Wie ich sie vor der Tür beziehungsweise Wand sah, kam sie mir mit einem Mal meilenweit weg vor, als schwebe sie in einer anderen Dimension.
Ich beobachtete sie auf der anderen Seite des Eingangs – eigentlich an der anderen Seite der Wand –, und wegen der ganzen Distanz zwischen uns, hatte ich plötzlich das Gefühl mich in einem alternativen Universum zu befinden. Es war nur temporär und als es sich verabschiedete ging ich zu ihr und rubbelte ihr über die Arme.
Jodie schaute mich an, doch ihr Blick wirkte abwesend und nicht scharf, als bestünde ich aus Rauch, den sie glatt durchschauen konnte.
»Hey«, sagte ich. »Was ist los mit dir?« Die Antwort dämmerte mir sofort, und mein dämliches Grinsen verging. »Du weißt von Elijah und dass er hier gestorben ist. Deswegen hast du Schiss. Das ist es doch, nicht wahr?«
Meine Worte stießen sie vor den Kopf – sie hatte von ihm erfahren, aber nicht erwartet, dass auch ich eingeweiht war. Ehe ich ihren Gesichtsausdruck gänzlich interpretieren konnte, wandte sie sich ab. Er war nicht stark genug, um ihre Gefühle preiszugeben, aber er veranlasste mich dazu, ihre Arme loszulassen.
»Sag schon«, forderte ich. »Du weißt es, oder?«
»Eine Frau auf der Weihnachtsfeier von Adam und Beth hat es mir erzählt.« Jodie schlenderte hinüber zu Waschmaschine und Trockner, wo sie beiläufig Interesse an der großen, orangefarbenen Waschmittelpackung heuchelte, die auf einem der Bretterböden unter der Treppe stand. Ich fragte mich, ob es Nancy Stein gewesen war, die es ihr gesteckt hatte. »Später fragte ich Beth darüber aus, und sie bestätigte mir, dass es stimmt.«
»Warum wolltest du es vor mir verheimlichen?«
»Hast nicht du mir dieses Geheimnis vorenthalten?«
»Ich tat es nur zu deinem Besten. Es hätte nichts gebracht, dir davon zu erzählen.«
»Und ich tat es zu deinem Besten.« Als sie mich wieder anschaute, erkannte ich, dass sie gegen Tränen ankämpfte. »Ich werde mich deshalb nicht von dir maßregeln lassen. Das werde ich nicht zulassen. Weißt du noch, der Abend bei deinem Bruder nach der Beerdigung eurer Mutter? Außerdem bin ich stets bei dir, wenn die Erinnerung an Kyle dich wieder einholt. Ich bekomme mit, wenn du im Schlaf über ihn redest. Vor allem aber weiß ich, wie du nur allzu gern über deinen Gedanken brütest. Du quälst dich selbst.« Sie verkrampfte die Hand so arg, dass ich befürchtete, die Bierflasche ginge zu Bruch. »Also ja: Ich nahm an, du wüsstest es nicht, und hatte nicht vor, es dir jemals unter die Nase zu reiben. Wäre es nötig gewesen, es zu deinem geistigen Wohlergehen unter den Tisch zu kehren, hätte ich es mit ins Grab genommen.«
»Meine Güte … es tut mir weh, dass du glaubst, ich sei so schwach.«
»Werde verdammt noch mal erwachsen. Versuch nicht, mir Schuldgefühle einzureden. Das wird nichts.«
Jodie hatte recht. Ungeachtet der Tatsache, dass ich mich verarscht fühlte, begriff ich sehr gut, weshalb sie den Mund gehalten hatte. Allzu deutlich entsann ich mich jenes Abends nach Mutters Beisetzung, der herben Worte, die geäußert worden waren, und der Hiebe, die Adam und ich einander versetzt hatten.
»Okay«, sagte ich schließlich, indem ich auf sie zuging, um sie zu umarmen, wobei der Flaschenhals in meinen Unterbauch stach. »Ist schon gut.«
Jodie seufzte an meiner Schulter, da ließ ich sie wieder los. Ich erwartete eigentlich, sie hätte feuchte Augen, doch dem war nicht so. Sie sah einfach nur unglaublich müde aus.
»Am besten rufst du irgendwen an, der herkommt und dieses Zeug wegschafft.« Sie nickte in Richtung des Kinderzimmers. »Und ich will kein Wort mehr über das verlieren, was dem Jungen zugestoßen ist. Es ist tragisch, hat aber nichts mit uns beiden zu tun.«
»Richtig«, pflichtete ich bei, während ich noch eine ihrer Schultern massierte. »Absolut überhaupt nichts.«
Kapitel 11
Am nächsten Morgen rief ich eine Räumungsfirma namens Allegheny Pickup and Removal an und gab einem gewissen Harry Peters zu verstehen, man solle Elijah Dentmans Zeug abholen. Es würde zehn Tage dauern, bis wir drankämen. Jodie war nicht sehr erfreut darüber. Falls sie dem versteckten Kinderzimmer und seiner Einrichtung tagtäglich mehr als nur einen flüchtigen Gedanken schenkte, gelang es ihr aber auf fabelhafte Weise, sich nichts anmerken zu lassen.
Ich hingegen ertappte mich dabei, zu jeder Gelegenheit, die sich ergab, hinunter in den Keller zu schleichen – obwohl ich meiner Frau versprochen hatte, genau dies zu unterlassen –, angetrieben durch ein unerklärliches Verlangen, und um Elijahs Habe zu durchforsten.
Adams Geschichte über den Unfalltod des Buben hatte bei der Entdeckung dieser Gruft von einem Zimmer dazu geführt, dass ein vormals verglimmender Funke der Kreativität erneut in meiner Seele aufglühte. So lichtete sich meine Schreibblockade wie schwere Nebelschwaden, die hinaus aufs Meer zogen, und ich sah es wieder vor mir, das große Ganze.
Ich verlor jegliches Interesse an dem Manuskript, mit dem ich mich bisher befasst hatte. Holly hatte die ersten Kapitel bereits gelesen und Begeisterung bezeugt, doch ich fing an, eine fiktive Familie – oder hatte sie nicht vielleicht doch allzu wirkliche Vorbilder? – zu entwickeln, die von schweren Zerwürfnissen heimgesucht wurde: Eine alleinstehende Mutter und ihr junger Sohn zogen bei dessen Onkel und Großvater ein, der wiederum im Sterben lag. Welche Art von Leben mochten diese Menschen führen? Was geschah mit diesem Jungen, der dazu gezwungen war, in einer Zelle zu hausen, die sich Poe für Das Fass Amontillado hätte ausdenken können?
Natürlich entgingen mir die Gemeinsamkeiten der Tode von Elijah und Kyle nicht. Beide waren ungefähr im gleichen Alter gestorben, und ihre Zimmer hatte man nach dem jeweiligen Unfall auf mysteriöse Weise unberührt gelassen, Elijahs im Keller von Waterview Court 111, Kyles in unserem Haus in Eastport. Als ältester Sohn hatte Adam ein Zimmer für sich allein gehabt, während ich mit Kyle zusammengelegt worden war. Nach seinem Tod hatte Vater meine Sachen zu Adam gebracht, und ich war gefolgt. Eines kalten Tages im Dezember hatten meine Eltern Kyles Hinterlassenschaft still und wie durch Fäden manipuliert in die Garage verbannt.
(Was später damit geschehen war, entzog sich meiner Kenntnis. Nachdem Vater gestorben und Mutter zu ihrer Schwester nach Ellicott City gezogen war, kehrten Adam und ich zur Stätte unserer Kindheit zurück, um uns um das Vermächtnis unseres Vaters zu kümmern. Ich rechnete damit, Kyles Sachen immer noch in der Garage zu finden, sah mich gnadenlos damit konfrontiert – wie ein Mörder am Pranger, wenn der Tag des Jüngsten Gerichts nahte –, musste am Ende aber verdattert feststellen, dass es verschwunden war. Irgendwie kam mir dies schlimmer vor, als alles noch einmal vor Augen zu haben, weil es bedeutete, dass sich meine Eltern zumindest einmal Zeit genommen hatten, um sich der Erinnerungsstücke zu entledigen. Der Gedanke daran, welchen Kummer sie dabei verspürt haben mochten, schmerzte sehr.)
Besagter Parallelen wegen und weil ich nicht wusste, wie Elijah Dentman ausgesehen hatte, verpasste ich meinem fiktiven Jungen Charakterzüge von Kyle – schmächtig und hellhaarig, mit goldigen Augen und langen Wimpern sowie rotbraunen Sommersprossen auf dem Nasenrücken. Als einziger Flachsschopf war er das schwarze Schaf der Familie gewesen. Ich schrieb fieberhaft und war nach jeder Sitzung zwar ausgelaugt, aber umso begeisterter.
Eines Nachmittags, als Jodie wieder einmal mit Beth unterwegs war, rief ich Adam an und bat ihn, so schnell wie möglich herzukommen. Er erschien in seiner blauen Polizeiuniform mit der Mütze in den Händen auf der Terrasse. In der Uniform sah er doppelt so stämmig aus, zumal die Schutzweste unterm Hemd seine Brust rund wie ein Whiskeyfass wirken ließ.