Выбрать главу

Ich schaute zu den Monden hoch.

Zum erstenmal seit Wochen konnte ich mich strecken und bewegen, wie ich wollte. Zum erstenmal seit Wochen war ich nicht mit gefesselten Händen an zwei Pflöcken angebunden.

Ich hatte gegessen. Ich trug Kleidung. Ich war bewaffnet.

Die Monde waren wunderschön.

In ein paar Tagen würde ich nach Norden aufbrechen. Ich hatte Freunde in Port Cos. Oder ich würde mich direkt nach Port Kar begeben.

Plötzlich mußte ich mich in den Sumpf übergeben.

Ich zitterte am ganzen Körper, hätte am liebsten die Schmerzen hinausgebrüllt, aber ich schwieg. Ich hätte mich am liebsten am ganzen Körper gekratzt, aber ich blieb reglos liegen.

Ich war zufrieden.

Die Monde waren wunderschön anzusehen.

12

Noch niemals zuvor war ich einem von ihnen so nahe gewesen. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so groß wurden.

Seit fünf Tagen war ich die Handschellen los. Seit drei Tagen reiste ich nach Norden.

Plötzlich öffnete die Bestie die Schwingen. Ihre Spanne muß fast neun irdische Meter betragen haben.

Ich hatte das Floß ein paar Meter hinter mir auf einer Sandbank zurückgelassen. Das Renceboot, das ich den Soldaten von Ar abgenommen hatte, war verfault und trügerisch. Es war versunken, noch bevor ich das Rencefeld, in dem ich Zuflucht gesucht hatte, verließ. Das Paddel hatte ich behalten, aber das Floß war so schwer, daß es nur von geringem Nutzen war. Allerdings hatte ich eine weggeworfene Bootsstange gefunden, die sich als ausgesprochen nützlich erwies. Man hatte sie mit Goldlack verziert, der aber an den meisten Stellen abgeblättert war. Davon abgesehen tat sie ihre Dienste.

Ich hatte die Bestie über dem Rence schweben sehen, kurz bevor sie zur Landung ansetzte und abtauchte. Neugierig geworden, hatte ich das Floß auf die Stelle zugesteuert.

In diesem Augenblick hatte ich den Schrei der Frau gehört; er war langgezogen, voller Angst und mitleiderregend gewesen.

Ich war nicht darauf zugeeilt, da mir Vorsicht angebracht erschienen war. Nicht daß ich die Echtheit der Angst der Frau in Zweifel gezogen hätte. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß ein Ködermädchen so überzeugend Angst hätte vortäuschen können. Aber ein solcher Schrei würde einem Mädchen nicht schwerfallen, das von jagenden Rencebauern wie ein Verr an einen Pfahl gefesselt wurde, um gefährliche Beutetiere wie beispielsweise Tharlarions anzulocken. Natürlich benutzen sie dazu nicht ihre eigenen Frauen, sondern für gewöhnlich Sklavinnen.

Wenn ich es mir recht überlegte, hatte nicht nur reines Entsetzen in dem Schrei gelegen, sondern auch eine besondere Art flehender Hilflosigkeit. Er hatte in mir das Gefühl hervorgerufen, daß die Frau nicht die Aufmerksamkeit von Jägern erwecken, sie verzweifelt auf die Anwesenheit ihrer Beute aufmerksam machen wollte, sondern daß sich überhaupt keine Jäger in der Nähe befanden. Er erweckte den Eindruck, daß sie allein war.

Ich hatte mich umgesehen. Nichts deutete darauf hin, daß sich hier Menschen aufgehalten hatten, zumindest nicht innerhalb der letzten paar Ahn. Der Sumpfkäfer krabbelt nachts über den Sand, und seine winzigen Spuren sind unverkennbar. Mehrere Fußabdrücke wurden von den Pfaden der Sumpfkäfer gekreuzt. Also waren sie vor der letzten Nacht entstanden. Das Bröckeln ihrer Ränder war ein weiteres Zeichen gewesen, daß mehrere Ahn verstrichen waren, daß sie möglicherweise schon am gestrigen Morgen entstanden waren, wenn nicht sogar am Tag davor.

Wieder war der klägliche Schrei ertönt. Beim Näherkommen hatte ich dann den kleinen Kopf der Kreatur – klein im Vergleich zum Rest des Körpers – erblickt, der in langen, schmalen, mit Reißzähnen bestückten Kiefern endete. Aus dem Hinterkopf ragte ein langer Fortsatz aus Knochen und Haut, der das Gewicht der Schnauze ausbalancierte und – zog man die allgemeine Scherfälligkeit des Körpers in Betracht – für zusätzliche Stabilität vor allem beim Gleitflug sorgte.

Ich war aus dem Rence gesprungen.

Und der Ul, ein geflügeltes Tharlarion, hatte sich umgedreht und plötzlich die Schwingen mit dieser gewaltigen Spanne gespreizt. Dann hatte er sie wieder an den Körper gefaltet.

Ich war ziemlich beeindruckt. Noch niemals war ich einem Ul so nahe gewesen.

Es stieß einen zischenden, grunzenden Laut aus. Sein langer, schlangenähnlicher Schwanz endete in einem flachen, spatenförmigen Knochenblatt. Der Schwanz schlug zu, und das spatenförmige Ende ließ Sand in die Höhe spritzen.

Ein stabiler, etwa fünfzehn Zentimeter durchmessender und ungefähr zwei Meter hoher Pfahl war in den Sand eingegraben worden. Am unteren Ende, etwa einen halben Meter über dem Boden, hatte man einen abgerundeten, einen Meter langen Balken horizontal durch eine in den Pfahl geschlagene Öffnung geschoben. Anderthalb irdische Meter höher gab es einen weiteren, auf die gleiche Weise durchgeschobenen und befestigten Balken, der allerdings etwas länger als der untere war; ihr Durchmesser betrug etwa sechs Zentimeter. Wären sie für einen Mann bestimmt gewesen, wären sie dicker ausgefallen, außerdem wäre der Pfahl länger gewesen.

In diesem Fall reichten die Kreuzbalken allerdings aus.

Sie war blond.

Ihre Füße waren an die unteren Kreuzbalken gefesselt. Ihre Arme hatte man über den oberen Balken gelegt und mit Lederriemen festgebunden, die Hände waren vor den Körper gefesselt.

Sie warf wild den Kopf zurück – ihr Haar fiel in Höhe des Nackens über das Pfahlende – und stieß einen Schrei aus.

Das erregte die Aufmerksamkeit des Uls. Es war wenige Meter vor dem Pfahl gelandet. Sie hatte mich noch nicht gesehen. Sie kämpfte mit aller Kraft gegen die Fesseln an.

Wir waren nicht allein auf der Sandbank. Nur wenige Meter entfernt hockte ein langhalsiges Tharlarion. Aber noch viel gefährlicher waren die beiden kurzbeinigen Tharlarion, die in der Nähe des Pfahls über den Sand schlichen.

Das Mädchen zerrte wieder an den Stricken, ohne jeden Erfolg.

Ja, dachte ich, sie ist hübsch.

Man hatte sie den Tharlarion überlassen. Der Haß der Rencebauern mußte so groß gewesen sein, daß sie sie trotz ihres angenehmen Äußeren weder verkauft noch selbst als Sklavin behalten hatten.

Ich fragte mich, ob sie damit nicht sogar richtig gehandelt hatten.

Natürlich war das, was man ihr angetan hatte, schlichtweg ein Unding. Immerhin war sie eine freie Frau. Wäre sie eine Sklavin gewesen, hätte ihr Herr schon aus einer Laune heraus so mit ihr verfahren dürfen. Einmal davon abgesehen, daß sich mit einer Sklavin Erfreulicheres anstellen ließ.

Sie schrie wieder auf und wand sich an dem Pfahl.

Ja, dachte ich, viel Erfreulicheres.

Ich malte mir aus, wie sie wohl mit einem Sklavenkragen aussah. Aber dann rief ich mir ins Gedächtnis, daß sie noch immer eine freie Frau war, was sie auf eine gewisse Art und Weise zu etwas Besonderem machte. Auf eine lästige Art und Weise.

Das Ul mit der langen Schnauze wandte sich dem Tharlarion mit dem langen Hals zu und fauchte drohend. Die Echse schob sich langsam auf ihren paddelförmigen Pfoten zurück in den Sumpf. Dann drehte sie sich um und zog sich halb untergetaucht zurück.

»Verschwinde! Verschwinde!« brüllte das Mädchen das Ul an.

Solche Ausbrüche sind natürlich verständlich. Andererseits erscheinen sie – falls sie nicht bewußt erfolgen in der Absicht, Lärm zu schlagen – nach gebührlicher Überlegung als ziemlich befremdlich. So ist zum Beispiel eher unwahrscheinlich, daß ein solches Tier Goreanisch versteht. Davon abgesehen, begriff sie denn nicht, daß man sie den Tharlarion zum Fraß vorgeworfen hatte, und, nach der aufrechten Position an dem Pfahl zu schließen, auch den Uls? War ihr denn nicht klar, daß sie, wenn die Tiere sie nicht anfielen, sie in kürzester Zeit verhungern und verdursten würde? Sollte sie den Rachen des Uls nicht lieber willkommen heißen?