»Ihr habt Estean den Befehl übergeben?«, rief Spielzeug aus, und zwar so laut, dass ein Schwärm grauer Tauben mit ärgerlichem Gurren aus dem Schutz des dünnen Unterholzes emporflatterte. »Der Mann ist ein Narr!«
»Aber keineswegs so dumm, um nicht auf Daerid zu hören«, erwiderte Talmanes ruhig. Er schien kein Mann zu sein, der sich übermäßig aufregte. Er war ständig auf der Hut; sein Kopf war immer in Bewegung. Gelegentlich überprüfte er vorbei an dem dichten Astwerk auch den Himmel über ihnen. Er hatte nur von Raken gehört, und doch hielt er nach ihnen Ausschau. Seine Worte kamen noch schneller und akzentuierter als die Spielzeugs, und es fiel schwer, ihm zu folgen. Diese Leute sprachen alle so schnell! »Carlomin und Reimon sind keine Narren. Reimon jedenfalls nur selten. Aber keiner von ihnen wird auf einen Bürgerlichen hören, ganz egal, wie sehr er ihnen auch im Kriegshandwerk überlegen ist. Edorion würde es, aber ich wollte ihn bei mir haben.«
Das Symbol der roten Hand, das Talmanes trug, war räts elhaft. Sogar mehr als rätselhaft. Er stammte aus einem alten und ehrenhaften Haus? Aber Spielzeug war der Richtige. Er erinnerte sich an Falkenflügels Gesicht. Das erschien natürlich völlig unmöglich, aber als er es abgestritten hatte, war das eine offensichtliche Lüge gewesen, so offensichtlich wie die Flecken auf einem Leopardenfell. Konnte die Rote Hand Spielzeugs Siegel sein? Aber wenn es das war, was war dann mit seinem Ring? Als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, war sie fast in Ohnmacht gefallen. Nun, jedenfalls war sie so nahe daran gewesen, wie sie es seit ihrer Kindheit gewesen war.
»Das wird sich ändern, Talmanes«, knurrte Spielzeug. »Ich habe das zu lange zugelassen. Wenn Reimon und die anderen jetzt Banner befehlen, dann macht sie das zu Bannergenerälen. Und Euch zu einem Generalleutnant. Daerid befehligt fünf Banner, und das macht ihn auch zu einem Generalleutnant. Reimon und die anderen werden seinen Befehlen gehorchen, oder sie können nach Hause gehen. Ich werde mir bei Tarmon Gai’don nicht den Schädel spalten lassen, nur weil sie sich verdammt noch mal weigern, auf jemanden zu hören, der keine verdammten Güter vorzuweisen hat.«
Talmanes lenkte sein Pferd um einen Dornbusch herum, und jeder folgte ihm. Das Gestrüpp schien besonders lange Dornen zu haben, die auch noch gekrümmt waren. »Es wird ihnen nicht gefallen, Mat, aber sie werden auch nicht nach Hause gehen. Das wisst Ihr. Habt Ihr schon eine Idee, wie wir aus Altara herauskommen?«
»Ich denke darüber nach«, murmelte Spielzeug. »Ich denke darüber nach. Diese Armbrustmänner….« Er atmete schwer aus. »Das war nicht klug, Talmanes. Zum einen sind sie ans Marschieren gewöhnt. Die Hälfte von ihnen wird große Probleme haben, bloß im Sattel zu bleiben, wenn wir schnell vorrücken, und das werden wir. In Wäldern wie hier können sie nützlich sein oder an anderen Orten, an denen sie viel Deckung haben, aber wenn wir auf offenem Gelände sind, ohne Piken, dann werden sie niedergeritten, bevor sie eine zweite Salve abschießen können.«
In der Ferne brüllte ein Löwe. In der Ferne, aber es reichte, um die Pferde nervös wiehern und ein paar Schritte tänzeln zu lassen. Spielzeug beugte sich über den Hals seines Wallachs und schien dem Tier etwas ins Ohr zu flüstern. Es wurde sofort wieder ruhig. Also war das doch keine weitere seiner phantasievollen Geschichten gewesen. Erstaunlich.
»Ich habe Männer genommen, die reiten können, Mat«, sagte Talmanes, sobald sich sein Brauner wieder beruhigt hatte. »Und sie haben alle die neuen Winden.« Jetzt schlich sich eine Spur Begeisterung in seine Stimme. Selbst beherrschte Männer neigten dazu, sich bei dem Thema Waffen zu erwärmen. »Drei Drehungen der Winde« — seine Hände beschrieben einen schnellen Kreis —, »und die Sehne ist gespannt. Mit etwas Übung kann ein Mann sieben oder acht Bolzen in der Minute abschießen. Mit einer schweren Armbrust.«
Selucia machte ein leises Geräusch tief in der Kehle. Sie durfte überrascht sein. Wenn Talmanes die Wahrheit sagte, und soweit es Tuon betraf, hatte er keinen Grund zu lügen, dann musste sie sich eine dieser wunderbaren Winden besorgen. Mit einer als Modell konnten die Handwerker sie nachbauen. Bogenschützen konnten schneller als Armbrustmänner schießen, aber ihre Ausbildung dauerte auch länger. Es gab immer mehr Armbrustmänner als Bogenschützen.
»Si eben?«, rief Spielzeug ungläubig. »Das wäre mehr als nützlich, aber so etwas habe ich ja noch nie gehört. Niemals.«
Er murmelte etwas vor sich hin, als wäre das von besonderer Bedeutung, dann schüttelte er den Kopf. »Wie seid Ihr daran gekommen?«
»Sieben oder sogar acht Mal. Da war ein Handwerker in Murandy, der eine Wagenladung von Dingen, die er erfunden hatte, nach Caemlyn bringen wollte. Dort gibt es irgendeine Schule für Gelehrte und Erfinder. Er brauchte Geld für die Reise, und er war bereit, den Waffenschmieden der Bande zu zeigen, wie man sie herstellt. Decke deine Feinde bei jeder Gelegenheit mit Pfeilen ein. Es ist immer besser, deine Feinde in der Ferne zu töten statt aus der Nähe.«
Selucia hielt die Hände so, dass Tuon sie sehen konnte; die schlanken Finger bewegten sich flink. WAS IST DIESE BANDE, VON DER SIE DA SPRECHEN? Sie benutzte die angebrachte Form, Untertan zu Höhergestellten, aber ihre Ungeduld war fast spürbar. Ungeduld mit allem, was geschah. Tuon hatte nur wenige Geheimnisse vor ihr, aber ein paar erschienen im Moment ratsam. Sie würde es Selucia zutrauen, dass sie sie mit Gewalt nach Ebou Dar zurückschleppte, damit sie ihr Wort nicht brach. Ein Schatten hatte viele Pflichten, und manche erforderten es, auch den höchsten Preis zu zahlen. Sie wollte nicht Selucias Hinrichtung anordnen müssen.
In der kaiserlichen Form erwiderte sie: OFFENSICHTLICH SPIELZEUGS PERSÖNLICHES HEER. HÖR ZU, VIELLEICHT ERFAHREN WIR MEHR.
Es erschien seltsam, dass Spielzeug ein Heer befehligte. Er war manchmal charmant, sogar durchaus schlagfertig und amüsant, aber oft war er auch ein Possenreißer und immer ein Schuft. Als Tylins Schoßtier war er völlig in seinem Element erschienen. Aber er war auch unter den Zirkusartisten in seinem Element erschienen und unter den Marath’da — mane und den beiden entflohenen Damane und in der Spelunke. Die war eine solche Enttäuschung gewesen. Nicht mal ein einziger Kampf! Dafür waren nicht einmal die späteren Geschehnisse ein vollwertiger Ersatz gewesen. In einen Straßenkampf verwickelt zu werden war kaum das Gleiche, wie Kämpfe in einer Spelunke zu sehen. Die zugegebenermaßen viel langweiliger gewesen war, als die in Ebou Dar aufgeschnappten Gerüchte ahnen ließen. Bei diesem Straßenkampf hatte Spielzeug eine unerwartete Seite gezeigt. Ein prächtiger Mann, aber einer mit einer merkwürdigen Schwäche. Aus irgendeinem Grund fand sie das auf seltsame Weise anziehend.
»Gute Einstellung«, sagte er gedankenverloren und zupfte an dem schwarzen Halstuch, das er um den Hals gebunden trug. Sie fragte sich, was so besonders an der Narbe war, die er zu verbergen sich solche Mühe gab. Dass er es tat, war verständlich. Warum hatte man ihn gehängt, und wie hatte er überlebt? Das konnte sie ihn nicht fragen. Es störte sie keinesfalls, seinen Blick etwas senken zu müssen — tatsächlich machte es sogar Spaß, ihn sich winden zu lassen; das kostete so wenig Mühe —, aber sie wollte seine Ehre nicht vernichten. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt.
»Erkennt Ihr ihn nicht wieder?«, sagte Talmanes. »Er ist aus Eurem Buch. König Roedran hat zwei Ausgaben in seiner Bibliothek. Er hat sich den Inhalt eingeprägt. Der Mann glaubt, dass ihn das zu einem großen Hauptmann machen wird. Er war so erfreut über unseren Handel, dass er für mich eine Ausgabe drucken und binden ließ.«
Spielzeug warf ihm einen verblüfften Blick zu. »Mein Buch?«
»Das, von dem Ihr uns erzählt habt, Mat. Nebel und Stahl, von Madoc Comadrin.«