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»Wir hatten einmal zwei dieser Püppchen«, erklärte Ira, indem er mit einem Pantoffel auf Fauntleroy zeigte. (Der Hund musste wohl die Geringschätzung bemerkt haben, da er unterschwellig knurrte.) »Chamberlain bekam vor etwa zwei Jahren Krebs und starb im vergangenen Frühling.«

»Die Behandlung schlug nicht an«, bedauerte Nancy.

»Der Doc empfahl uns Tabletten, die wir, als die Zeit gekommen war, unter sein Futter mengten. Er schlief sanft ein.«

»Und schmerzlos«, ergänzte sie.

»Am Morgen darauf fand ich ihn tot dort drüben.« Ira zeigte auf einen rechteckigen Lichtfleck am Fußboden vor der Terrassentür. »Gut möglich, dass er in der Sonne sterben wollte.«

Nancy schniefte. Ich brachte es nicht zustande, sie anzusehen.

»Ich nahm ihn mit in den Wald und begrub ihn auf halbem Weg den Hang hinunter, kurz bevor der Boden zu felsig wird. Gut eine Stunde dauerte es; man unterschätzt die Größe eines Hundes, wenn man ihn unter die Erde bringen muss. Als ich müde und verschwitzt aufschaute, sah ich den kleinen Dentman zwischen den Bäumen. Er beobachtete mich aus einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten. Ich dachte mir nichts dabei, bis ich ein paar Tage später wieder dort vorbeikam. Ich wollte zum Angeln an den See gehen und fand das Loch aufgegraben vor, und der Kadaver des Hundes fehlte.«

»Gott, sei ihm gnädig«, flüsterte Nancy. Sie ließ sich sogar dazu hinreißen, sich zu bekreuzigen.

Die Schallplatte gegenüber im Zimmer war zu Ende, man hörte nur noch die Nadel in der Endrille schleifen.

»Moment«, lenkte ich ein. »Wollen Sie damit andeuten, Elijah Dentman habe Ihren toten Hund ausgegraben und sich mit ihm davongemacht?«

»Ich behaupte nur,«, wiederholte Ira gereizt, »dass er der einzige Mensch gewesen ist, der wusste, wo ich den Hund bestattet habe. Wenige Tage später war das Grab offen, und von Chamberlain fehlte jede Spur. Jetzt dürfen Sie zwei und zwei zusammenzählen.«

»Aber … wieso?« Andere Worte fand ich nicht. Diese neue Einzelheit hatte mich kalt erwischt, auch nach den toten Vögeln, die mir im Vormonat in dem Geheimversteck zugefallen waren.

»Wer weiß?«, sagte Ira. »Erklären Sie es mir.«

»Das ist ein morbides Gespräch«, bemerkte Nancy im Umdrehen. Sie eilte in die Küche, wobei ich glaubte, sie schluchzen zu hören, sobald sie außer Sicht war.

»Was hat all dies überhaupt mit der Geschichte von Westlake zu tun?« Offenbar hatte Ira zu wenig Wein getrunken, um den seltsamen Verlauf unseres Gesprächs nicht zu hinterfragen.

Wie um mir keine Blöße zu geben, widmete ich mich wieder dem Fotoalbum und sah einige Seiten durch. »Wir haben uns wohl ein bisschen verrannt – sind vom Thema abgeschweift, nicht wahr?«

Ira stand auf, um eine andere Platte aufzulegen.

Ich blätterte weiter, ohne wirklich auf die Motive zu achten. Es bereitete mir Schwierigkeiten, alles zu verdauen, was mir gerade unterbreitet worden war. Stimmte es tatsächlich? Hatte Elijah den toten Hund der Steins ausgebuddelt, und falls ja – zu welchem Zweck?

Mit welchen Motiven darfst du bei einem verstörten kleinen Jungen rechnen?, fragte die Stimme des Therapeuten in mir. Erneut fielen mir die Küken ein, die ich in einer Mischung aus Wut und Verwirrung nach Kyles Tod zerquetscht hatte. Die Welt konnte ein gemeiner, verletzender Ort sein.

Ira wählte Billie Holiday und schwankte eine Weile betrunken zur Musik vor dem Plattenspieler.

Beim Umblättern hielt ich inne. Ich hatte nicht bewusst hingesehen, sondern nur zufällig den passenden Augenblick eingefangen. Es war das richtige Foto. Das eigentlich undenkbare Foto. Ich fing so heftig zu schwitzen an, dass ich befürchtete, Flecke auf dem Ohrensessel zu hinterlassen.

»Was ist das?«, brachte ich heraus, wobei ich sehr deutlich wahrnahm, wie die Wörter geradezu an meinem Gaumen klebenblieben.

Ira kam zu mir und schaute über meine Schulter. »Das ist die Treppe, bevor der heftige Sturm sie aus der Erde riss und mitten in den See schleuderte. Sie war ein alter Anglersteg – hatte ich davon nichts erzählt? Zum größten Teil liegt er ja unter Wasser. Für Kinder zu gefährlich, um ihn zum Springen zu benutzen.«

Mein Herz schlug so heftig, dass ich auf Iras Frage wartete, was denn hier so hämmerte. Eine einzelne Schweißperle tropfte von meiner Stirn auf das Foto, so laut, dass ich hätte schwören können es gehört zu haben: Platsch!

Auf dem Foto sah man einen Doppelsteg, eine Replik, wie jene aus meiner Kindheit. Derjenigen, die mir zwanzig Jahre zuvor an dem Mord meines Bruders behilflich war.

Kapitel 19

Im Sommer meines dreizehnten Lebensjahres war ich besonders aufständisch. Viel davon lag vor allem an meiner inneren Unruhe, die bereits im Schuljahr davor begonnen hatte, als mir der Unterricht sterbenslangweilig wurde, weshalb ich meine Gedanken immer weiter schweifen ließ. Ich kritzelte obszöne, pornografisch ähnliche Motive an die Seitenränder meiner Schulbücher und ersann groteske Märchen über Zombies und Werwölfe statt ordentlicher Aufsätze. Dafür, dass ich einem Vertretungslehrer ein paar Klugscheißer-Antworten gegeben hatte, musste ich eine Woche nachsitzen, und einmal flutete ich, nachdem mich Freunde dazu angestiftet hatten, die Jungentoilette, indem ich die Urinale mit Klopapier verstopfte und die Spülungen mit Industriegummibändern fixierte.

Es war mein letztes Jahr, bevor ich wie Adam zur High School gehen sollte. Dass ich so rebellisch war, rührte in erster Linie von dem Wunsch her, mir den Respekt meines Bruders und seiner Freunde zu erarbeiten.

Jener Sommer brachte eine zuvor unerlaubte Freiheit mit sich, denn ich durfte länger ausgehen und endlich ohne Erwachsenenbegleitung mit dem Rad über die Zugbrücke in die Innenstadt von Eastport fahren. Diese neuen Freiheiten brachten mir den Luxus, Adam bei seinen Streifzügen um die Häuser seiner Freunde zu begleiten, wenngleich er manchmal ungehalten war und mir sagte, ich solle abhauen. Meistens sagte er allerdings nichts.

Wir spielten oft Baseball im Quiet Waters Park und fischten im öligen Wasser am Segelhafen gelegentlich nach Krabben, mit Hühnerköpfen als Köder. Dort schwammen wir auch, obwohl wir es einfacher im Fluss hinter unserem Haus hätten tun können, wo Mutter uns dann für gewöhnlich zum Abendessen hineinrief, und die untergehende Sonne fuchsienfarbige Streifen am Horizont zog. Bisweilen ließ sich Kyle auf der Terrasse hinterm Haus blicken und schaute uns über das Dach des Schuppens hinweg zu.

In jenem Sommer wurde er zehn und durfte mit uns zum Fluss kommen, solange Adam versprach, auf ihn achtzugeben. Kyle konnte schwimmen – als Kinder aus einer kleinen Doppelhaushälfte in Eastport hatten wir alle es bereits früh gelernt –, doch die Strömung erwies sich manchmal als tückisch, ohne dass man es schnell genug merkte. Obwohl wir niemanden kannten, dem es bisher passiert war, rankten sich zahllose Legenden aus der Gegend um achtlose Jungen und Mädchen, welche die Flut mitgerissen und hinaus in die Bucht gespült hatte.

(Gil Gorman, ein bulliger Schlägertyp mit roten Haaren, der bei Miss McKenzie in Sozialkunde hockte, brüstete sich mit einem Cousin, der den Wellen zum Opfer gefallen und in den Chesapeake getrieben worden sei. Monate später erst habe sich der Leichnam des armen Jungen weithin von Fischen abgenagt wieder gezeigt, und zwar – Gil hob diesen Teil immer besonders hervor – am anderen Ufer des Atlantiks vor England. Natürlich hielt ich schon als Junge die Story im Großen und Ganzen für Bullshit, doch manchmal, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, kam mir Gils vom Schicksal gestrafter Cousin wieder in den Sinn. Ich stellte ihn mir auf hoher See vor, wie sein Kopf gleich einem Korken im tiefschwarzen Wasser des Meeres auf- und abtauchte, zu dem sternenübersäten Himmel um Hilfe brüllend, weil ihm ein übergroßes, ungesehenes Meeresungetüm die Zehen einzeln abknabberte.)