Noal saß im Schneidersitz auf dem Boden, obwohl es dort feucht war, spielte Schlangen und Füchse mit Olver und gab wilde Geschichten über die Länder jenseits der Aiel-Wüste von sich, über eine große Küstenstadt, die Fremde nur mit dem Schiff verlassen durften und die Einwohner gar nicht. Mat wünschte sich, sie würden ein anderes Spiel finden. Jedes Mal, wenn sie das rote Stück Stoff mit dem Spinnennetz aus schwarzen Linien ausbreiteten, erinnerte es ihn an sein Versprechen Thom gegenüber, erinnerte es ihn daran, dass die verdammten Eelfinn irgendwie in seinem Kopf steckten und die verfluchten Aelfinn vielleicht auch.
Die Aes Sedai kamen von dem Bach zurück, und Joline hörte auf, sich mit Blaeric und Fen zu unterhalten. Bethamin und Seta gingen hinter ihnen her und zögerten, bis eine Geste der Grünen sie hinter den Stamm schickte, auf dem Teslyn und Edesina so weit voneinander entfernt saßen, wie das nur möglich war, mit nicht abgeschlagenen Ästen zwischen sich. Bethamin und Seta stellten sich hinter Edesina und fingen an, in kleinen Büchern mit Ledereinband aus ihren Gürteltaschen zu lesen.
Seta, die blonde ehemalige Sul’dam, hatte sich auf spektakuläre und schmerzliche Weise verändert. Schmerzlich für sie und die Schwestern. Als sie sie am Vorabend beim Essen zögernd gebeten hatte, auch sie zu unterrichten, hatten sie sich geweigert. Sie unterrichteten Bethamin nur, weil sie bereits die Macht gelenkt hatte. Seta war zu alt, um Novizin zu werden, sie hatte nicht die Macht gelenkt, und damit war das Thema erledigt. Also machte sie nach, was auch immer Bethamin getan hatte, und alle drei Schwestern hüpften, eingehüllt von einem Funkenregen, so lange kreischend um das Kochfeuer herum, wie sie die Macht halten konnten. Da erklärten sie sich bereit, sie zu unterrichten. Jedenfalls Joline und Edesina. Teslyn wollte noch immer nichts mit einer Sul’dam zu tun haben, ob es sich nun um ehemalige handelte oder nicht. Allerdings hatten alle drei den Stock geschwungen, und Seta war den ganzen Morgen unbehaglich auf dem Sattel herumgerutscht. Sie sah noch immer aus, als hätte sie Angst vor der Einen Macht und vielleicht auch vor den Aes Sedai, aber seltsamerweise erschien sie auch irgendwie… zufrieden. Mat konnte es nicht nachvollziehen.
Er hätte selbst zufrieden sein müssen. Er war einer Mordanklage entgangen, hatte vermieden, blindlings in eine seanchanische Falle zu reiten, die Tuon das Leben gekostet hätte, und war dem Gholam entgangen, und zwar diesmal für immer. Er würde Lucas Zirkus folgen, und Luca war gewarnt worden, was auch immer das bringen würde. In weniger als zwei Wochen würde er die Berge überquert haben und in Murandy sein. Die Notwendigkeit, sich einen Plan einfallen zu lassen, Tuon sicher nach Ebou Dar zurückzuschaffen, was nun keine einfache Aufgabe mehr war, nicht zuletzt deshalb, weil er sie vor Aes Sedai beschützen musste, die sie verschleppen wollten, würde bedeuten, dass er ihr Gesicht noch viel länger betrachten konnte. Und dass er herausfinden konnte, was hinter diesen großen, wunderschönen Augen vor sich ging. Er hätte so glücklich wie eine Ziege auf der Wiese sein müssen. Er war es nicht. Nicht im mindesten.
Erstens schmerzten die vielen Schwertschnitte, die er in Maderin davongetragen hatte. Einige hatten sich entzündet, allerdings hatte er das bis jetzt vor allen verheimlichen können. Gepflegt zu werden hasste er fast so sehr, wie sich mit der Macht behandeln zu lassen. Lopin und Nerim hatten ihn so gut zusammengeflickt, wie sie konnten, und er hatte das Heilen verweigert, obwohl alle drei Aes Sedai versucht hatten, es ihm aufzudrängen. Es hatte ihn überrascht, dass von allen Leuten ausgerechnet Joline versucht hatte, ihn zu überreden, aber sie tat es, und sie hatte angewidert die Hände in die Luft geworfen, als er nicht nachgegeben hatte. Eine andere Überraschung war Tuon gewesen.
»Nicht albern sein, Spielzeug«, hatte sie mit unter den Brüsten verschränkten Armen in seinem Zelt gesagt, während Lopin und Nerim mit ihren Nadeln herumfuhrwerkten und er die Zähne zusammenbiss. Ihre besitzergreifende Art, die sehr an eine Frau erinnerte, die sich darum kümmerte, dass ihr Besitz ordentlich repariert wurde, hatte gereicht, dass er mit den Zähnen geknirscht hatte, und das nicht nur wegen der Nadeln. Oder dass er nur seine Unterhose trug! Sie war einfach hereingeplatzt und hatte sich geweigert zu gehen, man hätte sie schon heraustragen müssen, und er hatte sich nicht stark genug gefühlt, eine Frau wegzuschleppen, die ihm vermutlich den Arm brechen konnte. »Dieses Heilen ist eine wunderbare Sache. Meine Mylen kann es, und ich habe es auch meinen anderen Damane beigebracht. Natürlich sind viele Leute so dumm und wollen sich nicht von der Macht berühren lassen. Die Hälfte meiner Diener würde schon bei dem Vorschlag in Ohnmacht fallen, und es würde mich nicht überraschen, wenn das auch für die meisten Angehörigen des Blutes gelten würde. Aber von Euch hätte ich das nicht erwartet.« Hätte sie auch nur ein Viertel seiner Erfahrungen mit den Aes Sedai gehabt, hätte sie das doch.
Sie hatten die Straße von Maderin genommen, als wollten sie nach Lugard, dann waren sie in den Wald geritten, sobald die letzten Bauernhöfe außer Sicht waren. In dem Augenblick, in dem sie sich zwischen den Bäumen befanden, fingen wieder die Würfel in seinem Kopf zu rattern an. Das war die andere Sache, die ihm die Laune verdarb, diese verfluchten Würfel, die seit zwei Tagen in seinem Kopf dröhnten. Es erschien kaum wahrscheinlich, dass sie hier im Wald verstummen würden. Was konnte schon im Wald Weltbewegendes geschehen? Dennoch mieden sie die kleinen Dörfer, an denen sie vorbeikamen. Aber früher oder später würden die Würfel anhalten, und er konnte es nur abwarten.
Tuon und Selucia gingen zum Bach, um sich zu waschen, dabei unterhielten sie sich unablässig mit den Fingern. Bestimmt über ihn, da war er sich sicher. Wenn Frauen anfingen, die Köpfe zusammenzustecken, konnte man sicher sein…
Amathera schrie auf, und jeder Kopf fuhr zu ihr herum.
Mat entdeckte den Grund genauso schnell wie Juilin, eine schwarze, sieben Fuß lange Schlange glitt schnell von dem Stamm fort, auf dem Juilin saß. Leilwin fluchte und sprang auf die Füße, wobei sie ihr Schwert zog, aber Juilin war noch schneller, riss das Kurzschwert aus der Scheide und eilte der Schlange so schnell hinterher, dass seine rote Mütze vom Kopf fiel.
»Lass sie gehen, Juilin«, sagte Mat. »Sie schlängelt weg.
Lass sie gehen.« Das Tier hatte vermutlich einen Schlupfwinkel unter dem Stamm und war überrascht gewesen, auf Menschen zu stoßen. Glücklicherweise waren Schwarzlanzen Einzelgänger.
Juilin zögerte, bevor er zu dem Schluss kam, dass es wicht iger war, eine zitternde Amathera zu trösten, als eine Schlange zu verfolgen. »Was ist das überhaupt für eine?«, fragte er und nahm sie in die Arme. Schließlich war er ein Stadtmensch. Mat verriet es ihm, und einen Augenblick lang sah er aus, als wollte er wieder hinter ihr her. Klugerw eise entschied er sich dagegen. Schwarzlanzen waren blitzschnell, und mit einem Kurzschwert hätte er nahe herangemusst. Davon abgesehen klammerte sich Amathera so fest an ihn, dass es einige Zeit gedauert hätte, sich von ihr zu befreien.
Mat nahm seinen Hut vom Schaft seines Ashandarei, der mit der Spitze im Erdreich steckte, und setzte ihn auf. »Das Tageslicht schwindet«, sagte er um den Pfeifenstiel herum.
»Zeit, dass wir weiterkommen. Trödelt nicht herum, Tuon. Eure Hände sind sauber genug.« Er hatte versucht, sie Schatz zu nennen, aber seit sie in Maderin behauptet hatte, gewonnen zu haben, behandelte sie ihn wie Luft, wenn er es tat.
Natürlich beeilte sie sich nicht. Als sie zurückkehrte und sich die kleinen Hände mit einem Handtuch trocknete, das Selucia dann zum Trocknen an ihren Sattelknauf hängen würde, hatten Lopin und Nerim die Abfallgrube aufgefüllt, die Essensreste eingepackt und in Nerims Satteltaschen verstaut und das Feuer mit Wasser aus dem Bach gelöscht. Den Ashandarei in der Hand, war Mat bereit, auf Pips aufzusitzen.