Ich dachte an Elijah Dentmans Tod im See hinter meinem Haus, der definitiv aufsehenerregender war, verkniff mir aber, Earl darauf hinzuweisen.
»Ich muss betonen, dass ich Ihnen nicht auf die Nerven fallen möchte«, fuhr er fort. »Falls Sie Zeit haben – und das Wetter hält –, würde ich mich gern zum Interview mit Ihnen treffen.«
Ich wollte zusagen, als ich einer Bewegung im Wohnzimmer gewahr wurde. Wissend, dass es mitten im Winter kein offenes Fenster im Haus gab … blähten sich die Gardinen wie bei Durchzug. Ich spürte einen Kloß im Hals und konnte mehrere Sekunden lang keinen Satz formulieren.
»Natürlich nur«, Earl kam mir zuvor, zweifellos weil er mein Schweigen als Missbilligung auffasste, »wenn es nicht allzu viele Umstände bereitet.«
»Ach was«, brachte ich schließlich hervor. Die Wörter kamen als Pieplaut hervor, aber ich glaubte nicht, dass Earl es bemerkt hatte. »Geht schon klar. Ich fühle mich geschmeichelt.«
»Was halten Sie von morgen?«
»Kommt mir gelegen.«
»Ich arbeite nicht von zu Hause aus, also müssen sie zu –«
»Kommen Sie einfach bei mir vorbei«, bot ich an, während ich die Gardinen im Auge behielt. Sie waren halb durchsichtig und das Tageslicht auf der anderen Seite zu einem melancholischen Nimbus abgestumpft. Hinter dem Stoff erkannte ich ohne Zweifel die Umrisse eines kleinen Kindes, eine ätherische Gestalt zwischen Scheibe und Gardine, die wie ein Totenschleier über ihm hing.
Er, dachte ich. Elijah Dentman.
»Wie klingt Mittag für Sie?« Earls Stimme klang, als töne sie vom Mond her.
»Prima.«
»Hey! Fantastisch! Dann sehen wir uns, Mr. Glasgow.«
»Bis dann«, murmelte ich und legte auf.
Meine Handinnenflächen waren schmierig vom Schweiß, und immer noch hatte ich diesen widerlichen Geschmack im Mund. Langsam legte ich den Weg von der Küche ins Wohnzimmer zurück. Mit jedem Schritt nahm das Kind, das ich für Elijah Dentman oder seine wie auch immer gearteten Überreste auf dieser Welt hielt, die Gestalt der Stechpalmen vor dem Haus an. Diese schlugen im Wind gegen die Fenster, deren Vorhänge ich, als ich davorstand, nicht mehr aufziehen musste, um genau zu wissen, dass ich die Zweige für den Geist eines verstorbenen Kindes gehalten hatte. Das Kratzen der gezackten Blätter am Glas klang wie Zähneknirschen.
Ich bückte mich, um die Hand über den Heizungsschlitz am Boden unter den Gardinen zu halten, unterbrach damit den Ausstoß kalter Luft von unten, und der Stoff kam zur Ruhe. Einen Augenblick lang hielt ich den Atem an, dann raschelte es empfindlich laut hinter mir. Als ich mich umdrehte, sah ich, dass sich die Seiten meines Notizblocks wellten und flatterten, ohne umzuschlagen, jedoch sah es so aus, als ob nicht viel dazu fehlte.
Ich sprach Elijahs Namen aus und wartete.
Keine Antwort.
Ich spürte einen Umschwung in mir und ich probierte es ein zweites Mal. Lauter diesmal. Ich war verwirrt und hielt mich vorübergehend wieder für einen Jungen von dreizehn oder vierzehn, der mitten in der Nacht konfus im Haus seiner Eltern in Eastport aufwachte. Aber nein, ich befand mich hier in meinem eigenen Heim und war erwachsen. Geister gab es nicht, genauso wenig tote Jungen beziehungsweise einen toten Bruder.
Fünf Minuten später, nachdem ich ein Paar Arbeitsstiefel und einen Mantel angezogen hatte, schnappte ich mir eine ungeöffnete Flasche Pinot Noir und trottete hinaus in den Schnee. Der Wind wehte beißend kalt, und es schneite, während ich den Hügel erklomm, der zum Haus der Steins führte. Hinter den Bäumen konnte ich Schwaden pechschwarzen Rauches erkennen, die aus dem Steinkamin aufstiegen, der sich wie ein dünnes Gehölz im Nordwind neigte. Auf der Veranda klopfte ich mit vom Frost steifer Faust gegen die Tür aus massiver Eiche. Ich bildete mir ein, eine beschwingte Bigband-Musik aus dem Haus zu hören.
Hinter dem Fenster links teilten sich die Falten eines Seidenvorhangs und fielen gleich wieder zurück. Kurz darauf öffnete Ira Stein die Tür. »Mr. Glasgow«, grüßte er, zweifellos überrascht, mich auf der Veranda zu sehen. Er trug eine leichte Hose mit Bügelfalten und ein Sweatshirt mit Reißverschluss, das hellbraun wie Sägemehl war. Sein Lächeln wirkte ein wenig belämmert, nicht zuletzt wegen der auffallend dicken Brillengläser. »Kein sonderlich angenehmes Wetter für einen Spaziergang, nicht wahr?«
»Als wir einander auf der Weihnachtsparty meines Bruders begegneten, benahm ich mich ein wenig ungeschickt. Ich wollte Ihnen das hier vorbeibringen.« Ich reichte ihm den Wein.
»Oh, vielen Dank. Hoffentlich habe ich an dem Abend nicht irgendetwas aufgewirbelt.«
Oh doch, Freundchen, du hast ja keine Ahnung, hätte ich gern gesagt. Fast ließ ich mich zu einem manischen Lachen hinreißen. »Überhaupt nicht. Gut, ich wusste zwar nicht, was mit dem Jungen der Dentmans passiert ist, aber Adam erklärte es mir. Ist schon okay. Es ist nichts weiter passiert.«
»Bitte, kommen Sie rein.« Ira trat zur Seite und hielt mir die Tür auf.
Ich stampfte mit den Füßen auf, schüttelte den Schnee ab und ging hinein. Ira schloss die Tür hinter mir.
Die Einrichtung erinnerte an ein Museum. An den Wänden hingen riesige Lithografien von Gebäuden aus dem alten Rom und mediterranen Grotten, zur See fahrenden Schiffen und zahllosen Szenen aus Landschaften in Europa, die kostspielig in ihren Messingrahmen wirkten. Die ganzen Möbel sahen ausnahmslos neu oder unberührt aus, wie auf Fotos in einem Katalog. Der Orientteppich war dick wie eine Matratze, resistent gegen Abdrücke von Schuhen, wenn man darüber lief. Ich schaute von der hübsch ummauerten Feuerstelle hin zu Bücherregalen hinter Glas, auf denen zahlreiche in Leder gebundene Bücher standen. Ihre Rücken reihten sich makellos aneinander. Es roch nach Mahagoni, gespitzten Bleistiften und erinnerte an den Geruch alter Zigarren wie im Versammlungssaal einer traditionsreichen Bruderschaft.
So sieht es nur bei Leuten aus, die keine Kinder haben, sagte mir eine Stimme aus dem Hinterkopf, die sehr deutlich nach Jodie klang.
»Wow«, sagte ich. »Schön haben Sie es hier.«
Ein weißer Malteser, der vor dem Kamin auf einem Polsterhocker aus Satin saß, hob den Kopf und musterte mich mit triefenden schwarzen Augen. Im Hintergrund kratzte und ächzte ein alter Victor-Victrola-Plattenspieler, als eine Orchesternummer endete und eine andere anfing.
Ira begab sich an einen prachtvoll gefertigten Getränkeschrank, neben dem gläserne Schiebetüren auf die Terrasse hinterm Haus führten. Nachdem er den Pinot geöffnet hatte, füllte er zwei Gläser mit der blutroten Flüssigkeit. Eines überreichte er mir, dann bot er mir einen Platz auf dem mit Knöpfen aus Messing bestückten Fauteuil. Er ließ sich mir gegenüber in einem ähnlichen Sessel vor dem Feuer nieder.
Der Malteser beäugte mich nach wie vor. Wie ein flauschig weißer Pascha sah er aus, während er die Augenbrauen mehrmals hochzog und wieder entspannte.
Nancys Stimme hallte durch den Flur. Sie rief den Namen ihres Gatten.
»Wir sind hier.«
Sie erschien in der Tür, noch genauso fragil, wie ich sie von der Weihnachtsparty her in Erinnerung hatte. Über der braunen Cordhose trug sie einen Pullover, der dem ihres Mannes aufs Haar glich. Der Malteser fing zu winseln an, woraufhin sie ihm husch zuraunte, und er solle ein braver kleiner Fauntleroy sein, husch jetzt, husch.
»Du erinnerst dich bestimmt noch an Mr. Glasgow von nebenan, Liebes?«
Nancy nickte mir distanziert und ohne Lächeln zu. Ich bemerkte Audubon-Kunstdrucke hinter ihr an der Wand. »Mr. Glasgow.«
»Bitte«, sagte ich, »nennen Sie mich Travis.«
»Ich lernte Ihre Frau auf der Weihnachtsparty kennen. Eine reizende Frau.«
»Ja, ist sie, und ich halte sie gehörig auf Trab.« Natürlich war das ein Witz, doch Nancy schien keinen Sinn für Humor zu besitzen.