So ging es mehr oder weniger den ganzen Sommer lang weiter, bis Adam die Windpocken bekam. Er hatte sie ziemlich stark und lag deshalb zwei Wochen lang im Bett, wirkte erschöpft und unglücklich.
Seine Haut hob sich – abgesehen von den roten Pusteln – praktisch nicht von den weißen Laken ab, auf denen er ruhte.
Kyle und ich hatten die Krankheit bereits, als wir noch sehr klein gewesen waren. Adam war damals gesund geblieben, obwohl Mutter ihn absichtlich zu uns zwei Rothäuten mit Juckreiz gesteckt hatte. Es stand also außer Frage, dass wir uns erneut ansteckten. Ich weiß noch, wie Kyle und ich gegen Mittag Käsetoast am Fuß von Adams Bett aßen und dabei gemeinsam mit ihm fernsahen, nachdem Vater das tragbare TV auf die Kommode gestellt hatte. Dieser Eindruck, so alltäglich und ereignislos er war, ist einer der lebendigsten, die ich auch als Erwachsener noch in mir trage.
Natürlich schlugen wir uns nachts nicht mehr hinunter zum See an den überdachten Pier. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, und ich war süchtig geworden nach der Aufregung beim blinden Sprung von den Brettern ins Nichts, einem Nachtflug wie dem einer Fledermaus, unterbrochen einzig vom markerschütternden Eintritt durch die schwarze Wasseroberfläche ins salzig schmeckende, eisig kalte Nass. Ich fürchtete, er wäre bis zum Winter krank, wenn es zu kalt war, um die nächtlichen Spritztouren wieder aufzunehmen.
So wurde ich eines Nachts, als ich sicher war, dass unsere Eltern schliefen, wach und strampelte die leichte Decke von mir.
Ich hörte die Federn von Kyles Bett knarren, als er sich umdrehte und den Kopf auf eine Hand stützte. Er sah schweigend zu, wie ich mich im Dunkeln anzog. »Gehst du allein?«
»Ja. Sei still.«
»Mom und Dad haben gesagt, wir sollen nicht allein schwimmen.«
»Mom und Dad wollen auch nicht, dass wir mitten in der Nacht aus dem Haus schleichen – und?«
Kyle verstummte; er schien sich unschlüssig zu sein, ob ich ihm eine legitime Frage gestellt hatte und eine Antwort erwartete oder ihn aufzog.
Ich setzte mich auf den Boden und zog meine Turnschuhe über die nackten Füße. Ich hatte mich nach etlichen Malen daran gewöhnt, das Haus heimlich mit Adam zu verlassen, und mir kaum Gedanken darüber gemacht. Vermutlich war ich davon ausgegangen, dass Adam als älterer von uns beiden den Großteil von Vaters Zorn zu spüren bekam, gewissermaßen mein Puffer, falls wir je aufflogen. Diesmal jedoch nahm ich es allein und ohne Sicherheitspolster in Angriff. Zögerlich hinterfragte ich meine Bruderliebe: Würde ich versuchen, wenn Dad mich erwischte, meine Strafe zu mildern, indem ich Adam in den Rücken fiel und preisgab, dass er dieser Gepflogenheit schon seit Sommeranfang nachging und ich sie nur weiterführte?
»Lass mich mitkommen«, forderte Kyle aus seinem Bett. Mondlicht sickerte durch die halb geschlossenen Vorhänge herein, sodass sein blondes Haar gespenstisch weiß schimmerte.
»Nein.«
»Ich wäre ein guter Aufpasser.«
»Den brauche ich nicht.«
»Und wenn der Mann mit dem Gewehr wiederkommt?«
Ich band mir gerade die Schuhe und hielt inne. »Woher weißt du davon?« Wir hatten weder Kyle noch sonst jemandem gegenüber erwähnt, dass der alte Sack einen Warnschuss in die Luft abgegeben hatte.
»Adam hat es Jimmy Dutch im Hof erzählt, kurz bevor er krank wurde.«
»Hast du Mom und Dad was davon erzählt?« Ich wusste, dass dem nicht so war, denn andernfalls hätten wir es bereits zu spüren bekommen. Trotzdem konnte ich mir die Frage nicht verkneifen.
»Nein.«
»Und am besten bleibt es auch so.«
»Sicher, aber lass mich bitte mitkommen. Ich bin ganz leise und mache keinen Ärger.«
(Diesen Augenblick durchlebe ich jedes Mal wieder, wenn ich die Augen schließe und an die Geschehnisse jenes Sommers zurückdenke. Es gibt kein Entrinnen davor und kein Leugnen.)
»Okay«, sagte ich nach einer Weile. »Aber du musst still bleiben und alles tun, was ich dir sage. Verstanden?«
»Klar.« Er stellte sich aufrecht ins Bett; selbst im Dunkeln sah ich, dass er bis über beide Ohren grinste.
»Los, mach dich fertig.«
Zu sagen, in jener Nacht seien zwei Brüder gestorben, ist nicht vermessen, und ich werde es tun. Ich will es aussprechen als Zeuge. Als lebender Toter.
… und die beiden Brüder schleichen sich mucksmäuschenstill aus dem Haus, als träten sie auf den Holzfußboden eines Pfarrhauses. Sie gelangen mit nichts als Freizeitschuhen und Badehose am Leib in den Wald; nur ein Handtuch haben sie sich um den Hals gehängt. Die finsteren Umrisse der Bäume scheinen sie von allen Seiten zu bedrängen. Sie sind davon überzeugt, dass die Pflanzen wie lebendige Wesen um sie wandeln, doch sobald sie sich umdrehen und rundherum ins Gehölz starren, erstarrten sie wie eine Statue – Pflanzen eben. Sie bewegen sich forsch im Angesicht des Mondes über den Waldweg, bis sie endlich das Ufer erreichen. Es ist Sommer, es ist großartig; nichts erscheint ihnen in diesem Moment wichtiger.
Weiter vorne Richtung Bucht wird der Fluss breiter. Die zwei sind seiner Unermesslichkeit intuitiv gewahr. Der ältere, dreizehnjährige Junge läuft schnell hinunter zum Flussrand, wo sich der Steg wie eine Doppelhelix ausstreckt.
»Sind die Geschichten wahr?«, will der Jüngere wissen.
»Welche meinst du?«
»Die Sachen, die Dad erzählt.«
Der andere hat dunkle Locken und den Wuchs einer Echse oder eines Vogels mit langen Gliedern. »Natürlich sind sie es, Dummkopf«, behauptet er, um seinen Bruder zu verängstigen. »Weshalb sollte Dad uns belügen?«
»Weiß nicht.«
»Sie stimmen, und zwar alle von ihnen.«
»Selbst die vom Wendigo?«
»Besonders die. Vielleicht lauert er gerade irgendwo in der Nähe und beobachtet uns.«
»Nein«, quengelt der Kleine. »Hör auf damit.«
»Womit?« Der Ältere kichert.
»Du willst mir bloß Angst einjagen.«
»Passiert das auch, wenn es an der Zeit zum Springen ist?«
»Springen wohin?«
Der Dreizehnjährige zeigt auf die imposante Konstruktion, die wie ein Dinosaurierskelett aussieht. »Von dort, dem Pier aus ins Wasser.«
Der Jüngere wirkt mit einem Mal verstört. Alle Märchen, die ihnen ihr Vater erzählt hat, stellen für ihn die Wirklichkeit dar, kindliche Protagonisten und Monster, die in den Wäldern leben. Obwohl die Nacht sehr mild ist, zittert der Kleine. Die blasse Brust überzieht eine Gänsehaut, und seine mahlenden Zähne verursachen Geräusche gleich einer angriffslustigen Klapperschlange. Er leuchtet weiß – viel zu weiß, beinahe durchsichtig. Sein Bruder vergleicht ihn mit einem Gespenst.
»Klettere die Treppe nach oben«, befiehlt er ihm. »Dann tief einatmen, loslaufen und abspringen.«
»Abspringen«, wiederholt der Junge jeweils halb als Frage und Aussage, was an der Unsicherheit in seinem Tonfall liegt.
»Du fürchtest dich doch nicht etwa?«
Er schüttelt den Kopf.
»Dann hoch jetzt, und ab ins Wasser. Ich halte dein Handtuch fest.
»Zuerst?«
»Zuerst was?«
»Du willst, dass ich zuerst springe?«
»Es sei denn, du hast zu viel Angst; es sei denn, du bist ein Hosenscheißer.«
»Sag das nicht«, bittet der kleine Bruder. Seine Stimme ist zu schwach und brüchig, als dass es respekteinflößend klingt. »Sag nicht dieses Wort.«