»Kommt weiter, weiter hinein und weiter hinauf!« rief er über seine Schulter zurück. Aber wer konnte Schritt mit ihm halten? Langsam folgten sie ihm nach Westen.
»Nacht fällt auf Narnia«, sagte Peter. »Luzie, du weinst doch nicht etwa? Mit Aslan vor uns und mit uns allen hinterdrein?«
»Willst du mich daran hindern, Peter?« fragte Luzie. »Ist es unrecht, um Narnia zu trauern? Denk doch nur an all diese toten und erfrorenen Dinge hinter der Tür.«
»Ja, und ich hatte gehofft«, sagte Jutta, »daß es mit Narnia für immer so weiterginge. Ich glaubte, Narnia bliebe ewig bestehen.«
»Ich habe seinen Anfang gesehen«, sagte Lord Digor. »Mußte ich weiterleben, um Narnia sterben zu sehen?«
»Ihr Herren«, sagte Tirian, »die Damen haben recht zu weinen. Ich tue es auch. Ich habe meine Mutter sterben sehen. Welche Welt außer Narnia habe ich denn gekannt? Es wäre herzlos, wenn wir nicht klagten.«
Sie entfernten sich immer weiter von der Tür und von den Zwergen, die noch zusammengepfercht in ihrem eingebildeten Stall saßen. Während sie so gingen, sprachen sie von Krieg und Frieden, von uralten Königen und allen Ruhmestaten in Narnia.
Die Hunde waren noch bei ihnen. Sie stimmten nur wenig in die Unterhaltung mit ein, weil sie vor- und zurückliefen, um im Gras herumzuschnüffeln, bis sie niesen mußten. Plötzlich griffen sie eine Spur auf, die sie sehr beschäftigte.
»Ja, es ist … nein, es ist nicht … das habe ich ja gerade gesagt … jeder kann riechen, was das ist … nimm doch deine große Nase aus dem Weg und laß auch andere daran riechen!« So ging es in einem fort.
»Was ist denn, ihr Vettern?« fragte Peter.
»Ein Kalormene, Majestät«, meldeten mehrere Hunde zugleich.
»Dann führt uns zu ihm«, befahl Peter. »Ob in Frieden oder im Krieg, er soll uns willkommen sein.«
Die Hunde stürzten vorwärts und kamen einen Augenblick später zurück, sie rannten, als hinge ihr Leben davon ab, und sie bellten laut, um zu melden, daß es wirklich ein Kalormene war. (Sprechende Hunde benehmen sich nämlich genauso wie die gewöhnlichen Hunde. Sie meinen, daß alles, was auch immer sie tun, gerade in diesem Augenblick ungeheuer wichtig ist.)
Die andern folgten, wohin die Hunde sie führten, und fanden einen jungen Kalormenen unter einem Kastanienbaum sitzen, neben einem klaren Bach. Es war Emeth. Er stand sofort auf und verbeugte sich.
»Mein Herr«, wandte er sich an Peter, »ich weiß nicht, ob Ihr mein Freund oder Feind seid. Aber ich rechne es mir zur Ehre an, wenn Ihr mir das eine oder das andere sein könntet. Hat nicht einmal ein Dichter gesagt, daß ein edler Freund die beste Gabe und ein edler Feind die nächstbeste sei?«
»Mein Herr«, erwiderte Peter, »warum sollte denn Feindschaft zwischen uns sein?«
»Sag uns, wer du bist, und ob wir dir helfen können«, bat Jutta.
»Wenn das eine lange Geschichte wird, wollen wir alle trinken und uns dann hinsetzen«, bellten die Hunde. »Wir sind ganz außer Atem.«
»Kein Wunder, wenn ihr so herumrennt«, sagte Eugen.
So setzten sich die Menschen ins Gras, und als alle Hunde laut aus dem Bach geschlabbert hatten, setzten auch sie sich nieder, kerzengerade und nach Luft schnappend. Die Zungen hingen ihnen seitlich aus dem Maul, und sie hörten sich die Geschichte mit an. Kleinod aber blieb stehen und rieb sein Horn an der Flanke.
15. Weiter hinein und weiter hinauf!
»Wisset, o kriegerische Könige«, sagte der Kalormene, »und Ihr, werte Damen, deren Schönheit das Weltall schmückt, daß ich Emeth bin, der siebente Sohn von Harpa Tarkhan aus der Stadt Tehischban, westlich hinter der Wüste. Ich kam spät nach Narnia mit neunundzwanzig andern, unter der Führung von Rischda Tarkhan, ich hörte, daß wir nach Narnia marschieren sollten, und freute mich. Über Euer Land hatte ich viel gehört und wünschte mir, Euch in der Schlacht zu begegnen. Aber als ich begriff, daß wir als Kaufleute verkleidet gehen mußten, (was für eine schmachvolle Verkleidung für einen Krieger und den Sohn eines Tarkhans) und mit Lügen und Betrügereien arbeiten sollten, da verlor ich alle Lust. Wir mußten sogar auf einen Affen warten, der es wagte zu sagen, Tasch und Aslan seien eins. Da wurde die Welt in meinen Augen dunkel. Denn immer, schon als Knabe, diente ich Tasch. Mein großer Wunsch war, mehr von ihm zu wissen und wenn möglich sein Angesicht zu schauen. Aber der Name Aslan war mir verhaßt.
Wir Ihr gesehen habt, wurden wir außerhalb des strohgedeckten Stalles zusammengerufen, Nacht für Nacht. Das Feuer wurde entzündet, und der Affe brachte aus dem Stall etwas auf vier Beinen heraus, aber das konnte ich nicht genau sehen. Menschen und Tiere verneigten sich und taten ihm Ehre an. Ich dachte mir, der Affe betrügt doch den Tarkhan, denn das Ding aus dem Stall ist weder Tasch noch irgendein anderer Gott. Als ich aber des Tarkhans Gesicht beobachtete und mir jedes Wort merkte, das er zu dem Affen sagte, da änderte ich meine Meinung. Ich sah, daß der Tarkhan selbst nicht daran glaubte. Da verstand ich, daß er überhaupt nicht an Tasch glaubte. Hätte er an ihn geglaubt, wie konnte er ihn dann verspotten?
Als ich alles begriff, packte mich die helle Wut, und ich wunderte mich, daß der echte Tasch nicht beide, den Affen und den Tarkhan, mit Feuer vom Himmel niederstreckte. Ich verbarg meinen Zorn, hütete meine Zunge und wartete gespannt, wie es enden würde. Aber in der letzten Nacht, wie Ihr wohl wißt, brachte der Affe kein gelbes Ding heraus. Nun sprach er von Taschlan, denn so mischten sie die beiden Worte Tasch und Aslan, um vorzutäuschen, daß beide eins seien. Er sagte, ›alle, die Taschlan sehen wollen, müssen einer nach dem andern in den Stall gehen‹. Das war doch, wie mir schien, eine neue Betrügerei.
Dann ging der Kater hinein und kam, von Entsetzen gepackt, wieder heraus. Da meinte ich, sicher ist nun der echte Tasch, den sie ohne wahren Glauben anriefen, zu uns gekommen und will sich rächen. Mein Herz zitterte vor der Größe und der Gewalt des Tasch, aber mein Verlangen war doch größer als meine Furcht. Ich bezwang meine Knie, daß sie aufhörten zu zittern, und meine Zähne, daß sie nicht mehr klapperten. Ich wollte Tasch ins Angesicht sehen, obwohl er mich töten konnte. So erbot ich mich, in den Stall zu gehen; und der Tarkhan, obgleich unwillig, erlaubte es mir.
Kaum war ich zur Tür herein, da kam auch schon das erste Wunder. Ich befand mich im hellen Sonnenlicht (wie wir alle jetzt). Dabei hatte doch die Innenseite des Stalles von draußen dunkel ausgesehen. Aber ich hatte keine Zeit, mich darüber zu wundern. Ich mußte sofort gegen einen unserer eigenen Männer um meinen Kopf kämpfen. Sobald ich den Mann sah, verstand ich, daß der Affe und der Tarkhan ihn dorthin gestellt hatten. Er sollte jeden erschlagen, der hereinkam, wenn er nicht in ihr Geheimnis eingeweiht war. Auch dieser Mann war ein Lügner und Spötter und kein treuer Diener des Tasch. Ich erschlug den Schurken und warf ihn hinter mir zur Tür hinaus.
Dann blickte ich um mich und sah den Himmel und die weiten Länder und atmete ihren Wohlgeruch. Ich sagte mir: ›Bei den Göttern, welch schöne Gegend! Bin ich vielleicht in das Land des Tasch gekommen?‹ So zog ich in dem fremden Land umher, um ihn zu suchen.
Ich ging über Gras und Blumen und zwischen allen möglichen Arten von heilsamen und wunderlichen Bäumen, bis ich zu einem schmalen Platz zwischen zwei Felsen kam. Da begegnete mir ein gewaltiger Löwe, schnell wie ein Strauß und groß wie ein Elefant. Seine Mähne glich reinem Gold, und die Helle seiner Augen war wie flüssiges Gold im Schmelzofen. Er war schrecklicher als der flammende Berg von Lagur, und an Schönheit übertraf er alles in der Welt, so wie die Rose in der Blüte den Staub der Wüste übertrifft.
Da fiel ich vor ihm nieder und dachte, das ist meine Todesstunde, denn der Löwe (aller Ehren wert) wird schon wissen, daß ich immer Tasch gedient habe und nicht ihm. Aber ist es nicht besser, den Löwen zu sehen und dann zu sterben, als der Tisrok der Welt zu sein und zu leben, ohne ihn zu sehen?
Der Ruhmreiche beugte sein goldenes Haupt und berührte meine Stirn mit seiner Zunge und sagte, ›Sohn, sei mir willkommen!‹