Perrin trieb seinen hellbraunen Hengst an, ohne auf die anderen zu warten oder auf die sechs Karren mit den großen Rädern. Großzügig geschmierte Achsen machten sie so leise, wie das bei Karren nur möglich war. Ihm erschienen sie noch immer lärmend, die Hufe der Zugpferde schmatzten im Schlamm, die Karren ächzten, aber er bezweifelte, dass andere sie in fünfzig Schritt Entfernung gehört hätten, vielleicht nicht einmal in geringerer Entfernung. Oben auf einem sanft ansteigenden Hügel stieg er aus dem Sattel und ließ Trabers Zügel fallen. Als ausgebildetes Schlachtross würde der Hengst wie angeleint dort stehen bleiben, solange die Zügel zu Boden baumelten. Die Windmühlennaben quietschten, drehten sich leicht, als der Wind drehte. Die sich langsam drehenden Flügel waren lang genug, dass Perrin einen von ihnen bei seinem niedrigsten Stand hätte berühren können. Er starrte auf den letzten Hügelkamm, der Maiden verbarg. Dort wuchs nichts Höheres als ein Busch. In der Dunkelheit bewegte sich nichts. Nur ein Hügel zwischen ihm und Faile. Die Töchter waren nach draußen getreten und hatten sich zu Gaul gesellt; alle waren noch verschleiert.
»Es war keiner da«, sagte Gaul, und das keineswegs leise.
In dieser Nähe hätte das Mahlen der Windmühlenmechanik leise Worte übertönt.
»Der Staub ist nicht berührt worden, seit ich das letzte Mal da war«, fügte Sulin hinzu.
Perrin kratzte sich den Bart. Gut so. Hätten sie Shaido töten müssen, hätten sie die Leichen wegtragen müssen, aber die Toten wären vermisst worden, und das hätte Aufmerksamkeit auf die Windmühlen und den Aquädukt gezog en. Möglicherweise hätte jemand angefangen, sich Gedank en über das Wasser zu machen.
»Helft mir, die Abdeckungen zu entfernen, Gaul.« Das war unnötig. Das würde nur wenige Minuten einsparen, aber Perrin musste etwas tun. Gaul schob den Speer einfach durch das Geschirr, das sein Bogenfutteral hielt.
Der Aquädukt folgte dem Hügelkamm, vorbei zwischen den vier Windmühlen, und reichte Perrin bis zu den Schultern, Gaul noch tiefer. Direkt im Anschluss an die letzten beiden Windmühlen konnte man auf beiden Seiten mit Hilfe von Bronzegriffen schwere Steine abheben, die zwei Fuß breit und fünf Fuß lang waren. Perrin hatte keine Ahnung, wozu die Öffnung gedacht war. Auf der anderen Seite gab es noch eine. Vielleicht, um an den Klappen arbeiten zu können, die dafür sorgten, dass das Wasser in nur eine Richtung floss, oder um reinzukommen und Lecks zu reparieren. Er konnte kleine Wirbel sehen, während es nach Maiden strömte und dabei mehr als die Hälfte des Steintunnels füllte.
Mishima gesellte sich zu ihnen und stieg vom Pferd, um Sulin und den Töchtern einen unsicheren Blick zuzuwerfen. Vermutlich glaubte er, die Nacht würde seine Miene verbergen. Jetzt roch er misstrauisch. Ihm folgte der erste der rot gekleideten seanchanischen Soldaten — eine Frau —, die den schlammigen Hügel hinaufeilten und von denen jeder zwei mittelgroße Jutesäcke trug. Mittelgroß, aber nicht schwer. Jeder enthielt nur zehn Pfund. Die drahtige Frau musterte die Aiel misstrauisch, setzte ihre Säcke ab und schlitzte einen mit dem Dolch auf. Eine Hand voll feiner dunkler Körner rieselte auf den schlammigen Boden.
»Macht das über der Öffnung«, sagte Perrin. »Sorgt dafür, dass jedes Korn im Wasser landet.«
Die drahtige Frau sah Mishima an, der energisch sagte: »Tut, was Lord Perrin befiehlt, Arrata.«
Perrin sah zu, wie sie den Sack in den Aquädukt leerte, die Hände über den Kopf gestemmt. Die dunklen Körner strömten in Richtung Maiden. Er hatte eine Prise davon in einen Becher Wasser gestreut, obwohl ihn selbst diese Verschwendung gestört hatte, und sie hatte einige Zeit gebraucht, um allein genug Wasser aufzunehmen, bis sie versunken war. Lange genug, um die große Zisterne in der Stadt zu erreichen. Und wenn nicht, konnten die Körner auch im Aquädukt aufweichen. Die Zisterne würde sich auch dann irgendwann in Spaltwurzeltee verwandeln. Man konnte nur hoffen, dass er stark genug war. Mit etwas Glück vielleicht sogar stark genug, dass auch die Algai’d’siswai betroffen waren. Die Weisen Frauen, die die Macht lenken konnten, waren sein Ziel, aber er würde jeden Vorteil nutzen, der sich ihm bot. Hoffentlich wirkte es nur noch schneller als erwartet. Sollten die Weisen Frauen zu schnell unsicher auf den Beinen werden, bekamen sie möglicherweise den Grund dafür heraus, bevor er bereit war. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als so weiterzumachen, als wüsste er alles ganz genau. Das und zu beten.
Als der zweite Sack in den Steinkanal geschüttet wurde, kamen die anderen den Abhang hinauf. Als Erste kam Seonid, die ihre dunklen Reitröcke hochhielt, um sie nicht mit Schlamm zu beschmutzen. Mishima richtete seine Aufmerksamkeit von den Töchtern auf sie und machte eine jener kleinen Gesten, die das Böse abwehren sollten. Schon seltsam, dass sie glaubten, so etwas würde funktionieren. Die Soldaten, die sich mit ihren Säcken aufgereiht hatten, starrten sie größtenteils mit weit aufgerissenen Augen an und bewegten sich unruhig. Es fiel den Seanchanern nicht leicht, mit Aes Sedai zusammenzuarbeiten. Ihre Behüter Füren und Teryl folgten direkt hinter ihr, jeder die Hand auf dem Schwertgriff. Sie verspürten das gleiche Unbehagen bei den Seanchanern. Der eine war dunkelhäutig und hatte graue Strähnen in seinem schwarz gelockten Haar, der andere war jung und hatte helle Haare und einen gebogenen Schnurrbart, und doch ähnelten sie sich wie zwei Bohnen, waren hochgewachsen, schlank und hart. Rovair Kirklin kam ein Stück hinter ihnen, ein kompakter Mann mit dunklem, zurückweichendem Haar und einem düsteren Gesichtsausdruck. Es gefiel ihm nicht, von Masuri getrennt zu sein. Alle drei Männer trugen kleine Bündel Proviant auf den Rücken geschnallt und dicke Wasserschläuche über den Schultern. Ein schlaksiger Mann stellte seine Säcke auf der Seite der Öffnung ab, während die drahtige Frau den Abhang hinunterging, um neue zu holen. Sie stapelten sich auf den Karren.
»Denkt daran«, sagte Perrin zu Seonid, »am gefährlichst en wird es sein, von der Zisterne zur Festung zu kommen. Ihr müsst die Wehrgänge auf den Mauern benutzen, und selbst zu dieser Stunde könnten Shaido in der Stadt sein.« Alyse, die Aes Sedai im Weiß der Gai’schain, war sich da nicht sicher gewesen. In der Ferne grollte Donner, dann noch einmal. »Vielleicht wird Euch ja der Regen verbergen.«
»Danke«, sagte sie eisig. Ihr im Mondschatten liegendes Gesicht war eine Maske der Aes-Sedai-Gelassenheit, aber aus ihrem Geruch stach Empörung hervor. »Wenn Ihr mir das nicht gesagt hättet, hätte ich davon keine Ahnung gehabt.« Im nächsten Augenblick wurde ihr Ausdruck weicher, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich weiß, dass Ihr Euch um sie sorgt. Wir werden tun, was wir können.« Ihr Ton war nicht unbedingt als herzlich zu bezeichnen — das war er nie —, aber er war nicht mehr ganz so kalt wie zuvor, und ihr Geruch verkündete nun Mitgefühl.
Teryl hob sie auf den Aquädukt — der Seanchaner, der gerade Spaltwurzel in das Ding schüttete, ein hochgewachsener Bursche, der fast so viele Narben wie Mishima aufwies, ließ beinahe den Sack fallen —, und sie verzog leicht das Gesicht, bevor sie die Beine in die Öffnung schwang und sich mit einem leisen Aufkeuchen in das Wasser sinken ließ. Es musste kalt sein. Sie senkte den Kopf und verschwand aus der Sicht in Richtung Maiden. Füren kletterte hinter ihr rein, dann Teryl und schließlich Rovair. Sie mussten sich sehr zusammenkrümmen, um unter das Dach des Aquädukts zu passen.
Elyas schlug Perrin auf die Schulter, bevor er sich nach oben zog. »Hätte meinen Bart so kurz wie du stutzen sollen, um ihn da rauszuhalten«, sagte er und schaute hinunter ins Wasser. Der langsam grau werdende Bart, zerzaust von der Brise, breitete sich über seine Brust aus. Sein Haar, das im Nacken mit einem Lederband zusammengehalten wurde, reichte bis zu seiner Taille. Auch er trug ein kleines Proviantbündel und einen Wasserschlauch. »Aber ein kaltes Bad hilft einem Mann, ihn von seinem Kummer abzulenken.«