Ich holte tief Luft, um mich ein letztes Mal im Spiegel zu mustern. Dabei dachte ich wieder an Jodies »Ich war du«, und in meinem Kreuz zwickte es, als stiebe ein rasch verglimmender Funke dagegen.
Ich war du.
Zimmer 218 befand sich am Ende des hintersten Flurs. Die Tür war geschlossen. Während ich mich mit der Topfpflanze in beiden Händen näherte, rechnete ich die ganze Zeit über damit, jemand tippe mir auf die Schulter und frage, wer ich sei beziehungsweise was ich hier suche. Aber nichts dergleichen passierte.
Ich stellte mir Althea Coulter vor und was ich projizierte, war eine gebrechliche, ältere Frau mit dunklen und vom grauen Star trüben Augen, die ihre Lippen vor Verbitterung permanent anspannte. Ihre Hände ähnelten Krallen – gefährlich hakenförmig wie die eines Raubvogels – und ihr dicker Kopf war unbeweglich. Der Raum würde nach schlechtem Atem, Medikamenten und einem vagen Hauch von Urin riechen. Sie schlief bestimmt. Und mir war es unmöglich sie zu wecken und ihr auch nur eine Frage zu stellen, aber selbst wenn sie wach wäre, schwebte sie gewiss längst weitab in einer Traumwelt und ihre Antworten, falls sie überhaupt welche hervorbrachte, würden verworren bis unsinnig oder schlicht aus der Luft gegriffen sein. Ja, meine geistige Althea Coulter war eine uralte, mumifizierte Gliederpuppe mit Haut von der Farbe versengten Stoffes sowie einem Wollknäuel als Gehirn.
Was zur Hölle mache ich hier?
Vor der Tür haderte ich: anklopfen oder einfach eintreten? Ich hatte einen Kloß im Hals, der in meiner Speiseröhre stecken zu bleiben schien, als ich schluckte.
Ich stehe auf einem schmalen Grat zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Ich öffnete und trat ein.
Die Frau im Bett mochte an die sechzig sein, obwohl sie aufgrund ihrer hohlen Wangen, spinnwebenfeiner Haare und runzliger Haut genauso gut eine vor Jahrhunderten einbalsamierte Leiche hätte sein können, die aus einem Schaukasten gerollt war.
Ich trat so leise es mir möglich war ein und achtete darauf, dass das Türschloss nicht laut einrastete. Der Raum war finster und muffig. Die Luft darin heiß und schwer von verschiedenen Gerüchen. Sie unterschieden sich steril voneinander: Ammoniakgestank, mit einer Note ätzenden Urins; das sieche Odeur von Althea Coulters welkem, reglosem Körper unter papierdünnen Krankenhauslaken. Und da war noch etwas – wenngleich nur andeutungsweise und nicht wirklich ein Geruch – ich wusste es ohne Zweifel, es war der Gestank des bevorstehenden Todes.
Sie war wach, ihr fragiler Körper lehnte gegen einen Kissenberg. Als ich mich in die Mitte des Zimmers bewegte, drehte sie den Kopf abwesend zu mir, nur kurz und kaum geistesgegenwärtig, ehe sie sich erneut dem einzelnen Fenster neben ihrem Bett widmete, dessen Jalousien ihr jeglichen Ausblick verwehrten.
»Miss Coulter?«, fragte ich. Meine Stimme hallte im leeren Raum wider.
Sie antwortete nicht. In der Stille hörte ich deutlich, wie sie rasselnd Luft holte. Ihr Körper funktionierte auf Sparflamme, würde bald für immer abschalten.
Ich versuchte es erneut: »Wie geht es Ihnen?«
»Kein Hunger.« Praktisch krähte sie, eine angestrengte, müde Stimme, die nach ungestimmten Gitarrensaiten klang.
»Oh« entgegnete ich, »ich bin kein Pfleger.«
Wie eine Holzpuppe drehte sich ihr Kopf langsam auf ihrem dünnen Hals, bis ich der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit war, und diesmal wirklich. Selbst für eine Farbige wirkte sie aschfahl eingedenk der aufgesprungenen Lippen. Bilder erschienen vor meinem geistigen Auge, wie die Schwestern versuchten, dieser menschlichen Vogelscheuche Blut abzunehmen und nichts außer einer Staubwolke aufstob, sobald sie das sterbende Fleisch mit der Nadel durchstachen.
Sie musste nicht sprechen; die Frage stand in ihren Augen.
»Mein Name ist Travis Glasgow. Meine Frau und ich sind erst letzten Monat nach Westlake gezogen. Wir wohnen im ehemaligen Haus von Familie Dentman.« Ich wusste nicht, wie ich fortfahren sollte, und die Kranke starrte unbewegt. Ich hielt mich am Strohhalm fest. »Ich soll Ihnen beste Wünsche von den Steins überbringen. Übrigens gaben sie mir das hier für Sie mit.« Ich hielt ihr die Pflanze vor, obwohl ich wusste, dass sie körperlich nicht in der Lage dazu war, sie entgegenzunehmen.
Etwas in ihrem Gesicht beschied mir, dass sie sich nicht mehr an die Steins erinnerte. Mich überkam ein starkes Gefühl von Niedergeschlagenheit. Mein Vorhaben, so schien es, erwies sich als Reinfall auf allen Ebenen.
Althea schnitt eine Grimasse, indem sie die Lippen schürzte, um ihren Sprechapparat in Gang zu setzen. Als es ihr gelang, knarrte die Stimme wie ein zugehender Sargdeckel. »Stellen Sie sie dorthin, Sohn, damit ich die Blüten riechen kann.«
Ich ging um das Bett und platzierte den Topf auf einem niedrigen Nachtschrank aus kühlem Industriestahl. Darauf stand sonst nur das Foto eines freundlich dreinschauenden Jungen mit dunkelblauer Mütze und farblich passenden Kleidern. Ich fragte mich, ob er der Sohn war, den Earl am Telefon erwähnt hatte.
»Wie, sagten Sie, war Ihr Name?«
»Travis Glasgow. Ich hoffe, ich störe Sie nicht, Ma‘am.«
Sie glättete mit steifen Händen die Decke vor sich. In einem ihrer spindeldürren Arme steckte eine Infusionsnadel. »Sehe ich aus, als hätte ich viel zu tun?«
Ich schenkte ihr ein schiefes Grinsen. »Nein, Ma‘am.«
Ihre Unterlippe zitterte, als sie die Stirn in Falten legte. »Sie sagten, Sie leben nun wo?«
»Im früheren Haus der Dentmans in Westlake. Dem mit dem See dahinter.«
»Das Haus der Dentmans«, wiederholte sie. Im Hinblick auf ihre Verfassung war es unmöglich, ihren Tonfall zu deuten.
»Sie gaben dem Sohn der Familie Unterricht, nicht wahr? Elijah Dentman?«
Die Krankheit hatte Altheas Auffassungsgabe scheinbar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn sie bemerkte, wie unwohl mir bei dieser Frage war, sann eine Weile schweigend nach und wartete, ob noch etwas nachkam. Ich lauschte ihrem Röcheln und hielt sie nicht zur Eile an. Schließlich fragte sie: »Sind Sie ein Freund der Dentmans?«
»Eigentlich nicht, Ma‘am. Ich hörte ehrlich gesagt erst von ihnen, als wir in ihr Haus zogen.«
»Also warum sind Sie hier? Ich freue mich über Gesellschaft, Gott weiß, aber ich verstehe es nicht. Den ganzen Weg, nur um mir diese Pflanze zu bringen?«
Das machte aus meinem Lächeln ein nervöses Lächeln. Und das wiederum brachte Althea zum Lächeln. Ihre vergilbten Zähne sahen nach Plastik aus – wie von einem Skelett beziehungsweise einer Leiche.
Meine fahrigen Hände verrieten mich, als ich einen Faden von meinem Parka zupfte. Schlagartig wurde ich dessen gewahr, also begann ich, den Reißverschluss aufzuziehen, wobei ich mich aber unterbrach. »Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns ein wenig unterhalten?«
»Besuch bekomme ich ansonsten nur von Michael«, antwortete sie betrübt, »und der schenkt mir kein Grünzeug, also dürfen Sie gern bleiben – es sei denn, Sie werden meiner überdrüssig.«
Ich zog den Parka aus und hängte ihn über die Lehne eines Klappstuhls aus Metall neben dem Nachtschrank. Dann nahm ich darauf Platz und betrachtete erneut das gerahmte Bild des hübschen Kerls mit Mütze in feinem Zwirn. »Ist das Michael?«
»Mein Sohn, ja.« Diesmal schwangen eindeutig Gefühle mit. »Zudem mein einziges Kind und ein guter Junge, oh ja. Sicher, er ringt wie jedermann mit seinen Dämonen, aber ich lasse nichts über ihn kommen.«
»Er sieht gut aus, sportlich.«
»Das Bild entstand, als er seinen Abschluss am College machte. Sehen Sie? Vorher hat niemand aus meiner Familie das geschafft. Er bekam sogar ein Stipendium, stellen Sie sich vor.«