»Ich dachte, es hilft einem, nicht an Frauen zu denken«, sagte Perrin. Er war nicht in der Stimmung für Scherze, aber er konnte nicht erwarten, dass jeder so grimmig wie er war.
Elyas lachte. »Was macht einem Mann denn sonst Sorg en?« Er verschwand im Wasser, und Tallanvor nahm seinen Platz ein.
Perrin griff nach seinem dunklen Mantelärmel. »Keine Heldentaten, verstanden?« Er war sich uneins gewesen, ob er den Mann daran teilnehmen lassen sollte.
»Keine Heldentaten, mein Lord«, stimmte Tallanvor zu.
Zum ersten Mal seit langer Zeit sah er eifrig aus. Sein Geruch zitterte förmlich vor Eifer. Aber da war auch ein Hauch von Vorsicht. Diese Vorsicht war der einzige Grund, dass er nicht ins Lager zurückgeschickt wurde. »Ich werde Maighdin nicht in Gefahr bringen. Oder Lady Faile. Ich will Maighdin bloß schneller sehen.«
Perrin nickte und ließ ihn gehen. Er konnte das verstehen.
Ein Teil von ihm wollte auch in den Aquädukt steigen. Um Faile schneller wiederzusehen. Aber jede Arbeit musste richtig erledigt werden, und auf ihn warteten noch andere Aufgaben. Davon abgesehen, wäre er tatsächlich in Maiden gewesen, hätte er nicht zu sagen vermocht, ob er es geschafft hätte, nicht nach ihr zu suchen. Sich selbst konnte er natürlich nicht riechen, aber er bezweifelte, dass jetzt irgendwelche Vorsicht in seinem Geruch lag. Die Windmühlennaben drehten sich erneut lautstark, als sich der Wind drehte.
Wenigstens schien er hier oben nie einzuschlafen. Jede Behinderung des Wasserflusses zu diesem Zeitpunkt wäre verheerend gewesen.
Auf dem Hügel wurde es nun eng. Zwanzig von Failes Anhängern warteten darauf, dass sie beim Aquädukt an die Reihe kamen, das waren alle bis auf die beiden, die Masema beobachteten. Die Frauen trugen Männerkleidung und hatten das Haar kurz geschnitten bis auf den Pferdeschwanz, der die Aiel imitierte, auch wenn kein Aiel wie sie ein Schwert getragen hätte. Viele der Tairener hatten sich die Barte geschoren, weil Aiel keine trugen. Hinter ihnen trugen fünfzig Männer von den Zwei Flüssen Hellebarden und Bogen ohne Sehnen; die Sehnen waren sicher in ihren Mänteln verstaut, und jeder trug neben dem Proviantbündel noch drei volle Köcher auf dem Rücken. Jeder Mann im Lager hatte sich freiwillig gemeldet, und Perrin hatte sie darum losen lassen. Er hatte darüber nachgedacht, die Zahl zu verdoppeln.
Der ständige Strom der seanchanischen Soldaten floss weiter, sie schleppten volle Säcke nach oben und leere wieder nach unten. Sie waren diszipliniert. Wenn ein Mann im Schlamm ausrutschte und fiel, was mit einiger Regelmäßigkeit geschah, gab es keine Flüche, nicht einmal wütendes Gemurmel. Sie standen einfach wieder auf und machten weiter.
Selande Darengil, die einen dunklen Mantel mit sechs horizontalen Farbstreifen auf der Brust trug, blieb stehen, um Perrin die Hand zu geben. Sie reichte ihm bloß bis zur Brust, aber Elyas behauptete, sie könnte mit dem Schwert am Gürtel ordentlich umgehen. Perrin hielt sie und die anderen nicht länger für Narren — nun, jedenfalls nicht immerweil sie versuchten, die Sitten der Aiel zu kopieren. Natürlich mit Abstrichen. Der dunkle Pferdeschwanz in Selandes Nacken wurde von einem dunklen Band zusammengehalten. In ihrem Geruch lag keine Furcht, nur Entschlossenheit.
»Danke, dass Ihr uns erlaubt, daran teilzuhaben, mein Lord«, sagte sie mit ihrem präzisen cairhienischen Akzent. »Wir werden Euch nicht enttäuschen. Oder die Lady Faile.«
»Das weiß ich«, sagte er und schüttelte ihr die Hand. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie darauf hingewiesen, dass sie Faile diente und nicht ihm. Er schüttelte jedem von ihnen die Hand, bevor sie in den Aquädukt stiegen. Sie alle rochen entschlossen. Wie auch Ban al’Seen, der den Befehl über die Männer von den Zwei Flüssen hatte, die nach Maiden gingen.
»Wenn Faile und die anderen kommen, verkeilt die Außentüren, Ban.« Perrin hatte ihm das schon einmal gesagt, aber er konnte es nicht vermeiden, sich zu wiederholen.
»Seht, ob ihr sie in den Aquädukt schaffen könnt.« Die Festung hatte die Shaido beim ersten Mal nicht aufgehalten, und wenn etwas schiefging, würde sie sie auch diesmal nicht draußen halten. Er wollte nicht von seiner Abmachung mit den Seanchanern zurücktreten — die Shaido würden für das bezahlen, was sie Faile angetan hatten, und davon abgesehen, er konnte sie nicht zurücklassen und weiter das Land verwüsten lassen —, aber er wollte sie so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone bringen.
Ban lehnte Bogenstab und Hellebarde gegen den Aquäd ukt und zog sich nach oben, um mit einer Hand hineinzureichen. Als er sich wieder auf den Boden hinabließ, wischte er sich die feuchte Hand am Mantel ab und rieb sich dann den ausladenden Nasenflügel. »Unter dem Wasser ist es mit etwas beschichtet, das sich wie Teichschleim anfühlt. Es wird sehr schwer sein, die letzte Schräge hinunterzukommen, ohne den ganzen Weg zu rutschen, Lord Perrin, geschweige denn zu versuchen, dort wieder hinaufzuklettern. Das Vernünftigste wird wohl sein, in dieser Festung zu warten, bis Ihr zu uns stoßt.«
Perrin seufzte. Er hatte daran gedacht, Seile zu holen, aber sie hätten fast zwei Meilen für diese letzte Schräge überbrücken müssen, das war eine Menge, die man schleppen musste, und falls ein Shaido die Seilenden im Aquädukt entdeckte, würden sie jede Ecke und jeden Winkel der Stadt durchsuchen. Ein kleines Risiko, sicher, aber das bittere Ende, das daraus resultieren konnte, ließ es riesig erscheinen. »Ich werde so schnell da sein, wie ich kann, Ban. Das verspreche ich.«
Er schüttelte auch jedem von ihnen die Hand. Tod al’Caar mit dem kantigen Kinn und Leof Torfinn mit der weißen Strähne im Haar, wo eine Narbe verlief, die von einem Trolloc stammte. Der junge Kenly Maerin, der unglücklicherweise wieder versuchte, sich einen Bart wachsen zu lassen, und Bili Adarra, der fast so breit wie Perrin, allerdings eine Handspanne kürzer war. Bili war ein entfernter Cousin von ihm und gehörte zur engsten noch lebenden Verwandtschaft Perrins. Er war mit vielen dieser Männer aufgewachsen, auch wenn einige von ihnen ein paar Jahre älter waren. Einige waren auch ein paar Jahre jünger. Mittlerweile kannte er die Männer von Devenritt bis hinauf zu Wachhügel genauso gut wie die aus der Gegend von Emondsfelde. Er hatte mehr Gründe als nur Faile, diese Festung so schnell wie möglich zu erreichen.
Had al’Lora, ein schlanker Bursche mit einem dichten Schnurrbart wie ein Taraboner, war der letzte der Männer von den Zwei Flüssen. Als er in den Aquädukt stieg, erschien Gaul, das Gesicht noch immer verschleiert und mit vier Speeren in der Hand mit dem Lederschild. Er legte eine Hand auf den Rand des Aquädukts und sprang hinauf, um sich auf den Stein zu setzen.
»Du gehst rein?«, sagte Perrin überrascht.
»Die Töchter können für dich kundschaften, Perrin Aybara.« Der große Aiel warf einen Blick über die Schulter zu den Töchtern hin. Perrin glaubte zu sehen, dass er die Stirn runzelte, auch wenn das schwer zu sagen war, weil der schwarze Schleier alles bis auf seine Augen verbarg. »Ich habe gehört, was sie sagten, als sie sich unbelauscht glaubten. Im Gegensatz zu deiner Frau und den anderen ist Chiad eine rechtmäßige Gai’schain. Bain auch, aber sie ist mir egal. Chiad muss noch immer den Rest ihres Jahres und einem Tag dienen, nachdem wir sie gerettet haben. Wenn ein Mann eine Frau als Gai’schain hat oder eine Frau einen Mann, wird manchmal ein Hochzeitskranz geflochten, sobald das Weiß abgelegt wird. Das ist nicht ungewöhnlich. Aber ich habe gehört, dass die Töchter sagten, sie würden Chiad vor mir erreichen, um sie von mir fernzuhalten.« Hinter ihm blitzten Sulins Finger in der Handsprache der Töchter, und eine der anderen schlug die Hand vor den Mund, als wollte sie ein Lachen unterdrücken. Also hatten sie ihn aufgestachelt. Vielleicht waren sie gar nicht so vehement gegen seine Werbung um Chiad, wie sie taten. Oder vielleicht gab es da auch etwas, das Perrin nicht wusste. Aielhumor konnte grob sein.