Vermutlich hatte er sie nach dem Tod seines Neffen zusammengepackt. Leicht vorstellbar, dass diese dicken Arme Plüschtiere in die Kisten gezwängt hatten. Das Bild hätte komisch wirken müssen, aber wie ich nun in seinem Haus stand und es mir vorstellte, fand ich es schlicht grauenhaft.
»Sind Sie ein Cop?«
»Sehe ich wie ein Cop aus?«
»Hat Strohman Sie geschickt?«
»Wer ist Strohman?«
Dentman stellte sich vor den Karton, öffnete den Deckel und schaute hinein, wobei er auf seine Unterlippe biss. Das schummrige Licht traf ihn günstig, reflektierte den Glanz der Stoppeln an Kinn und Hals. Als er mich ansah, wirkte er desinteressiert. »Haben Sie die Cops hierhergeschickt?«
»Natürlich nicht. Ich fand diese Dinge im Keller und hielt es für angebracht, sie Ihnen zu bringen.« Ich schluckte, als müsste ich einen Brocken aus Granit verdauen, und hängte an: »Offenbar war das ein Fehler.«
»Sie haben das Haus gekauft, wie wir es hinterlassen haben.«
»Wie bitte?«
»Das Haus. Die Bank hätte Sie in Kenntnis setzen sollen. Was dortgeblieben ist, gehört nun Ihnen.« »Sie missverstehen mich. Ich bin nicht hier, um mich zu beschweren, sondern wollte bloß …«
»Glasgow ist ein Cop«, sagte er. »Ich kenne den Namen.«
»Ich bin kein Cop. Sie meinen Adam Glasgow, der ein Stück weit gegenüber von Ihrem alten Haus wohnt. Er ist ein Cop. Er ist mein Bruder.«
»Hat er Sie hergeschickt?«
»Nein«, beharrte ich. Meine Beklommenheit schwand rasch, und ich wurde wütend. »Hören Sie, David, ich dachte einfach –«
»Schätze, Sie hören besser zu«, unterbrach er erneut, indem er einen Schritt auf mich zukam, woraufhin sich meine Eingeweide verkrampften. »Meine Schwester ist mit mir weggezogen, um zu vergessen, was in Westlake passierte. Wir brauchen mit Sicherheit niemanden, der plötzlich auf der Matte steht und uns daran erinnert, verstehen Sie?«
»Ich verstehe, dass Sie mich vollkommen falsch einschätzen.«
Er hielt mir einen ausgestreckten Zeigefinger vor, so dicht, dass ich quasi die Härchen auf seinem Handrücken zählen konnte. »Sie stehen jetzt in meinem Haus, mein Freund, und zwar ungebeten. Lassen Sie sich das beim nächsten Mal besser durch den Kopf gehen, bevor Sie hereinplatzen.« Er öffnete das Fliegengitter mit dem Fuß. »Es ist wohl an der Zeit zu gehen, meinen Sie nicht?«
Auf dem Weg zur Tür wollte ich Veronica einen Blick zuwerfen. Sie hatte die ganze Zeit über geschwiegen, also hoffte ich, ihren Gesichtsausdruck auf die eine oder andere Weise deuten zu können, um diese seltsame Auseinandersetzung zu begreifen. Leider war sie nicht mehr da, sondern aller Wahrscheinlichkeit in den Nebenraum gegangen, während ich mich darauf gefasst machte, dass ihr Bruder mich windelweich prügelte.
»Hören Sie«, sprach ich zu ihm, nachdem ich die Schwelle nach draußen überschritten hatte. »Es tut mir leid. Ich schwöre, ich dachte mir nichts weiter dabei.«
Abgesehen davon, dass er mir die Tür vor der Nase zuschlug, gab David Dentman keine Antwort.
Kapitel 17
Das Fieber brach aus, gnadenlos und mit Schüttelkrämpfen. Die folgenden Tage verbrachte ich im Zustand geistiger Umnachtung. Meine Träume – soweit ich mich an sie erinnere – waren wechselhaft und paranoid, wie der Film eines Regisseurs auf einem schlechten LSD-Trip.
In einem rannte ich einen dunklen, schmalen Gang entlang, Wände, Boden und Decke rückten immer enger zusammen, bis ich wie ein kleines Kind auf allen vieren kriechen musste. Irgendwann erreichte ich eine winzige Tür wie in Alice im Wunderland. Sie schien aus mehreren bunten Holzstäbchen zu bestehen, die wie Bambusrohre eines Floßes verflochten waren.
Ich stieß die Tür auf und zwängte mich hindurch. Wie ein lebendiges Wesen schien die Finsternis meinen Brustkorb zu umschlingen. Vor mir veränderte sie sich. Formen – ob handfest oder eingebildet – näherten sich und verschwanden wieder in der Ferne wie im provozierenden Spiel. Licht erhellte ein kleines Vestibül. Nicht weit entfernt schmiegten sich vier haarlose, blinde Kreaturen in ein Gewebe aus Ästen mit toten Blättern und durchnässtem Zeitungspapier. Sie hatten graue Haut ähnlich einer Wasserleiche und bewegten sich nur unmerklich.
Ich klemmte zwischen Wänden oder unterschiedlichen Wirklichkeiten, zu denen auch das Kinderzimmer im Keller gehörte. Hier herrscht Klarheit. Ich roch etwas widerlich Süßes und dachte an Kamillentee. Dann brauste und grollte es laut hinter mir. Die Wände begannen zu wackeln, und im selben Augenblick der Kopflosigkeit flutete Wasser den Gang, in dem ich feststeckte. Es war so kalt, dass es wehtat. Ich ertrank.
In einem anderen Traum zitterte ich vor Nässe. Ein Handtuch lag wie ein Umhang auf meinen Schultern, und Detective Wren fragte mich, was in jener Nacht am Fluss geschehen sei. Hinter ihm kroch langsam die Sonne am Horizont herauf, während weitere uniformierte Police Officers die Waldwege patrouillierten und das Gebiet mit gelbem Band absperrten. Ich hörte die Motoren ihrer Boote an der Anlegestelle und roch den Diesel, den ihre Auspuffrohre in die Bucht pusteten.
Plötzlich trug Detective Wren eine Riesenlast von Büchern auf den Armen. Er warf sie auf einen Tisch, der augenblicklich vor uns auftauchte, denn wir befanden uns in einem Verhörraum mit grün fluoreszierenden, summenden Lampen und farblosen Betonwänden.
»Sind das deine Bücher?«, fragte er. »Hast du sie geschrieben?«
Ich nickte.
»Wie bist du darauf gekommen?«
Ich antwortete, dass ich es nicht wüsste.
»Alles, was du darin beschrieben hast, ist gestern am Fluss passiert.« Der Detective war ein Riesenkerl mit öliger Haut und scharfem bis in die Seele dringenden Blick. »Alles, Junge, ist so passiert, wie es auf diesen Seiten steht.« Detective Wren fuhr fort, weshalb ich vermutete, alles sei von langer Hand geplant.
Ich schluchzte und beharrte darauf, es nicht absichtlich getan zu haben.
Wren schaute mich verächtlich an, ehe seine Gesichtsmuskeln erschlafften. Er verfärbte sich dunkelrot, die Augen traten hervor und richteten sich an den Seiten seines rasch schmaler werdenden Schädels aus. Die Arme zogen sich ins zerknitterte Hemd zurück, und die Hose schlackerte an seiner Taille, bis sie schlicht auf den Boden rutschte. Was dann vor mir lag, waren mitnichten Beine, sondern der gewundene Körper eines Aals. Entsetzt schaute ich zu, wie Detective Wren als enorm großer Fisch aus seinem Anzug schlüpfte und über den schlammigen Uferhügel kroch, ehe er in den dunklen Fluss platschte. Dann zeigte sich eine Rückenflosse ähnlich der eines Hais, und er schwamm im Zickzack durch die schwarzen Fluten davon.
Zuletzt stierte mich David Dentman an, der meinen Kopf mit einer Hand immer wieder seitlich gegen die Treppe im See schlug.
Ich erwachte völlig verschwitzt und mit rauem Hals. Jodie strich mir mit kühler Hand das Haar von der Stirn. Am Horizont glühte die untergehende Sonne, dass es durchs Schlafzimmerfenster aussah, als stünden die Baumwipfel in Flammen. Ich schaute zum Straßenrand, wo auf einmal Jodie mit Beth im Schnee schwatzte. Ich verkrampfte innerlich; die kalten Finger ließen von mir ab, ehe ich schreien konnte.
Träume …
Der nächste Traum führte mich an eine Burg aus Pappkartons und Bootsstege, die sich zu einer Leiter geradewegs in den Himmel türmten. Schließlich heiratete ich eine Frau, die mit einem Monster schwanger war. Ich hieß Alan und lebte mit ihr an einem anderen See irgendwo im Land. Ein imaginärer Sommer brannte auf meinem Rücken und den Schultern, was mir sehr real vorkam, obwohl ich wusste, dass ich es mir nur zusammenspann. Mein Shirt klebte am Oberkörper, die Haut verkohlte und zischte vor Hitze. Konfuse Fieberträume.