Viele der Tiere waren mit Aludras Gerätschaften beladen. Am Ende hatte Luca den größten Teil von Mats Gold bekommen. Mat hatte auch Petra und Clarine einen fetten Geldbeutel zugesteckt, aber das war aus Freundschaft geschehen, damit sie sich ihre kleine Schenke etwas früher kaufen konnten. Was jetzt noch in seinen Satteltaschen steckte, reichte allerdings mehr als genug, um bequem nach Murandy zu kommen, und um es aufzufüllen, brauchte er nur einen Gemeinschaftsraum, in dem die Würfel rollten.
Auf einem anderen Stamm in der Nähe plauderten Leilwin, die an dem breiten Ledergürtel quer über der Brust ein Krummschwert trug, und Domon, der an der einen Seite seines Gürtels ein Kurzschwert und an der anderen eine mit Messingnieten beschlagene Keule trug, mit Juilin und Amathera. Leilwin — Mat hatte schließlich akzeptiert, dass das der einzige Name war, den sie ertragen würde — stellte demonstrativ zur Schau, dass sie Tuon und Selucia nicht aus dem Weg ging, und sie senkte auch nicht den Blick, wenn sie sich begegneten, obwohl sie sich sichtlich zusammenreißen musste, um das zu schaffen. Juilin hatte die Ärmel seines schwarzen Mantels umgeschlagen, ein Zeichen, dass er sich unter Freunden glaubte oder zumindest Leuten, denen er vertrauen konnte. Die einstige Panarchin von Tarabon klammerte sich noch immer an den Arm des Diebefängers, aber sie erwiderte Leilwins Blicke ohne großes Zusammenzucken. Tatsächlich schien sie die andere Frau oft mit einem Gefühl anzusehen, das fast schon an Ehrfurcht grenzte.