»Ein seltsamer Mann, der eine giftige Schlange davonkomm en lässt«, sagte Tuon. »Nach der Reaktion des Burschen zu urteilen, nehme ich an, dass eine Schwarzlanze giftig ist?«
»Sehr sogar«, erwiderte er. »Aber Schlangen beißen nichts, was sie nicht fressen können, solange sie nicht bedroht werden.« Er schob einen Fuß in den Steigbügel.
»Ihr dürft mich küssen, Spielzeug.«
Er zuckte zusammen. Ihre Worte, die nicht leise ausgesprochen worden waren, hatte sie in aller Blickpunkt gerückt. Selucias Gesicht war so bemüht ausdruckslos, dass ihre Missbilligung nicht deutlicher hätte sein können.
»Jetzt?«, sagte er. »Wenn wir heute Abend lagern, können wir allein spazieren gehen…«
»Bis heute Abend könnte ich meine Meinung geändert haben, Spielzeug. Nennt es eine Laune, für einen Mann, der Giftschlangen gehen lässt.« Hatte sie darin möglicherweise eines ihrer Omen gesehen?
Er steckte den schwarzen Speer zurück in die Erde, setzte den Hut ab, nahm die Pfeife aus dem Mund und drückte einen keuschen Kuss auf ihre vollen Lippen. Ein erster Kuss durfte nicht grob sein. Er wollte nicht, dass sie ihn für aufdringlich oder primitiv hielt. Sie war keine Schankmagd, der ein Klaps auf den Hintern gefallen würde. Außerdem konnte er die Blicke der Zuschauer förmlich spüren. Jemand kicherte. Selucia verdrehte die Augen.
Tuon verschränkte die Arme unter den Brüsten und schaute durch die langen Lider zu ihm hoch. »Erinnere ich Euch an Eure Schwester?«, fragte sie in gefährlichem Tonfall.
»Oder vielleicht an Eure Mutter?« Jemand lachte. Tatsächlich sogar mehr als einer.
Grimmig klopfte Mat den Pfeifenkopf an seinem Stiefelabsatz aus und stopfte die warme Pfeife in die Manteltasche. Er hängte den Hut wieder auf den Asha ndarei. Wenn sie einen richtigen Kuss haben wollte… Hatte er wirklich geglaubt, sie würde seine Arme nicht füllen? Sie war schlank, das auf jeden Fall, und klein, aber sie füllte sie auf eine sehr erfreuliche Weise. Er beugte den Kopf zu ihr herunter. Sie war bei weitem nicht die erste Frau, die er geküsst hatte. Er wusste, was er zu tun hatte. Überraschenderweise — oder vielleicht auch nicht — wusste sie es nicht. Aber sie lernte schnell. Sehr schnell.
Als er schließlich von ihr abließ, stand sie da, schaute zu ihm hoch und versuchte zu Atem zu kommen. Was das anging, atmete er auch etwas schwer. Metwyn pfiff anerkennend. Mat lächelte. Was würde sie wohl von dem denken, was offensichtlich ihr erster richtiger Kuss gewesen war? Aber er versuchte, nicht zu breit zu lächeln. Er wollte nicht, dass sie auf die Idee kam, er würde grinsen.
Sie legte die Finger auf seine Wange. »Das habe ich mir gedacht«, sagte sie in ihrem Akzent, der so dick wie Honig war. »Ihr fiebert. Einige Eurer Wunden müssen entzündet sein.«
Mat blinzelte. Er gab ihr einen Kuss, der ihr bis in die Zehenspitzen gefahren sein musste, und ihr fiel bloß ein, dass sich sein Gesicht heiß anfühlte? Er beugte den Kopf erneut — diesmal würde sie jemand danach verdammt noch mal stützen müssen! —, aber sie stemmte nur eine Hand gegen seine Brust und wehrte ihn ab.
»Selucia, hol den Kasten mit den Salben, den ich von Frau Luca bekommen habe«, befahl sie. Selucia eilte zu Tuons Pferd.
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit«, sagte Mat. »Ich schmiere heute Abend was drauf.« Er hätte sich die Worte sparen können.
»Zieht Euch aus, Spielzeug«, sagte sie in demselben Tonfall, den sie bei ihrer Dienerin benutzt hatte. »Die Salbe wird brennen, aber ich erwarte, dass Ihr tapfer seid.«
»Ich werde nicht…«
»Reiter kommen«, verkündete Harnan. Er saß bereits im Sattel, auf einem dunkelgrauen Wallach mit weißen Vorderläufen, und hielt die Leine von einem Gespann Lastpferde.
»Einer von ihnen ist Vanin.«
Mat schwang sich auf Pips, um besser sehen zu können. Zwei Reiter näherten sich im schnellen Galopp, wichen umgestürzten Bäumen aus, wenn es sein musste. Davon abgesehen, dass Chel Vanins Brauner deutlich zu erkennen war, war auch der Mann selbst unverkennbar. Niemand sonst, der so breit und wie ein Sack Talg im Sattel hockte, hätte diese Haltung so scheinbar mühelos aufrechterhalten können. Der Mann wäre auf einem wilden Eber im Sattel geblieben. Dann erkannte Mat den anderen Reiter, dessen Umhang hinter ihm flatterte, und es war, als hätte ihm jemand einen Schlag in den Magen versetzt. Es hätte ihn nicht im mindesten überrascht, wären die Würfel in genau diesem Augenblick verstummt, aber sie polterten weiter in seinem Kopf herum. Was beim Licht hatte Talmanes verdammt noch mal in Altara zu suchen?
Die beiden Reiter zügelten beim Anblick von Mat die Pferde, und Vanin hielt an, um Talmanes allein weiterreiten zu lassen. Es war keine Schüchternheit. Vanin wusste nicht, was Schüchternheit war. Er stützte sich auf den hohen Sattelknauf und spuckte durch eine Zahnlücke aus. Nein, er wusste, dass Mat nicht erfreut sein würde, und er wollte nichts damit zu tun haben.
»Vanin hat mich auf den neuesten Stand gebracht«, sagte Talmanes. Klein und drahtig, mit zur Hälfte rasiertem Kopf und gepudert, hatte der Cairhiener das Recht, viele Farbstreifen auf der Brust zu tragen, aber die kleine rote Hand auf der Brust seines dunklen Mantels war sein einziger Schmuck, solange man nicht das lange rote Tuch mitzählte, das er um den linken Arm gebunden hatte. Er lachte niemals und lächelte selten, aber er hatte seine Gründe dafür. »Es hat mir leidgetan, das von Nalesean und den anderen zu hören. Nalesean war ein guter Mann. Das waren sie alle.«
»ja, das waren sie«, sagte Mat und zügelte sein Temperam ent. »Ich nehme an, Egwene ist nie zu Euch gekommen, damit Ihr ihr helft, von diesen närrischen Aes Sedai wegzukommen, aber was, beim verdammten Licht, tut Ihr hier?« Nun, vielleicht hatte er sich doch nicht so gut unter Kontrolle.
»Sagt mir nicht, dass Ihr die ganze verdammte Bande dreihund ert verdammte Meilen nach Altara hinein mitgebracht habt.«
»Egwene ist noch immer die Amyrlin«, sagte Talmanes beherrscht und richtete den Umhang. Er zeichnete sich durch eine weitere, größere rote Hand aus. »Ihr habt Euch in ihr geirrt, Mat. Sie ist wirklich der Amyrlin-Sitz, und sie hat die Aes Sedai fest am Kragen gepackt. Auch wenn das ein paar von ihnen vielleicht noch nicht wissen. Als ich sie zuletzt sah, zogen sie und ihr Haufen nach Tar Valon, um es zu belagern. Möglicherweise hat sie es mittlerweile erobert. Sie können Löcher in die Luft machen, so wie es der Wiedergeborene Drache getan hat, um uns in die Nähe von Salidar zu bringen.« Die Farben wirbelten in Mats Kopf, verfestigten sich kurz zu Rand, der mit irgendeiner Frau mit grauem, zu einem Knoten zusammengefassten Haar sprach, vermutlich einer Aes Sedai, aber seine Wut blies das Bild fort.
Das ganze Gerede von Tar Valon und dem Amyrlin-Sitz lockte natürlich die Schwestern an. Sie trieben ihre Pferde neben Mat und versuchten, das Kommando an sich zu reißen. Nun, Edesina blieb ein Stück zurück, wie sie es immer tat, wenn Joline oder Teslyn giftig wurden, aber die anderen beiden…
»Von wem redet Ihr da?«, verlangte Teslyn zu wissen, während Joline noch den Mund aufmachte. »Egwene? Es gab eine Aufgenommene namens Egwene al’Vere, aber sie ist eine Ausreißerin.«
»Von ihr ist die Rede, Aes Sedai«, sagte Talmanes höflich. Der Mann war immer höflich zu Aes Sedai. »Und sie ist keine Ausreißerin. Sie ist der Amyrlin-Sitz, mein Wort drauf.« Edesina gab einen Laut von sich, den man bei jemand anderem als einer Aes Sedai als Quieken bezeichnet hätte.
»Das hat Zeit bis später«, murmelte Mat. Joline öffnete den Mund erneut, diesmal wütend. »Später, habe ich gesagt.« Das reichte nicht, um die schlanke Grüne aufzuhalten, aber Teslyn legte ihr die Hand auf den Arm und murmelte ihr etwas zu, und das reichte dann. Allerdings schaute Joline noch immer finster drein, ein Versprechen, später alles in Erfahrung zu bringen, was sie wissen wollte. »Talmanes, die Bande?«