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»Demnach sind die Kinder ausgezogen, als sie alt genug waren«, fasste ich zusammen, um die beiden weiter gesprächig zu halten.

»Na ja«, schränkte Nancy mit einer Hand an ihrer Kehle ein. »Der Sohn kam nach einer Weile wieder zurück. Weißt du noch, Ira? Er blieb im Haus und half seinem Vater, wie ich glaube, mit der Erziehung des Mädchens.«

»Und danach?«, hakte ich gleich nach.

»Verschwanden sie«, übernahm Ira. Zum dritten Mal stand er auf, um sein Glas aufzufüllen, obwohl es nicht einmal leer war. Hinter mir schnalzte Nancy abschätzig. »Ich hatte die Kinder ganz vergessen, aber letztes Jahr, als der alte Mann krank wurde, kreuzten sie wieder auf.«

»Im Januar«, berichtigte Nancy. »Also ist es schon zwei Jahre her.«

Ira winkte ab, ohne sie anzuschauen. Dann trat er mit frischem Wein im Glas und dem Rest in der Flasche vor den Kamin. Nachdem er mir eingeschenkt hatte, stellte er die fast leere Flasche auf einen antiken Beistelltisch zwischen den beiden Sitzgelegenheiten.

»Sie waren kaum wiederzuerkennen«, sprach er weiter. »Das Mädchen hatte mittlerweile natürlich ihren eigenen Sohn im Schlepptau.«

»Elijah Dentman«, hörte ich mich selbst wie im Gebet murmeln. Verlegen stellte ich mein Glas auf den Tisch, bevor ich es mit der Hand zerbrach.

Der Malteser hob seinen struppigen Kopf vom Teppich und jaulte.

»Ei-ei-ei«, turtelte Nancy im lächerlichen Bariton, dass man meinte, sie sei aus dem Irrenhaus ausgebrochen. »Ei, mein Kleiner!«

Ira, der zweifellos an solche Ausbrüche gewöhnt war, schien es kaum zu bemerken. »Als der alte Mann starb, erwartete ich, dass die beiden Verbliebenen auch bald wieder verschwanden. Haus verkaufen, Geld machen. Sie blieben. Vermutlich wären sie noch immer hier, wäre das Kind nicht …«

»Sei lieb«, unterbrach Nancy, wobei ich unsicher war, ob sie ihren Mann oder den Hund meinte.

»Irgendetwas stimmte mit dem Jungen nicht«, behauptete Ira. »Sie schickten ihn nicht zur Schule, sondern ließen eine Frau kommen, die ihm zu Hause Unterricht erteilte, doch das währte nicht sonderlich lange.«

»Althea Coulter«, gab Nancy an. »Sie wohnte drüben in Frostburg. Ich erinnere mich an sie. Wir wechselten das eine oder andere Wort, wenn wir uns draußen über den Weg liefen.«

»Haben Sie sich auch über die Dentmans unterhalten?«

Ira runzelte die Stirn und übernahm für seine Frau. »Was hätte Althea schon berichten können?«

»Weiß ich nicht. Wenn die Familie wirklich so seltsam war, wie viele hier glauben, konnte sie bestimmt einiges vom Alltag im Haus erzählen. Ein paar eigentümliche Anekdoten, vielleicht?«

»Nun ja«, sagte Ira. »Ich hätte sie nie danach gefragt, und Nancy gewiss auch nicht.«

»Sie war eine anständige Frau«, meinte Nancy. Sie hob die heiße Tasse an. Ihre Worte klangen, als sei Althea Coulter schon tot.

»Das wäre unprofessionell gewesen«, fuhr Ira fort, als hätte seine Gattin nichts gesagt. Er rückte dichter zu mir, jetzt fiel mir die feuchte Trübe seiner Augen hinter den Brillengläsern besonders deutlich auf. »An jenem Tag hätte jemand am See auf ihn achtgeben müssen.«

Die Unterhaltung führte uns zu den Umständen von Elijahs Tod. Ich verspürte ein gewisses Hochgefühl – ein Empfinden, für das ich mich später verachten sollte, sobald ich Zeit fand, das Gespräch im Geiste zu rekapitulieren.

»Was genau geschah an dem Tag?«, wollte ich wissen. Mit dieser Frage kam es mir vor, als feure ich eine Leuchtrakete in den Nachthimmel.

»Niemand passte auf den Jungen auf«, erwiderte Ira schlicht.

»Er spielte dort draußen auf dieser verfluchten Treppe, schlug sich den Schädel an, als er abrutschte, und ertrank.«

»Haben Sie beide etwas gehört oder gesehen?« Da ich die Zeitungen durchstöbert hatte, wusste ich die Antwort natürlich bereits. Dennoch ich hielt es für den logischsten Anschluss, zumal ich ihren Redefluss auf diese Weise förderte.

»Nancy hörte ihn schreien.«

»Ich hörte jemanden schreien«, korrigierte sie.

Ich fragte sie, was sie damit meinte.

»Es war später Nachmittag. Es war etwas kühler, also hatten wir die Fenster geöffnet. Ich war gerade mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt, als ich dieses schrille … ich weiß nicht … ein hochtönendes Heulen hörte.«

»Um wieviel Uhr war das in etwa?«

»Rund um fünf Uhr dreißig. Wenn ich zu spät zu Abend esse, bekomme ich eine Magenverstimmung.«

»Aber Sie sind nicht sicher, ob es der Junge war.«

»Ehrlich gesagt dachte ich mir in dem Moment nichts dabei. Sie werden bald selbst feststellen, dass die Geräuschkulisse am See im Sommer ziemlich außergewöhnlich ist – ob Vogelzwitschern, andere Tiere oder spielende Kinder. Selbst den Verkehrslärm vom anderen Ende der Stadt bekommt man in kühlen Sommernächten über das Wasser hinweg mit, und Gott stehe uns bei, wenn die Seetaucher zurückkehren um sich zu rächen. Das Besondere an dem Gewässer besteht darin, dass sich Geräusche darauf verändern, außer Proportion geraten und verfremdet klingen, sodass man nur noch rätseln kann, was sich dahinter verbirgt. Man nimmt sie von links wahr, obwohl ihr Ursprung in Wirklichkeit eine Viertelmeile in der entgegengesetzten Richtung hinter den Kiefern liegt.«

»Wann wussten sie mit Bestimmtheit, dass es Elijah war?«

»Wahrscheinlich sobald die Polizei hier war und fragte, ob ich etwas Ungewöhnliches bemerkt hätte«, erwiderte Nancy. »Ich dachte lange und gründlich nach, ehe ich aussagte, dass ich jemanden schreien gehört hatte oder zumindest glaubte, es getan zu haben. Aber ich beharrte nicht darauf, dass es sich um den Kleinen handelte«, fügte sie rasch an, und dieses Verhalten verriet mir, dass sich die unglückliche Frau manche Nacht in Ungewissheit zermürbt hatte. »Das möchte ich ausdrücklich betonen.«

»Verstehe«, sagte ich. »Haben Sie beide Elijah nachmittags noch gesehen?«

»Ich sah ihn«, sagte Nancy, als bekenne sie sich eines grausamen Verbrechens. Sie sah elend aus.

Ihre Haut war so bleich geworden, dass ich dachte, sie würde, wenn ich sie mit einer Nadel stach, nicht bluten. »Ich ging etwas früher mit Fauntleroy am See Gassi, wo ich Elijah sah. Er stand auf dem Holzgerüst und sprang ins Wasser, wie von einem Sprungbrett. Ich weiß noch, dass ich den Kopf schüttelte, weil ich es für so gefährlich hielt.«

»Der Rest dieses Steges liegt unter Wasser«, unterbrach Ira. »Taucht man zu tief, stößt man dagegen.« Sein Gesichtsausdruck unterstrich, dass sich seine Befürchtungen, was die Risiken der halb versunkenen Treppe anging, allzu bitterlich bewahrheitet hatten. »Im Sommer müssen wir die Kinder aus der Nachbarschaft ständig von dort vertreiben.«

»Haben Sie auch etwas an diesem Tag mitbekommen, Ira?«

»Da es ein Werktag war, hielt ich am College Nachmittagsunterricht.«

»Um wie viel Uhr war das?«

»Der Unterricht endete gegen fünfzehn nach sechs. Für gewöhnlich ging ich danach ins Büro, um meine Sachen zusammenzupacken, bevor ich aufbrach.« Er dachte kurz nach und fuhr fort: »Wahrscheinlich kam ich um etwa sieben nach Hause zurück.«

Nachdem ich das verinnerlicht hatte, wandte ich mich wieder Nancy zu. »War er allein, als sie ihn auf dem See sahen?«

»Ja.« Sie sprach jetzt leiser, als stünde sie kurz davor, ein übles Gerücht in die Welt zu setzen. »Keines der anderen Kinder wollte mit ihm spielen.«

»Weshalb?«

Zum ersten Mal seit Beginn unserer Konversation schwiegen die Steins geschlossen. Nancy starrte in ihre Tasse, die nicht mehr dampfte. Ich rechnete vorübergehend damit, dass sie sich gleich wieder in die Küche flüchtete.

Schlussendlich sagte Ira. »Nur zu. Erzähl ihm von dem Hund.«

»Chamberlain war nicht bloß ein Hund«, wies ihn Nancy scharf zurecht. Sie klang aufrichtig verletzt.