»Komm zurück«, hörte ich Titus’ Stimme. »Laß ihn gehen. Der Schlüssel steht ihm zu.«
»Tötet den Spion!«
Vor lauter umherschwirrender Fliegen konnte ich kaum etwas sehen. Ich wischte sie mir wütend aus den Augen, suchte wieder nach dem Holzstück.
Plötzlich schrie Plenius laut auf und hieb mit dem Schwert auf die Wasseroberfläche ein. Mit der linken Hand hielt er sich das Gesicht. Ich vermutete, er war in der Nähe seines gesunden Auges gestochen worden. Möglicherweise konnte er nun gar nichts mehr sehen. Die Schwertschläge hatten das Wasser aufgewühlt und das Holzstück weitertreiben lassen. Vermutlich hatte Plenius die Schnur zerschneiden wollen. Es war natürlich auch möglich, daß er mich lediglich von dem Schlüssel hatte fernhalten wollen.
»Vorsicht!« rief da einer der näherkommenden Soldaten und streckte deutend den Arm aus.
»Ein Hai!«
Neben mir, so nahe, daß ich sie hätte berühren können, schnitt eine Rückenflosse durch das Wasser.
Die Dämmerung war hereingebrochen.
Einige der Soldaten beeilten sich, aus dem Wasser zu kommen.
Das Holzstück und die daran befestigte Schnur lagen plötzlich auf dem Rücken des Hais, dann rutschten sie auf der anderen Seite wieder herunter. Ich griff nach der Schnur. Ein Schwerthieb hatte das Holz getroffen, es aber nicht in zwei Hälften teilen können. Der Schlüssel baumelte noch immer an der Schnur. Ich stieß den Hai mit einem Fußtritt in eine andere Richtung und hängte mir den Schlüssel um.
»Da kommt noch einer!«
Ein von der Sandbank geschleuderter Speer tauchte ins Wasser ein.
Ich warf mich ins Wasser und schwamm auf das Schilf zu. Dabei berührte ich einen Hai. Ein solches Geschöpf ist unverwechselbar. Seine Haut ist sehr rauh, was für ein im Wasser lebendes Wesen überraschend ist. Sie fühlt sich an wie Schmirgelpapier. Sie kann einem schlimme Schürfungen zufügen. Die Rencebauern benutzen sie dazu, um Holz zu glätten. Ich stieß den Hai beiseite. Er schwamm weiter; der Schlag des sichelförmigen Schwanzes wühlte das Wasser auf. Der Mensch ist nicht die natürliche Beute des Hais. Aus diesem Grund wird er auch zuerst in Augenschein genommen, der Hai stößt ihn an und reibt sich an ihm, bevor er genug Mut oder Selbstvertrauen zum Angriff hat. Sobald er allerdings einmal Menschenfleisch gekostet hat, wird er viel aggressiver als üblich. Blut im Wasser steigert diese Aggression noch zusätzlich. Genau wie unregelmäßige Bewegungen im Wasser, die ihn vermutlich an einen verletzten Fisch erinnern. Sicher hatten Plenius’ Schwertschläge aufs Wasser den Hai angelockt. Wobei ich davon überzeugt bin, daß der Krieger sich nicht bewußt gewesen war, welche Folgen diese Handlung haben würde.
Aus der Deckung des Rence blickte ich zur Sandbank. Die Männer hatten sich wieder aufs Trockene zurückgezogen. Sie ließen die Blicke über den Sumpf schweifen, direkt in meine Richtung, allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, daß sie mich in dem schwindenden Licht und durch die Fliegenschwärme hindurch sehen konnten.
»Verfolgt ihn! Ich kann nichts mehr sehen!« Das konnte nur Plenius sein. Falls ihn die Fliegen nicht direkt ins Auge gestochen hatten, würde er sich wieder erholen. Aber er würde zweifellos ein paar sehr unangenehme Tage vor sich haben, soviel war sicher. »Verfolgt ihn!« Aber anscheinend verspürte keiner große Lust, mir ins Wasser zu folgen.
»Die Haie werden ihn erwischen.«
»Holt die Boote!« schrie Plenius.
Niemand rührte sich.
»Die Fliegen!« brüllte jemand schmerzerfüllt. »Geht in Deckung!«
Zuletzt stand Plenius ganz allein am Wasserrand; er hatte das Schwert in die Scheide zurückgeschoben und hob die Fäuste, um dem Sumpf zu drohen.
Ich wog das Risiko ab, jetzt zurückzukehren und ihn zu töten, solange er dort allein stand. Es schien nicht besonders groß zu sein. Aber dann trat ein Mann auf ihn zu, vermutlich Titus, und nahm ihn beim Arm. Er ließ sich widerstrebend zu den anderen führen.
Im Licht der Monde, das immer wieder von den am Himmel vorbeischwebenden lebenden Wolken verdunkelt wurde, schloß ich die verrosteten Handschellen auf und schleuderte sie zusammen mit dem Schlüssel weit in den Sumpf hinaus.
Ich versuchte, meinen Haß auf die Soldaten zu beherrschen.
Was hätte ich davon, wenn ich die Sandbank betreten, mir ein Schwert greifen und wahllos töten würde?
Davon abgesehen gab es unter ihnen nur einen, dessen Blut ich wirklich wollte.
Nein, sagte ich mir. Überlaß sie dem Sumpf.
Ich verließ das Rence und schwamm langsam und bedächtig um die Sandinsel herum. Auf der gegen überliegenden Seite kroch ich an Land und bediente mich bei den Bündeln von Ausrüstungsgegenständen. Ich lud alles in eines der heruntergekommenen Renceboote, dessen Boden bereits halb verfault war, löste das Tau, mit dem es festgebunden war, und paddelte zu der Stelle im Rence zurück, wo ich das Floß versteckt hatte; dabei hockte ich bis zu den Knien im Wasser.
Wenige Ehn später lag ich, gestärkt von Fleisch und Fladenbrot, in eine Tunika aus Ar gekleidet und mit Dolch und Schwert bewaffnet auf dem Floß. Trotz der Hitze hatte ich eine der gestohlenen Decken über mich gezogen. Das verschaffte mir einen gewissen Schutz vor den Fliegen. Davon abgesehen würde sie nützlich sein, wenn der Schüttelfrost einsetzte, eine vorhersehbare Auswirkung des Giftes der Stechfliegen.
Eine Ahn später schwitzte ich unter der Decke und mir war übel. Erst da wurde mir richtig bewußt, wieviel Stiche ich davongetragen haben mußte. Sicher, von den Hunderten von Fliegen, die sich auf mir niedergelassen hatten, hatten mich vermutlich nicht mehr als zwanzig oder dreißig gestochen. Ich hatte große Schmerzen, und mir war schlecht, aber trotzdem war ich in bester Stimmung. Tatsächlich verspürte ich ein Hochgefühl.
Die Reise aus dem Delta hinaus, würde gefährlich sein, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie übermäßig schwierig sein würde, nicht für einen Mann, der allein reiste, einen Mann, dem das Handwerk des Sumpfläufers vertraut war. Auch wenn ich mich vor den Rencebauern in acht nehmen mußte, fürchtete ich sie nicht sonderlich. Ihre tatsächliche Zahl ist nicht allzu groß, und davon abgesehen würden sie in der Nähe des Heeres bleiben, oder dessen, was davon noch übrig war. Die Wahrscheinlichkeit, bei den Tausenden von Quadratpasang, die das Vosk-Delta maß, auf sie zu stoßen, war eher gering, vor allem wenn man sich bemühte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Außerdem muß man wissen, daß die meisten Bauerndörfer Warnzeichen aufstellen. Vor langer Zeit hatte ich einmal ein solches Zeichen mißachtet. Ich hatte nicht die Absicht, diesen Fehler zu wiederholen.
Da waren die Tarnspäher und cosischen Patrouillen schon gefährlicher.
Einige Zeit später, während ich am ganzen Körper schwitzte und zugleich zitterte, zog ich die Decke zurück, um mir die Monde anzusehen. Sie schwebten nun klar am Himmel. Die zweite Fliegenwelle war vorbei. Ich hatte es nicht eilig, die relative Sicherheit des Schilfs zu verlassen. Ich hatte Vorräte und konnte, falls das mein Wunsch war, auch von dem leben, was der Sumpf bot. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich sogar für unbegrenzte Zeit im Sumpf leben können.
Ich beschloß, mindestens zwei oder drei Tage hierzubleiben. Ich konnte eine Pause gebrauchen. Das Schleppen des Floßes, die Schläge und die allgemeine Behandlung hatten mir schwer zugesetzt. Außerdem dürfte die Fliegenplage dann vorbei sei. Bis dahin würde es mir auch wieder bessergehen, die Schmerzen würden verschwunden sein, genau wie die Schwellungen. Eine der größten Gefahren auf feindlichem Territorium ist die Ungeduld. Man muß dort sehr geduldig sein. Mehr als nur ein Mann ist nur wenige Meter vor der Freiheit wieder in Gefangenschaft geraten, weil er unvorsichtig, hastig und unüberlegt handelte. Ein Krieger muß begreifen, daß die letzten paar hundert Meter, das letzte, einladende Pasang, den gefährlichsten Schritt einer gefährlichen Reise darstellen können.